Montag, 30. September 2019

Wunschgedanken

Ich wäre gerne eine Giraffe.
Wäre ich eine Giraffe, dann hätte ich einen Hals. Momentan habe ich keinen. Mein Kopf ist quasi direkt auf meine Schultern montiert. Anstatt eines Halses habe ich sehr viel Gesicht. Als hätte man ihn genommen und gleichmäßig vom Kinn bis zur Stirn verteilt. Das ist schon ziemlich lange so. Früher, als Kind, habe ich da sehr drunter gelitten. Heute ziehe ich Grimassen vor dem Spiegel, um meinen Anblick wenigstens lustig zu finden.

Wäre ich eine Giraffe, dann hätte ich für jedes Jahr ohne Hals einen doppelten dazubekommen. Eine angemessene Entschädigung, wie ich finde. Und auch sonst glaube ich, dass es eine sehr gute Wahl wäre, Giraffe zu sein. Ich müsste zu niemandem mehr aufblicken, niemanden anhimmeln. Meine Wolke 7 bräuchte ich mir einfach nur zu nehmen. Wenn mich jemand ärgert, dann kann ich ihm mühelos auf den Kopf spucken. Und ich wäre näher an den Sternen.
Außerdem würde ich mich ausschließlich grün und gesund ernähren. Und das würde mir auch noch verdammt gut schmecken. 
 
Wunschgiraffe: Ein ziemlich süßes Exemplar

Als meine Gedanken begannen, mich in ein Tier zu verwandeln, schrien sie laut „LÖWE“. Der starke, mächtige Löwe, der König, das Alphatier. Dominant, erhaben, mutig. Doch wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, im Zirkus zu landen? Wie viel von dem, das ich mir ausgemalt habe, bin ich dann noch? Wie viel Chancen habe ich gegen die Grausamkeit der Spezies Mensch? Und wie viel Einfluss hätte mein äußeres Erscheinungsbild tatsächlich auf mein Leben und die Wahrnehmung anderer auf mich?
Genauso ergehen kann es den Pferden, Elefanten, Affen oder Kamelen. Nein, dieses Risiko wäre mir wirklich zu hoch. Da bin ich doch lieber eine Giraffe, die beim Kauen vielleicht etwas dumm aussieht, aber wenigstens mit einer blauen Zunge Eindruck schinden kann.

Eigentlich, so denke ich, möchte ich vieles sein. Eine Ameise zum Beispiel. Die ist viel stärker, als sie aussieht, und überlebt jeden Fuß, mit dem sie getreten wird. Sie hat eine große Familie und einen enormen Teamgeist. In der Gruppe kann sie Berge versetzen und auch allein ist sie überlebensfähig. Ja, das klingt nach einem Leben, das ich mir vorstellen kann.
Oder Astronautin. Dann könnte ich der Welt auch mal entfliehen und die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Abstand gewinnen. Vielleicht finde ich die Welt sogar schön, wenn ich aus weiter Entfernung auf sie blicke. Vielleicht finde ich die Zeit und die innere Ruhe, wenn ich nicht mitten drin im Geschehen und im Leben bin. Vielleicht entdecke ich die Schönheit, wenn ich sie woanders suche. Vielleicht.
Ich wäre gerne Schauspielerin oder Drehbuchautorin. Dann könnte ich der Realität für einen Moment den Mittelfinger zeigen und meine Geschichte selber schreiben. Ich könnte so tun, als sei ich jemand anderes. Solange, bis ich glaube, ich sei jemand anderes. Solange, bis ich jemand anderes bin. Und wenn ich jemand anderes nicht mehr sein will, dann schreibe ich einfach eine neue Geschichte. Hauptsache, ich bin nicht mehr die ganze Zeit ich selbst.

Letztens, bei einem Termin mit meiner Hausärztin, fiel auch ihr auf, dass ich keinen Hals und sehr viel Gesicht habe.
Ihr Gesicht wird immer runder“, sagte sie mir.
Das geht?“, fragte ich verwirrt. Wie rund kann etwas denn werden?
Irgendetwas stimmt da nicht. Ich gebe Ihnen mal eine Überweisung zum Endokrinologen.“
Sie erklärte mir dann noch ein paar Dinge über Hormone und über mich und mein Gesicht und über meine anderen Symptome und deren Zusammenhang mit den Hormonen. Bevor ich ging verbot sie mir außerdem, nach Morbus Cushing zu googlen, woran ich mich natürlich nicht gehalten habe. Schließlich bekam ich schon lange keine Diagnose mehr von Dr. Google.

Ein paar Wochen später war ich dann beim besagten Endokrinologen, der sich als Endokrinologin entpuppte und mindestens eine Millionen Tests machte. Lange Rede, kurzer Sinn: Insulinresistenz. Schilddrüsenunterfunktion. Und die Vermutung, ich hätte möglicherweise ein „Problem mit bisher noch unerforschten Hormonen des Magen-Darm-Trakts“, weil ich so eigenartige Körperproportionen habe. Da wären wir dann wieder bei der Sache mit dem Hals in meinem Gesicht.
Außerdem solle ich mich doch mal auf Schlafapnoe testen lassen. „Da stimmt noch etwas anderes nicht“, sagte sie mir dann Déjà-vue-artig. Weil ich seit ein paar Monaten kaum mehr schlafe und nach Luft japse und ich außerdem aussehe wie ein Vampir mit den schwarzen Augenringen eines Pandabären. Und weiter geht die wilde Fahrt mit immer wieder neuen Loopings.

Ein großes Problem an psychischen Erkrankungen ist, dass es meistens nicht lange dauert, bis auch der Körper seine gewohnte Tätigkeit einstellt oder reduziert. Ich kann ihn da verstehen, das ist nun mal die logische Folge einer Vernachlässigung, einer Verwahrlosung des eigenen Körpers, ohne den wir genauso wenig können wie ohne einen halbwegs gesunden Geist. Noch problematischer wird es, wenn sich der wachsende Rattenschwanz an Erkrankungen von akut zu chronisch, von reversibel zu irreversibel entwickelt und die einzige Rettung einen enormen Kraftaufwand darstellt, der absolute Handlungsfähigkeit und eiserne Disziplin einfordert. Da fallen meine Synapsen geradewegs in den Topf der Überforderung, indem sie hektisch herumschwirren und quieken und nicht wissen, wie sie mit der Situation umzugehen haben.

Doch: Auch ein kranker Geist ist des Lernens willig und fähig. Also setzt er einen Fuß vor den anderen, verlangsamt die Geschwindigkeit, bringt das Chaos der Gedanken in geordnete Bahnen und legt sich Strategien zurecht, sich möglichst unfallfrei aus der – Entschuldigung – Scheiße zu manövrieren. Vielleicht, so sagt er sich dann, ist er irgendwann soweit, dass er anderen zeigen kann, wie man das am besten angeht. Und bis dahin träumt er von Giraffen und Hälsen, von Ameisen und Astronauten, von Geschichten und von Möglichkeiten.