Mittwoch, 4. August 2021

Angststörung - Das tägliche Leben mit der Angst

Ich lebe zusammen mit meinen Katzen, Schnotti und Glimmer, in einer kleinen Wohnung in Bremen. Man könnte auch sagen, dass wir in einer Krankenwohnung leben. Bei uns ist wahrscheinlich alles vertreten, jedes Körperteil hat seinen großen Auftritt: Wir haben Kopf, Nerven, Nase, Hals, Schulter, Herz, Lunge, Magen-Darm, Rücken, Haut und Knöchel. Schnottis Stoffwechsel ist der einzige, der funktioniert – dafür schwächelt sie beim Immunsystem. Manches kommt doppelt vor, so wie Magen-Darm zum Beispiel. Kopf haben aber irgendwie alle.

Potentielle Besucher kann ich bereits vorab beruhigen: Nichts von alledem ist ansteckend. Und wenn doch, dann wissen wir bisher selbst nichts davon. Untereinander hingegen spiegeln wir uns gegenseitig: Wenn Glimmer Probleme mit dem Darm hat, dann wird mir auch gleich ganz übel. Wenn Schnottis Nase verstopft ist und sie „Ich bin dein Vater“-mäßig durch die Gegend läuft, dann greife ich automatisch zu meinem Nasenspray. Wenn Glimmer nicht frisst, dann frisst Schnotti zumindest weniger und wenn Schnotti ihre fünf Minuten hat, dann... na ja, dann hat sie halt ihre fünf Minuten.

Während ich über unseren Krankenstand in vielen Situationen durchaus witzeln kann, dann gibt es auch die anderen Momente. Solche, in denen ich vor lauter Panik keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. In denen ich schreien und mich zitternd in der dunkelsten Ecke verkriechen möchte, bis der Schrecken wieder vorüber ist. Denn ich habe Angst. Jeden Tag, mal mehr und mal weniger, habe ich Angst.


Die Generalisierte Angststörung – das tägliche Leben mit der Angst


Jeder Mensch hat manchmal Angst. Angst vor der anstehenden Prüfung, Angst vor einem Tier, Angst vor einer unbekannten Situation. Sie setzt uns in Alarmbereitschaft, um eventuell schnell reagieren zu können. Und sie schützt uns vor gefährlichen Situationen, lässt uns vorsichtig sein und abwägen. Angst zu haben ist uns also weder fremd noch ist sie per se ungesund. Erst, wenn sich eine Angststörung entwickelt, beginnt sie zu einem Problem zu werden, welches das tägliche Leben massiv beeinflussen kann.

Die tägliche Angst, die ich habe, liegt einer sogenannten Generalisierten Angststörung (GAS) zugrunde. Bei der Generalisierten Angststörung leiden Betroffene unter unterschiedlichen, teils diffusen Ängsten und Befürchtungen. Häufig beziehen sich die Ängste auf alltägliche Probleme und Ereignisse. Diese Sorgen sind dabei wesentlich stärker ausgeprägt und schwerer kontrollierbar als bei Menschen ohne Angststörung. Das kann folglich zu enormen Alltagsbeeinträchtigungen führen und sich stark auf die Lebensqualität auswirken. Insbesondere, wenn sich zu dieser Angst eine Depression gesellt, können Betroffene leicht das Gefühl bekommen, das Leben sei nicht mehr lebenswert.

Um an seiner Angststörung arbeiten zu können, wäre es grundsätzlich schon mal nicht verkehrt, diese auch als solche zu erkennen. Klingt einfach, doch ich wurde über die Jahre eines Besseren belehrt: Eine ganze Zeit lang habe ich meine Ängste, zumindest in dieser meinen Alltag beeinflussenden Intensität, überhaupt nicht bemerkt. Erst, als ich letztes Jahr meine Ausbildung beendete und infolge dessen Unterstützung vom ambulanten psychiatrischen Pflegedienst bekam, fragte mich mein Bezugspfleger als er mich besser kennengelernt hatte: „Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass die meisten unserer Themen im Grunde um Angst und Besorgtheit handeln?“ Nein, war mir so deutlich nicht aufgefallen.

Danach haben wir rekapituliert. Es war und ist wirklich erstaunlich, wie viele belastete Themen mit Angst zu tun hatten, ohne dass ich selbst so bewusst dahintergekommen bin. Lange schon rede ich über dieses zuschnürende Gefühl beim Atmen, welches ich oft den ganzen Tag wahrnehme dass Angst auch damit zu tun hat, ist nur im Nachhinein offensichtlich. Seitdem ich aber der Einnahme eines Medikaments zugestimmt habe, das gut gegen Ängste hilft, halten sich diese glücklicherweise etwas mehr im Zaum.


Symptome von Angst psychische und körperliche Beschwerden


Inzwischen ist mir in den allermeisten akuten Situationen durchaus bewusst, wenn die Angst ein natürliches Maß übersteigt, aber ich kann sie nicht kontrollieren. Oft ist schon der Beginn des Tages gezeichnet von einer hohen Anspannung und Besorgtheit. Ich spüre bereits beim Aufwachen ein Druck- und Engegefühl, bin unruhig und getrieben. Je nachdem, wie gut ich geschlafen habe und wie der Tag weiter verläuft, entwickelt sich auch das Niveau meiner Angst. Manchmal, wenn ich in den Tag starte, dann habe ich das Gefühl, es brodelt etwas im Hintergrund, was jederzeit hochkochen kann. Wenn dann der kleinste Reiz hinzukommt, etwas Stressiges passiert oder mir einfach nur ein Löffel aus der Hand fällt, dann äußert sich meine Angst häufig explosiv. Ein Pool an negativen Gefühlen läuft abrupt über und überschwemmt mich. Da tobt etwas in mir, worüber mir die Kontrolle entgleitet.

Häufig gehen mit den Ängsten auch körperliche Symptome einher, wie z.B. Herzrasen, Muskelverspannungen, Magen-Darm-Probleme, Nervosität, Brustenge, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Neben den psychischen Belastungen durch die Ängste können auch die körperlichen Beschwerden enorm auf den Alltag der Betroffenen Einfluss nehmen.

 
Häufiges Thema für Betroffene: Trennungs- und Verlustangst


Das Problem, mit zwei sehr kranken Tieren zusammen zu wohnen, ist mit zwei sehr kranken Tieren zusammen zu wohnen und zudem ein großes und alltägliches Problem mit Verlustangst zu haben. Als meine Katzen gegen Ende des letzten Jahres gleichzeitig sehr krank wurden, schoss meine Angst also, wie man sich sicher vorstellen kann, förmlich durch die Decke. Seitdem mache ich mir noch mehr Sorgen darüber, wie eine Zukunft aussähe, wenn meine Tiere nicht bei mir wären. Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag und flammen in kleinsten Alltagssituationen neu auf.

Die Angst davor, dass jemandem etwas passiert, der einem am Herzen liegt, ist ein häufiges Thema von Betroffenen bei der Generalisierten Angststörung. Man sieht daran zudem: Die Ängste sind nicht immer diffus. Sie können ebenso ganz präzise sein, wie zum Beispiel die Angst vor Verlusten. Das kann viel umfassen, sei es die Angst vor dem Tod eines geliebten Menschen oder Tieres, oder der Verlust von Beziehungen bzw. emotionalen Verbindungen, der Verlust von Sicherheit, von Gewohntem, von Erinnerungen. Die Erkrankungen meiner Katzen sind dabei ganz besonders schwer für mich, weil mir so viel an ihnen liegt. Und das wiederum sorgt dafür, dass mein System überschießend reagiert.  

Dabei hilft es mir nicht, wenn man mir sagt, dass das Leben halt endlich und es der Lauf der Dinge ist, dass Lebewesen manchmal eben auch vor einem gehen. Das weiß ich und habe ich auch in der akuten Situation nicht vergessen – doch das lindert meine Angst nicht. Was mir hingegen hilft: Ein möglichst ruhiger Blick auf die Situation, um die Angst zu lindern, ohne sie dabei zu relativieren. Mich auch mal abzulenken, aber nicht vor der Angst wegzulaufen. Mich weiterhin mit der Situation zu konfrontieren, um mit der Zeit einen erträglicheren Umgang mit ihr zu finden.


Die Schwierigkeiten für Angehörige von Betroffenen


Für Angehörige von Betroffenen ist die Situation oftmals schwer nachzuvollziehen, denn die Ängste sind häufig solche, die ihnen erst einmal nicht unbekannt sind. Ähnlich wie bei der Depression, bei der ebenso das häufige Symptom „Traurigkeit“ von jedem Menschen grundsätzlich schon erlebt wurde, gibt diese vermeintliche Gemeinsamkeit Anlass dazu, die eigene Situation mit der eines anderen zu vergleichen. So entstehen Sätze wie „Ich bin auch oft traurig und stell' mich trotzdem nicht so an“ oder eben „Ich hatte davor auch schon Angst und habe sie überwunden.“ Zwar ist mir selbst so ein Satz noch nie begegnet, dennoch möchte ich hiermit eine Lanze brechen für diejenigen, die eine Angststörung haben und sich von ihrem Umfeld nicht verstanden fühlen.

Probleme, die mit der Psyche eines Menschen zu tun haben, sind nicht immer erklärbar oder logisch nachvollziehbar. Das macht es auch für Angehörige schwer, einen Weg zu finden, mit den Betroffenen umzugehen. In der Fachliteratur liest man immer wieder: Es hilft wenig bis gar nicht, die Angst in unmittelbaren Situationen zu relativieren oder zu schmälern, im Sinne von: „So schlimm ist die Lage doch gar nicht.“ Als wohltuend empfinde ich z.B. die behutsame Begleitung, ein gemeinsamer Blick auf die Gegebenheiten, ein Überlegen und Durchdenken der Situation und die Suche nach Lösungen, um diese angenehmer zu machen und die akute Angst zu lindern. Als nicht hilfreich wird von Betroffenen oft der Versuch der Beruhigung beschrieben, weil dieser auch häufig mit der Verharmlosung oder Relativierung der Angst einhergeht. Es hilft hierbei sich zu verdeutlichen, dass der Betroffene die Situation anders wahrnimmt, als man selbst. Die Angst ist für ihn sehr real, auch wenn sie überschießend ist.

Für das Wohlbefinden Angehöriger ist es jedoch wichtig, sich selbst und seine Aktivitäten dabei nicht zu sehr einzuschränken. Der Alltag Angehöriger wird manchmal durch die Ängste der Betroffenen sehr beeinflusst, weshalb sie immer auch gut auf ihre eigenen Bedürfnisse achten sollten.


Was kann helfen?


Hilfreich bei übersteigerten Ängsten kann sein:
  • psychotherapeutische Maßnahmen: Als erste Wahl wird häufig die kognitive Verhaltenstherapie genannt

  • Medikamente: Medikamentöse Therapie kann helfen – ich z.B. habe positive Erfahrungen damit gemacht

  • Entspannungsverfahren: Zum Beispiel progressive Muskelrelaxation (PMR), autogenes Training, Meditation, etc.

  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen zeigt, dass man nicht allein mit der Situation ist

  • Ein positives Umfeld: Angehörige und Freunde können gerade bei alltäglichen Ängsten eine Stütze sein

Vielen fällt es leider schwer, mit ihrer Angsterkrankung offen umzugehen. Dabei ist genau das der Schlüssel, um auf lange Sicht Hilfe zu bekommen und um wieder ein freieres Leben führen zu können. 

Ich ermutige jeden dazu, diesen Schritt zu gehen, anstatt still unter seinen Ängsten zu leiden.

Samstag, 6. März 2021

Yin und Yang – Zwischen Liebe und Schmerz

Liebe kann so schön sein. Sie hüllt dich in Geborgenheit, flutet dich mit Wärme und wiegt dich in Leichtigkeit. Und dann kann Liebe dafür sorgen, dass du den größten Schmerz deines Lebens fühlst. Dass du nicht mehr weißt wohin mit deiner verdammten Angst und deiner ewigen Sorge. Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach aufhören zu lieben und im selben Augenblick liebe ich wieder so sehr, dass es wehtut. Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos, doch wenn man liebt, dann bekommt man den Schmerz oftmals gratis dazu. 
 
 Weniger lieben, um freier zu leben? 
 
Wir haben März 2021, die Corona-Pandemie ist noch immer hoch im Kurs und ich mache mir ernsthafte Sorgen um meinen Geisteszustand. Krank vor Sorge zu sein – das ist kein lapidares Sprichwort, sondern die perfekte Beschreibung meiner täglichen Realität. Schnotti und Glimmer, meine 8-jährigen Katzen, sind ziemlich gleichzeitig ziemlich krank geworden. Ich wache mittlerweile in Sorge auf und schlafe in Sorge wieder ein. Dazwischen sorge ich mich. Wir fahren Karussell im Land der schlechten Nachrichten und hangeln uns an Bindfäden über Straßen aus Glassplittern. Die Pechsträhne ist so lang wie das Negativ meiner Geduld und ich beginne langsam aber sicher, an dieser ganzen Situation vollends zu verzweifeln. Doch gibt es einen Ausweg? Kann man versuchen, weniger zu lieben, um freier zu leben? 
 
Manchmal fühle ich mich, als sei ich gefangen in meinen Gedankenschleifen, eingesperrt in meinem eigenen, ganz persönlichen Kerker mit Gitterstäben aus Angst und Panik. Um mich herum der zermürbende Konjunktiv: „Was wäre, wenn…?“ Was wäre, wenn jemandem etwas passiert, den ich so gern habe? Wie ginge es dann weiter? Wie groß kann Schmerz werden? Fragen, auf die es keine Antwort gibt – und die doch immer und immer wieder vor meinem inneren Auge tanzen. Die Gedanken tricksen mich aus und wirbeln mich umher, die Gefühle danach überschwemmen mich. Seiner eigenen Angst offensichtlich so ausgeliefert zu sein – das fühlt sich überhaupt nicht gut an. 
 
Das Yin und Yang aus Liebe und Schmerz 
 
Schnotti und Glimmer sind vieles in meinem Leben. Sie sind meine Mitbewohner, meine Katzen, meine Kinder, mein Anker, meine Ruhe, meine Ungeduld, meine Geduld, meine Verantwortung. Ihr Schnurren ist heilsam, ihr Maunzen nervig und ihre Persönlichkeiten ein Lichtblick der Heiterkeit. Wenn ich schon nicht für mich selbst aus dem Bett steige, dann zuverlässig und immerzu für sie. Und ja: Sie sind Tiere, können nicht sprechen und ihre Denkfähigkeit besitzt deutliche Grenzen – und dennoch habe ich selten so sehr geliebt. 
 
Liebe und Schmerz sind wie Yin und Yang – das eine gehört untrennbar zum anderen. Ein Drahtseilakt, den ich wohl noch üben muss, wenn der Schmerz ständig Überhand nimmt. Natürlich macht es Angst, wenn etwas oder jemand, den man so gern hat, sehr krank ist. Das ist völlig normal. Doch wenn diese Angst zum ständigen Begleiter wird, der einen abhält von alltäglichen Dingen des Lebens, dann stellt sich die Frage, ob diesem Zustand der Dauerbelastung ein tieferes Problem zugrunde liegt.
 
Muss Liebe Grenzen haben? 
 
Am Anfang dachte ich, dass Liebe Grenzen haben muss. Dass man zu sehr lieben kann. Doch das stimmt nicht: Ich glaube, dass dieser Gedanke zwei gegensätzliche Themen vermischt – nämlich zu lieben und nicht zu lieben. Denn was bedeutet es, etwas oder jemanden so sehr zu lieben, dass einen der Gedanke an den Verlust völlig handlungsunfähig und gefangen zurücklässt? Ich denke nicht, dass man zu sehr lieben kann, sondern vielmehr zu wenig – denn ständige und schmerzhaft starke Verlustangst ist eng verknüpft mit dem fehlenden Selbstvertrauen und dem Mut und der Hoffnung, auch mit dem Verlust irgendwann wieder in der Lage zu sein, ein "schönes" Leben zu führen. Vielleicht sollten wir, wenn die Verlustangst uns krank macht, uns also nicht fragen, ob wir zu viel empfinden, sondern ob wir zu wenig empfinden für uns selbst und unser Leben. Wovon wir unsere Existenz abhängig machen. Selbst der Sinn seines Lebens zu sein ist genauso kitschig wie wichtig, um mit schweren Situationen wie (drohenden) Verlusten irgendwie zurechtzukommen. 
 
Das bedeutet nicht, dass Verlustangst keine Daseinsberechtigung hat. Im Gegenteil: Verlustangst ist eine wunderschöne Offenbarung. Sie entspringt etwas sehr Positiven und wächst mit dem Dünger aus guten Gefühlen. Wer Verlustangst hat, der hat zuvor etwas sehr Schönes erlebt. Sie ist das normalste der Welt, wenn man in der Lage ist, zu lieben. Doch sie kann auch Überhand nehmen. Und wenn das den Alltag langfristig negativ beeinflusst, dann schadet es nicht, genauer hinzuschauen und herauszufinden, warum das so ist. 
 
Ein langer Weg 
 
Noch bin ich Getriebene meiner Gefühle und überforderter Zuschauer meiner Gedankenschleifen. Die Kontrolle, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt, wiederzuerlangen, bedeutet ein Prozess, der kleinschrittig ist. Wenn das per Fingerschnipp und gutem Willen möglich wäre, dann hätten sich bereits viele Probleme sehr schnell erledigt. Wie so oft beginnt auch dieser Weg mit dem Bewusstsein dessen, was ist. Und dann: Eigene Ressourcen aufbauen, Selbstbewusstsein stärken und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Weiter lieben mit der Angst. Lieben. 
 
 
Kurzer Kommentar in eigener Sache: Liebe führt zu Schmerz führt zu Liebe – wir (Katzen + ich) haben in den letzten Wochen ganz viel Hilfe und Unterstützung bekommen, die uns wirklich sprachlos macht. Auf diesem Wege möchten wir uns bei all den lieben Menschen, die uns geholfen haben, ganz herzlich und mit ganz viel Liebe ;-) bedanken!