Dienstag, 9. April 2019

Perspektivwechsel - Glimmers Sicht der Dinge

Hallo. Mein Name ist Glimmer und ich bin eine der beiden Katzen von Madeline, meiner Mama. Ihr kennt mich wahrscheinlich schon von Bildern und Erzählungen, manche haben mich auch schon persönlich getroffen. Zur Erinnerung: Ich bin die Bowlingkugel mit dem Schlafzimmerblick.

Um die erste Schock-Nachricht gleich zu Beginn zu verkünden: Ich bin adoptiert. Das ist auch der Grund, warum Mama und ich uns nicht sehr ähnlich sehen. Und auch auf kommunikativer Ebene hinkt es gewaltig. Ich kann mir den Mund fusselig reden – die versteht mich einfach nicht. Wahrscheinlich hat sie eine andere Rasse, die nicht so weit entwickelt ist. Das hängt mit der Evolution und so zusammen.
Mit meiner Schwester, Schnotti, bin ich auch nicht verwandt. Zum Glück. Ich muss immer wieder feststellen, dass sie irgendwie komisch ist. Manchmal komme ich nichtsahnend ins Zimmer und diese Irre springt mich von hinten an. Also normal ist das nicht. Danach rennt sie durch die gesamte Wohnung und läuft gegen Gegenstände, weil sie auf dem Laminat nicht rechtzeitig bremst. Also mir passiert das nie. Selten. Auf jeden Fall nicht so oft wie ihr.

Früher dachte Mama, ich sei die intelligentere Katze von uns beiden. Hihi, da habe ich sie ganz schön hinters Licht geführt. Eigentlich, so glaube ich, bin ich nämlich überhaupt nicht schlau. Mir passieren andauernd Dinge, die ich zuvor nicht geplant hatte. Letztens, da bin ich aus Versehen an den Wasserhahn gekommen, als ich in die Badewanne gesprungen bin. Daraufhin schoss das Wasser aus dem Duschkopf und hat mich klitschnass gemacht. Es sollte keine große Überraschung sein, dass ich dabei panisch geworden bin und so schnell wie möglich wieder aus der Wanne wollte. Doch es wurde so nass und glitschig, dass ich ständig ausrutschte.
Mama schien sich ziemlich erschrocken zu haben, weil sie dachte, einer der schweren Wandschränke wäre heruntergefallen. Zumindest kam sie nur halb angezogen aus ihrem Zimmer gestolpert, als ich es gerade mit letzter Kraft alleine herausschaffte. Dann lachte sie mich aus und sagte, ich sähe aus wie ein begossener Pudel. Wir haben uns kurz gestritten, als ich zum Abrubbeln kommen sollte, aber danach war alles wieder gut. Seitdem gehe ich nicht mehr so gerne in die Badewanne.

Schnotti hat chronischen Schnupfen. Ich finde es nicht schlimm, dass sie immer erkältet ist, sie kann ja nichts dafür. Aber ihr Umgang damit… meine Güte. Wie kann man bloß so rücksichtslos niesen? Manchmal springt sie extra dafür ins Bett, in dem Mama und ich gerade gemütlich dösen. Inzwischen vermute ich böse Absicht dahinter. Zumindest könnte man sich doch die Pfote vor die Schnauze halten.
Gott sei Dank hat Mama dafür gesorgt, dass sie nicht mehr so oft niesen muss. Manchmal, wenn der Schnupfen schlimmer wird, fahren sie zu diesem unheimlichen Mann mit den Nadeln. Aber wenn Schnotti wieder da ist, dann geht es ihr viel besser.

Tja, und dann wäre da noch Mama. Ich glaube, ich bin süchtig nach ihr, weil sie mich so gut krabbeln kann. Ich muss dann zusehen, dass ich nicht zu aufdringlich werde. Wenn wir ins Bett gehen, dann springe ich immer gleich auf ihre Schulter. Sie sagt dann ständig, eine Bombe würde einschlagen, weil ich mich wohl ziemlich dumm dabei anstelle. Wenn Schnotti noch dazu kommt, kann sie sich überhaupt nicht mehr bewegen und brummelt genervt vor sich hin. Meistens dürfen wir aber trotzdem liegen bleiben.

Ich glaube, Mama geht es oftmals nicht so gut. Morgens, wenn ihr Wecker klingelt, steht sie manchmal einfach nicht auf. Ich merke, wie sie mit sich ringt und versucht, ein Bein aus dem Bett zu bekommen. Uns Katzen wird nachgesagt, dass wir eine ziemlich sensible Wahrnehmung haben – deshalb merken wir sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt.
Wenn sie von der „Schule“ kommt, dann ist sie meistens fix und fertig. Es scheint dort sehr anstrengend für sie zu sein, auch wenn es ihr grundsätzlich gut gefällt. Zumindest hat sie sich kürzlich so komische Nadeln bestellt, die sie sich selbst in die Haut sticht. Sie meinte, das hätte sie gelernt und müsse jetzt geübt werden. Mich stört das, weil ich währenddessen nicht auf ihren Schoß darf. Natürlich versuche ich es dennoch ab und zu… hihi.

Schnotti und ich vermuten, dass in Mama etwas kaputt ist oder nicht mehr richtig funktioniert. Sie grübelt sehr viel und hat oft so schlechte Gedanken und Gefühle. Ich glaube, sie hat noch nicht die Freude am Leben gefunden. Oder an sich selbst. Wenn ich mit ihr schmuse, dann spüre ich den Kloß in ihrem Hals. Manchmal ist er kleiner, manchmal größer – aber er ist immer da. Das Herz schlägt dann schneller und die Luft lässt sich schwerer ein- und ausatmen. Wenn es zu schlimm wird, dann schluckt sie eine Tablette und wird danach etwas ruhiger.
Vor längerer Zeit war Mama mal in einer Klinik. Wir waren erleichtert, als sie endlich auch mal zu einem Menschen ging, der so ähnlich war wie der Mann mit den Nadeln. Seitdem kümmert sie sich mehr um ihre Gesundheit. Viele Menschen scheinen ein Problem damit zu haben, sich Hilfe von außen zu holen. Ich verstehe das nicht. Als ich kahle Stellen an meinen Pfoten hatte, ist Mama mit mir zu einem Mann gefahren, der mir eine Salbe gegeben hat. Danach hörte das Jucken auf und mir ging es wieder besser. Wer weiß, wie ich ansonsten heute ausgesehen hätte. Vielleicht wie eine dieser Nacktkatzen.

Mama hat uns mal erzählt, dass sie so oft traurig ist und dass jeder Tag eine neue Herausforderung für sie darstellt. Und auch, dass ihre Stimmung dauerhaft unter dem „Normallevel“ ist. Es gäbe zwar auch einige Ausschläge nach oben, doch diese würden nicht wirklich tief wirken. Sie haben keinen langanhaltenden Effekt. Nach einem schönen Treffen kämpft sie bereits mit dem Nachhauseweg, weil es ihr direkt nach der Situation wieder sehr schlecht geht. Umso schwerer fällt es ihr dann eben auch, schöne Momente schmerzfrei loszulassen.
Wegen solcher Gefühle fällt es ihr übrigens auch schwer, regelmäßig zu schreiben, obwohl sie das so gerne machen würde. Doch immer dann, wenn sie unkreativ ist, macht sie das wütend. Und diese Wut kann sie kaum aushalten.

Naja, so kam es eben, dass ich heute für sie geschrieben habe. Sie sagte mal, manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Ich glaube, dass das wahr ist. Nur Schnottis Perspektive möchte ich nicht so gerne einnehmen – das wäre mir wirklich, wirklich etwas zu gruselig…

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