Sonntag, 25. März 2018

Krankheitsakzeptanz – 5 Tipps, die eigene Erkrankung zu akzeptieren

Die Akzeptanz der eigenen Erkrankung ist oftmals kein einfacher Prozess. Gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen, die immer wieder unter dem Einfluss von Vorurteilen stehen, ist dies ein schwieriges und umso wichtigeres Thema. Viele Menschen, die ich durch die Klinikaufenthalte kennenlernte, haben sich zu spät in Behandlung begeben, sodass sich die Erkrankung bereits verfestigen und verschlimmern konnte. Und auch ich hatte große Ängste, die mich jahrelang daran hinderten, überhaupt einen offenen Umgang damit zu finden.

5 Tipps, die eigene Erkrankung zu akzeptieren

Ich habe im Folgenden einige Punkte zusammengetragen, die bei der Akzeptanz helfen können:
  1. Selbstreflexion
    Sich selbst ganz genau zu beobachten ist sicherlich einer der ersten und unverzichtbaren Schritte, wenn es darum geht, zu akzeptieren. Die Fragen, die man sich dabei stellen könnte, sind z.B.:
    Was habe ich für Probleme?
    Wie beeinflussen diese Schwierigkeiten meinen Lebensalltag, meine Ziele und meine Lebensqualität?
    Schaffe ich mein Studium/meine Arbeit noch in einem akzeptablen Maß?
    Gibt es Dinge, die mir schwerer fallen als zuvor?
    Bin ich grundsätzlich zufrieden?
    Was bedeutet es für mich, krank zu sein?
    Es geht also damit los, sich einzugestehen, überhaupt Probleme zu haben. Befindet man sich erst einmal in diesem teuflischen Verdrängungsprozess, so ist es sehr schwierig, aus dieser Spirale wieder auszusteigen. Ohne den Willen zur ganz bewussten Achtsamkeit und Ehrlichkeit mit sich selbst funktioniert es leider nicht – und das kann ein sehr anstrengender Prozess sein. Seid geduldig mit euch, es geht nicht von heute auf morgen!
  1. Informationen
    Kann man etwas wirklich akzeptieren, das man nicht versteht? Wichtig ist, sich Informationen über die Krankheit und deren Auswirkungen einzuholen. Dies geht auf vielen unterschiedlichen Wegen:
    • Bei Fachleuten: Es gibt verschiedene Anlaufstationen, die man wählen kann. Neben Psychotherapeuten und Psychiatern können auch viele Hausärzte bereits erste Hilfestellungen und Informationen geben. Die Telefonseelsorge (Tel. 0800-1110111 / 0800-1110222) bietet die Möglichkeit, zunächst einmal anonym mit Fachleuten zu telefonieren und sich beraten zu lassen. Zudem gibt es an vielen Universitäten oder Arbeitsplätzen einen psychologischen Dienst, bei dem man sich jederzeit Beratungsgespräche einholen kann.
    • Durch Fachliteratur: Es gibt unzählige Fachbücher, die viele Informationen über unterschiedlichste Krankheitsbilder geben. Auch gibt es einige biografische Bücher von Betroffenen, die ihre eigenen Erfahrungen beschrieben haben. Hier bekommt man nochmals eine ganz andere Perspektive und einen persönlicheren Einblick darauf, wie ein möglicher Krankheitsverlauf aussehen kann.
    • Durch das Internet: Das Internet beinhaltet zahlreiche Webseiten über Erkrankungen, Symptome, Verläufe und Therapiemöglichkeiten. Hier ist jedoch zu unterscheiden, wie seriös die jeweiligen Plattformen sind. Auch bei Selbstdiagnosen ist immer Vorsicht geboten – das Internet kann keine fachärztliche Diagnose ersetzen! Dennoch gibt es auch hier hilfreiche und gute Anlaufstellen, bei denen man sich informieren kann.
      (In einem anderen Beitrag habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Wie entsteht eine Depression?)
  1. Unterstützung durch andere
    Sich Unterstützung und Hilfe durch Freunde oder Familienmitglieder zu holen, fällt nicht immer leicht. Hier können auch große Ängste mit hineinspielen, nicht verstanden oder nicht ernst genommen zu werden.
    Die Tatsache ist leider: Wir können die Reaktion unserer Mitmenschen nicht beeinflussen. Es kann sein, dass wir auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen und dass wir nicht die Unterstützung erhalten, die wir uns erhofft haben. Leider ist das ein realistisches Risiko, das sich nicht ausschließen lässt.
    Dennoch können wir uns vorbereiten, bevor wir um Hilfe bitten:
    • Vortasten: Wir haben die Möglichkeit, uns langsam mit dem Thema an unser Gegenüber heranzutasten. Wie geht der andere damit um, wie offen ist er, hat er eine interessierte Gestik und Mimik, fragt er nach oder verhält er sich eher abblockend? Wenn wir auf eine verständnislose oder verharmlosende Reaktion stoßen, müssen wir uns ehrlich fragen, ob es uns gut tut, in eine Diskussion zu gehen oder die Person auf Biegen und Brechen zum Verständnis zu bewegen. Oft macht es Sinn, das Gespräch in eine andere Richtung verlaufen zu lassen und uns andere Personen zu suchen, die in der Lage sind, mehr Empathie für unsere Probleme aufzubringen.
    • Wünsche offen äußern: Erkennen wir grundsätzlich eine offene und interessierte Haltung bei der Person, ist es sinnvoll sich schon im Vorfeld überlegt zu haben, was man sich für eine Unterstützung wünscht und sich zu fragen:
      Was benötige ich momentan?
      Könnte man mich zu einem Arzttermin begleiten oder gemeinsam Informationen sammeln?
      Brauche ich Unterstützung bei der Gestaltung einer geregelten Tagesstruktur?
      Möchte ich öfter entlastende Gespräche führen?
      Denn Hilfe kann auch in eine schädliche Richtung gehen. Wenn man z.B. unter einer Angststörung leidet und die Unterstützung so aussieht, dass die angstauslösenden Situationen noch mehr vermieden werden, dann ist das nicht unbedingt auch die richtige Strategie, die Ängste und deren Ursachen sinnvoll zu bekämpfen. Hier ist es demnach auch wichtig, sich selbst zu beobachten und herauszufinden, was man in der derzeitigen Situation wirklich benötigt.
    • Informationen weitergeben: Wenn wir uns bereits vorher über die mögliche Erkrankung informiert haben, uns beobachtet haben, achtsam waren – dann hilft es auch der unterstützenden Person, mit der Situation so hilfreich wie möglich umgehen zu können!
    Neben Freunden und Angehörigen besteht natürlich noch die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Kontakt aufbauen lässt sich z.B. in Selbsthilfegruppen, Kliniken oder auch im Internet. Mir hat es damals sehr geholfen, mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die noch auf ganz anderer Ebene ein Verständnis für die jeweilige Situation mitbringen!
    1.  Eigene Einstellung
      Wenn wir uns selbst nicht erlauben, krank zu sein und Probleme zu haben, dann wird es unmöglich, die Krankheit zu akzeptieren. Hilfreich kann es sein, sich sogenannte „Ich darf...“-Sätze zu formulieren:
      Ich darf krank sein.
      Es darf mir momentan auch mal nicht gut gehen.
      Ich darf Hilfe annehmen.
      Ich darf geduldig mit mir sein.
      Ich darf auch rücksichtsvoll zu mir selbst sein.
      Ich darf mich und meinen Körper, meine Gedanken und meine Gefühle ernst nehmen.
      Eine wichtige Frage, die man sich stellen kann:
      Was habe ich davon, die Krankheit nicht zu akzeptieren?
      Mit der Akzeptanz beginnt erst die Möglichkeit, an den Problemen arbeiten zu können und etwas an der Situation zu verändern. Was passiert, wenn ich nichts verändere? Vielleicht ist es an dieser Stelle auch sinnvoll, sich das einmal aufzuschreiben.
       
    2. Diagnose
      Mir persönlich hat es sehr geholfen, als ich 2015 die Diagnosen bekommen habe. F32.2 – Schwere rezidivierende depressive Störung ohne psychotische Symptome. F34.1 – Dysthymie. Das bedeutete für mich: Ein Mediziner hat mir gesagt, dass ich eine Krankheit habe – der muss es doch wissen. Und das wiederum hat dazu beigetragen, stärker akzeptieren zu können, dass es momentan nun mal so ist, wie es ist.
    Auch ich befinde mich noch in diesem Prozess zur Akzeptanz – auch, wenn ich schon weit gekommen bin. Ich akzeptiere, psychisch krank zu sein. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt. Womit ich mich noch immer schwertue: Zu akzeptieren, dass ich wahrscheinlich immer dazu neigen werde, ins Depressive zu verfallen. Dass ich das nie voll und ganz loswerde. Leider hat sich in der Therapiezeit herausgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit bei mir sehr hoch ist, auch in Zukunft immer wieder mit der Depression zu tun zu haben. Damit will ich keine Angst machen: Depressionen sind in der Regel sehr gut behandelbar. Der Verlauf ist nun mal bei jedem unterschiedlich. Für mich geht es nun unter anderem darum, zu akzeptieren, dass mich die Krankheit mein Leben lang begleiten wird – um dann daran zu arbeiten, dass sie mich nicht beherrscht!

    Ich hoffe, die Tipps können dem ein oder anderen helfen, zu akzeptieren – und vielleicht auch zu verändern.

    Kommentare:

    1. Verfolge diesen ausgezeichneten Blog schon seit geraumer Zeit
      und möchte der Schreiberin hiermit ein großes Lob aussprechen.
      Wünsche dir von Herzen alles Gute

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    2. Ein großes Lob auch von mir, der Blog ist toll geschrieben und ich finde es bewundernswert, wie offen und einfach so schwierige Themen behandelt und dargestellt werden. Einfach klasse, weiter so!

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