Freitag, 21. April 2017

Grinsen für den guten Zweck - Kleine Dinge, große Auswirkungen

Manchmal führt auch ein kleiner Tropfen zu einer großen Welle


Gerade denke ich an einen Vortragsausschnitt von Vera F. Birkenbihl, einer bereits verstorbenen deutschen Managementtrainerin und Sachbuchautorin. In diesem YouTube-Hit erklärt sie, dass Lachen extrem gut für das Immunsystem sei und bereits nach wenigen Sekunden dafür sorgt, dass Glückshormone hervorgerufen werden. Wenn wir nun aber ärgerlich sind und aktuell so überhaupt keine Lust haben, irgendetwas witzig zu finden, dann können wir unser System austricksen, indem wir mindestens 60 Sekunden am Stück lächeln – dadurch drücken die involvierten Muskeln auf die Nerven, die dem Gehirn weitergeben, dass wir uns angeblich in diesem Moment freuen. Da ich sowieso gerade furchtbar miesepetrig in der Gegend herumsitze, scheint das zumindest einen Versuch wert zu sein.

Grinsen für den guten Zweck

So weit, so gut. Inzwischen hocke ich hier seit bereits fünf Minuten – und grinse. Frau Birkenbihls Aussage bewahrheitet sich an der Stelle, als sie davon sprach, wie unglaublich dämlich das aussieht. Selbst meine halbtote Zimmerpflanze verfällt in hässlichstes Gelächter, so dämlich sieht das aus. Ich schäme mich furchtbar, weil alles Gegenständliche Augen und Gehässigkeit zu entwickeln scheint, ansonsten tut sich an meiner Stimmung jedoch nicht allzu viel. Das Einzige, was ich bemerke, ist, dass ich meinen Herzschlag in meinen vor Anstrengung zitternden Lippen spüren kann.
Nachdem ich über meinen Herzschlag in den Lippen meinen Puls ermittelt habe, überlege ich, wie man wohl ohne Messgerät den eigenen Blutdruck herausfinden könnte. Schnell schließe ich den Gedanken jedoch wieder, weil ich ahne, dass er in großer Dummheit enden würde.
Das Grinsen hingegen entwickelt sich inzwischen zum Ausdruck grenzdebiler Bockigkeit, allein um mir zu beweisen, dass ich sehr wohl auch mal standhaft bleiben kann, während ich da so ganz marginal mein Ziel aus den Augen verliere. 

Ende der Geschichte: Ich habe immer noch schlechte Laune. Nicht aus denselben Gründen wie zuvor, sondern infolgedessen, dass ich mir durch diese sehr blöde Idee unglücklich den Unterkiefer ausgerenkt zu haben scheine. Zudem bemerke ich ein leichtes Ungleichgewicht beider Gesichtshälften, von denen mir die linke Seite auffällig taub erscheint. Grinsen kann ich demnach zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht weiterempfehlen – weder optisch, noch gesundheitlich. Die Risiken sind einfach zu groß.
Doch komme ich auch nicht umhin, es als eine recht passable Leistung anzusehen, mal eben mehrere Minuten am Stück gegrinst zu haben, obwohl ich ganz genau wusste, dass der Zug schon nach der zweiten Minute abgefahren war. Durchhalten, das kann ich.

Die Stimme von außen kann mächtig sein

Allgemein verfüge ich in vielerlei Hinsicht über ein ausgezeichnetes Durchhaltevermögen. Wenn man den Begriff mal aufdröselt, dann bin ich in erster Linie gut im durchgängigen Halten. Und das wiederum bedeutet, dass ich stehe. Nichts mit vorwärts oder rückwärts, links oder rechts. Einfach stehen. Und davon tut mir echt mal ordentlich der Rücken weh. 

Wenn man sich das mit dem Halten mal bildhaft vorstellt: Ich stehe inmitten eines riesigen Platzes und egal, in welche Richtung ich gehen will, muss ich zuerst ein unglaublich großes Hindernis überqueren. Und hinter jedem Hindernis wartet schon das nächste. Wenn ich da dann so verwirrt herumstehe und überfordert bin mit diesen ganzen Hürden, dann erscheint es mir das Sicherste, erst einmal stehen zu bleiben und niedlich zu blinzeln. Und dann kommt auf einmal eine Stimme von der Seite und sagt das wohl Unangebrachteste, das man in dieser Situation sagen kann:

Vielleicht musst du einfach mal verstehen, dass das Leben zum Großteil aus Hindernissen besteht und die Schwierigkeiten immer überwiegen werden.“

Nachdem ich mich von meinem Lachanfall wieder erholt habe, will ich ehrlich zu der Stimme sein: Das ist ein Satz, der zuallererst Ausdruck der eigenen Resignation ist. Denn wenn es sowieso allgemein und bei jedem der Fall ist, dass das Negative im Leben überwiegt, dann kann man sich dem Ganzen doch auch einfach widerstandslos fügen und vermeintlich stark erscheinen, indem man die Dinge aushält. Das ist sowohl Augenverschließen als auch falsche Überzeugung zugleich. Übersetzt man den Satz in eingebildete Wahrheit, dann würde er so lauten:

Vielleicht musst du einfach mal verstehen, dass das Leben scheiße ist und auch nicht besser werden wird. Also komm damit klar, so wie ich damit klar komme.“

Und dann ist die Stimme ganz verdattert, als ich ihr sage, dass das Leben gar nicht grundsätzlich schlecht und ungerecht ist, während ich da so ungeniert in meinem persönlichen Müllhaufen herumwühle und unter dem ganzen Dreck nicht mal mehr den Notausgang entdecke.
Es mag zunächst konträr erscheinen, wenn ausgerechnet ich das sage. Das kommt daher, dass ich innerhalb der letzten zwei Jahre gelernt habe, weitsichtiger zu denken und zu differenzieren. Das Leben ist nicht grundsätzlich schlecht. Damit tut man ihm Unrecht. Durch Pauschalisierungen tut man immer irgendwem Unrecht. Etwas anderes wäre es zu sagen, dass das eigene Leben recht bescheiden verläuft, weil es einzig und allein im persönlichen Ermessen liegt, das zu beurteilen. Für das Leben in Bezug auf die Gesamtheit aller Lebewesen kann es keine wertende Verallgemeinerung geben, da die unterschiedlichsten Individuen den Begriff viel zu facettenreich gestalten, als dass er sich in eine Schublade stecken ließe. Wer das dennoch versucht, vertuscht seine eigene Unzufriedenheit mit seinem eigenen Leben, indem er relativiert.

Kleine Sätze mit großen Auswirkungen

Besonders schwierig wird es, wenn diese Stimme nun ausgerechnet einem sehr labilen Menschen durch eine solche Aussage erzählt, dass er einzig und allein mit den „simplen“ und alltäglichen Anforderungen des Lebens nicht zurechtkommt. Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. Denn wenn das die Gedanken-Maschinerie einer Person in Fahrt bringt, dessen Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl irgendwo in der Kraterlandschaft des Jupiters herumirrt, dann wird er sich letztlich zum größten Vollidioten und Versager denunzieren, der bereits an den leichtesten Aufgaben verzweifelt. Als den Dummkopf, der nicht verstanden hat, wie das Leben funktioniert. Dem erst die Welt erklärt werden muss, damit er an ihr nicht zerbricht.

Und wozu führt das? Unter anderem zu eben dieser Tabuisierung einer schwer greifbaren Krankheit. Aus Scham. Weil es doch eine Schwäche sein könnte, emotional belastet zu sein. Weil man sich nicht traut, auszusprechen, dass man eben nicht einfach vor so einer Hürde steht, die jeder schon mal überwunden hat, sondern dass man gerade wirklich und wahrhaftig unfähig ist, zu leben. Die eigene Erkrankung wird zum Tabu-Thema aus Angst, durch die Reaktion auf diese Offenbarung entwertet, nicht ernst genommen oder schlicht und ergreifend nicht verstanden zu werden. Der Betroffene ist aber doch schon ausreichend damit beschäftigt, sich selbst in die richtige Bahn zu lenken, als auch noch nach außen den Schein wahren zu müssen. Und das dann auch noch völlig zu Unrecht.

Die eigene Krankheit „zerschweigen“ – Angst und Scham trotz Mitgefühl und Verständnis

Unter den Rückmeldungen, die ich infolge der Blog-Beiträge bekam, waren einige Menschen, die mir von ihren eigenen Erfahrungen und Problemen erzählt haben. Dass sie mit mir gesprochen haben, ist natürlich schön und zeigt mir, dass oftmals der Wille sehr wohl vorhanden ist, sich mitzuteilen. Doch kaum jemand von ihnen ist weitere Schritte gegangen – geschweige denn, dass Freunde oder Familie eingeweiht waren. Diese sind zwar niemals alleine dazu imstande, eine psychische Erkrankung aufzufangen, doch oft ein wichtiger erster Schritt. Zumindest können sie Wegbegleiter und bedeutsamen Unterstützer darstellen. Doch man könnte eben auch von ihnen verurteilt oder ganz einfach nicht verstanden werden.

Wenn ich darüber nachdenke, dann merke ich jedes Mal, wie meine arme und sehr sensible Halsschlagader langsam zu einem Ungetüm heranschwillt, das kurz davor ist, im falschen Moment eine riesige Sauerei anzurichten. Und zwar nicht wegen der Skrupel der Betroffenen – diese sind eine logische Folge, gegen die weiterhin angegangen werden muss. Mich ärgern in erster Linie die unnötigen und unbedachten Aussagen, die dafür mitverantwortlich sind, dass es für viele eben so schwierig ist, seine Situation zu kommunizieren. Denn viele, viele heimlich Leidende haben sehr wohl Verständnis für solche Erkrankungen, sie sehen die Dinge bereits richtig. Das Beeinflussungspotential der Worte und Taten ihrer Mitmenschen ist aber häufig so hoch, dass all das vorhandene Verständnis und Mitgefühl, all die guten Wünsche und wahren Worte, für nahezu jeden aufgebracht werden können, außer für sich selbst. Aus Angst vor der Reaktion und auch aus Unmut, sich immer wieder neu erklären zu müssen. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Ratschläge ich bekommen habe, die völlig richtig waren, die aber eben auch nur für mich galten und selten für denjenigen selbst.

Wissen beeinflusst nicht immer auch das Gefühl, das wir haben!

Viele Vorurteile und Unwahrheiten entstehen natürlich auch und zum großen Teil als Folge von Unwissenheit, doch ich möchte behaupten, dass das Gefühl unabhängig davon eine ebenso große Rolle spielt. Denn das Gefühl hinkt oft hinterher bei Dingen, die der Verstand schon längst begriffen hat. Viele – darunter auch jene, die solch oberflächliche Aussagen treffen – sind demnach gar nicht mal so unaufgeklärt, doch die Depression löst noch immer eine negative Emotion aus, die ganz eng mit dem Gefühl der Schwäche verbunden ist. Bei Krebs ist es zum Beispiel anders:

Du hast Brustkrebs? Meine Güte, was bist du für eine starke Frau. Wie du das alles durchstehst. Ich bewundere dich für deine Kraft.“

Es ist überhaupt nicht falsch, das zu sagen. Im Gegenteil. Aber hat schon mal jemand gehört, wie man einem Depressiven etwas Ähnliches entgegenbringt? Und wie sollte das überhaupt klingen?

Toll, wie du zu Hause im Bett liegst und dir die Decke über den Kopf ziehst. Ich bewundere deine Schwäche. Wie du das alles nicht meisterst.“

Das wäre zumindest die beiläufige Beobachtung eines in der Sicht eingeschränkten Auges. Und diese Perspektive, die nur die äußere Fassade betrachtet, reicht einfach nicht aus, um zu verstehen, was dahinter vor sich geht.
Und dann gibt es eben noch den K.O.-Satz, der die Dinge in ungerechter Art und Weise relativiert:

Ich bin auch oft traurig. Solche Zeiten gehören eben zum Leben dazu, also stell dich nicht so an!“

Sätze dieser Art sind, wenn man wirklich schwer depressiv ist, nun wahrlich nicht sehr konstruktiv. Vielmehr sind sie unreflektiert und beinhalten eine Schuldzuweisung. Der Gedanke, jeder sei selbst an seiner Depression verantwortlich, ist absurd, aber leider hier und da noch immer präsent. Das undifferenzierte Auge sieht dann diesen Menschen, der aus Mücken Elefanten zu machen scheint und die eigenen „Problemchen“ vermeintlich dramatisiert – und diese Ansicht ist in allererster Linie entwertend und engstirnig, auch wenn es ein gut gemeinter Ratschlag sein sollte.

Mir geht es schon viel besser, jetzt wo ich aufgehört habe, mich anzustellen...

Ich frage mich auch oft, was die Menschen tatsächlich erwarten, wenn sie sagen, dass man sich zusammenreißen oder positiver in die Zukunft schauen soll.

Oh ja, stimmt, danke für den Hinweis. Da habe ich noch gar nicht dran gedacht. Geht mir schon viel besser“, sagt er und schlendert selig in eine Zukunft, in der er ab jetzt dank dieser Erkenntnis sehr viel besser mit dem Leben fertig werden wird.

Du hast recht! Die Zeit heilt alle Wunden. Und wenn du das schaffst, dann schaffe ich das auch. Ich freue mich schon auf die kommenden Jahre“, sagt sie und schaut nun viel zuversichtlicher auf einen bunteren Lebensabschnitt, der ihr zuvor noch so unangenehm grau erschien.

Das ist zugegeben etwas zynisch, doch zeigt es auch deutlich, dass (gut gemeinte) Ratschläge oft dann doch eher einer Keule gleichen, die man seinem Gegenüber schwungvoll über die Rübe zieht. Aussagen dieser Art bewirken in erster Linie, dass die momentane Situation und die Auswirkungen der Krankheit auf ein Level herabgestuft werden, welches die Anforderung mit sich bringt, es relativ mühelos zu bestehen. Und so fühlen sich viele entweder zu nichts imstande, weil sie den Erwartungen zurzeit nicht entsprechen können, oder aber sie fühlen sich zunehmend einsamer, weil sie nicht verstanden werden.

Die Individualität der Erkrankung schafft Raum für unwahre und verzerrte Vorstellungen

Aufklärungsarbeit ist ungemein wichtig, um gegen genau solche Stigmatisierungen anzugehen. Doch wird es beinahe unmöglich sein, die Assoziation mit Schwäche, Scham und Übersensibilität vollends aus den Köpfen zu schaffen. Wegen eben solchen Aussagen, wegen Informationsmangel und auch wegen der Unnahbarkeit der Krankheit als solche, die es so schwer macht, sie zu fassen und zu verstehen.
Psychische Erkrankungen kann man weder mit dem bloßen Auge erkennen noch anhand von Blutbildern oder Röntgenaufnahmen diagnostizieren. Es lässt sich eben nicht sagen: „Schau mal, mir tut‘s hier weh.“ Betroffene und Ärzte können zwar versuchen, durch Beschreibungen und Erklärungen ein Bild zu kreieren, das die Krankheit bis zu einer bestimmten Grenze nahbar werden lässt. Doch wenn man sich vorstellt, dass psychische Erkrankungen immer auch die emotionale Ebene und die eigene Identität betreffen, dann wird deutlich, auf welch individuellem Grat wir eigentlich wandern, wenn wir versuchen, diese Erkrankung realitätsnah und möglichst allgemeingültig zu definieren. Und das wird immer auch einen Bereich eröffnen, in dem sich Vorurteile und falsche Klischees bilden und verbreiten können.

Die Depression betrifft zumeist den Menschen als Ganzes – und somit auch sehr persönliche Bereiche: Identität, Wahrnehmung, Gefühle, Denken, Handeln, Körper. Die Depression ist so gesehen eine sehr persönliche, eine sehr intime Erkrankung. Das macht sowohl die Auswirkungen der Krankheit als auch den Leidensdruck der Betroffenen dementsprechend individuell. Während körperlicher Schmerz in der Regel ähnlich intensiv wahrgenommen wird, können seelische Schmerzen völlig unterschiedliche Gefühle bei völlig unterschiedlichen Menschen hervorrufen. Da wir Menschen aber immer wieder den Drang haben, uns mit anderen Personen zu vergleichen, ist es noch mal schwieriger, die Tatsache nachzuvollziehen, dass ein anderer unter Dingen eben anders leidet, als man selbst.

Die Depression ist ein junges Mädchen, das kauernd in der Ecke sitzt. Oder?

Aus diesen Gründen hockt auch immer ein weinendes Mädchen in der Ecke, wenn Google versucht, die Depression bildhaft darzustellen: Nicht, weil hauptsächlich Mädchen erkranken, sondern weil die junge Frau diejenige ist, mit der die Depression am ehesten assoziiert wird. Das kleine, naive Opfer, das in der dunklen Ecke sitzt und sich die Tränen von der Wange wischt. Nichts mit Individualität. Alle leiden gleich und sehen sogar noch gleich dabei aus – nämlich schwach und hilflos. Viele Männer hingegen haben, unter dem Einfluss von (leider noch nicht ganz veralteten) gender-orientierten Werten, den Anspruch an sich selbst fest verankert, stark sein zu müssen und sich weniger von Gefühlen leiten zu lassen. Das Bild vom Depressiven als eine schwache Persönlichkeit, sei es bewusst oder unbewusst, hat jedoch in vielen Köpfen noch stets seinen Platz. Und genau dann, wenn menschliche Schwäche zum Makel wird, wird die Depression zur geheimen Krankheit, über die so viele nicht sprechen wollen. Um den sozialen Konsequenzen zu entgehen und sich selbst, zumindest augenscheinlich, besser zu schützen. Und das wiederum zeugt nicht von mangelndem Mitgefühl, sondern bedeutet Scham und Angst aus den falschen Gründen. Wenn wir schon so weit sind, dass wir uns für unsere Erkrankung schämen, dann sind wir bereits längst über den Punkt hinaus, dringend daran arbeiten zu müssen, etwas an diesen Gedanken und den negativen Gefühlen in Bezug auf psychische Krankheiten zu verändern.

Oftmals hapert es also nicht an der Empathie oder am Verständnis, sondern an dem Gefühl, als Depressiver schwach und selbst an den eigenen Problemen schuld zu sein. Und über etwas offen und frei zu sprechen, das noch so sehr mit der eigenen Unfähigkeit in Verbindung gebracht wird, kann eben sehr unangenehm sein.

Reden, reden, reden...

Was man nun neben der privaten und öffentlichen Aufklärung über die Erkrankung, über ihre Facetten und über Hilfsangebote noch tun kann, ist, dass man Außenstehenden einen möglichen Umgang mit Erkrankten zeigt und ihnen erklärt, dass manche Sätze wirklich ungünstig und oft eben auch Ausdruck dafür sind, dass man eigene Probleme hat, die auf diese Weise ignoriert, verdrängt oder vertuscht werden. Die Menschen verstehen zu lassen, dass viele Stigmen nicht wahr sind, auch wenn sie die Krankheit selbst nicht richtig nachvollziehen können. Sie müssen nur glauben, was Betroffene ihnen anvertrauen und Mediziner ihnen erzählen. Ein theoretisches Verständnis reicht vollkommen. Ein Selbsterlebnis oder ein Nachvollziehen ist gar nicht nötig – und wäre auch zu viel verlangt.

Also, ihr da draußen, die es noch nicht mitbekommen habt:

Psychische Erkrankungen sind keine Schwäche! Sie sind keine Entscheidungen, die wir treffen. Sie sind keine Krankheiten, die wir uns selbst aussuchen oder die wir selbst verschuldet haben. Es kann jeden treffen. Geld ist nicht gleichzusetzen mit Glück und Zufriedenheit, Armut ist nicht gleichzusetzen mit Trauer und Resignation. Der äußere Eindruck lässt niemals sichere Schlüsse auf den inneren Zustand ziehen. Also legt Scham und Ängste beiseite oder helft jemandem dabei, sich nicht schämen oder nicht ängstlich sein zu müssen. Damit wäre schon viel getan.

Mein Kiefer fühlt sich nun wieder etwas beweglicher an und meine Laune hat sich leicht gebessert. Trotzdem werde ich jetzt noch eine Runde Grinsen gehen – nur zur Sicherheit.


Hier das Video zum Vortragsausschnitt von Vera F. Birkenbihl:


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