Sonntag, 27. März 2016

Lebenspfade

Es ist neblig. Die Gassen sind leer, das Licht erloschen. Ich gehe einen Schritt weiter.
Es lässt sich schwer atmen, als würde der Luft Sauerstoff fehlen. Als würde mir Sauerstoff fehlen.
Die Stadt ist klein und dreckig. Der Mondschein drängt sich lustlos durch graue Mauern. Ein paar Bäume stehen nackt und schutzlos in der Dunkelheit, vom Wind geschunden und doch standhaft das Leid ertragend. Ich gehe einen Schritt weiter.
Zum Stadtrand hinaus führt eine Schlucht ins Nichts. Die unendliche Tiefe macht mir Angst. Unendlichkeit macht mir Angst. Dennoch ist dort etwas, das ich beruhigend finde. Etwas, das mich hier rausholt. Ich gehe einen Schritt weiter.

Dann blicke ich zurück. Der Wind bläst vertrocknete Blätter durch die Straßen, doch mich erreicht er nicht. Kein Lüftchen berührt meine Haut, meine Haare hängen starr zu Boden. Und doch komme ich kurz ins Straucheln.
Was tun? Der Blick zurück fällt nun noch schwerer, ich fühle mich unwohl in der vertrauten Einsamkeit. Wo ist die Welt, von der die Stimmen sprechen? Wo sind die Farben, die blühende Vielfalt? Wo ist die Grenzenlosigkeit mit ihren tausenden Pfaden, die es zu erkunden gilt. Und wo ist der Weg, den ich mein Eigen nennen kann? Dessen Spuren meine sind, dessen Richtung ich gehen will. Es scheint dort sehr schön zu sein. Ich gehe einen Schritt weiter.

Nun stehe ich hier. Würde der Wind mich jetzt kalt erwischen, dann gäbe es keinen Weg zurück. Die quälende Entscheidung hätte er mir zumindest abgenommen. Vielleicht ist die Dunkelheit auch wärmer, als das immertrübe Grau. Vielleicht würde es mir gut gefallen?
Ich fühle mich unwohl. Das Leid packt mich mit voller Wucht und weiß nicht, in welche Richtung es mich zerren soll. Vorne das angsteinflößende Nichts, hinten die quälende Vertrautheit.
Ich will hier nicht bleiben! Ich werde diesen Ort verlassen! Gibt es denn keinen anderen Weg? Ich gehe einen Schritt zurück.
Ja, kenne ich mich hier wirklich aus? Jede Gasse, jeder Winkel ist verbraucht, jede Geschichte ist geschrieben. Ist es auch meine? Ich gehe einen Schritt zurück.

Nein, es muss einen anderen Ausweg geben! Der innere Widerstand überrascht mich, aber er ist klar zu spüren. Ein Widerstand gegen die Hoffnungslosigkeit, gegen das Hier und Jetzt. Ich weiß nicht, ob ich einen schöneren Ort finde, aber es muss ihn geben. Ich gehe einen Schritt zurück.
Jeder Schritt, den ich einst gegangen bin und nun wieder gehen muss, durchfährt meinen gesamten Körper. Meine Haut brennt, meine Seele schmerzt. Mit letzter Kraft beginne ich mich durch altbekanntes Land zu kämpfen, beginne ich zu suchen. Plötzlich sehe ich am Horizont einen kleinen Hoffnungsschimmer aufleuchten, der mich begleitet. Er erfüllt meine Suche mit Sinn. Er erfüllt mein Dasein mit Sinn.

Und sollte mich die Unendlichkeit doch irgendwann zu sich ziehen - dann wird die Angst vergessen und der ersehnte Ort für mich ewig graues Leben bleiben.

Kommentare:

  1. Ich glaube, auf Deiner Suche nach Dingen, die Du kannst und die in Dir stecken, ist dieser Text schonmal gleich Punkt Eins, den Du auf deine Liste schreiben kannst!
    Ich lese weiter und warte auf mehr!
    (Für weitere Kommentare muss ich das mit dem Profil dann wohl auf die Reihe kriegen... :) )

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    1. Vielen lieben Dank, freut mich, dass es dir gefällt! Morgen kommt mehr :-)

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  2. Also das mit dem Profil habe ich irgendwie nicht verstanden. Ist wohl mal wieder eine Herausforderung, die es gilt zu meistern...
    Dein Text weckt beim ersten mal durchlesen ein düsteres Bild, was an einen Albtraum erinnert. Beim zweiten, dritten und vierten mal wird Hoffnung geweckt. Ich habe ein Szenario vor Augen, indem ich, um meine Zukunft bewältigen zu können, ich mich zuerst der Vergangenheit stellen muss. Die Schritte zurück, stellen gleichzeitig Schritte nach vorne dar. Sie bedeuten "ich gebe nicht auf". Vergangenheit wird dadurch bewältigt, indem man sie durchleuchtet - verändern kann man sie sowieso nicht. Hat man erst einmal verstanden, was die Vergangenheit aus einem gemacht hat, dreht man sich auf dem Absatz um und geht voran in die Zukunft. Denn dann hat man die Chance, einiges (nicht alles) besser zu machen. Im Gegensatz zum Depri, nehmen nichtdepressive Menschen eine Lampe mit wenn sie in die Dunkelheit gehen. Die Lampe für Depressive heißt Vergangenheitsbewältigung und gesunde Eigenliebe.
    Führe den Blog bitte weiter, er ist bestimmt gut für dich und für alle unsere Leidensgenossen. Außerdem bin ich stolz auf dich, weil unsere kleine Maddy wohl endlich ihren Weg gefunden hat.
    Herzlichst eine Sabine

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    1. Wow! Liebe Sabine, das ist eine tolle Beschreibung mit schönen und neuen Gedanken - insbesondere die Metapher der Lampe ist so wahr. Schön, dass das düstere Bild zur Hoffnung geworden ist!

      Vielen Dank für den Kommentar, darüber freue ich mich sehr :-)

      Zu dem Profil: Für mehrere Kommentare musst du, glaube ich, nicht extra ein eigenes Profil erstellen. Solltest du z.B. ein Google-Konto besitzen, kannst du auch unter diesem Namen Kommentare schreiben. Das steht dir aber frei :-)

      Lieben Gruß, Maddy

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