Samstag, 24. Februar 2018

Hilfe bei Depressionen - Die ersten Schritte

Es war "kurz vor Zwölf"
Ich weiß, wie schwer die ersten Schritte sein können. Es ist eine Entscheidung, die mit viel Angst und Zweifeln verbunden ist. Sich einzugestehen, dass man das Leben ohne Hilfe nicht mehr oder nur schwerlich bestreiten kann. Aufgrund eines Schmerzes, den so oberflächlich niemand sieht.

Und gerade, weil ich um die Schwere dieses Schrittes weiß, möchte ich allen Mut zusprechen, ihn zu gehen. Ohne, dass ich ihn gegangen wäre, wäre ich wahrscheinlich heute nicht mehr hier.

2015 – ein Jahr der Veränderungen und großen Entscheidungen

Das Jahr 2015 ist das bisher wichtigste in meinem Leben. In diesem Jahr habe ich mir eingestanden, dass ich mein Leben so, wie es war, nicht weiter bestreiten konnte. Ich hatte keine Lebensqualität und auch keinen Lebenswillen mehr. Das Studium war Mittel zum Zweck, um den Schein aufrecht zu erhalten. Um mir und anderen zu beweisen, dass mein Leben funktioniert und ich einen Plan verfolge, der aufgehen wird. Meine Mitbewohnerin hatte währenddessen die tägliche Angst, bald würde der Tag kommen, an dem ich nicht mehr lebend aus meinem Zimmer treten würde. Mir tut diese Angst heute wahnsinnig leid und zeigt mir, dass nicht nur ich unter meiner Erkrankung gelitten hatte.

Ein bestimmter Morgen im April startete wie automatisiert: Ich stand auf, ging ins Bad, zog mich an und fuhr zu meiner Hausärztin. Mein Verstand funktionierte nur insofern, als dass er mich heile zur Praxis brachte. Heute denke ich, dass irgendetwas in mir eine Entscheidung getroffen hatte: Entweder, ich gebe meinem Leben noch eine Chance oder ich würde es selbst beenden.

Nach langer Wartezeit saß ich meiner Hausärztin gegenüber und brach völlig zusammen. Ich erzählte ihr, wie es mir ging und dass ich meinen Lebensalltag nicht mehr bestreiten konnte. Sie reagierte sehr verständnisvoll und schickte mich zu einer psychiatrischen Klinik in der Nähe, für die man bei akuten Krisen keinen Termin für ein Gespräch benötigte. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Psychologin, mit der ich dort lange sprach, legte mir einen stationären oder teilstationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung nahe. Das war der Startschuss in ein anderes Leben.

Im September begann mein Aufenthalt in der Tagesklinik

Meine Hausärztin stellte mir sofort eine Einweisung aus, sodass ich mich bei einer Tagesklinik in Bremen anmelden konnte. Ich habe mich bewusst gegen einen stationären Aufenthalt entschieden, da ich zwei Katzen zuhause und zudem Schwierigkeiten hatte, aus meinem gewohnten Umfeld ganz herauszutreten.

Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe. Ich habe mehr als 20 Mal bei der Tagesklinik angerufen, bis ich mit jemandem sprechen konnte. Hartnäckigkeit, die sich auszahlte, die aber in der Situation, in der sich viele psychisch Kranke befinden, kaum noch zu bewältigen ist. 
Bevor ihr euch abschrecken lasst: Holt euch Unterstützung! Ruft mit jemandem zusammen an oder sprecht mit eurem Arzt darüber. Es lohnt sich, diesen kraftraubenden Weg zu gehen!

Am 8. September 2015 begann nach 16 Wochen Wartezeit mein teilstationärer Aufenthalt in der Tagesklinik. Ich möchte in diesem Beitrag nicht allzu viel über die Details des Aufenthalts schildern, nur so viel: Es war die bedeutendste Erfahrung, die ich in meinem Leben jemals gemacht habe. Ich traf auf tolle Menschen mit unterschiedlichsten Erkrankungen und Ausprägungen. Vier davon gehören noch heute zu den besten Freunden, die ich habe. Das Personal war verständnisvoll, mitfühlend und eine große Unterstützung für die weiteren Schritte. Und die Therapien waren, wenn man sich darauf auch wirklich einließ, eine riesige Hilfe.

Therapeutensuche – Ich habe die für mich beste Therapeutin gefunden

Schon zu Beginn des Aufenthalts wurde uns nahegelegt, dass wir uns noch währenddessen um einen Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten kümmern sollten. Ich möchte nichts schönreden: Die Therapeutensuche ist oftmals mit viel Ausdauer, Wartezeit und Rückschlägen verbunden. Ich habe an zwei Tagen bei mehr als 50 Psychotherapeuten auf Band gesprochen. Ich kann nur jedem raten, sich nicht entmutigen zu lassen und eventuell mit jemandem zusammen die Listen, die man sich unter anderem von der Krankenkasse schnell und einfach zuschicken lassen kann, abzutelefonieren. Es ist leider sehr schwer, jemanden zu finden, der freie Termine hat und bei dem die Wartezeit nicht bis ins nächste Leben reicht.

Während des Aufenthalts hatte jeder Patient seinen Bezugstherapeuten, bei dem man einmal wöchentlich ein Einzelgespräch hatte. Ich war so zufrieden bei meiner Therapeutin, dass ich all meinen Mut zusammennahm und sie fragte, ob sie auch noch privat praktizieren würde. Sie sagte mir, dass sie neben ihrer Arbeit in der Tagesklinik noch ganz wenig ambulant tätig wäre und momentan noch einen Platz frei hätte. Allerdings hatte sie keine Kassenzulassung, weshalb man über das Kostenerstattungsverfahren gehen musste. Das bedeutet, dass, wenn man nachweislich bei mindestens fünf kassenzugelassenen Therapeuten eine Absage oder keinen Termin innerhalb der nächsten drei Monate bekommt, auch bei einem nicht-kassenzugelassenen Therapeuten eine Psychotherapie in Anspruch nehmen kann. Diese Möglichkeit hat sich inzwischen leider durch das neue Psychotherapeutengesetz wieder erschwert. Viele Krankenkassen sind nicht mehr bereit, die Kosten für einen Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung zu übernehmen. Ein Versuch ist es aber allemal Wert.

Die Chemie zwischen Psychotherapeut und Patient muss stimmen, damit eine Therapie den bestmöglichen Erfolg erzielen kann

Meine Therapeutin und ich sind diesen Weg gegangen – und er hat funktioniert. Ich hatte riesengroßes Glück.

Das Wichtigste ist: Eine Therapie kann nicht funktionieren, wenn die Chemie zwischen Therapeut und Patient nicht stimmt.
Mir war sofort klar, dass ich mit meiner Therapeutin sehr gut arbeiten konnte und auch sie wäre diesen Weg nicht mit mir gegangen, wenn die Chemie nicht gestimmt hätte.

Ich habe innerhalb dieser zwei Jahre schon oft mitbekommen, dass Bekannte bei ihren Therapeuten geblieben sind, obwohl sie unzufrieden waren. Dies ist meiner Meinung nach mehr als nachvollziehbar, denn der Aufwand bei der Suche nach einem (neuen) Psychotherapeuten ist immens und erfordert viel Kraft. Aber ein Wechsel lohnt sich! Meine Therapeutin ist mitunter das Beste, was mir während der Zeit passieren konnte. Ohne sie hätte ich längst nicht so viele Fortschritte gemacht und ich möchte behaupten, dass sie mir das ein oder andere Mal sehr wohl das Leben gerettet hat.

Ich wünsche wirklich jedem einen Therapeuten, der einem so gut es geht zur Seite steht. Noch heute bin ich ambulant bei ihr – das ist für mich ein sehr wichtiger Termin in der Woche und ich konnte in der ganzen Zeit bis jetzt viel von ihr lernen.

Wichtig ist, Hilfe zuzulassen!

Seit 2015 bis heute war ich zweimal für elf Wochen in der Tagesklinik, hatte vier Monate lang ambulanten psychiatrischen Pflegedienst, war fünf Wochen in einer teilstationären Reha-Einrichtung und hatte über die ganze Zeit ambulante Psychotherapie. Bald beginnt für mich Soziotherapie – bei dieser werde ich über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren weiterhin ambulant unterstützt. Ich bin also noch nicht am Ende meiner Therapie und werde es vielleicht nie sein. Aber ich habe erkannt, dass ich diese Unterstützung benötige und konnte dank all dieser Schritte schon viele Erfolge erzielen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich früher dazu bereit gewesen wäre, mir Hilfe zu holen – doch das Wichtige ist, dass ich mir Hilfe geholt habe.
Wenn es euch schlecht geht und ihr das Gefühl habt, euren Lebensalltag nicht mehr ausreichend bestreiten zu können, dann bitte ich euch:

Holt euch Hilfe! Es ist ein gutes Gefühl, nicht mit all den Problemen alleine dazustehen. Es gibt so viele Möglichkeiten und es gibt immer Menschen, die euch helfen können. Auch, wenn ihr sie bis jetzt noch nicht gefunden habt.

Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Psychische Erkrankungen sind keine Schwäche. Viele haben leider noch nicht verstanden, dass es jeden Menschen treffen kann, egal in welcher Lebenslage er sich befindet. Mir fallen einige Personen meines Umfelds ein, denen es schon lange Jahre nicht gut geht, die sich jedoch keine Unterstützung holen. Ich bin nicht mehr bereit, mich durch das Leben zu quälen, ohne alle Möglichkeiten einer Gesundung oder Verbesserung der Lebensqualität ausgeschlossen zu haben. Und niemand sollte dazu bereit sein. Niemand!

Ich habe in diesem Beitrag einige Dinge nur grob angerissen. Wenn ihr weitere Information dazu haben wollt, hinterlasst gerne einen Kommentar oder schreibt mir eine private Nachricht.