Mittwoch, 13. April 2016

Mein Leben ohne mich

Die meisten meiner depressiven Freunde verkriechen sich in schlechten Zeiten zu Hause, ziehen sich zurück, kapseln sich ab. Ich bin da anders.
Ich könnte mich jeden Tag mit Menschen treffen - wenn es denn die richtigen sind. Während andere niemanden sehen wollen, habe ich den Drang, nicht mit mir alleine zu sein. Das hört sich zunächst positiv an, bin ich der Depression dann doch nicht ganz allein ausgeliefert. Doch inzwischen erkenne ich eine Logik, die mir nicht gefällt: Sind andere Personen involviert, kann ich mich aufraffen. Geht es jedoch um mich, schaffe ich kaum etwas. Das ist schlecht, schließlich bin ich die einzige Person, bei der ich mir sicher sein kann, dass ich sie bis an mein Lebensende an der Backe habe.

Ich bin nicht die Protagonistin in meinem Leben.

Bin ich zum Beispiel von irgendwem oder irgendwas enttäuscht, dann bin ich mir selbst keine Stütze. Ich stehe nicht über den Dingen, weil mir das Standbein dazu fehlt. Die Außenwelt ist mein sicherer Hafen. Bricht er zusammen, breche ich zusammen. Das ist ungünstig und auch nicht sehr zu empfehlen.

Der Kaffee beispielsweise schmeckt mir nur, wenn ich ihn nicht alleine trinken muss. Was für ein elendiger Anblick wäre es schon, wenn ich alleine am Küchentisch sitze und stillschweigend an meinem Koffeinkick schlürfe? Machen ja nur alle anderen auch oft genug. Für mich ist das aber, als würde ich allein im Meer herumschippern, weit und breit nur das Wasser und ich mit meinem verrosteten Kahn. Und dem Gewitter. Eine für mich schwer zu ertragende Vorstellung. Da liege ich doch lieber im Bett und schaffe mir mein digitales Umfeld. Ich lese Postings in sozialen Netzwerken, schaue Videos bei Youtube oder informiere mich über die Nachrichten aus aller Welt. Das ist okay, denn ich sehe Leben. Ich selber nehme zwar nicht sehr intensiv daran teil, zumindest nicht aktiv, doch ich schaue den anderen dabei zu. Und das ist viel wert, wenn man das eigene Sein darauf ausgelegt hat.

Genau so ist es übrigens mit Verbindlichkeiten. Mein Synapsenkasper zeigt mir den Vogel, würde ich mir sagen: Morgen soll die Sonne scheinen, da könntest du gut am See spazierengehen. Bin ich hingegen dort verabredet, um spazieren zu gehen, hilft mir die Verbindlichkeit und die Gesellschaft, das auch zu tun. Denn Sonne, frische Luft und Bewegung sind gut für mich und schlecht für die Depression, das weiß ich. Doch alleine schaffe ich es in der Regel noch nicht mal bis zur Türschwelle.
Die Verbindlichkeit mit anderen hilft mir auch, etwas zu tun, was mir gut tut, ohne dass jemand direkt involviert ist. Allein, dass sich jemand auf mich verlässt, hilft mir. Wenn ich also mit meiner Therapeutin ausmache, zu nächster Woche ehrenamtliche Institutionen herauszusuchen, bei denen ich mich engagieren könnte, um wieder eine Aufgabe und Erfolgserlebnisse zu haben, dann mache ich das auch. Weil wir das so vereinbart haben. Gäbe es diese Vereinbarung nicht, wäre vermutlich nichts passiert, weil daran nur ich beteiligt gewesen wäre. Und ich reiche mir in der Hinsicht einfach nicht aus.

Ich muss lernen, wieder etwas für mich zu tun und das Drehbuch umzuschreiben.

Dass diese Verhaltensweisen ein Problem größerer Art darstellen, ist mir inzwischen durchaus bewusst. Insbesondere, weil ich sie rückblickend schon ziemlich lange habe - das war mir nur nicht klar.
Ich habe sowieso viel gelernt in den letzten Monaten. Das Wichtigste: Die Erkenntnis ist das Erste. Danach kommt das Schwerste. Ich weiß nun, warum ich vieles mache oder warum ich vieles nicht mache. Das habe ich zum einen selbst herausgefunden, zum anderen hat mir meine Therapie diese Erkenntnisse gebracht. Und das ist grundlegend, wenn ich meine Depression bekämpfen will. Für den Kampf an sich ist dann aber meine Aktivität gefragt.
Das bedeutet: Ich soll etwas bekämpfen, indem ich genau das mache, was mir schwerfällt: Ich soll quasi leben, um wieder leben zu können. Wer hat sich den Scheiß bloß ausgedacht...?

Du bist doch noch jung...

Ach nee bin ich noch jung. Das weiß ich selber, doch was will man mir damit nun sagen? Ich weiß, dass das wirklich ein gut gemeinter Satz ist, der mir zeigen soll, dass auch bessere Zeiten kommen werden. Dass ich noch etwas aus meinem Leben machen kann. Aber was glaubt ihr, was ich dann denke: "Oh stimmt, ich krieg zwar gerade nichts geschissen, aber ich freue mich auf die Zukunft. Jaja, da starte ich dann richtig durch!" Natürlich. Ich bin zwar 25, habe keine abgeschlossene Ausbildung, weiß überhaupt nicht, was mir liegt oder was mir gefällt und brauche noch ein bisschen länger, bis ich wieder halbwegs fit bin. Aber ich bin ja noch jung. Das wird schon. Oder wie? Ganz ehrlich, ich könnte kotzen bei dem Gedanken. Hätte ich eine fertige Ausbildung oder gar schon einen Beruf, dann wüsste ich wenigstens, in welche Richtung das ganze geht. Dann würde ich nicht so komplett in der Schwebe hängen. Und wenn es ganz blöd läuft, dann habe ich noch ganz schön viel depressive Lebenszeit.
Ich will damit nicht sagen, dass es schlimmer ist, wenn man in jungen Jahren depressiv ist. Ich will allemal sagen, dass es nicht automatisch besser ist. Der Satz baut nicht auf, er erzeugt Druck. Und Angst. Ganz gewaltige Angst.

Zukunft ist allgemein ein schwieriges Thema. Ich will nicht alles schwarzmalen (was ich jedoch wahrscheinlich eben schon getan habe), aber so rosig sieht es nun mal nicht aus. Und da lässt sich jetzt auch momentan nichts schönreden. Meine eigenen Ansprüche sind in Sachen Zukunftsangst auch nicht sehr beruhigend, eher im Gegenteil. Die sind nämlich grundsätzlich eher zu hoch als zu niedrig angesetzt und sorgen dann und wann für eine enttäuschende Realität. Mir bleibt deshalb zunächst einmal nichts anderes übrig, als nicht zu weit voraus zu denken. Kleine Schritte zu gehen. Manchmal auch winzige. Für einige könnte ich sogar ein Mikroskop ganz gut gebrauchen, aber da kann man locker ein paar hundert Euro für blechen. Selbst bei Amazon, wenn es ein halbwegs gutes sein soll.

Nun gut, trotzdessen habe ich aber auch eine positive Sicht auf die Dinge, denn ich gehe jetzt dagegen an, ich bewege mich nach vorn. Ich befinde mich also sozusagen gerade in der Anfangsphase im Kampf gegen die Depression. Und wenn ich Kampf schreibe, dann meine ich das Kämpfen mit Zahnstochern. Oder Reißzwecken. Mehr kann ich nicht heben. Ich piekse der Depression also immer mal wieder in die Seite und versuche, einen möglichst unangenehmen Punkt zu treffen. Das kostet Zeit, aber es hilft ja nichts. Die Alternative kostet Leben.

Kommentare:

  1. Hi Madeline,
    Du kannst auf jeden Fall gut schreiben, gut analysieren und hast einen prima Humor :-)
    LG, Jörg

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    1. Hey Jörg,
      vielen Dank, das freut mich sehr! :-)

      Ganz lieben Gruß, Madeline

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  2. Huhu :-)
    Schreiben kannst Du wirklich wahnsinnig gut. Ich liebe Deine Texte und muss dabei oft schmunzeln.
    Mach weiter so!
    Viele liebe Grüße von der Hundemami :-)

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    1. Hallöle :-)
      Vielen Dank! Ich gebe mir Mühe, dass du auch weiterhin schmunzeln kannst ;-)

      Beste Grüße, Madeline

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