Donnerstag, 21. März 2019

Die (Un-)Logik der Depression

Es war Donnerstag. Um 7:45 Uhr klingelte der Wecker. Inzwischen gebe ich mir keinen zeitlichen Puffer mehr, um aufzustehen. Druck hilft mir, in Gang zu kommen. Manchmal.

Fern von Logik und Verständnis

Heute nicht. Dieser Tag war viel mehr eine Aneinanderreihung von Dingen, die nicht funktioniert haben. Das, was sich dabei in meinem Kopf abspielte, ergibt augenscheinlich nicht den Hauch eines Sinns. Deshalb finde ich es wichtig, gerade diese inneren Konflikte zu dokumentieren – eben weil ihr Inhalt und ihre Ausprägung auf den Alltag so schwer sind, verständlich bzw. nachvollziehbar nach außen zu kommunizieren.
Eine Erkrankung, das müssen wir verstehen, hat nicht immer etwas mit Logik zu tun. Es gibt Dinge, die sich nicht mal eben begreifen lassen. Wichtig ist, dennoch zu akzeptieren, dass es Probleme gibt, die sich nicht so einfach entziffern und durchschauen lassen – sowohl für Betroffene als auch für Angehörige.

An diesem besagten Donnerstag lag ich also so rum, in meinem Bett. Ich wusste, dass mein Tagesplan Aktivität von mir forderte. Ich hatte einen Termin, der immer näher rückte, doch diese Tatsache allein reichte nicht aus, um aufzustehen. Stattdessen führten ein paar Synapsen in meinem Kopf eine handfeste Diskussion darüber, was als nächstes passieren sollte. Je später es wurde, desto unzufriedener war ich mit der Situation: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, nicht aufzustehen, doch ich wusste auch nicht, warum es nicht funktionierte.
Zudem musste ich pinkeln. So dringend, dass mir völlig klar war, es würde bald anfangen zu schmerzen. Doch die Toilette schien kilometerweit entfernt, genau wie die Realität. Denn was sollte real sein an dieser Situation? Sie ließ sich nicht mehr bewusst greifen, entglitt mir immer wieder durch die Finger. Ich war kaputt, müde und energielos.

Gedanken vs. Körper vs. Realität

Ich erinnere mich, wie ich mir bewusst machte, dass sich meine Gefühle bessern würden, hätte ich erst einmal das Haus verlassen. So ist es meistens. Sollte ich hingegen liegen bleiben, verpasste ich einen wichtigen Termin. Und das – das war mir klar – würde Konsequenzen haben. Solche, die ich nicht gebrauchen konnte. Dafür aufzustehen, das schaffte ich an diesem Tag dennoch nicht.
Die Diskussion, die verschiedene Teile in mir führten, dauerte insgesamt fünf Stunden. Ich durchbrach diesen Teufelskreis nur, weil ich nicht ins Bett machen wollte. Denn das hätte bedeutet, dass ich mich nicht wieder hätte hineinlegen können… Eine schockierende Wahrheit, die ich nicht verstehe, die mir aber wenigstens bewusst ist.

Warum das, verdammt noch mal, nicht für jeden nachvollziehbar ist? Liegt auf der Hand, oder? Ich kann doch nicht von anderen Verständnis erwarten, das ich selbst nicht aufbringen kann. Das, was sich abgespielt hat, ist so abstrus, so fern jeder Logik, dass ich es selbst nicht verstehe – obwohl ich Protagonistin dieses traurigen Schauspiels war. Es fühlte sich an, als würde ich die Kontrolle sowohl über meine Gedanken als auch über meinen Körper verlieren. Zumindest kann ich mir nicht erklären, warum sich mein Bein nicht seitwärts aus dem Bett bewegte, als ich es darum gebeten habe.

Die Gefühle, die mich an diesem Morgen begleiteten, spielten die Hauptrolle in meinem persönlichen Drama. Sie waren kaum auszuhalten und füllten den Raum mit Lethargie und Verzweiflung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich aktiv werde, war hoch und doch erschien es mir unmöglich, mich zu bewegen. So als wäre ich gefesselt, als würde ich keine Luft mehr bekommen aufgrund des Drucks, der sich schwer auf mich legte. Jedes Wort, das ich verwende, um diesen Zustand zu beschreiben und greifbar zu machen, würde seinen Zweck nicht annähernd erfüllen.

Am späten Nachmittag dieses Tages zog ich mich an, weil ich verabredet war. Der Unterschied war, dass sich jemand auf mein Erscheinen verlassen hatte. Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit verändert die Situation, wenn ich nicht mehr die einzig Involvierte bin. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, saß ich eine weitere Stunde auf meinem Bett und drohte, niemals wieder aufzustehen. Erst, als ich mir lange genug sagte, dass jemand auf mich wartet, stand ich auf und fuhr los.
Die Verabredung, die folgte, war schön. Überraschend war das jedoch nicht. Ich wusste bereits zuvor, dass sie mir gut tun würde. Auch, als ich noch auf dem Rand meines Bettes saß und verzweifelt darüber nachdachte, warum ich nicht endlich aus der Tür ging.
Als ich danach mit dem Auto nach Hause fuhr und einen Parkplatz fand, wiederholte sich das Spiel. Insgesamt saß ich knapp 2,5 Stunden in meinem Auto und beobachtete regungslos die Menschen, den Verkehr und die untergehende Sonne. Erst, als ich zur Toilette musste, stieg ich langsam aus und stapfte nach oben in meine Wohnung.

Außenwirkung – ein halboffener Umgang

Wo warst du gestern?“, fragte man mich am nächsten Tag. Und obwohl ich einen offenen Umgang mit meiner Erkrankung pflege, habe ich diese Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortet. Nicht, weil ich mich dafür schämte, sondern weil ich keine Energie hatte, etwas zu erklären, das mir doch selbst so fremd erschien.
Zudem ist es so, dass ich mir die Depression nicht ins Gesicht tätowiert habe. Damit meine ich: Ich laufe nicht (mehr) durch die Gegend und lebe meine inneren Gefühle jederzeit sichtbar aus. Die letzten Jahre habe ich gelernt, mein Innenleben in den meisten Situationen auch innen zu lassen. Nicht, um zu verdrängen, sondern einfach, weil es mir mit dem privateren Umgang (außerhalb des Internets zumindest) besser geht. Und auch, weil dieser den Menschen in meiner Umgebung leichter fällt. Früher konnte ich das nicht: Ich weinte viel und stieß andere Menschen fern, weil ich sie, so weiß ich heute, natürlich auch mit der Situation überforderte. Das passierte nicht absichtlich, doch so weitergehen konnte es auch nicht. Deshalb war es harte Arbeit und dauerte sehr lange, bis ich zumindest nach außen hin stabiler wirkte.

Das sieht man dir gar nicht an“, ist eine Reaktion, die ich seitdem öfter zu hören bekam, wenn ich doch mal über Schwierigkeiten und Probleme erzählte. Das ist okay. Ich finde es gut, dass ich einen Weg gefunden habe, einen Alltag zu führen, der einen Fokus auf meine Person zulässt, ohne dass dieser ständig durch meine Erkrankung definiert ist oder überdeckt wird. Allerdings muss ich bei einem halboffenen Umgang eben auch damit rechnen, öfter mit Unverständnis konfrontiert zu werden. Denn manche Informationen lassen sich für Bekannte auch schlechter vereinbaren mit der Person, die ich nach außen trage.
Das hat viel mit den Erwartungen und Vorstellungen von Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten zu tun, die viele von depressiven Menschen haben. Die persönliche Wahrheit scheint sehr streng an das geknüpft zu sein, was man sieht. Sei es ein Blut- oder Röntgenbild, eine Träne oder ein Gesichtsausdruck. Das ist „menschlich“, auch wenn ich das Wort nicht mag. Deshalb ist es eben auch so schwierig, Aufklärung hinsichtlich psychischer und in gewisser Weise unsichtbarer Erkrankungen wirksam zu betreiben. Aber das ist ein Fass, das ich bereits in anderen Beiträgen aufmachte.

Ich glaube, dass psychische Erkrankungen niemals an den Punkt gelangen, an dem sie wie ein gebrochenes Bein behandelt werden. Einfach, weil Gefühle so individuell sind und sie sich manchmal außerhalb des Logikbereichs austoben. Deshalb habe ich mir abgewöhnt, immerzu Verständnis zu erwarten für eben solche Situationen, die jener ähneln, die ich hier beschrieben habe. Nur auf Akzeptanz – auf die verzichte ich nicht.

Und die Moral von der Geschicht‘: Mir fällt kein guter Reim ein...

Sonntag, 17. März 2019

Blog-Parade zum Thema "Trost"


Jessica, Psychologin in Tübingen, ruft auf ihrem Blog Psycho-Psyche-Therapie zur Blog-Parade zum Thema "Trost" auf. Hieran habe ich mich sehr gerne mit folgendem Text beteiligt :-) 

Trost...

Als ich klein war, bin ich oft mit meinem City-Roller durch die Straßen gefahren. Ich sauste Abhänge hinab und versuchte, über Bordsteine zu springen. Stolz präsentierte ich die Tricks, die ich ausdauernd einstudiert hatte. Und dann fiel ich hin. Ich war so unglücklich gefallen, dass ich mir meine Knie blutig scheuerte und bitterlich weinte. Solange, bis jemand kam, sich zu mir hinunterbückte und pustete. Ich bekam eine dicke Umarmung und ein Bärchen-Pflaster. Der Schmerz wurde dadurch nicht weniger – und doch fühlte ich mich besser. Ich wurde getröstet.

Trost. Ein schönes Thema. Und ein wichtiges. Ich bin nicht mutig, wenn ich behaupte, dass wir alle im Laufe unseres Lebens schon einmal getröstet wurden. Doch was genau ist Trost überhaupt und warum benötigen wir ihn?

Trost verstehen als ein Gefühl

Als ich der Aufgabe gegenüberstand, über Trost zu schreiben, stellte ich sie mir nicht schwierig vor. Schließlich war ich mir sicher, zu wissen, was das für mich bedeutet. Doch als ich zum Schreiben ansetzte, bemerkte ich, dass mir die Worte fehlen. Immer wieder löschte ich die Zeilen und glaubte, dass ich keinen meiner Gedanken zu dem Thema treffend beschreiben konnte. Nach langem Überlegen fiel mir dann auf, dass diese Wortlosigkeit Ausdruck dafür war, was Trost für mich bedeutet: Trost ist für mich in erster Linie ein Gefühl. Ein Gefühl, das ich mir entweder selber geben kann oder eines, das mir von außen übermittelt wird. Dieses Gefühl kann die Situation, die mich leiden lässt, nicht verändern – und doch kann es das Leid an sich verringern. Trost nimmt es mir nicht, doch es hilft mir, es zu tragen.

Zudem löst Trost weder unsere Probleme, noch lenkt er uns von ihnen ab. Im Gegenteil: Er wirkt direkt auf das Leid ein, das wir erfahren. Wenn ich zwischen den Zeilen lese, dann sehe ich darin: 
 
Zusammenhalt. Verständnis. Halt. Zuversicht. Geborgenheit. Hilfe. Schutz. Ermutigung. Zuwendung. Mitgefühl. Etwas, das man sich selbst geben kann und auch jenes, das durch andere Menschen übermittelt wird. 
 
So auch damals, als ich mit meinem Roller stürzte. Oder als ich aufs Steißbein fiel und wochenlang nicht richtig sitzen und laufen konnte. Als ich meine Lieblingsjacke im Bus vergaß oder auf Klassenfahrt großes Heimweh hatte. Schmerz, Leid und Trauer haben unendlich viele Gesichter. Doch jede Träne kann sich verkleinern, wenn der Trost sie besuchen kommt.

Trost ist immer subjektiv und situationsgebunden

Heutzutage spielt Trost eine ebenso große Rolle für mich wie in jungen Jahren. Eigentlich, so fällt mir auf, hat sich daran überhaupt nichts verändert. Zwar bin ich nun erwachsen geworden und sicherlich mit anderem Leid konfrontiert als noch vor 20 Jahren. Und ich bestehe auch nicht mehr darauf, dass man mit mir in höheren, kindlich-quietschenden Oktaven spricht, wenn man mich trösten möchte. Doch ganz ehrlich: Wenn ihr pusten möchtet, nachdem ich mich beim Hinfallen verletzt habe, dann lasst euch nicht aufhalten. Eine Umarmung nehme ich auch immer noch sehr gerne in Anspruch. Und wenn mir jemand grinsend ein Bärchen-Pflaster anbietet – her damit! Zumindest dann, wenn es zur Aufheiterung dienen soll und zur Situation passt. 
 
Anders ist es hingegen, wenn ich um den Verlust eines Menschen trauere oder mit einer schweren depressiven Phase kämpfe. Ein Pflaster wäre in dieser Situation wahrscheinlich, naja, schwierig. Tröstend wäre für mich dann viel mehr eine feste Umarmung und ein herzliches „Scheiße!“. Trost ist – und darauf möchte ich hinaus – von den unterschiedlichen Bedürfnissen eines jeden Menschen abhängig. Ich kenne Personen, die Körperkontakt grundsätzlich eher als unangenehm empfinden. Dementsprechend ist Trost sowohl individuell als auch situationsgebunden.

Ich könnte so viel mehr darüber schreiben. Über tröstende Sätze, Gesten, Gedanken, Handlungen. Doch mir ist nicht danach. Je mehr Worte ich finde, desto näher komme ich einer Grenze, die ich nicht überschreiten möchte: Der Grenze, bei der ich Menschen über einen Kamm schere und entscheide, was für sie tröstend ist und was nicht. Welche Worte tröstend sind und welche das Gegenteil bewirken könnten. Was man als Tröstender tun und beachten sollte – und was nicht. 

Trost ist facettenreich und kann so vieles sein, nur eben nicht für jeden gleichsam. Seien es aufbauende Worte, eine schützende Umarmung oder eine liebevolle Geste. Die Verbindung zu einem Gott, eine erdende Meditation, ein Spaziergang in der Natur. Ein „Alles wird gut“ oder ein „Das ist wirklich eine besch*** Situation“. Das Schnurren der Katze oder das Ankuscheln des Hundes. Für jeden kann Trost etwas anderes bedeuten – und doch erzeugt es immer dasselbe Gefühl. Und auf dieses Gefühl kommt es an.

Titelbild: (c) Mightyhansa, Water droplet on a leaf, Kontrast, Ausschnitt, Hinzufügen von Text von Jeca (Psychologik-Blog), kreiert mit canva (www.canva.com), Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dienstag, 5. März 2019

Die Geschichte des Lebens nun als vertonte Version bei YouTube

Die Geschichte des Lebens - nun auch als vertonte Version bei YouTube zu finden. In der Kurzgeschichte geht es um eine alte Frau und das Leben und ist inspiriert von "Das Märchen der traurigen Traurigkeit" von Inge Wuthe.

Ich würde mich freuen, wenn ihr mal reinhört und mir, wenn euch das Gehörte gefällt, ein "Like" hinterlasst :-) 
 


Freitag, 1. März 2019

Die Geschichte des Lebens

Es war ein weit entfernter, vereinsamter Wald. Grauer Nebel zog kilometerweite Schleier, Regen drang durch die triste, verwahrloste Landschaft. Schon lange bahnte sich kein Lichtstrahl mehr in sein tiefstes Inneres. Doch eines Tages bestritt eine mutige Frau den langen Weg entlang der Dunkelheit. Ihr sonnengelber Schirm verscheuchte jedes Nass, ihr Gang war furchtlos und stark.
Nach langem Marsch entdeckte die alte Frau eine kleine, dunkle Höhle. Fast lautlos vernahm sie das pulsierende Herz, das in dem Inneren traurig schlug. Vorsichtig ging sie hinein und blickte in verschreckte Augen.
„Wer ist da?“, fragte die Frau behutsam und setzte sich auf die feuchte Erde. Ihre ruhige Stimme klang vertraut.
„Ich“, ertönte es leise, „Ich bin das Leben.“
Die Augen der Frau fingen an zu leuchten.
„Was machst du hier? Bist du denn nicht einsam?“, fragte die alte Frau und rückte näher.
„Doch“, antwortete das Leben, „ich bin einsam. Schon vor langer Zeit lief ich davon, so weit mich meine Füße tragen konnten. Seitdem sah ich niemanden mehr. Das macht mich sehr traurig, doch mir geht es besser hier. Es ist furchtbar dort draußen.“ Das Herz pochte nun nicht mehr vor Angst. Es raste vor Kummer und Wut.
„Sag‘ mir, Kleines, wovor liefst du davon?“ Die alte Frau streichelte zaghaft die Schulter des Lebens. Kaum noch Haut legte sich über die knöcherige Gestalt, sie wirkte kraftlos und von Kälte geschunden.
„Vor den Menschen“, erwiderte das Leben mit tiefsitzender Bitterkeit. „Weißt du, es scheint, als würde mich jeder unbedingt wollen, doch niemand weiß mich wirklich zu schätzen. Die Menschen kratzen sich gegenseitig die Augen aus. Doch die Wunden“, erklärte das Leben mit nun brüchiger Stimme“, „die Wunden, die trug ich.“
Die alte Frau nickte verständnisvoll und strich dem Leben eine Träne aus dem Gesicht.
„Das ist nicht alles. Sie führten grundlos Kriege und gaben mir die Schuld. ‚Scheiß Leben‘, sagten sie dann, bis ich ihnen glaubte. Von vielen wurde ich verbannt und ihr Hass stieß mich harsch hinfort. Ich weiß, dass ich nicht immer gerecht war. Und manche Menschen hassten mich zurecht. Doch auch das, was ich jedem gleichsam lehrte, das berührte sie nicht mehr.“
„Mein liebes Leben, was lehrtest du den Menschen?“, fragte die alte Frau neugierig. Ihre zarten Hände schmiegten sich behutsam um die weinende Gestalt.
„Ich lehrte sie, zusammenzuhalten. Ich gab ihnen Individualität, Unterschiede, verschiedene Eigenschaften. Damit sie verstehen, dass jeder besonders, aber deshalb nicht besser oder schlechter ist. Sie sollten lernen, den Wert in sich selbst zu erkennen, doch auch den der anderen Menschen. Viele hatten nicht die selben Voraussetzungen – das konnte ich ihnen nicht bieten. Und ja, manche musste ich vernachlässigen, um mich anderen zu widmen. Doch ihr Hass richtete sich nicht allein gegen mich – er richtete sich gegen den Menschen. Und dann entwickelten sie Neid und Missgunst.“ Das Leben blickte nun traurig zu Boden, der Schmerz war deutlich zu spüren.
„Damit zerstörten sie nicht nur meinen Anteil an ihrem eigenen Dasein, sondern sie erschufen eine Welt, in der es um Hierarchien, Konkurrenz und um Auf- und Abwertungen ging. Mit jedem Schlag, den sie gegen sich ausholten, hielt ich meinen Kopf gleich mehrmals hin. Immer mehr von ihnen verloren die Verbindung zu mir. Bis ich mich entschied, davonzulaufen. Ich ließ ihnen eine Fläche, auf der sie ‚sein‘ konnten. Was sie mit ihr machen, das liegt nun allein bei ihnen.“
„Ich verstehe“, flüsterte die alte Frau und nahm das Leben tröstend in den Arm. „Es tut mir sehr leid, dass es dir so schlecht geht. Doch ich habe lange nach dir gesucht...“ Das Leben schaute überrascht auf, sein Herz schlug wieder schneller.
„Nach mir?“, fragte es ungläubig. Es hatte doch lang niemand nach ihm gefragt.
„Ja“, antwortete die Frau. „Auch ich habe Probleme, die Menschen zu erreichen.“ Sie lächelte, als sei das eine aufbauende Nachricht. Doch dann erzählte sie weiter.
„Seitdem du weg bist, versinkt die Welt im Chaos. Den Menschen fehlt zunehmend der Sinn. Ich habe versucht, ihnen zu helfen und zeigte ihnen, dass sie die falsche Richtung einschlugen. Doch sie verstehen nicht, dass es kein Leben ist, wenn man es auf Kosten anderer führt. Sie glauben, dass sie Glück bekommen, wenn sie es jemandem nehmen und dass sie nur stark sind, weil es woanders Schwäche gibt. Ich brauche deine Hilfe.“
Lange denkt das Leben über die Worte der alten Frau nach.
„Aber sag‘ mir, was kann ich bloß tun?“ Der Zweifel lässt den Boden vibrieren.
„Zeig‘ ihnen, dass es sich lohnt, gut zu sein. Lehre sie, dass Harmonie und Mitgefühl stärker sind als Hass und Furcht. Dann kann ich sie mit dem Gefühl belohnen, nach dem sie sich eigentlich sehnen.“ Die alte Frau steht langsam auf und reicht dem Leben die Hand, um ihr zu folgen. Doch bevor das Leben nach ihr greift, hat es noch eine letzte Frage.
„Sag‘ mir noch, wer bist du eigentlich?“
„Ich...“, antwortete die Frau mit einem Lächeln. „Ich bin die Liebe.“


Eine Geschichte von Madeline Albers, inspiriert von "Das Märchen von der traurigen Traurigkeit" von Inge Wuthe.

Samstag, 16. Februar 2019

Die Macht der Worte - Vorurteile bei psychischen Erkrankungen

So, nun ist es auch mir passiert. In der Vergangenheit schrieb ich schon oft über Vorurteile hinsichtlich psychischer Erkrankungen und auch über Sätze, die manchmal unbedacht fallen und aus Unwissenheit oder eben diesen Vorurteilen resultieren können. Sätze, unter denen Betroffene leiden, weil sie sich nicht verstanden fühlen.

Die Macht der Worte...

Stell‘ dich nicht so an!“
Denk‘ doch mal positiver.“
Das ist alles Einstellungssache.“
Lach‘ doch mal.“
Du musst mehr an die frische Luft.“

Dies sind nur ein paar Beispiele für die typischen Sätze, die Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht selten zu hören bekommen.

Was ich immer betont habe: Ich habe großes Glück mit meinem sozialen Umfeld, weshalb ich persönlich so gut wie nie mit solchen Aussagen konfrontiert wurde. Die Menschen, die mir wichtig sind, begegneten mir immerzu mit großem Verständnis, Weitsicht und Empathie. Das ist sicherlich und leider nicht selbstverständlich und ich bin sehr froh darüber, dass ich bis zuletzt kaum in die Lage geriet, mit eben solchen Vorurteilen einen Umgang finden zu müssen.

Ich kenne jedoch auch einige Menschen, die dieses Glück nicht immer hatten. Durch ihre Geschichten konnte ich mir gut vorstellen, wie es sein muss, solch offensichtlichem Unverständnis zu begegnen. Viele fühlten sich, als müssten sie sich rechtfertigen, als müssten sie sich erklären. Es scheint unfair, denn gerade bei körperlichen Erkrankungen ist es kaum möglich, in eine solche Lage überhaupt erst zu geraten. Bei psychischen Krankheiten hingegen kann man solchen Aussagen nicht antworten, indem man seine Blutwerte zückt oder anhand eines Röntgenbildes erklärt, was genau dort gerade nicht in Ordnung ist. Somit werden viele Erkrankte in die nicht gewollte Rolle des Beweispflichtigen gedrängt. Das kann sehr belastend sein.

Selbsterfahrung: Check ✅

Meine Vorstellungskraft hinsichtlich solcher Sätze bekam nun kürzlich ein kleines Update. Die positive Nachricht: Ich kann nun auch aus eigener Erfahrung berichten. Die negative Nachricht: Ich konnte mit der neuen Erfahrung zunächst schlechter umgehen, als ich zuvor vermutet habe.

Eigentlich ging ich immer davon aus, dass ich mit diesem Thema solch viele schöne Erfahrungen gemacht habe, dass mich ein vorurteilsbehafteter Satz nicht sonderlich aus der Bahn werfen würde. Schließlich kenne ich genügend Menschen, bei denen ich mir überhaupt keine Gedanken darum machen muss, jemals überhaupt mit einem Vorurteil konfrontiert zu werden.
Jetzt kann ich zu dieser Erfahrung sagen: Das war nicht cool. Das war überhaupt nicht cool.

Innere Konflikte und Schwierigkeiten in der Ausbildung

Vor einem guten halben Jahr begann ich meine Ausbildung an einer Heilpraktiker-Schule in Bremen. Gerade dann, wenn ich psychisch schlechtere Phasen habe, fällt es mir sehr schwer, einen langen Tag durchzustehen und die Konzentration aufrecht zu erhalten. Wenn wir mittwochs von 9:00 Uhr morgens bis 21:30 Uhr abends Schule haben (natürlich mit einigen Pausen zwischendurch), dann muss ich mich mental so vorbereiten und strukturieren, dass ich dem Großteil des Unterrichts folgen kann. Das ist eine Herausforderung, der ich nicht immer gewachsen bin.
Zudem bin ich gezwungen, an vielen Abenden Medikamente einzunehmen, die mich emotional etwas dämpfen. Ihre Wirkung zeigt sich jedoch auch am nächsten Tag: Manchmal bin ich einfach sehr müde, oftmals aber auch richtig gerädert.

An einem Mittwoch war so ein Tag. Ich schlief schlecht und war aufgrund der Medikamente furchtbar kaputt. Kopfschmerzen kamen hinzu und der innere Kloß im Hals wurde größer und größer. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Schultag bis zum Ende durchhalten konnte. Das stieß nicht nur auf Verständnis:

Stell dich nicht so an!“

Autsch. Das war in dieser Situation ein Volltreffer, der mich ziemlich ins Wanken brachte. Besonders dann, wenn das Gegenüber über die Hintergrunde Bescheid weiß. Meine innere Reaktion auf die Aussage überraschte mich dennoch, weil ich weiß, dass ich mich nicht anstelle. Im Gegenteil: Ich bin ziemlich stolz darauf, etwas zu schaffen, das noch vor zwei Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Und obwohl sich meine innerliche Situation nicht massiv gebessert hat, ist mein Umgang damit doch ganz anders geworden. Die veränderte Einstellung ermöglichte es mir, mich für eine solche Ausbildung zu entscheiden.

Obwohl ich mir dessen bewusst bin, trifft mich ein solcher Satz. Vielleicht, weil ich noch nicht selbstsicher genug bin? Vielleicht aufgrund der Enttäuschung darüber, nicht verstanden worden zu sein? Vielleicht aber auch einfach deshalb, weil der Kampf mit dem Leben viel zu real und fühlbar ist, um zu ertragen, ihn von jemanden in die Schublade der „Schwäche“ legen zu lassen.

Ich schreibe diesen Text aber nicht aus Wut oder Enttäuschung. Ich schreibe ihn als Appell:

Seid achtsam. Sprecht miteinander und hört den Menschen in eurem Umfeld gut zu. Achtet auf eure Wortwahl. Seid ehrlich, aber auch bedacht. Habt Verständnis, denn jeder ist unterschiedlich. Leidensdruck ist individuell. Helft dabei, Vorurteile auszuräumen. Informiert, klärt auf, erzählt. Reicht euch die Hand – und nicht den Ellbogen.

Unverständnis ist nicht immer böse Absicht. Es rührt oftmals einfach nur daher, dass derjenige, der die Aussage trifft, wirklich nicht versteht oder nachvollziehen kann, welchen Leidensdruck der Betroffene spürt. Deshalb ist es auch für uns wichtig, geduldig zu sein und zu erklären. Wenn wir daraufhin auf offene und interessierte Ohren stoßen, dann ist schon viel geschafft. Wenn nicht – dann müssen wir einen anderen Umgang damit finden und für uns die Konsequenzen schließen, die uns schützen.