Mittwoch, 18. Mai 2016

Das innere Kartenhaus

Stille.

Na gut, nicht ganz. Mein Laptop-Opa schnauft laut vor Anstrengung und ich hämmere weniger zaghaft in die Tasten. Das Y ist locker, aber es funktioniert noch. Wenn es seinen Geist aufgibt, muss ich mir wohl etwas anderes überlegen. Vielleicht erfinde ich einen neuen Buchstaben. Oder neue Wörter. Mal schauen.

Also noch mal.

Stille.
Stille vor und nach dem Sturm, wie es scheint.
Behaglich und erdrückend zugleich.
Wo sind die Stimmen, das donnernde Leben? Wo ist die Vielfalt der Klänge? Kein Vogel, keine Kirchturmglocken. Kein hupendes Auto und keine vom Wind getriebenen Blätter. Ich dachte, der Frühling sprießt nur so vor Bewegung. Doch hier bewegt sich höchstens mein zuckendes Augenlid. Und die Haare, die sich vor Angst gen Himmel neigen.
Ich schaue nach rechts. Eine schwarze Katze schwebt an mir vorbei. Sie ist dabei so langsam, dass ich schauen muss, in welche Richtung sich der Uhrzeiger bewegt. Dann schaut sie mich an und gleitet geräuschlos an mir vorbei. Die grünen Augen funkeln wie Diamanten, das Fell glänzt wie ein neumodischer Vampir im Sonnenlicht. Ein anmutiges Tier. Sie sieht so mächtig aus, so erhaben. Wie die Königin der Welt. Und ich bin ihr Sklave. Ich bewundere ihre Schönheit und suhle mich in ihrem Schatten.

Dann niest sie. Die Schnotten verteilen sich im ganzen Raum und ich erwache aus meinem Wachkoma. Gut, dass wir heute Nachmittag einen Termin beim Tierarzt haben. Ist ja widerlich.

Stille.
Nein, es ist nicht diese Stille, die man hört, wenn nichts Geräusche macht. Es ist die innere Stille. Es ist die Konsequenz der Leere. Die Konsequenz für verschlossene Türen und verriegelte Fenster.
Die Luft ist alt und verbraucht. Sie ist wie das zähe Kaugummi, das nicht mehr schmeckt und trotzdem bleiben darf.
Es ist mein inneres Haus, verrottet und verwahrlost. Gibt es keinen Schlüssel? Ich finde keinen. Es scheint zu wackeln wie ein Kartenhaus und doch bekomme ich die Türen nicht geöffnet.
Viel gibt es zu tun. Doch ich bin kein Handwerker. Ich bin kein Künstler. Farben sind sicher verpackt. Kaum Bilder. Ich benutze Kloreiniger für die Spülmaschine und sauge Dreck mit den Händen. Hat jemand eine Bohrmaschine? Vielleicht passt sie durch den Fensterspalt. Ein Versuch wäre es wert.

Ich schaue auf den Uhrzeiger. In welche Richtung bewegt er sich? Die Zeit fliegt, doch sie vergeht nicht. Es gibt noch viel zu tun in meinem inneren Kartenhaus.

Wo ist der Schlüssel? Hat ihn jemand gesehen?

Stille.

Kommentare:

  1. Ach, Madeline,
    vielleicht solltest Du mal wieder zu den Pferden kommen. Du weißt doch, die schaffen es, wenigstens zeitweise mal einen Huf in die sonst verschlossene Tür zu schieben und sich dann schnell alle hinein zu zwängen.
    Ging mir in diesen leeren Tagen auch so.
    Liebe Grüße,
    S.

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    1. Oh ja, zu den Pferden komme ich sehr, sehr gerne bald wieder. Ich bin mir sicher, die Wallache warten schon ganz sehnsüchtig auf mich :-D

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