Dienstag, 19. April 2016

Der Fluch mit den eigenen Ansprüchen

Es ist so weit. Der Tag ist gekommen, vor dem ich mich seit Beginn des Blogs gefürchtet habe – und dessen Erscheinen ich somit angsterfüllt erwartet und damit auch irgendwie herbeigerufen habe. Er hatte quasi gar keine Chance, sich aus der Affäre zu ziehen, weil ich so sicher wie das Amen in der Kirche mit ihm gerechnet habe. Selber schuld, ich blöde Kuh.

Es ist der Tag, an dem ich so einfallslos und unkreativ bin wie eine vergammelte Aubergine. Der Tag, an dem ich langsam aber sicher Druck bekomme, wieder etwas zu schreiben und zu veröffentlichen. Um zu zeigen, dass ich doch etwas schaffe und dass ich mich nicht vor Ehrfurcht und Unterwürfigkeit auf den Rücken schmeiße und resignierend liegenbleibe, solange, bis die Depression gelangweilt von mir abgelassen hat. 
Tja. Jetzt hocke ich hier seit bereits drei Stunden vor dem Laptop und bekomme nichts geschissen. Dafür weiß ich nun, wie viele Autos in einer Stunde durchschnittlich an meiner Wohnung vorbeifahren. Und wie viele Raufasern meine Raufasertapete hat.

Ich kann gar nicht beschreiben, was genau in mir vorgeht, wenn ich stundenlang vor diesem leeren digitalen Blatt sitze und merke, dass sich Texte halt doch nicht von alleine schreiben. Und dass mir Themen auch nicht mal eben so zugeflogen kommen. Sobald ich versuche, mir geordnete Gedanken darüber zu machen, wozu ich etwas zu sagen hätte und über welches Thema es sich lohnen würde, zu schreiben, dann bumms: Error. Da kommt das ganze System dann zum Absturz. Es mangelt mir nicht an Gedanken, es mangelt an Ordnung, Konzentration, Gelassenheit, Geduld, Ausdauer, Kreativität und Struktur. Ach, eigentlich mangelt es an allem. Und dann kommt die Wut. Die schüttelt mich dann richtig durch und sorgt quasi für das actionreiche Finale in einem sonst totlangweiligen Film. Mir fährt dann ein innerer Tornado durch den ganzen Körper und verwüstet alles, was er vor die Linse bekommt. Man kann sich mich dann als Sektflasche vorstellen, die nach einer Fahrradtour mal ganz dringend etwas Druck ablassen müsste. Sonst peng. Maximal unangenehmes Szenario, sag ich euch.

Eigene Ansprüche können, wenn sie zu hoch sind, für die falsche Art von Druck sorgen.

Was aber ist so unglaublich frustrierend an der Tatsache, einen unkreativen Tag zu haben? Ich könnte es doch einfach morgen noch mal versuchen oder vielleicht fällt mir am Abend spontan noch etwas ein. Aber so läuft das bei mir nicht. Dieser Blog ist von einem spontanen zu einem relativ großen Projekt geworden. Es erfüllt mich gerade. Und ich habe mir bestimmte Regeln auferlegt, die ich gefälligst zu befolgen habe und deren Einhaltung doch verdammt noch mal nicht so schwer sein kann: 

Keine langweiligen Texte, nicht zu kurz, nicht zu lang, spätestens nach vier Tagen neuer Artikel, keine Fehler, Mehrwerte liefern, Gedankenanstöße bringen, nicht zu negativ, nicht zu schwarz, nicht veralbernd, mal lustig, mal ernst, wenn möglich Bilder machen, ...

Das sind nur ein paar meiner Ansprüche hinsichtlich des Blogs. Diese stellen vielleicht jetzt keine außergewöhnlichen oder unmöglichen dar, doch fordern sie mich unglaublich heraus und erzeugen Druck, der mir im Wege steht, anstatt mich anzuspornen. Ich werde meinen Ansprüchen gefühlt schon nicht gerecht, BEVOR ich ihnen wirklich nicht gerecht werde. Oder anders: Bei dem kleinsten Holperer überfallen mich Wut, Frustration und Selbsthass, obwohl ich noch gar nicht gescheitert bin. Ich hatte nur einen kleinen Hänger, ganz normal. Doch ich habe gleich das Gefühl, NICHTS hinzubekommen. Ich bin also doch das, was die Depression immer von mir behauptet.

Von Einfallslosigkeit bis hin zu Lebensinkompatibilität. Das muss man erst einmal nachmachen.

Diese negativen Gefühle beziehen sich dann irgendwann nicht mehr auf die eigentliche Situation, sondern auf mein Leben im Allgemeinen. Ich hinterfrage dann meine gesamte Zukunft. Ich meine, ist ja logisch, dass ich, wenn die Depression mir gerade extremen Nervenschwund bereitet, nicht daran denke, dass ich den Scheiß irgendwann vielleicht mal los bin und dann mal eben lockerflockig drauf los schreibe, ohne beim kleinsten Stolperer zu denken, mein Leben gleiche einer Mülldeponie. Da frage ich mich dann doch eher, ob ich diesen Mist eigentlich ewig an der Backe habe. Und ob ich überhaupt kompatibel bin für dieses Leben. Passe ich hier überhaupt rein? Kann ich mich jemals damit anfreunden, wie man scheinbar zu funktionieren hat, wenn man nicht psychisch krank werden will? Gibt es eigentlich irgendeinen Anspruch, dem ich irgendwann überhaupt mal gerecht werde? Sollte ich diesen Blog vielleicht einfach dicht machen, um den Sturz beim Scheitern nicht noch tiefer werden zu lassen?
Diese Fragen sind zwar nicht förderlich für die Situation, aber komm - jetzt ist doch auch egal. Wenn schon, denn schon.

Eine kleine Phase der Einfallslosigkeit führt also zu einer dämlichen Kausalkette, die mit der Frage nach Lebenskompatibilität endet – ich kann an dieser Stelle ohne Zweifel behaupten, dass ich wirklich nicht ganz frisch in der Birne bin. Wäre nur schön, wenn mir das in der jeweiligen Situation dann vielleicht auch mal auffallen würde.

Wie dem auch sei, ich habe nun einen Text darüber, keinen Text schreiben zu können. Auch nicht schlecht, oder? Zwar keinen guten, aber das ist mir jetzt auch wurscht. Bin nun in der Trotzphase. Mir doch egal, wenigstens steht da überhaupt irgendwas. Und wenn das jemanden nicht passt, dann hört er halt auf zu lesen (steigt dann aber bitte beim nächsten Text wieder ein!).
Hol mir jetzt ne Katze. Die wollen schließlich auch immer schmusen, wenn ich gerade gar keinen Bock habe. Kann ich auch. Also: Bis in spätestens vier Tagen!

Nachtrag: Das mit den Katzen war eine Scheißidee. Die waren beide frech. Glimmer hing dann mit einer Kralle im Vorhang fest und Schnotti ist auf sie drauf. Sie hat sich so erschrocken, dass sie samt Vorhang panisch um ihr Leben rannte. Das war die Strafe, dass ich ihn vor lauter Wut noch nicht aufgezogen hatte. Bin nun bedient. Die Katzen auch.

Kommentare:

  1. Neeeeeeiiiiinn!
    Nicht aufhören!Und sollte dir in irgendeiner Situation wieder nicht auffallen, ob du frisch in der Birne bist oder nicht - frag mich! Ich sag´s Dir. Denn ich find´ Dich gut.
    Liebe Grüße,
    S.

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  2. :-D ich werde mich dann umgehend bei dir melden :-*

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  3. Hallo Madeline,
    Ich habe Deinen Blog heute erst entdeckt und wollte Dir nur kurz sagen, dass in Dir (!), für mich, eine wundervolle Persönlichkeit und eine atemberaubende, farbenfrohe Schönheit steckt!!!
    Deine Texte sind für mich ein Lichtblick, von jemandem, der ganz genau weiß, wovon er/sie :-) spricht, danke dafür!
    Nicht nur "graue Theorie" sondern angewandte und erfahrbare und er(lebbare) Praxis...
    DANKE!!!

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    1. Hey!

      Vielen Dank für deine lieben Worte! Ich freue mich riesig über solch schöne Resonanzen - das ist ein großer Ansporn, fleißig weiterzuschreiben ;-)

      Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und hoffe, dass die Sonne immer stärker sein wird.

      Liebe Grüße
      Madeline

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