Dienstag, 25. Dezember 2018

Eine Weihnachtsgeschichte

Dieses Jahr habe ich eine Weihnachtsgeschichte aus Sicht meines Patenkindes (5 Monate) geschrieben. 

Maltes erstes Weihnachtsfest

24. Dezember, 03:25 Uhr: 

Ich wache auf. Papa schnarcht ein Weihnachtslied und Mama sabbert auf mein Gesicht. „Ekelhaft“, denke ich und beschließe, die Nacht an dieser Stelle zu beenden. Als ich bemerke, dass wildes Herumgezappel nicht zum gewünschten Ergebnis führt, beginne ich zu brüllen. Mama öffnet die Augen und schaut mich etwas grummelig an. „Du siehst müde aus“, sage ich ihr, doch sie versteht mich nicht. „Kann man nicht einmal durchschlafen?“, fragt sie mich und schiebt mir meinen Schnuller in den Mund. Ich denke, dass sie doch eigentlich aussieht, als hätte sie sich richtig „durch“ geschlafen.
Währenddessen hat Papa die Musikrichtung gewechselt. Gerade, als ich mir vorgenommen habe, ihn zu wecken, boxt ihn Mama auf die linke Schulter. „Alter, kannst du eigentlich auch mal aufwachen?!, schimpft sie und geht in die Küche, um mir meine Flasche zu machen. Ihr scheint nicht klar zu sein, dass ich exakt jetzt, in diesem Moment, Hunger habe und nicht noch mehrere Sekunden warten möchte, weshalb ich diese Dringlichkeit durch lauteres Schreien zum Ausdruck bringen muss.
„Heute kommt der Weihnachtsmann“, flüstert Papa mir verschlafen zu. Wie alt er wohl ist, dass er immer noch an den Weihnachtsmann glaubt. Dann knutscht er mich ab und zieht Grimassen. Ich darf nicht vergessen, ihm in ein paar Jahren zu erzählen, dass so etwas nicht sehr vorteilhaft aussieht.

24. Dezember, 08:15 Uhr:

Ich wurde gezwungen, noch ein Nickerchen zu machen, was ich ziemlich egoistisch finde. Eigentlich, so denke ich, wollten Mama und Papa nämlich nur selber schlafen. Jetzt, wo alle wach sind, liege ich auf meiner Decke und mache etwas für die Muskulatur. Mama sagt immer, ich sehe aus wie ein Zitteraal. Dabei versteht sie einfach nicht, wie richtiges Workout funktioniert.
Gerade, als ich mich auf den Bauch gelegt habe, ertönt eine schrille, schiefe Stimme. Mama singt schon wieder irgendetwas von einer Weihnachtsbäckerei und wackelt dabei mit ihrem Hintern von links nach rechts. Ich glaube, dass sie sich jedes Mal die Hüfte dabei ausrenkt. Vielleicht sollte sie doch mal mit mir trainieren, denke ich und bumse mit dem Kopf auf den Boden, als ich mich zurück auf den Rücken drehen will. „Boing“, ruft Mama dann immer. Ich muss mir noch ein gutes Geräusch für ihre Hüfte überlegen…

24. Dezember, 10:45 Uhr:

Papa beschnuppert mich. Ich habe mal gehört, dass Hunde das machen, um zu überprüfen, ob das Gegenüber paarungsbereit ist. Anfangs habe ich dann immer gepupt, um ihn zu verjagen, aber das hat nicht viel gebracht. Ich glaube, Mama und Papa mögen einfach den Geruch. Sie nehmen mir dann immer meine Hose weg und verstecken sie irgendwo. Ich denke, ich sollte ihnen das Vergnügen einfach lassen, solange sie das Gleiche nicht von mir verlangen.

24. Dezember, 12:30 Uhr:

Hektik bricht aus. Mama redet seit Stunden davon, sie müsse noch duschen, aber sie könne sich nicht aufraffen. Ich habe sie dann angekotzt, um ihr die Entscheidung leichter zu machen. Hat auch funktioniert. Währenddessen zieht Papa mir neue Klamotten an. „Er sieht so süß aus in dem Anzug“, sagt Mama, als sie fertig ist mit duschen. Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas Gutes ist. Ich meine, ich mag Mama und Papa ja auch, aber süß sind die beim besten Willen nicht. Abgesehen davon haben wir sowieso leichte Kommunikationsprobleme. Wenn Papa denkt, er bringt mich zum Lachen, dann lache ich ihn meistens einfach aus. Und Mama schaut mich dauernd so skeptisch an. Sie zieht dann eine Augenbraue nach oben und fragt mich, ob sie mir irgendwie helfen kann. Dabei ist das alles gar nicht so schwer: Wenn ich schreie, dann habe ich entweder Hunger, bin müde, habe eine volle Windel, habe Bauchweh, liege zu flach, sitze nicht richtig, sitze falsch herum, ist mir langweilig, habe ich nicht alles im Blick, will ich jemanden nerven oder mir sitzt einfach ein Pups quer. Aber ich denke, wenn Mama und Papa richtig sprechen gelernt haben, dann wird das alles auch etwas einfacher.

24. Dezember, 17:00 Uhr:

Wir sind zu Opa und seiner Freundin gefahren. Dort sind ganz viele Menschen, die ich schon kenne. Wenn Uroma mich begrüßt, setze ich immer mein breitestes Grinsen auf. Ich Schelm weiß nämlich, wie man Menschen um den Finger wickelt. Am Anfang drücken mir dann alle immer ihre Lippen ins Gesicht und machen dabei so ein komisches Geräusch. Ich scheine ein ziemlich guter Fang zu sein.
Im Wohnzimmer steht ein großes, grünes Dingens mit ganz vielen Päckchen darunter. Papa hat mal erzählt, dass man zu Weihnachten immer Geschenke bekommt, weil an dem Tag so ein Joseph Christian geboren wurde. Die Geschenke kämen vom Weihnachtsmann, doch ich weiß inzwischen, dass er mich angeflunkert hat. Meine Patentante hat mir erzählt, dass ich später mal Eindruck schinden könnte, wenn ich schon weiß, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. Dann wäre ich ein ganz schlauer Fuchs. Aber das müsste ich erst einmal für mich behalten, damit später die Überraschung größer ist.

24. Dezember, 19:00 Uhr:

Papa ist in den Weihnachtsbaum gefallen, weil er über mein Fläschchen gestolpert ist. Ich meine, natürlich könnte ich das selber halten. Aber das ist eben auch anstrengend. Also ist mir die Flasche während des Trinkens heruntergefallen und dann ging alles ganz schnell. Oma hat gesagt, er sieht nun ein bisschen aus wie der Grinch. Ich weiß nicht, wer das ist, aber das ist auch egal. Den Trick mit der Flasche muss ich mir auf jeden Fall merken.

24. Dezember, 20:40 Uhr:

Mir werden ganz viele Geschichten erzählt. Es gibt Erzbengel und Bengel. Joseph Christian wurde in Bettlehem geboren und hat in einer Kippe geschlafen. Der Weihnachtsmann kommt immer mit seinem Knecht Robert und mit seinem Renntier Rudi mit der roten Nase. Tante Christina will später mal einen Weihnachtsmann aus Schnee mit mir bauen. Dann sammeln wir kleine Äste für die Arme, Steinchen für die Augen und eine Charlotte nehmen wir als Nase. Ich weiß zwar nicht, wie wir Mama im Gesicht befestigen wollen, aber irgendwie wird das schon gehen.

24. Dezember. 23:00 Uhr:

Ein paar haben schon sprechen gelernt, nachdem sie diesen Sprühwein getrunken haben. Ich habe das Gefühl, wir sind jetzt mehr auf einer Wellenlänge. Onkel Robert hat mich sogar gefragt, ob ich einen Schlägermeister mit ihm trinken möchte und musste dann ganz laut kichern. Mama nicht.
Bei jeder Gelegenheit versuchte ich den Abend über, Uroma ganz breit anzugrinsen. Das Gleiche versuchten Tante Christina und meine Patentante bei mir. Das war etwas gruselig, weil sie mich zeitweise anstarrten. Aber mir ist nichts passiert – Gott sei Dank.
Nun brechen alle auf. Ich bin auch ganz schön geschafft, weil ich mich um so viele Menschen kümmern musste. Wenn ich mal älter bin, möchte ich nicht so abhängig und etwas selbständiger sein. Ich frage mich wirklich, wie sie zuvor ohne mich klar gekommen sind.

25. Dezember, 03:25 Uhr:

Ich wache auf…

Fröhliche Weihnachten :-)

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Seele gesund - Kongress

https://bit.ly/2LaCUnH
Klicke auf das Bild, um zur Kongress-Seite zu gelangen

Es gibt Neuigkeiten!

Vom 01. bis zum 10. April 2019 findet ein kostenloser Online-Kongress statt, bei dem zahlreiche ExpertInnen zu Wort kommen werden. Verantalter Christian Gremsl hat dazu viele Video-Interviews geführt, die man sich innerhalb dieses Zeitraums anschauen kann. 

Und hey: Auch ich bin dabei! Am 12. Dezember durfte ich mit Christian sprechen und wir haben uns über einige Themen rund um meine Erkrankung und meinen Umgang damit unterhalten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr bereits vorab schon mal auf der Kongress-Seite vorbeischaut und euch für den "Seele gesund - Kongress" anmeldet, um kostenlosen Zugang zu allen 37 Experteninterviews zu bekommen. Dafür tragt ihr einfach eure E-Mail-Adresse in das dafür vorgesehene Feld ein, wodurch ihr während des Kongress-Zeitraums täglich zwei E-Mails mit den aktuellen Interviews bekommt. Ihr könnt euch jederzeit am Ende der E-Mail vom Kongress wieder abmelden, wenn ihr das möchtet.

Über diesen Link gelangt ihr auf die Seite: https://bit.ly/2LaCUnH

Ich freue mich, wenn ihr auch mit dabei seid! :-)

Freitag, 28. September 2018

Suizidgedanken - Ein ganz privater Einblick

Wenn – besonders im öffentlichen Diskurs – über Depressionen gesprochen wird, dann darf ein bestimmtes Thema nicht ausgeklammert werden: Suizidalität.
Nicht jeder Depressive leidet unter Suizidgedanken und nicht jeder Suizid ist Folge einer depressiven Erkrankung. Dennoch: Selbstmordgedanken gehören zu einem möglichen Symptom der Depression. Auch darüber muss gesprochen werden.

Ein sehr ehrlicher Text über die Gedanken, die niemand haben will.

Die dunklen Gedanken

Ich leide seit Jahren immer mal wieder unter Suizidgedanken. Mal mehr, mal weniger. Und um ehrlich zu sein: Dass ich diesen Text zu diesem Zeitpunkt schreibe, ist ein angewandter Skill. Skills sind Hilfsmittel, um mit hohen Spannungszuständen umzugehen und die Anspannung so gut es geht zu minimieren. Das können z.B. eine eiskalte Dusche, ein Stein im Schuh oder bestimmte Düfte sein. Ich habe unter anderem gelernt, das Schreiben als eine Hilfe zur Spannungsreduktion zu benutzen. Das funktioniert nicht immer, aber sicher immer öfter. Zudem stellt es für mich eine Möglichkeit dar, Sinn zu schaffen. Wenn ich Selbstmordgedanken habe, dann habe ich kaum noch Hoffnung und sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben – das Schreiben gibt mir Sinn, wenn auch an anderer Stelle.

Suizidgedanken – wie fühlt sich das an?

Ganz egal, was ich schreibe – kein Wort könnte je das beschreiben, was ich in solchen Momenten fühle. Niemals. Und doch ist es wichtig, einen Eindruck zu geben, der dem möglichst nahe kommt. Um aufzuklären, zu sensibilisieren und zu zeigen, dass der Selbstmord kein egozentrischer Akt ist. Und um in dieser Hinsicht mal eines klar zu stellen: Wenn sich ein lieber Mensch suizidiert, dann haben wir das Recht, wütend zu sein. Wir dürfen traurig sein und wir dürfen verdammt noch mal unglaublich sauer darüber sein, dass uns ein Mensch allein gelassen hat, der uns doch so viel bedeutet hat. All das sind Gefühle, die ihre Berechtigung haben.

Bei Schuldzuweisungen sieht das, aus meiner persönlichen Sicht, hingegen anders aus. Es gibt keinen Menschen, der sich selbst aus egoistischen Gründen das Leben nimmt – denn Egoismus endet an der Stelle, an dem auch das Leben sein Ende hat. Was jeder verstehen muss: Der Suizid ist ein Akt, dem Gefühle vorausgehen, die so heftig sind, dass derjenige sie nicht mehr ertragen konnte. Es spielt keine Rolle, wie viele Freunde und Familienangehörige präsent sind und wie viele von ihnen man allein lässt. Zumindest nicht aus Sicht der Person, die seinem Leben aktiv ein Ende setzt. Niemand bringt sich um, um seinen Liebsten wehzutun. Es ist Ausdruck größter Verzweiflung, dem eigenen Leben nicht mehr standhalten zu können.
Ich kann keine allgemeingültigen Aussagen über die Gefühle treffen, die ein Mensch mit Suizidgedanken hat. Ich kann jedoch sehr wohl über meine Gefühle in einer solchen Situation sprechen. Und nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Das mache ich nicht gerne. Wahrscheinlich ist das der privateste Einblick, den ich überhaupt von mir geben kann. Doch neben der Tatsache, dass die Aufklärungsarbeit auch hier enttabuisieren muss, sehe ich auch, dass es hilft, den Worten manchmal freien Lauf zu lassen.

Ein ganz privater Einblick

Hoffnung bedeutet für mich, irgendetwas in der Zukunft zu sehen, für das es sich lohnt, weiterzumachen. Den Kampf gegen die Depression aufzunehmen und Gefühle, die ich nicht haben will und die doch präsent sind, auszuhalten. Hoffnungslosigkeit ist für mich das schlimmste Gefühl, das es gibt. Ich vertraue weder mir noch dem Schicksal. Ich fühle mich hilf- und machtlos. Ich sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben.
Andere Gefühle gesellen sich dazu: Trauer, Wut, Verzweiflung, Angst. Die Mischung führt dazu, dass sich meine Kehle zuschnürt. Ich habe dauerhaft das Gefühl, als würde sich eine Schnur immer enger ziehen und der Kloß im Hals immer dicker werden. Das verfärbt jeden Moment meiner Gegenwart und ich denke nur noch daran, dass ich diesen Zustand nicht mehr aushalten kann. Und wenn das Leben für mich bereit hält, immer wieder mit solchen Gefühlen konfrontiert zu werden, dann fühle ich mich nicht stark genug für diese Herausforderung. Diese Gefühle und Gedanken zerreißen mich von innen, als würde sich ein Parasit durch alles fressen, was ich bin. Ich winde mich, als würde ich mit den stärksten Krämpfen nur noch darauf warten, dass es endlich vorbei ist. Nur, dass diese Krämpfe eben einen innerlichen Schmerz darstellen, der nicht sichtbar ist.
Wenn ich mich in diesem Zustand befinde, dann gibt es keine Gedanken an mögliche Hinterbliebene oder an Personen, die ich mit dem Freitod schaden oder verletzen würde. Es geht nur noch darum, den Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Es geht nicht mehr darum, warum es so ist wie es ist. Es geht darum, dass es aufhört, so zu sein. Es soll einfach nur aufhören.

Ich habe die Diagnosen rezidivierende depressive Störung und Dysthymie bekommen. Die Dysthymie ist eine über Jahre lang gedrückte Stimmung. Das bedeutet für mich, dass ich akzeptieren muss, dass ich immer dazu neigen werden, in depressive Verhaltensweisen oder Gedanken zu verfallen. Und das bedeutet auch, dass ich keine wirklichen Erholungsphasen habe. Über alles legt sich eine Art graue Schleier.
All das habe ich akzeptiert. Ich merke selbst, auch ohne die dazugehörigen Diagnosen, dass es etwas gibt, das mich immer wieder überwältigt, ohne dass ich direkten Einfluss darauf habe. Ich könnte damit leben, wenn ich die Auswirkungen soweit in Schach halten könnte, dass ich einen Umgang damit finde. In Momenten, in denen ich an den Freitod denke, habe ich das Gefühl, dass ich dem nicht mehr standhalten kann. Ich fühle mich so hilflos, dass mir das Ende besser vorkommt, als erneut dagegen anzugehen. Auf der anderen Seite habe ich unglaubliche Angst vor dem Danach. Und auch davor, eine Zeit zu verpassen, in der es mir doch noch dauerhaft besser gehen kann.

Wie so eine Situation aussieht? Ich weiß von meiner ehemaligen Mitbewohnerin, dass sie Angst hatte, sie würde mich nicht mehr lebend aus meinem Zimmer kommen sehen. Als ich das erfahren habe, war ich schockiert. Nicht darüber, dass sie diese Möglichkeit in Betracht zog – sondern darüber, dass die Situation so extrem war, dass sie als Außenstehende eine wirkliche Angst davor entwickeln konnte. Im Nachhinein tut es mir furchtbar leid, sie in eine solche Situation gebracht zu haben – andererseits wüsste ich auch nicht, wie ich sie davor hätte bewahren können. Denn ich war nicht mehr insoweit Herr meiner Sinne, als dass ich darauf noch großen Einfluss gehabt hätte.

Oftmals beginnt es schon beim Aufwachen. Vielleicht habe ich schlecht geträumt, vielleicht wache ich auch einfach so schon zittrig auf. Das Zittern ist Ausdruck einer immensen Anspannung, die ich in jeder Pore meines Körpers spüre. Sowohl das Atmen als auch das Schlucken fällt mir unglaublich schwer. Wenn ich bereits mit diesen Gefühlen aufwache, dann schaffe ich es nicht mehr, mir bewusst zu machen, was ich bereits alles geschafft habe. Der einzige Gedanke ist: Ich halte den momentanen Zustand nicht aus. Der Druck ist so groß, dass ich das Bedürfnis habe, mich selbst zu verletzen. Das ist der alternative Weg, den ich sehe, wenn ich Schlimmeres verhindern will. Oftmals schaffe ich es, beruhigende Medikamente zu nehmen. Sie machen mich müde und schalten meinen Kopf und meine Gedanken ab. Es gab jedoch auch Momente, in denen ich das nicht mehr geschafft habe. Aus ihnen resultierten unschöne Narben, für die ich mich lange Zeit geschämt habe. Inzwischen bin ich seit langer Zeit frei von selbstverletzendem Verhalten, jedoch nicht von Suizidgedanken, die mich immer mal wieder besuchen kommen.

Gründe für die suizidale Handlung

Die Gründe für den Suizid einer bestimmten Person sind, zumindest im öffentlichen Diskurs, vollkommen irrelevant. Denn wozu führt es, wenn wir von den Gründen von Robert Enke († 10. November 2009) oder Chester Bennington († 20. Juli 2017) erfahren? Wir fangen an, zu vergleichen. Vergleiche machen keinen Sinn, wenn wir das Innenleben einer Person und deren individuellen Leidensdruck nicht kennen. Psychische Erkrankungen sind so individuell, dass sich keine Vergleiche ziehen und somit auch keine allgemeingültigen Aussagen treffen lassen. Ich finde es deshalb nur sinnvoll, über mögliche Ursachen zu sprechen – niemals jedoch die individuellen Gründe in der Öffentlichkeit und im Rahmen der Aufklärungsarbeit zu thematisieren. Deshalb werde ich auch niemals öffentlich meine persönlichen Gründe sowohl für die Depression als auch für das Entstehen von Suizidgedanken zum Thema machen.

Was will ich eigentlich damit sagen

Ich möchte hiermit den Suizid nicht beschönigen. Im Gegenteil: Ich rate jedem dazu, der unter Suizidgedanken leidet, sich professionelle Hilfe zu holen. Ein erster Schritt könnte sein, zu seinem Hausarzt zu gehen und die Problematik offen anzusprechen. Es gibt viele Therapiemöglichkeiten, um Depressionen und Suizidgedanken zu behandeln und zu bekämpfen. Niemand steht dem komplett allein entgegen. In dieser Tatsache zeigt sich nur leider das Paradoxe der Erkrankung: Niemand würde einem Menschen mit Beinbruch sagen, er solle ins Laufen kommen, dann würde das schon werden. Man würde ihm raten, sich zu schonen, sein Bein hochzulegen und sich auszuruhen, bevor er wieder langsam beginnt, das Bein zu belasten. Einem depressiven Menschen, der Probleme hat, Antrieb aufzubringen und aktiv zu sein, kann man nicht sagen: „Okay, ruh‘ dich erst mal aus, bis es dir besser geht.“ Depressive Menschen sind gezwungen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Antriebslosigkeit muss mit Antrieb bekämpft werden. Das klingt widersprüchlich – und das ist es auch. Doch es ist in der Regel nicht damit getan zu sagen: „Die Zeit heilt alle Wunden!“ Genau das dachte ich, kurz bevor ich mein Studium abbrechen musste. Als ich meine erste 5,0 kassierte, weil ich meine Hausarbeit nicht geschrieben und abgegeben hatte, war ich gezwungen einzusehen, dass die Zeit eben nichts heilt, so lange ich nicht unterstützend aktiv werde. Erst, als ich zu meiner Ärztin gegangen bin, hat sich begonnen, etwas zu verändern.

Zudem möchte ich zeigen, dass das ein Thema ist, für das man sich nicht schämen muss. Ich finde es unglaublich traurig, dass die Depression immer noch ein Thema ist, das oftmals mit Schwäche in Zusammenhang gebracht wird. Ich habe in den letzten drei Jahren einige Menschen kennengelernt, die mir sagten, dass es ihnen nicht gut geht. Doch es war ihnen unangenehm, was Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen oder Schulkameraden denken würden, wenn sie sich therapeutisch behandeln ließen. Die Depression ist aber leider eine Erkrankung, die auch tödlich verlaufen kann. Hiervor ein Tabu zu setzen, ist das Gefährlichste, was Betroffenen passieren kann. Denn viele trauen sich nicht – wie diese Beispiele zeigen – aktiv zu werden, wenn andere davon Wind bekommen könnten.

Egal, was noch passiert: Die beste Entscheidung meines Lebens war, mich in Therapie zu begeben und meine Probleme aktiv und reflektiert anzugehen. Wenn das nur einem Menschen zeigen könnte, dass es sich lohnt, aktiv zu werden und sich nicht für Gefühle und Gedanken zu schämen – dann hätte ich schon viel erreicht.


Dienstag, 11. September 2018

Hass, Abwertung, Diskriminierung – warum tun wir so etwas?

Es reicht. Ich habe so viele unaufhaltsame Gedanken im Kopf, die sich zu Worten formen wollen. Und diese wiederum wollen ausgesprochen werden. Denn wenn ich mir die Nachrichten der letzten Wochen anschaue, dann bleibt eine Frage einsam und unbeantwortet im Raum stehen:

Warum sind wir bloß so voller Hass?

Am Sonntag, den 9. September 2018, verbreitete sich die Nachricht, Daniel Kaiser-Küblböck sei von der Reederei Aida Cruises gesprungen und gelte seitdem als vermisst. Daraufhin dauerte es nicht lange, bis Mutmaßungen über seine Person, seinen Gesundheitszustand und die letzten Stunden an Bord aufkamen. Hatte er suizidale Absichten? Warum wurde er kurz zuvor in Frauenkleidern abgelichtet? Hatten seine Beweggründe mit einer Mobbing-Vergangenheit zu tun? All das ist inzwischen der „normale“ Ablauf einer Berichterstattung und wenig überraschend.

Wirklich schockierend waren hingegen die unzähligen Leserkommentare, deren Abscheulichkeit sich kaum in Worte fassen lässt. Selbst einige Nachrichtenportale berichten bereits fassungslos über die Vielzahl an abwertenden und diskriminierenden Kommentaren, die sie unter ihren Artikeln lesen mussten.
Daniel galt seit seiner Teilnahme bei der ersten Staffel „Deutschland sucht den Superstar“ als „Paradiesvogel“. Er war eine bunte, polarisierende Persönlichkeit. Viele Menschen nehmen das nun zum Anlass, auch nach der Meldung seines Verschwindens Witze auf Kosten eben dieser zu machen:

Der Koffer mit den Frauenkleidern ist über die Schiffsreling gefallen. Schnell hinterher gesprungen, sonst ist der Koffer weg.“
Auch wenn alle empört tun, ich würde es zum Kotzen finden, wenn mir so einer den Urlaub versaut.“
Vielleicht hätte man ‚Frau über Bord‘ rufen müssen.“
Ich hoffe, der Typ mit seinem Flüchtlingsdampfer Lifeline schippert da nicht herum. Dann ist er morgen wieder da.“
Was tut man nicht alles, um mal wieder in die Schlagzeilen zu kommen?“
Nicht schade drum.“
Vielleicht läuft er ja jetzt als Frau auf dem Schiff herum?“
Die neue Ariel...“

Und das sind leider nur sehr wenige Beispiele der vielen herablassenden Kommentare, die man auf unterschiedlichen Plattformen lesen kann.

Weitere Beispiele: Rechtsradikalismus und Conchita Wurst

Diese Entwicklung, die sich bei solchen Nachrichten abzeichnet, lässt sich nicht nur an dieser Nachricht beobachten. Einen Zusammenhang gibt es auch, wenn wir uns die aktuelle Lage der Flüchtlingspolitik und die Ereignisse in Chemnitz anschauen. Nicht nur, dass der Rechtsradikalismus erschreckende Ausmaße annimmt, nein, viele Menschen verwechseln auch etwas ganz Essentielles: Differenzierung und Generalisierung. All ihre Unzufriedenheit und ihren Hass projizieren sie auf eine ihnen fremde Gruppe von Menschen und machen diese für all das verantwortlich, was ihnen Angst bereitet. Empathie und Einfühlungsvermögen gehen verloren, Ursache und Folge verschmelzen. Es spielt primär eine Rolle, was du bist und nicht mehr wie du bist und was du tust. Denn Generalisierungen führen dazu, gleich die ganze Person negativ zu bewerten.
Und so kommt es, dass der Ausdruck „Die Flüchtlinge“ zum Inbegriff einer Deklaration geworden ist. Flüchtlingsheime werden angezündet, Hass propagiert. Nicht, wie Angela Merkel politisch handelt, sei schlecht – die ganze Person solle am besten gleich mit „den Flüchtlingen“ zusammen im Mittelmeer ersaufen.

Ich kenne viele Menschen, die mit der aktuellen Flüchtlingspolitik nicht einverstanden sind – dennoch sind die meisten von ihnen in der Lage, konstruktiv zu bleiben und zu differenzieren. Das eine schließt das andere nicht zwingend aus. Nicht jeder Flüchtling ist kriminell, aber auch nicht alle sind bereit, sich zu integrieren. Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und das sehen eben auch viele.

Auch Homosexualität spielt noch immer eine Rolle

Der Mensch ist nicht mehr nur Mensch. Er dient als Projektionsfläche, als Ventil, als Schuld-Annahmestelle. War das nicht schon immer so? Vielleicht. Aber das Ausmaß von heute erinnert doch sehr an Zeiten, die doch längst abgeschlossen sein sollten.

Anderes Beispiel: Conchita Wurst. Ich habe wirklich noch nie einen Artikel über die Kunstfigur des österreichischen Sängers gesehen, der nicht abwertend kommentiert wurde. Keinen einzigen. Es ist völlig egal, ob sie einen Gesangscontest gewinnt oder zu irgendeinem Thema öffentlich Stellung bezieht: Sie ist anders, als viele der Kommentatoren, also bietet die Persönlichkeit Conchita Wurst an sich schon mal eine große Angriffsfläche. Einfach nur, weil es sich um einen Mann handelt, der sich als Frau verkleidet und dazu einen Bart trägt. Das reicht, um aufs Übelste beleidigt zu werden.

Zudem sind sowohl Daniel Kaiser-Küblböck als auch Thomas Neuwirth (Conchita Wurst) homosexuell. Die traurige Wahrheit ist, dass dieses Thema zwar wesentlich weniger als Anlass öffentlicher Diskriminierung missbraucht wird als noch Jahre zuvor, aber für viele eben doch noch eine Möglichkeit darstellt, sich selbst in einem „normalen“ und damit vermeintlich besseren Licht zu präsentieren.
Wenn sich ein solcher dann noch in Frauenkleidern zeigt, muss er doch folglich ziemlich gestört sein – oder nicht? Zumindest ziemlich anders, als man selbst. Damit lässt sich arbeiten.

Warum sind wir überhaupt herablassend?

Es gibt viele Gründe, weshalb wir Menschen herablassend sein können. Oftmals ist es paradox: Menschen, die andere Menschen minderwertig behandeln, fühlen sich selbst minderwertig. Die Abwertung anderer dient zur Aufwertung der eigenen Person, bringt mehr Selbstsicherheit und ein höheres Selbstwertgefühl. Kann das funktionieren? Ich denke nicht.
Herablassendes Verhalten bedeutet oftmals auch der Mangel an Empathie – und ich meine mich zu erinnern, dass Empathielosigkeit ein Zeichen niedriger emotionaler Intelligenz ist. Nur mal so am Rande.

Grundsätzlich kategorisieren wir, um es uns leichter zu machen. Die ganzen Informationen, die jeden Tag auf uns einprasseln, sind viel zu viele. Die Kategorisierung an sich ist also sehr sinnvoll und erleichtert uns den Umgang mit unserer Umwelt. Die Schublade, in die wir uns selbst stecken, ist uns vertraut und gibt Sicherheit, während uns andere fremd erscheinen können. Schwierig wird es dann, wenn wir beginnen, diese fremden Schubladen zu bewerten, weil wir uns irgendwie in unserer Identität bedroht fühlen. Genau das führt dann zu Diskriminierung und Rassismus.

Was wir tun können – und schon getan haben

Feuer mit Feuer zu bekämpfen war noch nie ein bewährtes Mittel. Um mal etwas Positives hervorzuheben: Neben den ganzen widerlichen Kommentaren gibt es unglaublich viele andere, die diese Diskriminierung aufs Schärfste verurteilen. Menschen waren mutig und haben sich von der Stärke der Anonymität des Internets nicht einschüchtern lassen und deutlich geäußert, was sie von den negativen Kommentaren zur Person Küblböck halten. Was können wir also tun? Wir können unsere Toleranz öffentlich zeigen. Unsere Empathie und unser Mitgefühl sichtbar machen. Die Mehrheit – die haben wir allemal.


Hier findet ihr einen Artikel über die Leser-Kommentare und Reaktion zum Suizid von Linkin Park-Frontmann Chester Bennington.

Montag, 23. Juli 2018

Blogarbeit und Beginn einer Ausbildung

Vor gut zweieinhalb Jahren habe ich mich entschieden, in Absprache mit meiner Therapeutin und mit Freunden, einen Blog zu führen. Die Idee entstand aus vielen Gründen: Selbsttherapie, Entlastung, Entstigmatisierung. Mir selbst zu beweisen, dass an vielen Vorurteilen eben nichts dran ist. Dem Schreiben einen Sinn zu geben – ich schrieb doch so gern, nur eben nicht für mich selbst. Wieso auch? Etwas nur für mich zu tun erschloss sich mir nicht.

Sonntag, 25. März 2018

Krankheitsakzeptanz – 5 Tipps, die eigene Erkrankung zu akzeptieren

Die Akzeptanz der eigenen Erkrankung ist oftmals kein einfacher Prozess. Gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen, die immer wieder unter dem Einfluss von Vorurteilen stehen, ist dies ein schwieriges und umso wichtigeres Thema. Viele Menschen, die ich durch die Klinikaufenthalte kennenlernte, haben sich zu spät in Behandlung begeben, sodass sich die Erkrankung bereits verfestigen und verschlimmern konnte. Und auch ich hatte große Ängste, die mich jahrelang daran hinderten, überhaupt einen offenen Umgang damit zu finden.

5 Tipps, die eigene Erkrankung zu akzeptieren

Ich habe im Folgenden einige Punkte zusammengetragen, die bei der Akzeptanz helfen können:
  1. Selbstreflexion
    Sich selbst ganz genau zu beobachten ist sicherlich einer der ersten und unverzichtbaren Schritte, wenn es darum geht, zu akzeptieren. Die Fragen, die man sich dabei stellen könnte, sind z.B.:
    Was habe ich für Probleme?
    Wie beeinflussen diese Schwierigkeiten meinen Lebensalltag, meine Ziele und meine Lebensqualität?
    Schaffe ich mein Studium/meine Arbeit noch in einem akzeptablen Maß?
    Gibt es Dinge, die mir schwerer fallen als zuvor?
    Bin ich grundsätzlich zufrieden?
    Was bedeutet es für mich, krank zu sein?
    Es geht also damit los, sich einzugestehen, überhaupt Probleme zu haben. Befindet man sich erst einmal in diesem teuflischen Verdrängungsprozess, so ist es sehr schwierig, aus dieser Spirale wieder auszusteigen. Ohne den Willen zur ganz bewussten Achtsamkeit und Ehrlichkeit mit sich selbst funktioniert es leider nicht – und das kann ein sehr anstrengender Prozess sein. Seid geduldig mit euch, es geht nicht von heute auf morgen!
  1. Informationen
    Kann man etwas wirklich akzeptieren, das man nicht versteht? Wichtig ist, sich Informationen über die Krankheit und deren Auswirkungen einzuholen. Dies geht auf vielen unterschiedlichen Wegen:
    • Bei Fachleuten: Es gibt verschiedene Anlaufstationen, die man wählen kann. Neben Psychotherapeuten und Psychiatern können auch viele Hausärzte bereits erste Hilfestellungen und Informationen geben. Die Telefonseelsorge (Tel. 0800-1110111 / 0800-1110222) bietet die Möglichkeit, zunächst einmal anonym mit Fachleuten zu telefonieren und sich beraten zu lassen. Zudem gibt es an vielen Universitäten oder Arbeitsplätzen einen psychologischen Dienst, bei dem man sich jederzeit Beratungsgespräche einholen kann.
    • Durch Fachliteratur: Es gibt unzählige Fachbücher, die viele Informationen über unterschiedlichste Krankheitsbilder geben. Auch gibt es einige biografische Bücher von Betroffenen, die ihre eigenen Erfahrungen beschrieben haben. Hier bekommt man nochmals eine ganz andere Perspektive und einen persönlicheren Einblick darauf, wie ein möglicher Krankheitsverlauf aussehen kann.
    • Durch das Internet: Das Internet beinhaltet zahlreiche Webseiten über Erkrankungen, Symptome, Verläufe und Therapiemöglichkeiten. Hier ist jedoch zu unterscheiden, wie seriös die jeweiligen Plattformen sind. Auch bei Selbstdiagnosen ist immer Vorsicht geboten – das Internet kann keine fachärztliche Diagnose ersetzen! Dennoch gibt es auch hier hilfreiche und gute Anlaufstellen, bei denen man sich informieren kann.
      (In einem anderen Beitrag habe ich mich mit der Frage beschäftigt: Wie entsteht eine Depression?)
  1. Unterstützung durch andere
    Sich Unterstützung und Hilfe durch Freunde oder Familienmitglieder zu holen, fällt nicht immer leicht. Hier können auch große Ängste mit hineinspielen, nicht verstanden oder nicht ernst genommen zu werden.
    Die Tatsache ist leider: Wir können die Reaktion unserer Mitmenschen nicht beeinflussen. Es kann sein, dass wir auf Unverständnis oder Ablehnung stoßen und dass wir nicht die Unterstützung erhalten, die wir uns erhofft haben. Leider ist das ein realistisches Risiko, das sich nicht ausschließen lässt.
    Dennoch können wir uns vorbereiten, bevor wir um Hilfe bitten:
    • Vortasten: Wir haben die Möglichkeit, uns langsam mit dem Thema an unser Gegenüber heranzutasten. Wie geht der andere damit um, wie offen ist er, hat er eine interessierte Gestik und Mimik, fragt er nach oder verhält er sich eher abblockend? Wenn wir auf eine verständnislose oder verharmlosende Reaktion stoßen, müssen wir uns ehrlich fragen, ob es uns gut tut, in eine Diskussion zu gehen oder die Person auf Biegen und Brechen zum Verständnis zu bewegen. Oft macht es Sinn, das Gespräch in eine andere Richtung verlaufen zu lassen und uns andere Personen zu suchen, die in der Lage sind, mehr Empathie für unsere Probleme aufzubringen.
    • Wünsche offen äußern: Erkennen wir grundsätzlich eine offene und interessierte Haltung bei der Person, ist es sinnvoll sich schon im Vorfeld überlegt zu haben, was man sich für eine Unterstützung wünscht und sich zu fragen:
      Was benötige ich momentan?
      Könnte man mich zu einem Arzttermin begleiten oder gemeinsam Informationen sammeln?
      Brauche ich Unterstützung bei der Gestaltung einer geregelten Tagesstruktur?
      Möchte ich öfter entlastende Gespräche führen?
      Denn Hilfe kann auch in eine schädliche Richtung gehen. Wenn man z.B. unter einer Angststörung leidet und die Unterstützung so aussieht, dass die angstauslösenden Situationen noch mehr vermieden werden, dann ist das nicht unbedingt auch die richtige Strategie, die Ängste und deren Ursachen sinnvoll zu bekämpfen. Hier ist es demnach auch wichtig, sich selbst zu beobachten und herauszufinden, was man in der derzeitigen Situation wirklich benötigt.
    • Informationen weitergeben: Wenn wir uns bereits vorher über die mögliche Erkrankung informiert haben, uns beobachtet haben, achtsam waren – dann hilft es auch der unterstützenden Person, mit der Situation so hilfreich wie möglich umgehen zu können!
    Neben Freunden und Angehörigen besteht natürlich noch die Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Kontakt aufbauen lässt sich z.B. in Selbsthilfegruppen, Kliniken oder auch im Internet. Mir hat es damals sehr geholfen, mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die noch auf ganz anderer Ebene ein Verständnis für die jeweilige Situation mitbringen!
    1.  Eigene Einstellung
      Wenn wir uns selbst nicht erlauben, krank zu sein und Probleme zu haben, dann wird es unmöglich, die Krankheit zu akzeptieren. Hilfreich kann es sein, sich sogenannte „Ich darf...“-Sätze zu formulieren:
      Ich darf krank sein.
      Es darf mir momentan auch mal nicht gut gehen.
      Ich darf Hilfe annehmen.
      Ich darf geduldig mit mir sein.
      Ich darf auch rücksichtsvoll zu mir selbst sein.
      Ich darf mich und meinen Körper, meine Gedanken und meine Gefühle ernst nehmen.
      Eine wichtige Frage, die man sich stellen kann:
      Was habe ich davon, die Krankheit nicht zu akzeptieren?
      Mit der Akzeptanz beginnt erst die Möglichkeit, an den Problemen arbeiten zu können und etwas an der Situation zu verändern. Was passiert, wenn ich nichts verändere? Vielleicht ist es an dieser Stelle auch sinnvoll, sich das einmal aufzuschreiben.
       
    2. Diagnose
      Mir persönlich hat es sehr geholfen, als ich 2015 die Diagnosen bekommen habe. F32.2 – Schwere rezidivierende depressive Störung ohne psychotische Symptome. F34.1 – Dysthymie. Das bedeutete für mich: Ein Mediziner hat mir gesagt, dass ich eine Krankheit habe – der muss es doch wissen. Und das wiederum hat dazu beigetragen, stärker akzeptieren zu können, dass es momentan nun mal so ist, wie es ist.
    Auch ich befinde mich noch in diesem Prozess zur Akzeptanz – auch, wenn ich schon weit gekommen bin. Ich akzeptiere, psychisch krank zu sein. Das habe ich in den letzten Jahren gelernt. Womit ich mich noch immer schwertue: Zu akzeptieren, dass ich wahrscheinlich immer dazu neigen werde, ins Depressive zu verfallen. Dass ich das nie voll und ganz loswerde. Leider hat sich in der Therapiezeit herausgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit bei mir sehr hoch ist, auch in Zukunft immer wieder mit der Depression zu tun zu haben. Damit will ich keine Angst machen: Depressionen sind in der Regel sehr gut behandelbar. Der Verlauf ist nun mal bei jedem unterschiedlich. Für mich geht es nun unter anderem darum, zu akzeptieren, dass mich die Krankheit mein Leben lang begleiten wird – um dann daran zu arbeiten, dass sie mich nicht beherrscht!

    Ich hoffe, die Tipps können dem ein oder anderen helfen, zu akzeptieren – und vielleicht auch zu verändern.

    Donnerstag, 22. März 2018

    Wie entsteht eine Depression?

    Ich wurde bisher noch nicht oft gefragt, warum ich unter Depressionen leide. Zunächst einmal bin ich der Meinung, dass die Frage nach dem Warum im öffentlichen Diskurs hinsichtlich psychischer Erkrankungen keine Rolle spielen sollte, wenn sie nur im subjektiven Rahmen einer einzelnen Person betrachtet wird - denn:
    1. Oftmals liegt der Depression kein alleiniger Auslöser zugrunde, sie kann selten auf nur eine einzige Ursache zurückgeführt werden. In der Regel sind es mehrere Faktoren, die an der Entstehung einer Depression beteiligt sind. Für einen Betroffenen ist es deshalb nahezu unmöglich, der Frage gerecht zu werden und eine Antwort zu geben, die tatsächlich zur Aufklärung beitragen kann.
    2. Die Gründe sagen nichts über die Schwere der Erkrankung aus. Gerade, weil psychische Krankheiten einen sehr individuellen Charakter haben, ist es im Sinne der Aufklärungsarbeit eine Gratwanderung, wenn es um die subjektiven Ursachen einer bestimmten Person geht – denn diese bilden auch immer die Grundlage für Vergleiche. Da Leidensdruck aber individuell und von Person zu Person unterschiedlich ist, dürfen psychische Erkrankungen meiner Meinung nach nicht verglichen werden.
    3. Die Depression ist eine sehr intime Erkrankung. Die Frage nach dem Warum betrifft immer das eigene Innenleben sowie nicht selten auch das direkte Personenumfeld. Es liegt im persönlichen Ermessen, wie viel man von sich preisgeben möchte.

    Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell - Stress und psychische Verletzlichkeit

    Nicht zu verwechseln hiermit ist jedoch die Kommunikation über allgemeine und mögliche Gründe, die mit der Entstehung einer Depression zusammenhängen können. Um die Depression zu verstehen, ist es natürlich wichtig zu wissen, welche Faktoren sie bedingen können. Solange die Kommunikation hierüber einen möglichst objektiven und breitgefächerten Charakter hat, nimmt man dem Menschen auch die Grundlage zum Vergleichen.

    Hilfreich finde ich das sogenannte Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Die Vulnerabilität, also die psychische Verwundbarkeit, beschreibt dabei die Anfälligkeit eines Menschen, psychisch zu erkranken. Hierunter fallen innere und äußere Begebenheiten, die bei einem Menschen bereits vorherrschen, wie z.B. verankerte Werte und Normen, belastende Erfahrungen, genetische Veranlagung und Schwierigkeiten auf der Arbeit oder im sozialen Umfeld.
    Die individuelle Verletzlichkeit wird häufig mit einem Fass visualisiert, das bei jedem Menschen unterschiedlich schnell zum Überlaufen gebracht werden kann. Hat man eine erhöhte Vulnerabilität, so ist das Fass bereits stärker befüllt als bei jemanden, der eine niedrigere Verletzlichkeit hat. 
     




    Kommen nun stressige Ereignisse oder Lebensumstände hinzu, so neigt das Fass durch das geringe Fassungsvermögen bei Menschen mit hoher Vulnerabilität schneller zum Überlaufen – das Bild des Überlaufens symbolisiert demnach die Erkrankung an einer Depression.
    Was in diesem Modell nicht berücksichtigt wird, sind die Ressourcen, die ein Mensch hat und auf die er in stressigen Situationen zurückgreifen kann. Das können z.B. soziale Kontakte, ausgleichende Hobbys oder Dinge sein, die einem auf irgendeine Art und Weise wohltun. Je nachdem, wie viele Ressourcen man besitzt und welche Qualität diese haben, kann dadurch die Belastbarkeitsgrenze erhöht bzw. die Vulnerabilität verringert werden.

    Fazit: Es ist für jeden Menschen wichtig zu wissen, wie eine Depression entstehen kann und welche Faktoren eine Erkrankung begünstigen. Hierzu kann das Vulnerabilitäts-Stress-Modell eine verständliche Veranschaulichung sein, die im folgenden Video noch einmal eindrücklicher erklärt wird.
    Geht es um die individuelle Betrachtung im Rahmen der Aufklärungsarbeit und des öffentlichen Diskurses, so bin ich der Meinung, dass die Ursachenbetrachtung in erster Linie und unwillkürlich dazu führt, dass bewusste und unbewusste Vergleiche stattfinden – und das wiederum führt zu eben jenen Stigmen, die unbedingt ausgeräumt werden wollen. Die möglichen Ursachen einer Depression lassen nicht auch gleichzeitig auf die Schwere der Erkrankung schließen und rechtfertigen keine allgemeingültigen Annahmen über die Charakteristik einer Krankheit, die sich nur individuell richtig fassen lässt.

    Im folgenden Video erklärt Dipl. Psych. Ralf Adam noch einmal genauer, was es mit dem Modell auf sich hat und wie sich eine Depression entwickeln kann:


    Dienstag, 13. März 2018

    Hoffnung in der Depression

    Ein Text, der vor dem letzten Aufenthalt in der Tagesklinik entstanden ist...

    Der Wecker klingelt. Langsam öffne ich die verquollenen Augen. Die Sonne wirft ihre Strahlen sanft durch den dünnen Vorhang in mein Zimmer. Ich halte nicht sehr viel von ihr. Ihre Unbekümmertheit schnürt mir die Kehle zu und raubt mir jede Luft zum Atmen. Wie spät ist es? Es macht keinen Unterschied. Die Zeit ist wahnsinnig unbedeutend geworden. Und ich verstehe sie nicht. Sie verläuft zäh wie dickflüssiger, abgestandener Honig. Bitter, nicht süß. Es ist immer noch Dienstag. Doch auch das ist egal.

    Jeder Tag ist ein Kampf um Struktur. Mein Blick fällt auf den Wochenplan, den ich an einem guten Tag erstellt habe. Aufstehen, frühstücken, Haushalt, rausgehen, Freunde treffen. Duschen nicht vergessen. Selbstfürsorge. Heute ist kein guter Tag.

    Gestern habe ich Hoffnung bestellt, doch es scheint Lieferschwierigkeiten zu geben. Bunte Farben sind auch aus. Wo ist eigentlich der Sinn? Wie oft habe ich Geld für ein paar schöne Schuhe ausgegeben. Oder Schmuck. Oder ein angenehm duftendes Parfüm. Oder ein Smartphone.
    Heute würde ich all das wieder verkaufen, um ein bisschen Hoffnung zu bekommen. Was soll ich mit einer schönen Uhr, wenn Zeit keinen Wert und Leben keinen Sinn mehr hat? Verdammt, hat nicht irgendwer ein bisschen Sinn?!

    Katzenmiauen bahnt sich durch den Urwald der lethargischen Stille. Es zieht mich mit aller Kraft aus dem Bett und trägt mich in Richtung Küche. Vier schwarze Augen blicken erwartungsvoll zu mir hoch und signalisieren Hunger. Ich fülle zwei Näpfe mit Futter, lege mich auf den Boden und lausche dem wohligen Schmatzen. Dann Stille. Es kitzelt mich am Arm. Dann am Kopf. Lautes Schnurren dringt in mein Ohr. Etwas anderes steigt mir auf den Brustkorb und rammt mir die Krallen direkt ins Herz. Immer und immer wieder.
    „Hör auf zu kneten", murmle ich angestrengt und kraule den flauschigen Kopf. Sie legt sich hin, mit dem Kopf auf meinen Hals. Die andere schmiegt sich eng an meinen Körper. Ihr Schnurren lässt das Laminat vibrieren.

    „Na toll", sage ich, „ganz schön unbequem..."

    „Selbst Schuld", schnurrt es in mein Ohr, „du wolltest Sinn – hier hast du ihn."

    „Danke", flüstere ich nachdenklich und anerkennend.

    „Danke."

    (Unbequem ist es trotzdem...)

    Montag, 5. März 2018

    Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

    Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

    Samstag, 24. Februar 2018

    Hilfe bei Depressionen - Die ersten Schritte

    Es war "kurz vor Zwölf"
    Ich weiß, wie schwer die ersten Schritte sein können. Es ist eine Entscheidung, die mit viel Angst und Zweifeln verbunden ist. Sich einzugestehen, dass man das Leben ohne Hilfe nicht mehr oder nur schwerlich bestreiten kann. Aufgrund eines Schmerzes, den so oberflächlich niemand sieht.

    Und gerade, weil ich um die Schwere dieses Schrittes weiß, möchte ich allen Mut zusprechen, ihn zu gehen. Ohne, dass ich ihn gegangen wäre, wäre ich wahrscheinlich heute nicht mehr hier.

    2015 – ein Jahr der Veränderungen und großen Entscheidungen

    Das Jahr 2015 ist das bisher wichtigste in meinem Leben. In diesem Jahr habe ich mir eingestanden, dass ich mein Leben so, wie es war, nicht weiter bestreiten konnte. Ich hatte keine Lebensqualität und auch keinen Lebenswillen mehr. Das Studium war Mittel zum Zweck, um den Schein aufrecht zu erhalten. Um mir und anderen zu beweisen, dass mein Leben funktioniert und ich einen Plan verfolge, der aufgehen wird. Meine Mitbewohnerin hatte währenddessen die tägliche Angst, bald würde der Tag kommen, an dem ich nicht mehr lebend aus meinem Zimmer treten würde. Mir tut diese Angst heute wahnsinnig leid und zeigt mir, dass nicht nur ich unter meiner Erkrankung gelitten hatte.

    Ein bestimmter Morgen im April startete wie automatisiert: Ich stand auf, ging ins Bad, zog mich an und fuhr zu meiner Hausärztin. Mein Verstand funktionierte nur insofern, als dass er mich heile zur Praxis brachte. Heute denke ich, dass irgendetwas in mir eine Entscheidung getroffen hatte: Entweder, ich gebe meinem Leben noch eine Chance oder ich würde es selbst beenden.

    Nach langer Wartezeit saß ich meiner Hausärztin gegenüber und brach völlig zusammen. Ich erzählte ihr, wie es mir ging und dass ich meinen Lebensalltag nicht mehr bestreiten konnte. Sie reagierte sehr verständnisvoll und schickte mich zu einer psychiatrischen Klinik in der Nähe, für die man bei akuten Krisen keinen Termin für ein Gespräch benötigte. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Psychologin, mit der ich dort lange sprach, legte mir einen stationären oder teilstationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung nahe. Das war der Startschuss in ein anderes Leben.

    Im September begann mein Aufenthalt in der Tagesklinik

    Meine Hausärztin stellte mir sofort eine Einweisung aus, sodass ich mich bei einer Tagesklinik in Bremen anmelden konnte. Ich habe mich bewusst gegen einen stationären Aufenthalt entschieden, da ich zwei Katzen zuhause und zudem Schwierigkeiten hatte, aus meinem gewohnten Umfeld ganz herauszutreten.

    Wenn ich daran zurückdenke, weiß ich nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe. Ich habe mehr als 20 Mal bei der Tagesklinik angerufen, bis ich mit jemandem sprechen konnte. Hartnäckigkeit, die sich auszahlte, die aber in der Situation, in der sich viele psychisch Kranke befinden, kaum noch zu bewältigen ist. 
    Bevor ihr euch abschrecken lasst: Holt euch Unterstützung! Ruft mit jemandem zusammen an oder sprecht mit eurem Arzt darüber. Es lohnt sich, diesen kraftraubenden Weg zu gehen!

    Am 8. September 2015 begann nach 16 Wochen Wartezeit mein teilstationärer Aufenthalt in der Tagesklinik. Ich möchte in diesem Beitrag nicht allzu viel über die Details des Aufenthalts schildern, nur so viel: Es war die bedeutsamste Erfahrung, die ich in meinem Leben jemals gemacht habe. Ich traf auf tolle Menschen mit unterschiedlichsten Erkrankungen und Ausprägungen. Vier davon gehören noch heute zu den besten Freunden, die ich habe. Das Personal war verständnisvoll, mitfühlend und eine große Unterstützung für die weiteren Schritte. Und die Therapien waren, wenn man sich darauf auch wirklich einließ, eine riesige Hilfe.

    Therapeutensuche – Ich habe die für mich beste Therapeutin gefunden

    Schon zu Beginn des Aufenthalts wurde uns nahegelegt, dass wir uns noch währenddessen um einen Therapieplatz bei einem Psychotherapeuten kümmern sollten. Ich möchte nichts schönreden: Die Therapeutensuche ist oftmals mit viel Ausdauer, Wartezeit und Rückschlägen verbunden. Ich habe an zwei Tagen bei mehr als 50 Psychotherapeuten auf Band gesprochen. Ich kann nur jedem raten, sich nicht entmutigen zu lassen und eventuell mit jemandem zusammen die Listen, die man sich unter anderem von der Krankenkasse schnell und einfach zuschicken lassen kann, abzutelefonieren. Es ist leider sehr schwer, jemanden zu finden, der freie Termine hat und bei dem die Wartezeit nicht bis ins nächste Leben reicht.

    Während des Aufenthalts hatte jeder Patient seinen Bezugstherapeuten, bei dem man einmal wöchentlich ein Einzelgespräch hatte. Ich war so zufrieden bei meiner Therapeutin, dass ich all meinen Mut zusammennahm und sie fragte, ob sie auch noch privat praktizieren würde. Sie sagte mir, dass sie neben ihrer Arbeit in der Tagesklinik noch ganz wenig ambulant tätig wäre und momentan noch einen Platz frei hätte. Allerdings hatte sie keine Kassenzulassung, weshalb man über das Kostenerstattungsverfahren gehen musste. Das bedeutet, dass, wenn man nachweislich bei mindestens fünf kassenzugelassenen Therapeuten eine Absage oder keinen Termin innerhalb der nächsten drei Monate bekommt, auch bei einem nicht-kassenzugelassenen Therapeuten eine Psychotherapie in Anspruch nehmen kann. Diese Möglichkeit hat sich inzwischen leider durch das neue Psychotherapeutengesetz wieder erschwert. Viele Krankenkassen sind nicht mehr bereit, die Kosten für einen Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung zu übernehmen. Ein Versuch ist es aber allemal Wert.

    Die Chemie zwischen Psychotherapeut und Patient muss stimmen, damit eine Therapie den bestmöglichen Erfolg erzielen kann

    Meine Therapeutin und ich sind diesen Weg gegangen – und er hat funktioniert. Ich hatte riesengroßes Glück.

    Das Wichtigste ist: Eine Therapie kann nicht funktionieren, wenn die Chemie zwischen Therapeut und Patient nicht stimmt.
    Mir war sofort klar, dass ich mit meiner Therapeutin sehr gut arbeiten konnte und auch sie wäre diesen Weg nicht mit mir gegangen, wenn die Chemie nicht gestimmt hätte.

    Ich habe innerhalb dieser zwei Jahre schon oft mitbekommen, dass Bekannte bei ihren Therapeuten geblieben sind, obwohl sie unzufrieden waren. Dies ist meiner Meinung nach mehr als nachvollziehbar, denn der Aufwand bei der Suche nach einem (neuen) Psychotherapeuten ist immens und erfordert viel Kraft. Aber ein Wechsel lohnt sich! Meine Therapeutin ist mitunter das Beste, was mir während der Zeit passieren konnte. Ohne sie hätte ich längst nicht so viele Fortschritte gemacht und ich möchte behaupten, dass sie mir das ein oder andere Mal sehr wohl das Leben gerettet hat.

    Ich wünsche wirklich jedem einen Therapeuten, der einem so gut es geht zur Seite steht. Noch heute bin ich ambulant bei ihr – das ist für mich ein sehr wichtiger Termin in der Woche und ich konnte in der ganzen Zeit bis jetzt viel von ihr lernen.

    Wichtig ist, Hilfe zuzulassen!

    Seit 2015 bis heute war ich zweimal für elf Wochen in der Tagesklinik, hatte vier Monate lang ambulanten psychiatrischen Pflegedienst, war fünf Wochen in einer teilstationären Reha-Einrichtung und hatte über die ganze Zeit ambulante Psychotherapie. Bald beginnt für mich Soziotherapie – bei dieser werde ich über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren weiterhin ambulant unterstützt. Ich bin also noch nicht am Ende meiner Therapie und werde es vielleicht nie sein. Aber ich habe erkannt, dass ich diese Unterstützung benötige und konnte dank all dieser Schritte schon viele Erfolge erzielen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich früher dazu bereit gewesen wäre, mir Hilfe zu holen – doch das Wichtige ist, dass ich mir Hilfe geholt habe.
    Wenn es euch schlecht geht und ihr das Gefühl habt, euren Lebensalltag nicht mehr ausreichend bestreiten zu können, dann bitte ich euch:

    Holt euch Hilfe! Es ist ein gutes Gefühl, nicht mit all den Problemen alleine dazustehen. Es gibt so viele Möglichkeiten und es gibt immer Menschen, die euch helfen können. Auch, wenn ihr sie bis jetzt noch nicht gefunden habt.

    Hilfe in Anspruch zu nehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Psychische Erkrankungen sind keine Schwäche. Viele haben leider noch nicht verstanden, dass es jeden Menschen treffen kann, egal in welcher Lebenslage er sich befindet. Mir fallen einige Personen meines Umfelds ein, denen es schon lange Jahre nicht gut geht, die sich jedoch keine Unterstützung holen. Ich bin nicht mehr bereit, mich durch das Leben zu quälen, ohne alle Möglichkeiten einer Gesundung oder Verbesserung der Lebensqualität ausgeschlossen zu haben. Und niemand sollte dazu bereit sein. Niemand!

    Ich habe in diesem Beitrag einige Dinge nur grob angerissen. Wenn ihr weitere Information dazu haben wollt, hinterlasst gerne einen Kommentar oder schreibt mir eine private Nachricht.