Samstag, 16. Juli 2016

Gleichwertigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen

Manchmal wünschte ich, es könnte jemand in meinen Kopf schauen. Und dann denke ich wieder: Oh Gott, wäre das peinlich! Aber dann könnte mal jemand anderes versuchen, etwas Ordnung in diese chaotische Katastrophe zu bringen. Ja, Ordnung wäre wirklich mal nicht schlecht. Hat da irgendwer Lust zu? Kennt sich jemand mit dem Lösen von unlösbaren Aufgaben aus? Vielleicht irgendwelche Physiker oder Mathematiker? Aber nur unter absoluter Schweigepflicht - versteht sich!

Der Gefühlsjahrmarkt der letzten Wochen. Dabei wird mir doch so leicht übel...

Die letzten Wochen waren geprägt von Frustation und Enttäuschung, aber auch von Glück und Dankbarkeit. Von Verständnislosigkeit und Verständnis. Von Rück- und Fortschritt. Von Egoismus und Fürsorge, Einsicht und Nachsicht. An manchen Tagen habe ich mich bemüht, an anderen habe ich resigniert. Ich habe gegrübelt und gegrübelt - über mich und über andere. Ich habe versucht, Gedanken und Handlungen nachzuvollziehen, bin damit jedoch auch ab und zu gescheitert. Und ich war wütend. Manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht.
Ein ständiges Auf und Ab, manchmal sogar mehrmals täglich. Und dann und wann auch sehr extrem. Ich war also nicht nur frustriert, ich war endfrustriert. Maximalfrustriert. Frustriertn. Aber nicht kopflos. Nicht unkontrolliert. Erklärbar, nicht grenzüberschreitend. Es war eher so, dass, wenn ich mir den kleinen Zeh gestoßen hatte, das ganze Bein wehtat. Aber es ist nichts kaputt gegangen, das ist sehr erfreulich.

Dieses Hickhack an Gefühlen, Stimmungen und Empfindungen ist anstrengend und sorgt an allen Ecken und Kanten für extremen Nervenschwund. In erster Linie aber lähmt es mich. Ich könnte stundenlang nur so daliegen und denken. Ich würde sogar behaupten, dass das zwanghaft sein könnte: "Ich kann jetzt nicht abwaschen, ich habe keine Zeit, ich muss denken." Nur, dass sich dieser Satz als Gefühl ausdrückt.
Klingt absurd. Ist es auch. Ändert aber leider nichts an der Tatsache, dass es sich genau so abspielt. Ich könnte mir dafür rechts und links eine scheuern. Anstattdessen bleibt es bei dem Gedanken, dass ich mir ja rechts und links eine scheuern könnte. Und sowieso könnte ich ganz ungemein viel. Im Endeffekt kann ich aber gar nichts, außer in diesem blöden Bett zu liegen und einen neuen Weltrekord in der Benutzung des Konjunktivs aufzustellen, den Schritt in die Aktivität aber konsequent zu ignorieren. Dabei hasse ich Ignoranz.

Gedanken über die Gleichwertigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Worüber ich viel nachgedacht habe, ist die Gleichwertigkeit in zwischenmenschlichen Verbindungen. Zumindest bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine solche soweit es eben möglich ist bestehen sollte. Doch das tut sie in den wenigsten Fällen: Ich sehe Wertigkeitsmachtkämpfe und Konkurrenz, ich sehe ganz viel Egoismus und wenig (und schon gar keine bedingungslose) Liebe. Sollten wir unser Handeln und unser Verhalten nicht alle viel öfter hinterfragen und dabei ehrlich mit uns selbst sein?
Jepp, wahrscheinlich schon. Da wären wir allerdings wieder beim Konjunktiv. Die Marionette der Depression. Oder einfach unseres Schweinehundes.
Was könnten wir also hinterfragen?
Sind wir sowohl fair zu uns als auch fair zu unseren Lieben? Tut ein anderer vielleicht viel mehr für uns als wir für ihn? Oder opfern wir uns auf, verzichten, stecken ein, ohne dass es uns zurückgegeben wird? War unser Ton in unserem letzten Konflikt wirklich angemessen? Oder haben wir alles runtergeschluckt, ohne unseren eigenen Mund aufzubekommen und ehrlich zu sagen, was wir denken? Achten wir auf die guten Dinge in Menschen, anstatt uns auf jeden kleinen Fehler zu fokussieren? Wie oft lassen wir unsere schlechte Laune eigentlich an Menschen aus, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sind, und haben uns im Nachhinein noch nicht einmal dafür entschuldigt? Und wie oft reiten wir eigentlich auf den Fehlern anderer rum und beurteilen sie wie die härtesten Staatsanwälte der Welt, während wir unsere eigenen vertuschen, verteidigen, kleinreden oder einfach nichts von ihnen wissen wollen.
Dabei ist die Stärkung des Selbstwertgefühls auf Kosten anderer doch auch irgendwie beschämend, oder nicht?
Mann, sind wir alle bekloppt. Wir machen uns das Leben wirklich unnötig schwer. Dabei braucht es doch eigentlich nur einen reflektierten Blick auf uns, Akzeptanz, Ehrlichkeit, Verständnis, den Mut zur Veränderung und die Kraft, Veränderung herbeizuführen und möglich zu machen... das ist doch... wirklich... nicht viel.

Der Mensch als soziales Wesen: Ausgewogenheit zwischen Selbstachtsamkeit und Fremdfürsorge.

Natürlich ist es für unser Seelenheil wichtig, an uns selbst zu denken und zu schauen, dass es uns gut geht. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir soziale Wesen sind, die auf andere Menschen angewiesen sind! Ohne zwischenmenschliche Beziehungen funktioniert es einfach nicht, Einsamkeit macht uns krank. Und das bedeutet, dass es nicht ausreicht, nur auf uns selbst zu schauen. Es bedeutet, dass wir Verpflichtungen haben, die nicht immer angenehm sind oder Spaß machen und für die wir selbst vielleicht auch mal zurückstecken müssen, aber dessen Nachgehen ungemein wichtig für uns und für andere sind. Ein ausgewogenes Wechselspiel zwischen Geben und Nehmen sorgt für das Gefühl von Gleichwertigkeit. Unausgewogenheit führt für mindestens eine Seite dann und wann zu Ärger, Frustation und Enttäuschung. Und das ist doch auch irgendwie nachvollziehbar, oder nicht?

Wenn ich so überlege, dann habe ich bei all meinen Kontakten einen einzigen, bei dem ich sagen könnte, dass es schon sehr nah an der Gleichwertigkeit ist. Das ist nicht viel und wahrscheinlich doch mehr, als viele von sich behaupten können. Wir hatten all die Jahre, die wir uns kennen, nicht mehr als ein oder zwei Auseinandersetzungen. Das heißt nicht, dass Auseinandersetzungen etwas Schlechtes sind, im Gegenteil: Konflikte können viel Positives an sich haben. Trotzdem glaube ich, dass dies ein Resultat gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz ist.

"Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen." (Aristoteles)

Letzten Endes aber gibt es eine Tatsache, mit der wir uns immer abfinden müssen: Wir können die Menschen nicht ändern. Wir können ihnen keinen Einlauf erteilen und erwarten, dass ab dann mehr Gerechtigkeit herrscht. Enttäuschung bleibt also nicht aus, das habe auch ich inzwischen verstanden. Aber wir können unser eigenes Verhalten ändern. Wir können genauer beobachten, besser hinsehen. Wir können reflektieren und reagieren, umdenken. Und manchmal können wir auch Konsequenzen aus dem Verhalten anderer ziehen.

Gleichwertigkeit ist ein Prozess. Vielleicht ist es an der Zeit, ihn zu beginnen.

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