Dienstag, 5. Mai 2020

Hass' dich glücklich - Die Boshaftigkeit in der Krise

Als ich eines Montags nach Hause fuhr und in einer Nebenstraße parkte, hatte ich Ausblick auf das nahegelegene Eiscafé meiner Wohnung. „Außer-Haus-Verkauf“, stand auf einem großen Plakat vor dem Eingang. Und ein Hinweis, sich an den Abstand zu halten – mindestens 1,5 Meter. Ich blieb an diesem frühen Abend noch eine halbe Stunde im Auto sitzen, um zu beobachten, wie die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen und ausnahmslos jeder die Abstandsregel einhält. Ein Solidaritätsmoment, ein Gefühl der Gemeinschaft. Ich wollte nicht aussteigen, um mir die Wärme zu bewahren und sie festzuhalten.
 


Von der Corona- zur Hass-Pandemie

Inzwischen bin ich seit nun mehr drei Wochen aus dem Auto gestiegen. Ich erinnere mich gerne an den Moment zurück, doch das Gefühl ist längst verpufft. An dessen Stelle trat Hass und Verbitterung – das sind nicht meine Gefühle, doch sie haben sich wie eine Zecke an mir verbissen. Mir fällt es schwer, mich von fremder Aura abzugrenzen und meine Gefühle nicht dem Außen anzupassen. Mittlerweile bin ich zumindest wütend. Und enttäuscht.

Die Corona-Pandemie sorgt seit Monaten für eine Ausnahmesituation, die beinahe die ganze Welt betrifft. Vor einigen Wochen las ich, dass Krisen dieses Ausmaßes das Beste im Menschen hervorrufen und nickte zustimmend, als ich Situationen wie jene vor dem Eiscafé beobachtete. Nicken scheine ich heute nur noch, wenn ich meinen Kopf wiederholt gegen die Wand schlage. Denn in Folge der Isolation verbrachte ich viel Zeit in sozialen Netzwerken. Zu viel Zeit. Keine Minute hat sich gelohnt und keine Sekunde davon tat mir gut.

Es geht mir bei diesem Statement nicht um den Wunsch nach Harmonie. Es geht mir nicht um den Wunsch nach Kritiklosigkeit oder emotionslose Debatten. Im Gegenteil: Die Situation und die Vorgehensweise in dieser Krise müssen diskutiert werden. Denn auch das ist Demokratie: Uneinigkeit, Fehler, Diskurse. Doch es gibt Unterschiede zwischen Kritik und Hass. Zwischen Anzweifeln und Verachten, zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung. Ich habe das Gefühl, dass wir nicht nur eine Corona-, sondern inzwischen auch eine Hass-Pandemie erreicht haben.

Die Hass-Blase in der digitalen Kommunikation

Worum es überhaupt geht? Es geht darum, dass Menschen Morddrohungen bekommen und beschimpft werden. Es geht um diesen unerträglichen Überbietungswettbewerb, bei dem "recht haben" mit "besser sein" gleichgesetzt wird. Es geht um Herablassung und das Außerachtlassen der Tatsache, dass der Mensch nie frei von Fehlern sein wird. Es geht um das stupide Einschlagen auf Personen und Meinungen und es geht um die fehlende Nachsicht mit Menschen, die bei aller Mühe nicht das schaffen können, was doch ein Großteil von ihnen erwartet: Die absolute Richtigkeit ihres Handelns für jeden. Und es geht um den Trugschluss, sich glücklich hassen zu können.

Wahrscheinlich sollten mich diese verbalen Abgründe gar nicht so sehr überraschen. Doch die Radikalisierung vieler Kommentare hat aus meiner Sicht eine neue Dimension erreicht, die mich erschreckt. Denn Hass zerstört Leben. Das kann ich so sagen, denn ich habe lange Zeit meinen Hass gegen mich selbst gerichtet und rebelliere ab und an noch immer gegen mich. Ich bekam meine eigenen Morddrohungen, was schon schlimm genug war. Bekäme ich solche von anderen Menschen, so würde ich mit ziemlicher Sicherheit daran zerbrechen. Das dies nun einige Menschen in der heutigen Zeit wirklich durchleben müssen, ist unmenschlich und zutiefst beschämend. Ganz egal, welche Meinung sie haben und ob man mit dieser übereinstimmt oder nicht.

Der abwärtsgerichtete soziale Vergleich – Abwertung zur Aufwertung

Hass ist sicherlich das schädlichste Gefühl, dass der Mensch haben kann. Denn er besitzt, meiner Ansicht nach, den geringsten Nutzen: Trauer ist wichtig, um einen Verlust zu verarbeiten. Wut kann uns antreiben, uns in die Aktivität führen. Hass hingegen täuscht etwas vor, das oftmals nicht präsent ist, nämlich Dominanz, Selbstbewusstsein und emotionaler Stärke. Er dient als Kompensation einer innerlichen Lücke und macht den Anschein, als könne man durch vermeintliche Erhabenheit etwas wiedererlangen, dessen Fehlen großen Schmerz verursacht. Fühlen wir uns besser, wenn wir etwas oder jemanden hassen können? Steigern wir durch unseren Hass unser Selbstwertgefühl? Ich kenne zumindest niemanden, dem sein Hass zu Glück und Zufriedenheit verholfen hat.

Vor einiger Zeit habe ich mal vom abwärtsgerichteten sozialen Vergleich gelesen. Diese Theorie besagt, dass es belohnend wirkt, herabzublicken. Genau das machen wir, wenn wir hassen: Wir stellen uns auf eine andere Stufe, blicken hinab. Allein dadurch, dass wir jemanden nicht mögen, funktioniert unsere Wertung hierarchisch und unser Belohnungssystem schlägt aus – zumindest für einen kurzen Moment. Würden wir nun auf Augenhöhe argumentieren und einen respektvollen Umgang an den Tag bringen, so klappt das mit dem Herabblicken nicht mehr so gut und die Belohnung bleibt aus.

Das bedeutet nicht, dass Hass kein „normales“ Gefühl ist. Im Gegenteil: Jeder kennt es. Doch soziale Netzwerke sind Plattformen, auf denen viel Raum ist für Anstands- und Empathielosigkeit. Das digitale Miteinander scheint überwiegend toxisch, obwohl man sich nicht darüber hinweg täuschen darf, dass auch konstruktive Kritik und der höfliche Umgangston seinen Platz finden. Ich hoffe sehr, dass diese geballte Vergiftung in den Kommentaren einen falschen Eindruck erweckt über die Wirklichkeit und dass diese überzogene Hasskultur nur einer kleinen Minderheit zugehörig ist, die in der Anonymität des Internets Menschen diffamiert, beleidigt und herabwürdigt. Denn mittlerweile finde ich dieses zu beobachtende Gegeneinander sehr belastend – insbesondere dann, wenn man dazu neigt, die äußere Atmosphäre auf die eigene Gefühlswelt zu übertragen.

Ein Zitat von Søren Aabye Kierkegaard bringt mich immer wieder zum Nachdenken:

Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.“

Es scheint, als sei damit in erster Linie die Liebe für sich selbst gemeint...

Donnerstag, 30. April 2020

Die Nacht des Grauens - Zwei Katzen, kein Schlaf

Ich bekam in der Vergangenheit schon mehrmals die Frage, wann es denn wieder „Katzen-Content“ gäbe. Lange Zeit ist nichts passiert, was sich zum Verschreibseln anbot. Das hat sich geändert – zu meinen Ungunsten…

Zur Vorgeschichte:

Ich habe zwei Katzen: Schnotti (chronischer Schnupfen) und Glimmer (Herzfehler). Letzten Montag lag ich gemütlich in meinem Bett und schaute Fernsehen, als Glimmer plötzlich alarmierende Geräusche von sich gab. Es klang, als würde sie zugleich husten und würgen müssen. Ich lief hin und sah, dass irgendetwas nicht stimmte. Also nahm ich sie zu mir ins Bett und streichelte sie, bis es langsam besser wurde. Diese Geräusche machten mir Angst, weil Glimmer herzkrank ist und Husten ein Zeichen dafür sein könnte, dass sich ihre Herzleistung verschlechtert hat. Um die Dramatik vorab aus der Geschichte zu nehmen: Ihr geht es gut. Ich habe sie ein paar Tage lang beobachtet und die Beschwerden kamen kein zweites Mal vor. Höchstwahrscheinlich hatte sie sich einfach nur verschluckt.

Dank meines liebenden, sich aufopfernden, tief mitfühlenden und jedes Leid der anderen als sein eigenes annehmenden Mutterherzens entschied ich mich natürlich und sicherheitshalber dazu, die Katzen ausnahmsweise bei mir schlafen zu lassen. Normalerweise dürfen sie den ganzen Tag in mein Schlafzimmer – nur nicht nachts! Das hat triftige Gründe, die mir auch in dieser Nacht nicht hätten deutlicher vor Augen geführt werden können...

Die besagte Nacht des Grauens - Eine Dokumentation

00:30 Uhr:
Ich bin bereit: Die Zähne sind angezogen, die Schlafsachen geputzt und ich bin müde. Glimmer ist seit ihrem Husten- und Würgeanfall unauffällig. Wie jeden Abend gebe ich ihr also ihre Herzmedikamente und schlürfe Richtung Bett. Die Katzen glotzen blöd, als ich die Tür hinter mir offen lasse. Ich glotze zurück, rolle mich Mumien-artig in die Decke, drehe mich auf die richtige Seite und mache das Licht aus.

00:31 Uhr:
Der Nachteil an Laminat- anstatt Teppichboden ist, dass er sehr geräuschempfindlich ist. Der Nachteil an Krallen ist, dass sie Geräusche verursachen, wenn sie über den Laminatboden tapsen. Die Katzen wuseln durchs Zimmer. Ich frage mich, wie groß der Raum ist, um in ihm so viele Schritte machen zu können. Außerdem überlege ich, was es denn nach acht Jahren im selben Haushalt noch zu erkunden gibt, weshalb man seine Pfotenabdrücke in scheinbar jede Ecke patschen muss. Inzwischen, so fällt mir auf, erkenne ich die jeweilige Katze sogar am Gang – was bei gerade einmal zwei Tieren wohl nicht ganz so spektakulär ist, wie es klingt.

00:40 Uhr:
Es raschelt. Und zwar raschelt es so, dass ich das Gefühl bekomme, es sei nicht gut, dass es raschelt. Nachdem ich fest entschlossen war, jedes weitere Geräusch zu ignorieren, bin ich mir nun absolut sicher, dass es nicht rascheln sollte. Also mache ich das Licht meines Nachttischlämpchens an und entdecke neben mir Glimmers Hintern, der aus dem Spalt zwischen Bett und Wand emporragt und im Begriff ist, in jenem vollends zu verschwinden. Ich stehe auf, rücke das Bett vor und hole die Katze aus der Verschluckungsfalle. Danach entdecke ich die leere Klebebandrolle, die mir beim Geschenke einpacken in die Lücke gefallen ist (als ich in einer depressiven Phase alles vom Bett aus gemacht habe) und nach der Glimmer nun scheinbar heldenhaft gefischt hat. Nachdem ich sie fragte, ob sie vergessen hat, warum sie beide heute bei mir schlafen dürfen, legt sie sich ans Fußende und lässt demonstrativ die Augen zufallen.

00:50 Uhr:
Schnotti hat sich auf meine Füße gestürzt. Sie mag es, Dinge zu jagen, die sich unter der Decke bewegen. Es war eine blöde Idee, dass ich hieraus mal ein Spiel gemacht habe und sie nun immer nach Füßen Ausschau hält, sobald sie aufs Bett springt. Ich bin wach.

00:55 Uhr:
Schnotti hat ihre Spielzeugmaus mit Glöckchen geholt und spielt Fangen, während ich mich frage, ob man für zwei chronisch kranke Katzen noch Geld verlangen könnte. Ich ahne allerdings, dass ich noch draufzahlen müsste und verwerfe den Gedanken wieder.

01:10 Uhr:
Ich höre Atem. Ich höre den Atem lauter. Ich spüre Atem. Mein Gesicht wird angeatmet und es kommen diese typischen Katzen-Tauben-Geräusche, die sich nicht anders beschreiben lassen, weil es irgendeine eigenartige Mischung aus Miauen und Taubengurren ist. Sie sind ein eindeutiges Zeichen für den Unterkuschelungsstatus dieser Katze. Kurz darauf steckt Schnotti ihr Gesicht in mein Gesicht und reibt sich. „Köpfeln“, heißt es auch. Ist ja wirklich ganz süß, wenn Katzen damit ihre Zuneigung zum Ausdruck bringen wollen, aber doch bitte nicht mitten in der Nacht.

01:25 Uhr:
Nachdem sich Schnotti millionenfach um die eigene Achse gedreht hat, um die richtige Liegeposition zu finden, muss ich sie nun dauerkraulen, damit sie nicht wieder mit dieser nervigen Kopfreiberei anfängt. Ich kann nicht schlafen, wenn ich streicheln muss.

01:50 Uhr:
Die Katze musste niesen. Ich habe mich zu Tode erschrocken und Glimmer hat sich zu Tode erschrocken, weil ich mich zu Tode erschrocken habe. Schnotti ist aufgesprungen, weil es sich im Liegen nicht gut niesen lässt. Ich muss aufstehen, um mich zu waschen und stelle danach fest, dass ich nun wirklich richtig wach bin.

01:53 Uhr:
Zwar spricht das Folgende nicht für die Intelligenz dieser Katze, doch ich kann an dieser Stelle einfach nicht unerwähnt lassen, dass ihr etwas sehr, sehr Dummes passiert ist: Nach ihrer Niesattacke musste Schnotti sich ausgiebig putzen. Als sie mit ihrer Pfote den Schwanz festhalten wollte, um sich auch dort zu säubern, ist sie mit der Kralle ihrer Vorderpfote in ihrer Haut hängengeblieben. Sie war mit ihrem Schwanz im wahrsten Sinne des Wortes fest verbunden. Nachdem ich der panischen Katze vorsichtig die Kralle aus der Haut gezogen hatte, bekam ich minutenlang immer wiederkehrende, schwere Lachkrämpfe (ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke).

02:45 Uhr:
Während ich noch eine Serienfolge bei Netflix geschaut habe, sind beide Katzen zur Ruhe gekommen und liegen schlafend in meinem Bett. Ich starte den nächsten Versuch.

03:15 Uhr:
Schnotti hat Glimmer auf den Kopf gehauen. Dieses Szenario habe ich im Dunkeln zwar nicht sehen können, doch erkenne ich es inzwischen allein am Geräusch, da es immer gleich abläuft: Glimmer berührt Schnotti versehentlich, Schnotti springt auf und haut Glimmer mit der Pfote auf den Kopf. Für eine kurze Zeit fuchteln beide mit den Vorderpfoten. Danach beginnt Schnotti zu starren, ähnlich wie in diesem Bild...


...und Glimmer glotzt verstrahlt durch die Gegend, um zu schlichten. In der Regel springt Schnotti im Anschluss vom Bett und sucht sich Dummheiten, die sie anstellen könnte. Oder beide beginnen, Fangen zu spielen. Schnotti hat sich für die Klimper-Maus entschieden.

03:40 Uhr:
Wiederholung des Szenarios von 01:25 Uhr.

04:20 Uhr:
Es geschehen noch Wunder. Ich konnte mich auf die andere Seite drehen, ohne dass Katze Nummer 1 empört aufsprang, und Katze Nummer 2 schläft am Fußende. Mir bleiben ungefähr 20 cm der Matratzenbreite, um nicht aus dem Bett zu fallen.

04:25 Uhr:
Ich bin aus dem Bett gefallen.

04:35 Uhr:
Genervt überlege ich, ob ich nicht einfach wach bleiben sollte. Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, die bereits seit Stunden unauffällige Glimmer aus meiner Beobachtung zu nehmen und Schnotti treibt mich in den Wahnsinn, wenn ich nur vorsichtig ans Schlafen denke.

04:45 Uhr:
Nach reiflicher Überlegung habe ich ein Machtwort gesprochen und sämtliche Spielzeuge für Katzenkinder unzugänglich gemacht. Danach habe ich Schnotti in den Schlaf gestreichelt und mir zuvor ausreichend Platz im Bett gesichert. Glimmer hat sich auf den Sessel im Erker gelegt und schläft. Ich muss auch schlafen, bevor es hell wird.

05:00 Uhr:
Ich habe versehentlich meinen Fuß bewegt…

Mittwoch, 18. März 2020

Coronavirus: Auswirkungen auf die mentale Gesundheit

Die momentane Krise hinsichtlich des Coronavirus, das zurzeit in aller Munde ist, verursacht viele berufliche und private Krisen. Einige fürchten um ihre Existenz, andere sind aufgrund von viel Arbeit völlig überlastet. Nun stehen wir möglicherweise kurz vor einer Ausgangssperre, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Neben den vielen individuellen Schicksalen, die die aktuelle Situation mit sich bringt, wäre eine solche Ausgangssperre auch ein großes Problem für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch hierüber muss gesprochen werden.


Eine Ausbreitung von Covid-19 muss verlangsamt werden

Täglich verfolge ich inzwischen die Informationen, die das Robert Koch-Institut kommuniziert und noch öfter ärgere ich mich, wenn ich die vielen Kommentare in den sozialen Netzwerken verfolge. „Panikmache“, Schaut euch doch die Zahl der jährlichen Grippe-Toten an“, „Ich bin gesund, also schränke ich mich auch nicht ein“, liest man immer wieder. Ich möchte hierzu kein Fass aufmachen, nur eines loswerden: In erster Linie geht es nicht darum, das Virus aufzuhalten, sondern die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht so zusammenbricht, wie es in Italien der Fall ist. Die katastrophalen Folgen, die ein Scheitern dieses Vorhabens/dieser Verlangsamung mit sich bringt, können wir dort beobachten. Somit geht es nicht um den Einzelnen, sondern darum, die Risikopatienten zu schützen, dessen Versorgung bei einer zu schnellen Ausbreitung unter Umständen nicht mehr gewährleistet werden kann.

Soziale Isolation und ihre mentalen Folgen

Durch die Klinikaufenthalte, die ich aufgrund von psychischen Erkrankungen hatte, lernte ich viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen. Häufige Symptome der mentalen Belastungen: Sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, Einigelung – aber auch Probleme mit dem Alleinsein. All diese Symptome könnten nun für viele Menschen, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben, hinsichtlich der Einschränkungen des öffentlichen Lebens und einer möglichen Ausgangssperre zum großen Problem werden.

Seit vergangenem Montag wurde auch der Unterricht im Rahmen meiner Ausbildung abgesagt. Wir haben, wie viele andere auch, nun zunächst bis nach den Osterferien frei. Das ist eine lange Zeit. In solchen Freizeiten habe ich ohnehin Schwierigkeiten, morgens aufzustehen, aktiv zu werden, in den Tag zu starten. Ein Problem, mit dem ich nicht alleine bin.
Zudem wohne ich nur mit meinen Katzen in einer Wohnung, weshalb ich mich zeitweise weder woanders einquartieren kann, noch habe ich Anreize von außen, morgens aus dem Quark zu kommen. Diese Anreize muss ich mir somit selber schaffen – das funktioniert auch hin und wieder, solange sich diese Freizeit nicht über einen langen Zeitraum erstreckt.

In Anbetracht eben dieser Symptome, die bei psychischen Erkrankungen häufig vorkommen können, lässt sich leicht vorstellen, dass eine soziale Isolation oder zumindest eine Einschränkung in dieser Richtung mehr als herausfordernd für Menschen ist, die mit solchen Schwierigkeiten bereits in ihrem normalen Alltag zu kämpfen haben.

Hilfestellungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Es ist nun besonders wichtig für Menschen, die hinsichtlich einer möglichen Ausgangssperre über ihre mentale Situation besorgt sind, sich vorzubereiten. Im Folgenden habe ich zehn Vorschläge gesammelt, um die Zeit zu Hause schneller verstreichen zu lassen:

1. Kontakthaltung über Technik: Wir haben das große Glück, dass uns die heutige Technik ermöglicht, auch von zu Hause aus Kontakt zu unseren Mitmenschen zu halten – und das nicht nur übers Telefon. Es ist wichtig, schon jetzt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, mit jedem z.B. auch Kontakt per Videotelefonie halten zu können.

2. Wiederentdecken/Ausprobieren: Gibt es Dinge, die du einst gerne gemacht hast oder immer schon mal ausprobieren wolltest? Malen, zeichnen, ein bestimmtes Buch lesen, einen Podcast aufnehmen, schreiben, basteln. Das alles sind Dinge, für die bald Zeit sein könnte und in die man sich richtig vertiefen kann.

3. Frühjahrsputz: Der Frühling steht vor der Tür. Ich muss leider zugeben, dass ein Frühjahrsputz ein guter Zeitvertreib wäre, weshalb ich mir bereits vorsorglich alles Mögliche an Putzutensilien besorgt habe.

4. Sport: Hometraining ist nicht jedermanns Sache. Soll aber helfen. Hab‘ ich gehört.

5. Tabletten sortieren: Das schreibe ich eigentlich nur, um daran zu erinnern, schon einmal seine Rezepte zu besorgen, bevor es nervig wird.

6. Bullet Journal: Ich sehe immer wieder Menschen, die in der letzten Zeit ein Bullet Journal begonnen haben. Ein Bullet Journal ist ein höchst individueller Terminkalender und Alltagsplaner, in dem man auch seine ganz persönlichen Eindrücke festhalten kann. Hiermit lässt sich die ein oder andere Stunde sicher gut verbringen. Aber nicht vergessen: Ohne Buch kein Bullet Journaling!

7. Häkeln/Nähen: In der Klinik wurden immer wieder Häkel- und Nähkurse angeboten und ich habe beobachtet, dass auch Menschen, die dies zuvor konsequent abgelehnt haben, die Nadel nicht mehr aus der Hand legen konnten.

8. Wohlfühl-Oase für zu Hause: Badesalze, Peelings, Gesichtsmasken, Wellness, Düfte und Aromen. Man könnte die Zeit doch mal für Dinge nutzen, die entspannen und guttun.

9. Spiele: Hat früher auch jemand gerne Sims gespielt? Den Zauberwürfel gelöst? Pokémon? Mario Kart? Age of Empires?

10. Haustiererziehung, -förderung und -forderung: Intelligenzspiele, Kommandos oder einfach eine ausgiebige Beschäftigung mit dem Tier kann für Abwechslung sorgen.

Dies sind Beispiele, die zeigen: Es gibt viele Möglichkeiten, Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Das bedeutet zwar nicht gleich auch, dass das eine einfache Zeit wird, aber zumindest können wir Dinge ausprobieren und uns vorbereiten, indem wir die Voraussetzungen hierfür schon jetzt schaffen. Zumindest wäre das eine Chance für jeden, der Angst vor Einsamkeit und Isolation hat.

Ganz egal, ob es nun zu einer Ausgangssperre kommt oder nicht: Wir müssen nun solidarisch und rücksichtsvoll sein. Das bedeutet, sich einzuschränken und mehr Zeit zu Hause zu verbringen, an seine Mitmenschen zu denken und sich gegenseitig dabei zu helfen, so gut es geht durch die nächsten Wochen zu kommen. Wir müssen daran denken, dass es Menschen gibt, die ihre berufliche Existenz verlieren und welche, die jeden Tag für uns weiter arbeiten. Solche, die große Angst haben und jene, die unter der Situation aufgrund ihrer psychischen Belastungen leiden. Und dann gibt es noch diejenigen, die als Risikopatienten besonders geschützt werden müssen. Also lasst uns doch lieber einander helfen, als dass wir böse Worte in der digitalen Welt verlieren und uns gegen etwas sträuben, das gerade jetzt so wichtig für jeden ist.

Mittwoch, 26. Februar 2020

Ein guter Tag, verrückt zu werden

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, erwische ich den Gedanken an den Toren des Bewusstseins zu mir sprechen. Verrückt zu werden ist in Anbetracht der Tatsache, dass viele andere Lebensstrategien bisher wirklich kläglich gescheitert sind, vielleicht die klügste meiner Möglichkeiten. Und seien wir mal ehrlich:
Beängstigend sind nicht die Verrückten dieser Welt. Es ist die Welt selbst, die uns verrückt werden lässt.

Verrücktsein als Abweichung von der Norm

Der Kaffee schmeckt besser als sonst. Er schmeckt besser, weil ich ihn nicht, wie üblich, mit der laktosefreien Milch vermischte. Ich habe keine Laktoseintoleranz und doch nahm ich jahrelang jene Milch, von der ich dachte, sie sei schonender für den Magen- und Darmtrakt. Heute bin ich ver-rückt – was eigentlich nur bedeutet, dass ich von meiner Routine abgewichen bin. Es ist gut, verrückt zu sein. Zumindest dann, wenn ich nicht gleich eilen muss, um mich meiner Milch im unangenehmen Stil zu entledigen.

Wenn wir jemanden als verrückt bezeichnen, dann meinen wir damit oftmals, jemand hätte „einen Knall“, „nicht alle Tassen im Schrank“ oder „den Schuss nicht gehört“. Und das wiederum bedeutet auch nichts anderes, als abzuweichen von einer Norm, die wir Menschen selbst erschaffen haben. Bestimmten Regeln und Konventionen nicht anzugehören, die sich in unserer Gesellschaft etabliert haben. Wie auch immer das im Einzelfall aussehen mag. Verrückt sind die, die in der Unterzahl sind. Ist es schlecht, zu den Wenigen zu gehören?

William Shakespeare sagte damals:

Besser, ich wär‘ verrückt.
Dann wär‘ mein Geist getrennt von meinem Gram,
und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre
Bewußtsein seiner selbst.“

Während das Verrücktsein schon lange kein eindeutiger Begriff mehr ist, bezieht sich Shakespeare in seinem Zitat auf die Geisteskrankheit. Auf das Verrückt, bei dem dein Umfeld davon ausgeht, etwas funktioniere nicht richtig in deinem Oberstübchen. Auf den Wahnsinn.
Und auch ich frage mich manchmal, ob der Wahnsinn nicht einfach eine intelligente Art der Flucht aus der Realität ist. Wenn Realität Schmerz bedeutet, ist das Verrücktsein dann nicht schützende Medizin? Ein tröstlicher Gedanke. Vielleicht ist es aber auch verrückt, Heilsames im Irrsinn zu suchen. Oder einfach Ausdruck von Verzweiflung.

Das Verrücktsein als Wahnsinn macht so gesehen den Anschein, als müsse man erst krank werden, um sich gesund zu fühlen. Als sei der Irrsinn eine gute Strategie des Geistes, dem Leben und seinen Eigenheiten standhalten zu können. Ein trauriger Widerspruch, der die Verzweiflung manches Verstandes offenbart. Gleichwohl sollte uns das auch bewusst machen, dass die Norm kein Synonym für „gut“ oder „richtig“ ist. Was würde sich der Mensch auch anmaßen – ist er doch selbst für die Existenz jener Norm verantwortlich. Oder?

Salvador Dalí sagte einst: "Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Verrückten ist der, dass ich nicht verrückt bin.“

Viele nehmen es mit dieser Norm sehr genau. Zum Beispiel dann, wenn sie Andersartigkeit bestrafen. Es scheint nicht immer erstrebenswert, zu ver-rücken, wenn die Folge dieser Abweichung Ausgrenzung und Abwertung ist. Wenn die Entscheidung darüber, wen man liebt, auch gleichsam das Urteil bedeutet, wie viel Wert man in der Gesellschaft hat, dann fange ich an, den Wahnsinn und seinen Sinn besser zu verstehen. Es fürchtet mich der Gedanke, in einer Welt zu leben, in der es immer und immer wieder darum geht, bewertet und verglichen zu werden, klüger zu sein, schneller zu sein, besser zu sein als der andere, um damit den persönlichen Wert für die Menschheit zu bestimmen.
Auf der anderen Seite scheint es hip, etwas crazy zu sein. So ein bisschen mehr bekloppt und ein bisschen weniger „normal“. Zumindest dann, wenn man an der „richtigen“ Stelle abgewichen ist – denn das wiederum ist ausschlaggebend dafür, ob das Abweichen von der Norm gesellschaftlich zumindest überwiegend akzeptiert wird oder nicht. Überlegen wir uns also genau, wann und wie und wo wir verrückt werden und was das im Zweifelsfalle für uns bedeutet. Denn machen wir uns nichts vor: Wir leben hier, wir leben jetzt und wir leben unter genau diesen Umständen. Und da wir kein Veto für ein anderes Leben haben, keine andere Welt, in die wir wechseln können, müssen wir hinnehmen oder eben verrücken. Auf welche Art und Weise und mit welchen Konsequenzen auch immer.

Verrücktsein als Möglichkeit zur Veränderung

Ob ein Mensch verrückt ist, hängt letzten Endes also auch immer davon ab, wen man fragt. Ich mag die Idee, dass jedes Verrücktsein in seiner einfachsten Form erst einmal bedeutet, von einer Norm abzuweichen – nicht mehr und nicht weniger, fernab von der Komplexität, die sich auftut, wenn man weiter in die Tiefen der Philosophie eintaucht. Ich mag die pure Wortwörtlichkeit des Begriffes, denn im Ver-rücken schwingt doch auch etwas Aktives mit, eine Handlung, eine Bewegung als Gegensatz zu Lethargie und Stillstand. Und Aktivität ist es, die den Weg zur Veränderung ebnet. So gesehen scheint es doch eine lohnenswerte Möglichkeit, zu verrücken, wenn man sich in einem quälenden Zustand befindet, der anders werden soll.

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, dachte ich und trank meinen Kaffee anders als sonst. Ja, vielleicht ist er das.
Ganz bestimmt aber ist heute ein guter Tag, um zu verrücken.