Freitag, 28. September 2018

Suizidgedanken - Ein ganz privater Einblick

Wenn – besonders im öffentlichen Diskurs – über Depressionen gesprochen wird, dann darf ein bestimmtes Thema nicht ausgeklammert werden: Suizidalität.
Nicht jeder Depressive leidet unter Suizidgedanken und nicht jeder Suizid ist Folge einer depressiven Erkrankung. Dennoch: Selbstmordgedanken gehören zu einem möglichen Symptom der Depression. Auch darüber muss gesprochen werden.

Ein sehr ehrlicher Text über die Gedanken, die niemand haben will.

Die dunklen Gedanken

Ich leide seit Jahren immer mal wieder unter Suizidgedanken. Mal mehr, mal weniger. Und um ehrlich zu sein: Dass ich diesen Text zu diesem Zeitpunkt schreibe, ist ein angewandter Skill. Skills sind Hilfsmittel, um mit hohen Spannungszuständen umzugehen und die Anspannung so gut es geht zu minimieren. Das können z.B. eine eiskalte Dusche, ein Stein im Schuh oder bestimmte Düfte sein. Ich habe unter anderem gelernt, das Schreiben als eine Hilfe zur Spannungsreduktion zu benutzen. Das funktioniert nicht immer, aber sicher immer öfter. Zudem stellt es für mich eine Möglichkeit dar, Sinn zu schaffen. Wenn ich Selbstmordgedanken habe, dann habe ich kaum noch Hoffnung und sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben – das Schreiben gibt mir Sinn, wenn auch an anderer Stelle.

Suizidgedanken – wie fühlt sich das an?

Ganz egal, was ich schreibe – kein Wort könnte je das beschreiben, was ich in solchen Momenten fühle. Niemals. Und doch ist es wichtig, einen Eindruck zu geben, der dem möglichst nahe kommt. Um aufzuklären, zu sensibilisieren und zu zeigen, dass der Selbstmord kein egozentrischer Akt ist. Und um in dieser Hinsicht mal eines klar zu stellen: Wenn sich ein lieber Mensch suizidiert, dann haben wir das Recht, wütend zu sein. Wir dürfen traurig sein und wir dürfen verdammt noch mal unglaublich sauer darüber sein, dass uns ein Mensch allein gelassen hat, der uns doch so viel bedeutet hat. All das sind Gefühle, die ihre Berechtigung haben.

Bei Schuldzuweisungen sieht das, aus meiner persönlichen Sicht, hingegen anders aus. Es gibt keinen Menschen, der sich selbst aus egoistischen Gründen das Leben nimmt – denn Egoismus endet an der Stelle, an dem auch das Leben sein Ende hat. Was jeder verstehen muss: Der Suizid ist ein Akt, dem Gefühle vorausgehen, die so heftig sind, dass derjenige sie nicht mehr ertragen konnte. Es spielt keine Rolle, wie viele Freunde und Familienangehörige präsent sind und wie viele von ihnen man allein lässt. Zumindest nicht aus Sicht der Person, die seinem Leben aktiv ein Ende setzt. Niemand bringt sich um, um seinen Liebsten wehzutun. Es ist Ausdruck größter Verzweiflung, dem eigenen Leben nicht mehr standhalten zu können.
Ich kann keine allgemeingültigen Aussagen über die Gefühle treffen, die ein Mensch mit Suizidgedanken hat. Ich kann jedoch sehr wohl über meine Gefühle in einer solchen Situation sprechen. Und nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Das mache ich nicht gerne. Wahrscheinlich ist das der privateste Einblick, den ich überhaupt von mir geben kann. Doch neben der Tatsache, dass die Aufklärungsarbeit auch hier enttabuisieren muss, sehe ich auch, dass es hilft, den Worten manchmal freien Lauf zu lassen.

Ein ganz privater Einblick

Hoffnung bedeutet für mich, irgendetwas in der Zukunft zu sehen, für das es sich lohnt, weiterzumachen. Den Kampf gegen die Depression aufzunehmen und Gefühle, die ich nicht haben will und die doch präsent sind, auszuhalten. Hoffnungslosigkeit ist für mich das schlimmste Gefühl, das es gibt. Ich vertraue weder mir noch dem Schicksal. Ich fühle mich hilf- und machtlos. Ich sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben.
Andere Gefühle gesellen sich dazu: Trauer, Wut, Verzweiflung, Angst. Die Mischung führt dazu, dass sich meine Kehle zuschnürt. Ich habe dauerhaft das Gefühl, als würde sich eine Schnur immer enger ziehen und der Kloß im Hals immer dicker werden. Das verfärbt jeden Moment meiner Gegenwart und ich denke nur noch daran, dass ich diesen Zustand nicht mehr aushalten kann. Und wenn das Leben für mich bereit hält, immer wieder mit solchen Gefühlen konfrontiert zu werden, dann fühle ich mich nicht stark genug für diese Herausforderung. Diese Gefühle und Gedanken zerreißen mich von innen, als würde sich ein Parasit durch alles fressen, was ich bin. Ich winde mich, als würde ich mit den stärksten Krämpfen nur noch darauf warten, dass es endlich vorbei ist. Nur, dass diese Krämpfe eben einen innerlichen Schmerz darstellen, der nicht sichtbar ist.
Wenn ich mich in diesem Zustand befinde, dann gibt es keine Gedanken an mögliche Hinterbliebene oder an Personen, die ich mit dem Freitod schaden oder verletzen würde. Es geht nur noch darum, den Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Es geht nicht mehr darum, warum es so ist wie es ist. Es geht darum, dass es aufhört, so zu sein. Es soll einfach nur aufhören.

Ich habe die Diagnosen rezidivierende depressive Störung und Dysthymie bekommen. Die Dysthymie ist eine über Jahre lang gedrückte Stimmung. Das bedeutet für mich, dass ich akzeptieren muss, dass ich immer dazu neigen werden, in depressive Verhaltensweisen oder Gedanken zu verfallen. Und das bedeutet auch, dass ich keine wirklichen Erholungsphasen habe. Über alles legt sich eine Art graue Schleier.
All das habe ich akzeptiert. Ich merke selbst, auch ohne die dazugehörigen Diagnosen, dass es etwas gibt, das mich immer wieder überwältigt, ohne dass ich direkten Einfluss darauf habe. Ich könnte damit leben, wenn ich die Auswirkungen soweit in Schach halten könnte, dass ich einen Umgang damit finde. In Momenten, in denen ich an den Freitod denke, habe ich das Gefühl, dass ich dem nicht mehr standhalten kann. Ich fühle mich so hilflos, dass mir das Ende besser vorkommt, als erneut dagegen anzugehen. Auf der anderen Seite habe ich unglaubliche Angst vor dem Danach. Und auch davor, eine Zeit zu verpassen, in der es mir doch noch dauerhaft besser gehen kann.

Wie so eine Situation aussieht? Ich weiß von meiner ehemaligen Mitbewohnerin, dass sie Angst hatte, sie würde mich nicht mehr lebend aus meinem Zimmer kommen sehen. Als ich das erfahren habe, war ich schockiert. Nicht darüber, dass sie diese Möglichkeit in Betracht zog – sondern darüber, dass die Situation so extrem war, dass sie als Außenstehende eine wirkliche Angst davor entwickeln konnte. Im Nachhinein tut es mir furchtbar leid, sie in eine solche Situation gebracht zu haben – andererseits wüsste ich auch nicht, wie ich sie davor hätte bewahren können. Denn ich war nicht mehr insoweit Herr meiner Sinne, als dass ich darauf noch großen Einfluss gehabt hätte.

Oftmals beginnt es schon beim Aufwachen. Vielleicht habe ich schlecht geträumt, vielleicht wache ich auch einfach so schon zittrig auf. Das Zittern ist Ausdruck einer immensen Anspannung, die ich in jeder Pore meines Körpers spüre. Sowohl das Atmen als auch das Schlucken fällt mir unglaublich schwer. Wenn ich bereits mit diesen Gefühlen aufwache, dann schaffe ich es nicht mehr, mir bewusst zu machen, was ich bereits alles geschafft habe. Der einzige Gedanke ist: Ich halte den momentanen Zustand nicht aus. Der Druck ist so groß, dass ich das Bedürfnis habe, mich selbst zu verletzen. Das ist der alternative Weg, den ich sehe, wenn ich Schlimmeres verhindern will. Oftmals schaffe ich es, beruhigende Medikamente zu nehmen. Sie machen mich müde und schalten meinen Kopf und meine Gedanken ab. Es gab jedoch auch Momente, in denen ich das nicht mehr geschafft habe. Aus ihnen resultierten unschöne Narben, für die ich mich lange Zeit geschämt habe. Inzwischen bin ich seit langer Zeit frei von selbstverletzendem Verhalten, jedoch nicht von Suizidgedanken, die mich immer mal wieder besuchen kommen.

Gründe für die suizidale Handlung

Die Gründe für den Suizid einer bestimmten Person sind, zumindest im öffentlichen Diskurs, vollkommen irrelevant. Denn wozu führt es, wenn wir von den Gründen von Robert Enke († 10. November 2009) oder Chester Bennington († 20. Juli 2017) erfahren? Wir fangen an, zu vergleichen. Vergleiche machen keinen Sinn, wenn wir das Innenleben einer Person und deren individuellen Leidensdruck nicht kennen. Psychische Erkrankungen sind so individuell, dass sich keine Vergleiche ziehen und somit auch keine allgemeingültigen Aussagen treffen lassen. Ich finde es deshalb nur sinnvoll, über mögliche Ursachen zu sprechen – niemals jedoch die individuellen Gründe in der Öffentlichkeit und im Rahmen der Aufklärungsarbeit zu thematisieren. Deshalb werde ich auch niemals öffentlich meine persönlichen Gründe sowohl für die Depression als auch für das Entstehen von Suizidgedanken zum Thema machen.

Was will ich eigentlich damit sagen

Ich möchte hiermit den Suizid nicht beschönigen. Im Gegenteil: Ich rate jedem dazu, der unter Suizidgedanken leidet, sich professionelle Hilfe zu holen. Ein erster Schritt könnte sein, zu seinem Hausarzt zu gehen und die Problematik offen anzusprechen. Es gibt viele Therapiemöglichkeiten, um Depressionen und Suizidgedanken zu behandeln und zu bekämpfen. Niemand steht dem komplett allein entgegen. In dieser Tatsache zeigt sich nur leider das Paradoxe der Erkrankung: Niemand würde einem Menschen mit Beinbruch sagen, er solle ins Laufen kommen, dann würde das schon werden. Man würde ihm raten, sich zu schonen, sein Bein hochzulegen und sich auszuruhen, bevor er wieder langsam beginnt, das Bein zu belasten. Einem depressiven Menschen, der Probleme hat, Antrieb aufzubringen und aktiv zu sein, kann man nicht sagen: „Okay, ruh‘ dich erst mal aus, bis es dir besser geht.“ Depressive Menschen sind gezwungen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Antriebslosigkeit muss mit Antrieb bekämpft werden. Das klingt widersprüchlich – und das ist es auch. Doch es ist in der Regel nicht damit getan zu sagen: „Die Zeit heilt alle Wunden!“ Genau das dachte ich, kurz bevor ich mein Studium abbrechen musste. Als ich meine erste 5,0 kassierte, weil ich meine Hausarbeit nicht geschrieben und abgegeben hatte, war ich gezwungen einzusehen, dass die Zeit eben nichts heilt, so lange ich nicht unterstützend aktiv werde. Erst, als ich zu meiner Ärztin gegangen bin, hat sich begonnen, etwas zu verändern.

Zudem möchte ich zeigen, dass das ein Thema ist, für das man sich nicht schämen darf. Ich finde es unglaublich traurig, dass die Depression immer noch ein Thema ist, das oftmals mit Schwäche in Zusammenhang gebracht wird. Ich habe in den letzten drei Jahren einige Menschen kennengelernt, die mir sagten, dass es ihnen nicht gut geht. Doch es war ihnen unangenehm, was Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen oder Schulkameraden denken würden, wenn sie sich therapeutisch behandeln ließen. Die Depression ist aber leider eine Erkrankung, die auch tödlich verlaufen kann. Hiervor ein Tabu zu setzen, ist das Gefährlichste, was Betroffenen passieren kann – denn viele trauen sich nicht – wie diese Beispiele zeigen – aktiv zu werden, wenn andere davon Wind bekommen könnten.

Egal, was noch passiert: Die beste Entscheidung meines Lebens war, mich in Therapie zu begeben und meine Probleme aktiv und reflektiert anzugehen. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich heute nicht mehr am Leben. Wenn das nur einem Menschen zeigen könnte, dass es sich lohnt, aktiv zu werden und sich nicht für Gefühle und Gedanken zu schämen – dann hätte ich schon viel erreicht.


Dienstag, 11. September 2018

Hass, Abwertung, Diskriminierung – warum tun wir so etwas?

Es reicht. Ich habe so viele unaufhaltsame Gedanken im Kopf, die sich zu Worten formen wollen. Und diese wiederum wollen ausgesprochen werden. Denn wenn ich mir die Nachrichten der letzten Wochen anschaue, dann bleibt eine Frage einsam und unbeantwortet im Raum stehen:

Warum sind wir bloß so voller Hass?

Am Sonntag, den 9. September 2018, verbreitete sich die Nachricht, Daniel Kaiser-Küblböck sei von der Reederei Aida Cruises gesprungen und gelte seitdem als vermisst. Daraufhin dauerte es nicht lange, bis Mutmaßungen über seine Person, seinen Gesundheitszustand und die letzten Stunden an Bord aufkamen. Hatte er suizidale Absichten? Warum wurde er kurz zuvor in Frauenkleidern abgelichtet? Hatten seine Beweggründe mit einer Mobbing-Vergangenheit zu tun? All das ist inzwischen der „normale“ Ablauf einer Berichterstattung und wenig überraschend.

Wirklich schockierend waren hingegen die unzähligen Leserkommentare, deren Abscheulichkeit sich kaum in Worte fassen lässt. Selbst einige Nachrichtenportale berichten bereits fassungslos über die Vielzahl an abwertenden und diskriminierenden Kommentaren, die sie unter ihren Artikeln lesen mussten.
Daniel galt seit seiner Teilnahme bei der ersten Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ als „Paradiesvogel“. Er war eine bunte, polarisierende Persönlichkeit. Viele Menschen nehmen das nun zum Anlass, auch nach der Meldung seines Verschwindens Witze auf Kosten eben dieser zu machen:

Der Koffer mit den Frauenkleidern ist über die Schiffsreling gefallen. Schnell hinterher gesprungen, sonst ist der Koffer weg.“
Auch wenn alle empört tun, ich würde es zum Kotzen finden, wenn mir so einer den Urlaub versaut.“
Vielleicht hätte man ‚Frau über Bord‘ rufen müssen.“
Ich hoffe, der Typ mit seinem Flüchtlingsdampfer Lifeline schippert da nicht herum. Dann ist er morgen wieder da.“
Was tut man nicht alles, um mal wieder in die Schlagzeilen zu kommen?“
Nicht schade drum.“
Vielleicht läuft er ja jetzt als Frau auf dem Schiff herum?“
Die neue Ariel...“

Und das sind leider nur sehr wenige Beispiele der vielen herablassenden Kommentare, die man auf unterschiedlichen Plattformen lesen kann.

Weitere Beispiele: Rechtsradikalismus und Conchita Wurst

Diese Entwicklung, die sich bei solchen Nachrichten abzeichnet, lässt sich nicht nur an dieser Nachricht beobachten. Einen Zusammenhang gibt es auch, wenn wir uns die aktuelle Lage der Flüchtlingspolitik und die Ereignisse in Chemnitz anschauen. Nicht nur, dass der Rechtsradikalismus erschreckende Ausmaße annimmt, nein, viele Menschen verwechseln auch etwas ganz Essentielles: Differenzierung und Generalisierung. All ihre Unzufriedenheit und ihren Hass projizieren sie auf eine ihnen fremde Gruppe von Menschen und machen diese für all das verantwortlich, was ihnen Angst bereitet. Empathie und Einfühlungsvermögen gehen verloren, Ursache und Folge verschmelzen. Es spielt primär eine Rolle, was du bist und nicht mehr wie du bist und was du tust. Denn Generalisierungen führen dazu, gleich die ganze Person negativ zu bewerten.
Und so kommt es, dass der Ausdruck „Die Flüchtlinge“ zum Inbegriff einer Deklaration geworden ist. Flüchtlingsheime werden angezündet, Hass propagiert. Nicht, wie Angela Merkel politisch handelt, sei schlecht – die ganze Person solle am besten gleich mit „den Flüchtlingen“ zusammen im Mittelmeer ersaufen.

Ich kenne viele Menschen, die mit der aktuellen Flüchtlingspolitik nicht einverstanden sind – dennoch sind die meisten von ihnen in der Lage, konstruktiv zu bleiben und zu differenzieren. Das eine schließt das andere nicht zwingend aus. Nicht jeder Flüchtling ist kriminell, aber auch nicht alle sind bereit, sich zu integrieren. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und das sehen eben auch viele.

Auch Homosexualität spielt noch immer eine Rolle

Der Mensch ist nicht mehr nur Mensch. Er dient als Projektionsfläche, als Ventil, als Schuld-Annahmestelle. War das nicht schon immer so? Vielleicht. Aber das Ausmaß von heute erinnert doch sehr an Zeiten, die doch längst abgeschlossen sein sollten.

Anderes Beispiel: Conchita Wurst. Ich habe wirklich noch nie einen Artikel über die Kunstfigur des österreichischen Sängers gesehen, der nicht abwertend kommentiert wurde. Keinen einzigen. Es ist völlig egal, ob sie einen Gesangscontest gewinnt oder zu irgendeinem Thema öffentlich Stellung bezieht: Sie ist anders, als viele der Kommentatoren, also bietet die Persönlichkeit Conchita Wurst an sich schon mal eine große Angriffsfläche. Einfach nur, weil es sich um einen Mann handelt, der sich als Frau verkleidet und dazu einen Bart trägt. Das reicht, um aufs Übelste beleidigt zu werden.

Zudem sind sowohl Daniel Kaiser-Küblböck als auch Thomas Neuwirth (Conchita Wurst) homosexuell. Die traurige Wahrheit ist, dass dieses Thema zwar wesentlich weniger als Anlass öffentlicher Diskriminierung missbraucht wird als noch Jahre zuvor, aber für viele eben doch noch eine Möglichkeit darstellt, sich selbst in einem „normalen“ und damit vermeintlich besseren Licht zu präsentieren.
Wenn sich ein solcher dann noch in Frauenkleidern zeigt, muss er doch folglich ziemlich gestört sein – oder nicht? Zumindest ziemlich anders, als man selbst. Damit lässt sich arbeiten.

Warum sind wir überhaupt herablassend?

Es gibt viele Gründe, weshalb wir Menschen herablassend sein können. Oftmals ist es paradox: Menschen, die andere Menschen minderwertig behandeln, fühlen sich selbst minderwertig. Die Abwertung anderer dient zur Aufwertung der eigenen Person, bringt mehr Selbstsicherheit und ein höheres Selbstwertgefühl. Kann das funktionieren? Ich denke nicht.
Herablassendes Verhalten bedeutet oftmals auch der Mangel an Empathie – und ich meine mich zu erinnern, dass Empathielosigkeit ein Zeichen niedriger emotionaler Intelligenz ist. Nur mal so am Rande.

Grundsätzlich kategorisieren wir, um es uns leichter zu machen. Die ganzen Informationen, die jeden Tag auf uns einprasseln, sind viel zu viele. Die Kategorisierung an sich ist also sehr sinnvoll und erleichtert uns den Umgang mit unserer Umwelt. Die Schublade, in die wir uns selbst stecken, ist uns vertraut und gibt Sicherheit, während uns andere fremd erscheinen können. Schwierig wird es dann, wenn wir beginnen, diese fremden Schubladen zu bewerten, weil wir uns irgendwie in unserer Identität bedroht fühlen. Genau das führt dann zu Diskriminierung und Rassismus.

Was wir tun können – und schon getan haben

Feuer mit Feuer zu bekämpfen war noch nie ein bewährtes Mittel. Um mal etwas Positives hervorzuheben: Neben den ganzen widerlichen Kommentaren gibt es unglaublich viele andere, die diese Diskriminierung aufs Schärfste verurteilen. Menschen waren mutig und haben sich von der Stärke der Anonymität des Internets nicht einschüchtern lassen und deutlich geäußert, was sie von den negativen Kommentaren zur Person Küblböck halten. Was können wir also tun? Wir können unsere Toleranz öffentlich zeigen. Unsere Empathie und unser Mitgefühl sichtbar machen. Die Mehrheit – die haben wir allemal.


Hier findet ihr einen Artikel über die Leser-Kommentare und Reaktion zum Suizid von Linkin Park-Frontmann Chester Bennington.

Dienstag, 4. September 2018

Ein Gedicht - Zusammen ist man weniger allein

Ich lausche der Stille, auf allen Frequenzen,
die Stimmen, sie flüstern ganz leise zu mir:
Du stehst vor deinen eigenen Grenzen,
sie sind so hoch, ihr Ende liegt weit über dir.

Voller Verzweiflung, dein Blick ganz verschwommen,
deine blau-grünen Augen von Tränen getrübt.
Dir wurde all deine Hoffnung genommen,
hast dich doch vorher so sehr bemüht.

Wenn deine Brücke niederbrennt,
dann fällst du nicht allein.
Auch wenn niemand löschen kann,
werden wir immer bei dir sein.
Wie weit wir auch fallen, wie tief wir auch sinken,
wir werden kämpfen und auch siegen.
Anstatt zusammen im Meer zu ertrinken,
lernen wir schwimmen – oder fliegen.

Du hast uns gesucht und nicht gefunden,
Wo muss ich hin? Wo können sie sein?‘
Doch eigentlich waren wir nie verschwunden,
du bist vielleicht einsam, doch niemals allein.

Ein Treffen, eine Nachricht, stille Gedanken
können dich nicht retten oder befreien.
Wir können nicht zusammen erkranken,
doch immerhin zusammen weinen.

Wenn deine Brücke niederbrennt,
dann fällst du nicht allein.
Auch wenn niemand löschen kann
werden wir immer bei dir sein.
Wie weit wir auch fallen, wie tief wir auch sinken,
wir werden kämpfen und auch siegen.
Anstatt zusammen im Meer zu ertrinken,
lernen wir schwimmen – oder fliegen.

Aus Angst, wir hätten dich verlassen,
ranntest du los, der Lärm ließ dich taub.
Du gingst durch fremde Städte und Gassen,
nichts war dir nah, nichts war vertraut.

Zu viele Gefühle, die Sicht war nicht klar,
ein schwarz-grauer Schleier umhüllte dein Gesicht.
Das, was wirklich schwerfiel, war
zu unterscheiden, was du hattest – und was nicht.

Wenn deine Brücke niederbrennt,
dann fällst du nicht allein.
Auch wenn niemand löschen kann
werden wir immer bei dir sein.
Wie weit wir auch fallen, wie tief wir auch sinken,
wir werden kämpfen und auch siegen.
Anstatt zusammen im Meer zu ertrinken,
lernen wir schwimmen – oder fliegen.

Eine Leere wird bleiben, sie ist nun mal da,
doch sie ist kleiner, als du denkst.
Nicht, dass dir etwas fehlt, ist die Gefahr,
sondern dass du das andere verdrängst.

Drum bleibe bedacht und denk‘ immer daran,
dass du nicht allein oder hilflos bist.
Und so sorge dafür, dein Leben lang,
dass du das niemals wieder vergisst.“