Mittwoch, 25. Mai 2016

Umgang mit psychischen Erkrankungen

"Sag mal, ich wurde jetzt schon von drei Menschen in letzter Zeit gefragt, was du machst und wie es dir geht. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll."
"Du kannst ihnen ruhig sagen, dass ich zurzeit wegen Depressionen krankgeschrieben bin und mein Studium pausiere."
"Nein, das sage ich ihnen nicht. Was sollen die denn denken? Die kriegen das dann in den falschen Hals."

Hmm. Okay. Mein Opa ist 94. Andere Generation eben. Da kann man das schon mal so sehen. Oder?

Ganz ehrlich, ich nehme es ihm nicht krumm. Wie könnte ich auch. Er hat viel erlebt, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs. Die Depression ist etwas, das er nicht versteht. Und es ist auch etwas, das er nicht mehr verstehen muss. Finde ich.

Aus diesem Grund versuche ich auch gar nicht mehr, es ihm zu erklären. Er hätte es zwar gerne, aber das wäre so erfolgversprechend wie die Suche nach Gehirnzellen im Kopf meiner tollen, süßen aber auch sehr doofen Katzen. Außerdem wäre die Gefahr groß, dass das Gespräch in einer verzweifelten Keiferei endet. Und das wollen wir beide nicht.
Manchmal drucke ich ihm deshalb Texte von mir aus. Das ist für ihn interessant zu lesen und sehr schonend für meine Geduld. Schließlich muss ich zusehen, wie ich mit meinen Nerven richtig haushalte.

Viele Studenten leiden unter psychischen Belastungen

Ich habe durch eine Anlaufstelle der Uni bzgl. Vorteilen im Studium bei chronischen Erkrankungen erfahren, dass es sehr viele Studierende gibt, die ebenso mit psychischen Belastungen zu tun haben. Ganze 13 Prozent, wenn ich mich richtig erinnere. Das sind erschreckend viele. Und doch ist das auch irgendwie eine beruhigende Zahl, denn sie bedeutet, dass ich nicht die Einzige bin, die den Anforderungen des Studiums momentan nicht standhalten kann.
Auch verfügt die Uni über eine psychologisch-therapeutische Beratungsstelle und es wurden im Laufe der Jahre einige weitere Anlaufstellen und Hilfestellungen für Erkrankte ins Leben gerufen. Allein das zeigt schon, dass sich immer mehr Menschen Unterstützung benötigen und auch wollen!

Viele aber - und das ist der Knackpunkt, den ich nochmals aufgreifen muss - ignorieren ihre Beschwerden. Es ist eben leider nicht so, dass nur die ältere Generation nicht aufgeklärt (oder nicht aufklärungsbereit) ist, sondern dass psychische Erkrankungen im Allgemeinen auch bei vielen anderen um Anerkennung und Verständnis ringen müssen.
Wie selbstverständlich hingegen inzwischen über Krebserkrankungen gesprochen wird, hat beispielsweise Guido Westerwelle gezeigt: Der leider bereits verstorbene Politiker sprach offen über seine Leukemie-Erkrankung. Und das war okay. Für den Umgang mit psychischen Erkrankungen bedarf es hingegen sterile Handschuhe und Atemschutzmaske. Oder man knippst einfach das Licht aus - denn was man nicht sieht, das gibt es auch nicht.

Und an dieser Stelle muss ich noch mal kurz den Fall Robert Enke anschneiden: Der deutsche Fußballtorwart hatte das Gefühl, er müsse seine Erkrankung geheimhalten, was folglich seine Behandlung erschwerte. Er nahm sich 2009 das Leben.
Doch ganz egal, ob beim Profifußballer oder beim Versicherungsangestellten: Es ist doch ein Unding, dass man eine Krankheit geheimhalten zu müssen glaubt, die jeden treffen kann und unter der immer mehr Menschen heutzutage leiden. Das darf nicht sein und dagegen muss weiterhin etwas und noch viel mehr unternommen werden.

Ignoranz und Empathielosigkeit im Umgang mit psychischen Erkrankungen

Wenn mich etwas sehr sauer macht, dann ist es diese Ignoranz und Empathielosigkeit einiger Menschen im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Und diejenigen, die seelig ihre Kulleräuglein schließen und sich ihr eigenes falsches Weltbild imaginieren, sind dabei genauso schlimm wie die unsensiblen Hetzer, die zwar nicht blind durch's Leben watscheln, aber dafür mit Gefühllosigkeit und einem Einfühlungsvermögen von einem Krümel Toastbrot glänzen. Offenheit, Interesse, Mitgegühl, Verständnis - wichtige Wörter, die leider keine Selbstverständlichkeit sind.

Doch tun kann man was. Man kann für Verständnis sorgen. Man kann informieren, aufklären. Helfen, ein schiefes Bild gerade zu rücken. Reden. Recherchieren. Versuchen, zu verstehen. Fragen. Weitergeben. Mitteilen. Öffentlich machen. Augen öffnen. Brille abnehmen. Aufhören, wegzuschauen.
 
Und was nun?

"Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt. Der andere packt sie kräftig an - und handelt." - Dante Alighieri

Kommentare:

  1. Verständnis scheint mir ein wichtiges Wort in diesem Zusammenhang zu sein. Und obwohl es eher im Kontext von Empathie und Mitgefühl seinen Platz findet, hat es doch auch viel mit Verstehen zu tun.Ich bin ganz sicher, dass Verständnis ohne Verstehen manchmal deutlich schwerer fällt.
    Von daher schlägst du genau den richtigen Weg ein, wenn du offensiv aufklären möchtest,- damit nicht nur dein Opa lernt, diese Krankheit und auch Dich etwas besser zu verstehen.
    Liebe Grüße,
    S.

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    1. Damit hast du absolut recht: Es hat sehr, sehr viel mit Verstehen zu tun und es fällt sicherlich deutlich schwerer, Verständnis aufzubringen, ohne verstanden zu haben. Doch Opa zum Beispiel muss nicht mehr verstehen, wie ich finde. Das wäre für seine 94 Jahre wahrscheinlich auch einfach zu viel verlangt. Um Verständnis zu haben, muss er die Krankheit in erster Linie akzeptieren - egal, wie viel er davon nun eigentlich verstanden hat.
      Akzeptanz ist sicherlich auch im Allgemeinen sehr grundlegend: Ich kann Krankheiten akzeptieren, auch wenn ich sie weder verstehe noch nachempfinden kann. Aber es gibt sie mit all ihren Facetten, Auswirkungen, Symptomen, Einschränkungen. Dass die Depression nun so gut es eben geht auch verstanden wird, ist ein Wunsch, den ich habe. Ob ich damit auch Empathie und Mitgefühl wecken kann, liegt an den Menschen selbst. Schön wäre es.
      Beste Grüße
      Madeline

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