Montag, 30. September 2019

Wunschgedanken

Ich wäre gerne eine Giraffe.
Wäre ich eine Giraffe, dann hätte ich einen Hals. Momentan habe ich keinen. Mein Kopf ist quasi direkt auf meine Schultern montiert. Anstatt eines Halses habe ich sehr viel Gesicht. Als hätte man ihn genommen und gleichmäßig vom Kinn bis zur Stirn verteilt. Das ist schon ziemlich lange so. Früher, als Kind, habe ich da sehr drunter gelitten. Heute ziehe ich Grimassen vor dem Spiegel, um meinen Anblick wenigstens lustig zu finden.

Wäre ich eine Giraffe, dann hätte ich für jedes Jahr ohne Hals einen doppelten dazubekommen. Eine angemessene Entschädigung, wie ich finde. Und auch sonst glaube ich, dass es eine sehr gute Wahl wäre, Giraffe zu sein. Ich müsste zu niemandem mehr aufblicken, niemanden anhimmeln. Meine Wolke 7 bräuchte ich mir einfach nur zu nehmen. Wenn mich jemand ärgert, dann kann ich ihm mühelos auf den Kopf spucken. Und ich wäre näher an den Sternen.
Außerdem würde ich mich ausschließlich grün und gesund ernähren. Und das würde mir auch noch verdammt gut schmecken. 
 
Wunschgiraffe: Ein ziemlich süßes Exemplar

Als meine Gedanken begannen, mich in ein Tier zu verwandeln, schrien sie laut „LÖWE“. Der starke, mächtige Löwe, der König, das Alphatier. Dominant, erhaben, mutig. Doch wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, im Zirkus zu landen? Wie viel von dem, das ich mir ausgemalt habe, bin ich dann noch? Wie viel Chancen habe ich gegen die Grausamkeit der Spezies Mensch? Und wie viel Einfluss hätte mein äußeres Erscheinungsbild tatsächlich auf mein Leben und die Wahrnehmung anderer auf mich?
Genauso ergehen kann es den Pferden, Elefanten, Affen oder Kamelen. Nein, dieses Risiko wäre mir wirklich zu hoch. Da bin ich doch lieber eine Giraffe, die beim Kauen vielleicht etwas dumm aussieht, aber wenigstens mit einer blauen Zunge Eindruck schinden kann.

Eigentlich, so denke ich, möchte ich vieles sein. Eine Ameise zum Beispiel. Die ist viel stärker, als sie aussieht, und überlebt jeden Fuß, mit dem sie getreten wird. Sie hat eine große Familie und einen enormen Teamgeist. In der Gruppe kann sie Berge versetzen und auch allein ist sie überlebensfähig. Ja, das klingt nach einem Leben, das ich mir vorstellen kann.
Oder Astronautin. Dann könnte ich der Welt auch mal entfliehen und die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Abstand gewinnen. Vielleicht finde ich die Welt sogar schön, wenn ich aus weiter Entfernung auf sie blicke. Vielleicht finde ich die Zeit und die innere Ruhe, wenn ich nicht mitten drin im Geschehen und im Leben bin. Vielleicht entdecke ich die Schönheit, wenn ich sie woanders suche. Vielleicht.
Ich wäre gerne Schauspielerin oder Drehbuchautorin. Dann könnte ich der Realität für einen Moment den Mittelfinger zeigen und meine Geschichte selber schreiben. Ich könnte so tun, als sei ich jemand anderes. Solange, bis ich glaube, ich sei jemand anderes. Solange, bis ich jemand anderes bin. Und wenn ich jemand anderes nicht mehr sein will, dann schreibe ich einfach eine neue Geschichte. Hauptsache, ich bin nicht mehr die ganze Zeit ich selbst.

Letztens, bei einem Termin mit meiner Hausärztin, fiel auch ihr auf, dass ich keinen Hals und sehr viel Gesicht habe.
Ihr Gesicht wird immer runder“, sagte sie mir.
Das geht?“, fragte ich verwirrt. Wie rund kann etwas denn werden?
Irgendetwas stimmt da nicht. Ich gebe Ihnen mal eine Überweisung zum Endokrinologen.“
Sie erklärte mir dann noch ein paar Dinge über Hormone und über mich und mein Gesicht und über meine anderen Symptome und deren Zusammenhang mit den Hormonen. Bevor ich ging verbot sie mir außerdem, nach Morbus Cushing zu googlen, woran ich mich natürlich nicht gehalten habe. Schließlich bekam ich schon lange keine Diagnose mehr von Dr. Google.

Ein paar Wochen später war ich dann beim besagten Endokrinologen, der sich als Endokrinologin entpuppte und mindestens eine Millionen Tests machte. Lange Rede, kurzer Sinn: Insulinresistenz. Schilddrüsenunterfunktion. Und die Vermutung, ich hätte möglicherweise ein „Problem mit bisher noch unerforschten Hormonen des Magen-Darm-Trakts“, weil ich so eigenartige Körperproportionen habe. Da wären wir dann wieder bei der Sache mit dem Hals in meinem Gesicht.
Außerdem solle ich mich doch mal auf Schlafapnoe testen lassen. „Da stimmt noch etwas anderes nicht“, sagte sie mir dann Déjà-vue-artig. Weil ich seit ein paar Monaten kaum mehr schlafe und nach Luft japse und ich außerdem aussehe wie ein Vampir mit den schwarzen Augenringen eines Pandabären. Und weiter geht die wilde Fahrt mit immer wieder neuen Loopings.

Ein großes Problem an psychischen Erkrankungen ist, dass es meistens nicht lange dauert, bis auch der Körper seine gewohnte Tätigkeit einstellt oder reduziert. Ich kann ihn da verstehen, das ist nun mal die logische Folge einer Vernachlässigung, einer Verwahrlosung des eigenen Körpers, ohne den wir genauso wenig können wie ohne einen halbwegs gesunden Geist. Noch problematischer wird es, wenn sich der wachsende Rattenschwanz an Erkrankungen von akut zu chronisch, von reversibel zu irreversibel entwickelt und die einzige Rettung einen enormen Kraftaufwand darstellt, der absolute Handlungsfähigkeit und eiserne Disziplin einfordert. Da fallen meine Synapsen geradewegs in den Topf der Überforderung, indem sie hektisch herumschwirren und quieken und nicht wissen, wie sie mit der Situation umzugehen haben.

Doch: Auch ein kranker Geist ist des Lernens willig und fähig. Also setzt er einen Fuß vor den anderen, verlangsamt die Geschwindigkeit, bringt das Chaos der Gedanken in geordnete Bahnen und legt sich Strategien zurecht, sich möglichst unfallfrei aus der – Entschuldigung – Scheiße zu manövrieren. Vielleicht, so sagt er sich dann, ist er irgendwann soweit, dass er anderen zeigen kann, wie man das am besten angeht. Und bis dahin träumt er von Giraffen und Hälsen, von Ameisen und Astronauten, von Geschichten und von Möglichkeiten.

Samstag, 25. Mai 2019

Das Leben ist eines der schwersten...

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer mal wieder, als er noch lebte. Oft lächelte er dabei müde, manchmal seufzte er nur angestrengt. Wenn sein Blick zum Fenster hinaus ins Leben fiel, saß er dort, gedankenverloren in seinem Sessel, und schüttelte den Kopf. Immer wieder, über Jahre hinweg. Ich fragte mich, was er wohl dachte. Doch ihn – ihn fragte ich nicht.

Bittere Vergänglichkeit...

Nun sitze ich hier, auf meinem Stuhl in der Küche, auf der Kante meines Bettes, in dem Sessel meines Erkers – und schüttele den Kopf. „Das Leben ist eines der schwersten“, denke ich, während meine Augen mit starrem Blick ins Leere schweifen. Wenn ich glaube zu wissen, was er meinte, ermahne ich mich rasch: Ich habe noch immer wenig Ahnung von seinen Gedanken. Doch wenigstens weiß ich nun, was ich mir selbst damit sagen will.

Je älter mein Opa wurde, desto mehr erzählte er mir aus seinem Leben. Wenn er erst einmal zu reden begann, so war er kaum zu bremsen. Mit der Zeit wiederholten sich seine Geschichten, doch die Freude am Erzählen wurde jedes Mal stärker und spürbarer. Er ärgerte sich, wenn ihm ein bestimmtes Datum nicht mehr einfiel, zu dem sich seine Geschichte ereignete. Während mir nicht mehr einfällt, wann und wo ich zuletzt Urlaub machte, konnte er sich an Ereignisse erinnern, die über 50 Jahre in der Vergangenheit liegen. Sein Leben war so bewegt, wie er mich bewegte.

Geschichten vom Krieg

Während des Krieges bin ich drei Mal abgesoffen“, erzählte er mir immer wieder. Einmal harrte er stundenlang im kalten Wasser aus, bis Rettung kam. Damals arbeitete er als Sanitäter bei der Marine und erlebte Dinge, die heutzutage nicht mehr vorstellbar sind. Er sah Bilder, die ich nicht mal im Traum erzeugen könnte.
An eine Geschichte erinnere ich mich noch sehr gut: Als er sich mit einem Kollegen an Bord unterhielt, sackte dieser plötzlich zusammen. Mein Opa bückte sich, wusste nicht, was los war und hielt seinen Kopf. Und dann – dann hatte er das Gehirn seines Kollegen in der Hand. Es war ein Kopfschuss, durch den er starb. Dieser Mann war nicht der Einzige, den mein Opa während des Krieges sterben sah. Als Sanitäter begleitete er viele in den Tod und ist diesem selbst oft von der Schippe gesprungen.

All diese Erlebnisse, die für ihn Realität bedeuteten, erzählte er nicht mit Wut und Trauer. Er erzählte sie mit Enthusiasmus, mit Feuer in den Augen, lebendig. So viel Furchtbares hatte er durchgemacht – und doch hatte ich das Gefühl, als leide er mehr unter dem Leben, das er nun führte. Ein ruhiges Leben als Pensionierter. Nach dem Krieg machte er Karriere, hatte eine hohe Stellung und viel Arbeit als Kommissar. Auch dort sah er Leichen, Elend, Kriminalität. Doch er war erfolgreich in seinen Aufgaben und zufrieden mit seinem Handeln.

Verlust von drei Kindern

Mit meiner Oma bekam er vier Kinder. Sein Sohn starb mit nur acht Jahren an Krebs. In den darauffolgenden Jahren musste er den Tod von zwei Töchtern durchleben. Er verlor drei von vier Kindern, bis er starb. Ich weiß nicht, warum er so oft und still den Kopf schüttelte. Ich weiß nur, dass er jedes Recht dazu hatte.

Wenn ich auf meiner Bettkante sitze und den Kopf schüttele, dann frage ich mich oft, welches Recht ich hierzu habe. Ich könne doch froh sein, nicht den Hauch einer Ahnung von dem zu haben, das für meinen Opa Realität bedeutete. Als er noch lebte, war ich nicht sehr redefreudig – denn ich wusste nicht, worüber ich sprechen sollte. Alles kam mir nichtig vor, nicht erwähnenswert, unaufregend. Und damit entschied ich nicht nur für mich, sondern auch für ihn: Er durfte nicht selbst darüber urteilen, was er an meinem Leben interessant fand, weil ich zuvor den Filter durchlaufen ließ.

Als ich 2015 aufgrund meiner psychischen Probleme in die Klinik ging und daraufhin mein Studium abbrach, sprach ich nicht mit ihm darüber. Er erfuhr vieles durch meine Mama und wir wussten, dass er mit der „Depression“ nicht viel anfangen konnte. Einfach, weil er in einer Zeit aufwuchs, in der psychische Erkrankungen kein bewusstes Thema waren. Als ich anfing, über meine Gedanken und meine Krankheit zu schreiben, gab ich ihm ein paar Texte meiner Webseite – das half ihm, wenigstens einen Teil meiner Gefühle nachvollziehen zu können. Ein intensives Gespräch darüber führten wir jedoch nie, weil ich Angst hatte, mich erklären zu müssen und nicht die richtigen Worte zu finden. Und auch, weil es mir zu emotional, zu nah gewesen wäre. Ich weiß, dass er traurig darüber war. Ich bin es auch.

Das Leben ist eines der schwersten!“

Mein Status Quo ist freudlos. Ich kämpfe mit dem Leben, fühle mich überfordert und inkompatibel. Ich habe nichts zu erzählen und deshalb ist es still geworden. Ich langweile mich selbst. Ich bin unzuverlässig, habe mich sozial zurückgezogen, antworte nicht auf Nachrichten und verbringe den Großteil der Zeit damit, diese so schnell wie möglich vergehen zu lassen. Und ich versuche, mich nicht für diese Qual zu verurteilen – denn eigentlich… eigentlich müsste ich glücklich sein über das Leben, das ich führen darf. Doch das bin ich nicht. Diese Gedanken sind nicht fair und ich würde jeden außer mir ermahnen, bei Gefühlen von Recht und Unrecht zu sprechen. Dennoch muss ich aufpassen, nicht wütend auf mich zu werden, weil fast jede meiner Poren von Unglück zerfressen ist. Manchmal sehe ich Licht und manchmal kommt der Zug. Manchmal fehlt mir ein Mensch und manchmal fehlt er mir noch mehr. Doch es gibt auch Dinge, die funktionieren – und ich arbeite daran, dass ich diese aufrechterhalten kann.

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer wieder – und sage auch ich.


Dienstag, 23. April 2019

Ein Gedicht über Grenzen in unserem Leben

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Ich laufe, solange die Füße mich tragen,
ein Ziel direkt vor mir und doch weit entfernt,
jeder Versuch – zum Scheitern verurteilt,
hab‘ ich doch nichts aus den Fehlern gelernt.

Die gewaltige Grenze türmt sich vor mir auf,
treibt mir die Schweißperlen in mein Gesicht,
die Hoffnung versiegt im Meer meiner Tränen,
doch akzeptieren werd‘ ich das nicht.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Nun habe ich Ehrgeiz, bin zu allem bereit,
ich beuge mich nicht dieser vermeintlichen Macht,
will nicht mehr an das Unerreichbare glauben,
so hat man‘s mir doch beigebracht.

Also laufe ich, solang meine Füße mich tragen,
jeder Schmerz treibt mich weiter voran,
das Gute liegt vor mir, ich kann es schon sehen,
ich kämpfe, solange ich atmen kann.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Ich glaube nicht mehr an meine Gesundheit
und glaube schon lang nicht mehr an Glück.
Mit der Zeit musste ich schmerzhaft verstehen:
In manchen Momenten, da gibt‘s kein Zurück.

Gesund werd‘ ich nicht mehr, das ist mir bewusst,
gesünder jedoch, das muss schon sein.
Ich hab‘ nicht den Anspruch auf 100 Prozent,
ich stehe auch auf nur einem Bein.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Ich verlange nicht viel: Nicht Kind, nicht Hof,
will keinen Reichtum, nicht materiell.
Ich möchte nur Herzensmenschen an meiner Seite,
brauche nur Liebe, anstatt zu viel Geld.

Eins meiner Ziele, direkt vor der Nase,
das bist du, kaum erreichbar für mich.
Mit all meiner Kraft bin ich dennoch so machtlos,
denn diese Grenze, die setzte nicht ich.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Wir alle haben Wünsche für unser Leben,
manche verlieren mit der Zeit an Gewicht,
doch einige bleiben für immer bestehen,
denn ohne sie lohnt sich ein Leben nicht.

Jeder kann selbst für sich entscheiden,
wie viel Raum wir Themen geben.
Und manchmal müssen wir wiederholt scheitern,
um nicht ganz ohne Hoffnung zu leben.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Doch als du diese Grenze setztest,
so lernte ich, dass das nicht stimmt.

Dienstag, 16. April 2019

Bevor es zu spät ist...

Der folgende Text ist eine Warnung. Eine Warnung an jeden, der denkt, Probleme lösen sich von allein und die Zeit heilt alle Wunden. Vielleicht wäre mir einiges erspart geblieben, wenn man mich früher gewarnt hätte. Wenn man mir anhand eines greifbaren, negativen Beispiels gezeigt hätte, wie es einem ergehen kann – vorausgesetzt, ich wäre damals reflektiert genug gewesen, um diese Warnung dann auch anzunehmen und mit ihr zu arbeiten.

Ein Arzttermin jagt den nächsten...

In den letzten Wochen hatte ich eine Vielzahl an Arztterminen. Ich war beim Endokrinologen, Gastroenterologen, Gynäkologen. Alles nur, weil schon wieder neue Symptome dazugekommen sind. Symptome, die sich nun durch eine Diagnose erklären lassen: Insulinresistenz. Das Insulin ist ein Hormon, das von der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und die Aufgabe hat, den Blutzuckerspiegel zu senken. Bei einer Insulinresistenz kann dieses Hormon nicht mehr richtig wirken, die körpereigenen Zellen reagieren auf dieses nicht mehr sensibel. Das bedeutet, dass Zucker nicht mehr verstoffwechselt und von der Leber in Fett umgewandelt wird. Deshalb ist die Gefahr groß, in der Folge an Diabetes zu erkranken.

Die Arzthelferin, die das Vorgespräch mit mir in meiner Frauenarztpraxis geführt hat, wollte einiges von mir wissen und hat sich lange mit mir unterhalten. Mein Blutdruck war 140/110, obwohl ich Medikamente gegen Hypertonie einnehme. Nun muss ich schon wieder zu meiner Hausärztin, denn Bluthochdruck kann gefährlich werden.
Nachdem sie alle Vorerkrankungen vermerkt hatte, sagte sie mir dann besorgt:
Meine Güte, da haben Sie ja ein ganz schön großes Paket zu tragen. Sie sind doch noch so jung...“ Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. So nachdenklich, dass ich mir daraufhin noch am selben Abend alle meine diagnostizierten Erkrankungen notiert habe, um mir einen Überblick für all das zu schaffen, was sich inzwischen angesammelt hat. Das Ergebnis ist erschreckend: Ich habe 14 Diagnosen. 14! Und ich bin erst 27 Jahre alt…

Aus einem Teufelskreis lässt sich nur schwer ausbrechen

Welche Diagnosen das sind, darum soll es hier nicht gehen. Was ich aber sagen möchte: Fast alle Erkrankungen resultieren aus meiner schlechten psychischen Verfassung, denn durch diese begab ich mich unfreiwillig in einen Teufelskreis.
Um ein Beispiel zu nennen:
Mir ging es nicht gut → ich habe aus Frust gegessen → ich wurde schon in meiner frühen Jugend übergewichtig → ich war unzufrieden mit mir selbst und besaß kaum noch Selbstbewusstsein → aufgrund der psychischen Verfassung und der schlechten Ernährung entwickelte sich Bluthochdruck → die Medikamente schwächten meine Leber → ich leide seit Jahren unter einem schweren Reizdarm-Syndrom, durch das ich inzwischen noch nicht mal mehr angstfrei einkaufen gehen kann.

Fast alle meine Erkrankungen hängen irgendwie miteinander zusammen. Dass es inzwischen so viele sind, ist auch für mich erschreckend. Einige davon, das muss ich mir eingestehen, sind nicht mehr reversibel. Hätte ich einen Kinderwunsch, so würde dieser definitiv erschwert sein. Meine Frauenärztin sagte mir zudem, dass es im Falle einer Schwangerschaft zu einer sogenannten „Risiko-Schwangerschaft“ käme. Auf der einen Seite kann ich also froh sein, keinen Kinderwunsch zu haben. Auf der anderen Seite hat auch das mit meinen Erkrankungen zu tun – denn ich sehe mich nicht in der Lage dazu, jemals die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu übernehmen. Dazu bin ich mittlerweile, so hart das klingt, zu krank.

Macht nicht denselben Fehler!

Deshalb ist es mir nun besonders wichtig, zu warnen:

Interveniert, solange ihr noch könnt. Ich bin zwar nicht machtlos gegen jede einzelne Diagnose, die ich habe, aber die ein oder andere wird bleiben. Mein Körper wurde über Jahre so geschädigt, dass er sich an manchen Stellen nicht mehr regenerieren kann. Und je sehr ich ein Zurück auch wollte: Mit manchen Diagnosen muss ich lernen, zu leben.
Das alles wäre vielleicht nicht passiert, wenn ich früher gehandelt hätte. Diese Chance habe ich lange Zeit verpasst. Es bringt mir nichts mehr, mich dafür zu verurteilen. Ich kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Aber ich kann die Zukunft beeinflussen. In den letzten vier Jahren habe ich so viel gelernt und bin reflektierter geworden. Wenn ich jetzt nur einen Menschen dazu bringen kann, einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, dann würde mich das allein schon sehr glücklich machen. Denn wenn ich mir selbst schon zu spät geholfen habe, dann ist es doch wenigstens ein gutes Gefühl, jemand anderen davor zu bewahren.

Deshalb bitte ich jeden von euch darum, alles dafür zu tun, dass euch nicht Ähnliches passiert. Das lässt sich vermeiden, wenn es rechtzeitig passiert. Es kann noch so oft über die Auswirkungen einer kranken Psyche berichtet werden – es wird sich nichts ändern, wenn der betroffene Mensch nichts ändert. Ärzte klären auf, Betroffene schildern ihre Erfahrungen, Medien publizieren Informationen. All das wird nichts bewirken, wenn der Empfänger nicht reagiert. Hätte ich eher gehandelt, dann wäre ich einigen Folgeerkrankungen entgangen. Bitte macht nicht denselben Fehler.

Sonntag, 14. April 2019

Jeder ist seines Glückes Schmied - oder?

Wir stellen uns vor, das Leben sei eine Landkarte. Es gibt unendlich viele Wege und Ziele. Jeder Weg, jede Richtung, ist eine Entscheidung, die wir treffen. Wir können nicht alle Wege gehen, doch wir können Teile von uns auf eine Reise schicken. Es gibt Abzweigungen, Tunnel und unbekannte Pfade. Nichts ist vorgeschrieben, nichts ist Gesetz. Nur das Ende, das ist sicher.

Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein alter Spruch mit weisem Ton. Ich zweifle noch immer an seinem Inhalt. Und nicht nur das: Ich halte ihn sogar für sehr ideologisch und schuldzuweisend. Denn was bedeutet dieser Satz? Können wir alle glücklich und zufrieden sein, wenn wir es nur wollen? Wenn wir immerzu bemüht sind, das Glück einzuladen in unsere kleine Welt? Ist denn alles nur eine Frage der inneren Einstellung und der Ausdauer und Mühe, die wir in sie investieren?
Mir ist das zu kurz gedacht, obwohl ich auch oft dazu neige, jeden Gedanken wie Kaugummi in die Länge zu ziehen. Vielleicht will ich mir die mögliche Wahrheit der Aussage auch einfach nicht eingestehen – denn das würde wohl bedeuten, dass ich in meinem Leben noch nicht sehr engagiert geschmiedet habe. Bin ich die falschen Wege gegangen, habe ich die falschen Entscheidungen getroffen? Habe ich mir nicht genug Mühe gegeben, ein glücklicher und erfolgreicher Mensch zu werden?

Mich frustrieren diese Gedanken, denn irgendwie sagen sie mir doch, ich sei selbst daran Schuld, ein überwiegend unzufriedenes, unglückliches Leben geführt zu haben. Gleichzeitig muss ich meine Gedanken korrigieren: Es geht bei all dem nicht um Schuld. Denn wenn wir immer das bestmögliche Handwerkszeug zur Verfügung hätten und zu jeder Zeit wüssten, wie wir es einzusetzen haben, um unser persönliches Glück zu erfahren – dann würden sich wohl sehr viele Probleme vieler Menschen auf einen Schlag erübrigen. Und so erinnere ich mich daran, in manchen Situationen der Vergangenheit einfach auch mal gern eine Gebrauchsanweisung gehabt zu haben, um nicht ganz so überfordert mit meiner Verantwortung vor meinem Unglück zu stehen.

Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung.“

Wenn jeder seines Glückes Schmied wäre, dann würde das unerschöpfliche, absolute Macht und Handlungsfreiheit bedeuten. Doch – und darüber wird hinweggetäuscht – wir haben keine Macht über das Unvorhergesehene, auch wenn wir uns das oftmals wünschen würden. Situationen kommen, Dinge passieren, Zeit vergeht. Vieles, das uns von außen zugetragen wird, befindet sich außerhalb unserer Kontrolle. Sei es ein plötzlicher Verlust, ein Unfall, eine Krankheit. Wenn es dann darum geht, den bestmöglichen Umgang mit der Situation zu finden, dann fehlt uns ab und an auch mal der passende Hammer für den Nagel oder der richtige Bohrer für die Dübel. Das hat zur Folge, dass es eben auch Augenblicke gibt, in denen wir nicht den Hauch einer Ahnung haben, wie wir unsere kleine Welt wieder zusammenbauen sollen. Und somit auch nicht, wie wir glücklich werden sollen.

Um die Gedanken abzukürzen und nicht wieder in der unendlichen Weite der Philosophie zu landen (denn dort verlaufe ich mich regelmäßig): Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung, das wäre ein Satz, der zumindest auf mich jene motivierende Wirkung hätte, die ich beim Ausgangszitat vermisse. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Einige sind kleiner, andere sind von größerer Tragweite. Mit jeder Entscheidung können wir unsere Zukunft zwar nicht sicher formen, doch wir haben Einfluss auf die Richtung, in die es gehen kann. Damit besitzen wir nicht automatisch völlige Handlungsfreiheit, aber sehr wohl einen gewissen Handlungsspielraum, innerhalb dessen wir Einfluss nehmen und Voraussetzungen schaffen können.

Der Unterschied von Schuld und Verantwortung

Was ich damit sagen will: Natürlich sind wir verantwortlich für unser Leben. Für die Entscheidungen, die wir treffen, für unser Handeln und unser Abwarten. Doch wir dürfen eben auch nicht vergessen, dass die Fähigkeit, sein Leben voll und ganz selbst zu kontrollieren, Grenzen besitzt. Die Vorstellung, dass das Glück immerzu ein Ergebnis der eigenen Lebensgestaltung sei, ist illusorisch. Das soll nicht entmutigend klingen, im Gegenteil: Es soll uns die Gelassenheit geben und den Mut zur Akzeptanz, auch mal machtlos und verzweifelt sein zu dürfen, ohne dass dies gleichzeitig Ausdruck eines Scheiterns an uns selbst darstellt. Mit dieser Sichtweise geben wir uns die Möglichkeit, einen verständnisvolleren Umgang mit uns selbst zu finden. Und erst dann gehen wir von der Passivität einer Schuldzuweisung hin zu einer Realität, in der wir die Verantwortung tragen für die Entscheidungen, die wir treffen – nicht immer jedoch für das Ergebnis, das sich durch den Status Quo unseres Lebens abzeichnet.

Und so sage ich mir: Ich bin nicht Schuld an dem Leben, das ich bisher geführt habe – ich trage nur die Verantwortung für die Entscheidungen, die ich traf, treffe und noch treffen werde. Das ist der Unterschied.

Dienstag, 9. April 2019

Perspektivwechsel - Glimmers Sicht der Dinge

Hallo. Mein Name ist Glimmer und ich bin eine der beiden Katzen von Madeline, meiner Mama. Ihr kennt mich wahrscheinlich schon von Bildern und Erzählungen, manche haben mich auch schon persönlich getroffen. Zur Erinnerung: Ich bin die Bowlingkugel mit dem Schlafzimmerblick.

Um die erste Schock-Nachricht gleich zu Beginn zu verkünden: Ich bin adoptiert. Das ist auch der Grund, warum Mama und ich uns nicht sehr ähnlich sehen. Und auch auf kommunikativer Ebene hinkt es gewaltig. Ich kann mir den Mund fusselig reden – die versteht mich einfach nicht. Wahrscheinlich hat sie eine andere Rasse, die nicht so weit entwickelt ist. Das hängt mit der Evolution und so zusammen.
Mit meiner Schwester, Schnotti, bin ich auch nicht verwandt. Zum Glück. Ich muss immer wieder feststellen, dass sie irgendwie komisch ist. Manchmal komme ich nichtsahnend ins Zimmer und diese Irre springt mich von hinten an. Also normal ist das nicht. Danach rennt sie durch die gesamte Wohnung und läuft gegen Gegenstände, weil sie auf dem Laminat nicht rechtzeitig bremst. Also mir passiert das nie. Selten. Auf jeden Fall nicht so oft wie ihr.

Früher dachte Mama, ich sei die intelligentere Katze von uns beiden. Hihi, da habe ich sie ganz schön hinters Licht geführt. Eigentlich, so glaube ich, bin ich nämlich überhaupt nicht schlau. Mir passieren andauernd Dinge, die ich zuvor nicht geplant hatte. Letztens, da bin ich aus Versehen an den Wasserhahn gekommen, als ich in die Badewanne gesprungen bin. Daraufhin schoss das Wasser aus dem Duschkopf und hat mich klitschnass gemacht. Es sollte keine große Überraschung sein, dass ich dabei panisch geworden bin und so schnell wie möglich wieder aus der Wanne wollte. Doch es wurde so nass und glitschig, dass ich ständig ausrutschte.
Mama schien sich ziemlich erschrocken zu haben, weil sie dachte, einer der schweren Wandschränke wäre heruntergefallen. Zumindest kam sie nur halb angezogen aus ihrem Zimmer gestolpert, als ich es gerade mit letzter Kraft alleine herausschaffte. Dann lachte sie mich aus und sagte, ich sähe aus wie ein begossener Pudel. Wir haben uns kurz gestritten, als ich zum Abrubbeln kommen sollte, aber danach war alles wieder gut. Seitdem gehe ich nicht mehr so gerne in die Badewanne.

Schnotti hat chronischen Schnupfen. Ich finde es nicht schlimm, dass sie immer erkältet ist, sie kann ja nichts dafür. Aber ihr Umgang damit… meine Güte. Wie kann man bloß so rücksichtslos niesen? Manchmal springt sie extra dafür ins Bett, in dem Mama und ich gerade gemütlich dösen. Inzwischen vermute ich böse Absicht dahinter. Zumindest könnte man sich doch die Pfote vor die Schnauze halten.
Gott sei Dank hat Mama dafür gesorgt, dass sie nicht mehr so oft niesen muss. Manchmal, wenn der Schnupfen schlimmer wird, fahren sie zu diesem unheimlichen Mann mit den Nadeln. Aber wenn Schnotti wieder da ist, dann geht es ihr viel besser.

Tja, und dann wäre da noch Mama. Ich glaube, ich bin süchtig nach ihr, weil sie mich so gut krabbeln kann. Ich muss dann zusehen, dass ich nicht zu aufdringlich werde. Wenn wir ins Bett gehen, dann springe ich immer gleich auf ihre Schulter. Sie sagt dann ständig, eine Bombe würde einschlagen, weil ich mich wohl ziemlich dumm dabei anstelle. Wenn Schnotti noch dazu kommt, kann sie sich überhaupt nicht mehr bewegen und brummelt genervt vor sich hin. Meistens dürfen wir aber trotzdem liegen bleiben.

Ich glaube, Mama geht es oftmals nicht so gut. Morgens, wenn ihr Wecker klingelt, steht sie manchmal einfach nicht auf. Ich merke, wie sie mit sich ringt und versucht, ein Bein aus dem Bett zu bekommen. Uns Katzen wird nachgesagt, dass wir eine ziemlich sensible Wahrnehmung haben – deshalb merken wir sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt.
Wenn sie von der „Schule“ kommt, dann ist sie meistens fix und fertig. Es scheint dort sehr anstrengend für sie zu sein, auch wenn es ihr grundsätzlich gut gefällt. Zumindest hat sie sich kürzlich so komische Nadeln bestellt, die sie sich selbst in die Haut sticht. Sie meinte, das hätte sie gelernt und müsse jetzt geübt werden. Mich stört das, weil ich währenddessen nicht auf ihren Schoß darf. Natürlich versuche ich es dennoch ab und zu… hihi.

Schnotti und ich vermuten, dass in Mama etwas kaputt ist oder nicht mehr richtig funktioniert. Sie grübelt sehr viel und hat oft so schlechte Gedanken und Gefühle. Ich glaube, sie hat noch nicht die Freude am Leben gefunden. Oder an sich selbst. Wenn ich mit ihr schmuse, dann spüre ich den Kloß in ihrem Hals. Manchmal ist er kleiner, manchmal größer – aber er ist immer da. Das Herz schlägt dann schneller und die Luft lässt sich schwerer ein- und ausatmen. Wenn es zu schlimm wird, dann schluckt sie eine Tablette und wird danach etwas ruhiger.
Vor längerer Zeit war Mama mal in einer Klinik. Wir waren erleichtert, als sie endlich auch mal zu einem Menschen ging, der so ähnlich war wie der Mann mit den Nadeln. Seitdem kümmert sie sich mehr um ihre Gesundheit. Viele Menschen scheinen ein Problem damit zu haben, sich Hilfe von außen zu holen. Ich verstehe das nicht. Als ich kahle Stellen an meinen Pfoten hatte, ist Mama mit mir zu einem Mann gefahren, der mir eine Salbe gegeben hat. Danach hörte das Jucken auf und mir ging es wieder besser. Wer weiß, wie ich ansonsten heute ausgesehen hätte. Vielleicht wie eine dieser Nacktkatzen.

Mama hat uns mal erzählt, dass sie so oft traurig ist und dass jeder Tag eine neue Herausforderung für sie darstellt. Und auch, dass ihre Stimmung dauerhaft unter dem „Normallevel“ ist. Es gäbe zwar auch einige Ausschläge nach oben, doch diese würden nicht wirklich tief wirken. Sie haben keinen langanhaltenden Effekt. Nach einem schönen Treffen kämpft sie bereits mit dem Nachhauseweg, weil es ihr direkt nach der Situation wieder sehr schlecht geht. Umso schwerer fällt es ihr dann eben auch, schöne Momente schmerzfrei loszulassen.
Wegen solcher Gefühle fällt es ihr übrigens auch schwer, regelmäßig zu schreiben, obwohl sie das so gerne machen würde. Doch immer dann, wenn sie unkreativ ist, macht sie das wütend. Und diese Wut kann sie kaum aushalten.

Naja, so kam es eben, dass ich heute für sie geschrieben habe. Sie sagte mal, manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Ich glaube, dass das wahr ist. Nur Schnottis Perspektive möchte ich nicht so gerne einnehmen – das wäre mir wirklich, wirklich etwas zu gruselig…

Donnerstag, 21. März 2019

Die (Un-)Logik der Depression

Es war Donnerstag. Um 7:45 Uhr klingelte der Wecker. Inzwischen gebe ich mir keinen zeitlichen Puffer mehr, um aufzustehen. Druck hilft mir, in Gang zu kommen. Manchmal.

Fern von Logik und Verständnis

Heute nicht. Dieser Tag war viel mehr eine Aneinanderreihung von Dingen, die nicht funktioniert haben. Das, was sich dabei in meinem Kopf abspielte, ergibt augenscheinlich nicht den Hauch eines Sinns. Deshalb finde ich es wichtig, gerade diese inneren Konflikte zu dokumentieren – eben weil ihr Inhalt und ihre Ausprägung auf den Alltag so schwer sind, verständlich bzw. nachvollziehbar nach außen zu kommunizieren.
Eine Erkrankung, das müssen wir verstehen, hat nicht immer etwas mit Logik zu tun. Es gibt Dinge, die sich nicht mal eben begreifen lassen. Wichtig ist, dennoch zu akzeptieren, dass es Probleme gibt, die sich nicht so einfach entziffern und durchschauen lassen – sowohl für Betroffene als auch für Angehörige.

An diesem besagten Donnerstag lag ich also so rum, in meinem Bett. Ich wusste, dass mein Tagesplan Aktivität von mir forderte. Ich hatte einen Termin, der immer näher rückte, doch diese Tatsache allein reichte nicht aus, um aufzustehen. Stattdessen führten ein paar Synapsen in meinem Kopf eine handfeste Diskussion darüber, was als nächstes passieren sollte. Je später es wurde, desto unzufriedener war ich mit der Situation: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, nicht aufzustehen, doch ich wusste auch nicht, warum es nicht funktionierte.
Zudem musste ich pinkeln. So dringend, dass mir völlig klar war, es würde bald anfangen zu schmerzen. Doch die Toilette schien kilometerweit entfernt, genau wie die Realität. Denn was sollte real sein an dieser Situation? Sie ließ sich nicht mehr bewusst greifen, entglitt mir immer wieder durch die Finger. Ich war kaputt, müde und energielos.

Gedanken vs. Körper vs. Realität

Ich erinnere mich, wie ich mir bewusst machte, dass sich meine Gefühle bessern würden, hätte ich erst einmal das Haus verlassen. So ist es meistens. Sollte ich hingegen liegen bleiben, verpasste ich einen wichtigen Termin. Und das – das war mir klar – würde Konsequenzen haben. Solche, die ich nicht gebrauchen konnte. Dafür aufzustehen, das schaffte ich an diesem Tag dennoch nicht.
Die Diskussion, die verschiedene Teile in mir führten, dauerte insgesamt fünf Stunden. Ich durchbrach diesen Teufelskreis nur, weil ich nicht ins Bett machen wollte. Denn das hätte bedeutet, dass ich mich nicht wieder hätte hineinlegen können… Eine schockierende Wahrheit, die ich nicht verstehe, die mir aber wenigstens bewusst ist.

Warum das, verdammt noch mal, nicht für jeden nachvollziehbar ist? Liegt auf der Hand, oder? Ich kann doch nicht von anderen Verständnis erwarten, das ich selbst nicht aufbringen kann. Das, was sich abgespielt hat, ist so abstrus, so fern jeder Logik, dass ich es selbst nicht verstehe – obwohl ich Protagonistin dieses traurigen Schauspiels war. Es fühlte sich an, als würde ich die Kontrolle sowohl über meine Gedanken als auch über meinen Körper verlieren. Zumindest kann ich mir nicht erklären, warum sich mein Bein nicht seitwärts aus dem Bett bewegte, als ich es darum gebeten habe.

Die Gefühle, die mich an diesem Morgen begleiteten, spielten die Hauptrolle in meinem persönlichen Drama. Sie waren kaum auszuhalten und füllten den Raum mit Lethargie und Verzweiflung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich aktiv werde, war hoch und doch erschien es mir unmöglich, mich zu bewegen. So als wäre ich gefesselt, als würde ich keine Luft mehr bekommen aufgrund des Drucks, der sich schwer auf mich legte. Jedes Wort, das ich verwende, um diesen Zustand zu beschreiben und greifbar zu machen, würde seinen Zweck nicht annähernd erfüllen.

Am späten Nachmittag dieses Tages zog ich mich an, weil ich verabredet war. Der Unterschied war, dass sich jemand auf mein Erscheinen verlassen hatte. Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit verändert die Situation, wenn ich nicht mehr die einzig Involvierte bin. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, saß ich eine weitere Stunde auf meinem Bett und drohte, niemals wieder aufzustehen. Erst, als ich mir lange genug sagte, dass jemand auf mich wartet, stand ich auf und fuhr los.
Die Verabredung, die folgte, war schön. Überraschend war das jedoch nicht. Ich wusste bereits zuvor, dass sie mir gut tun würde. Auch, als ich noch auf dem Rand meines Bettes saß und verzweifelt darüber nachdachte, warum ich nicht endlich aus der Tür ging.
Als ich danach mit dem Auto nach Hause fuhr und einen Parkplatz fand, wiederholte sich das Spiel. Insgesamt saß ich knapp 2,5 Stunden in meinem Auto und beobachtete regungslos die Menschen, den Verkehr und die untergehende Sonne. Erst, als ich zur Toilette musste, stieg ich langsam aus und stapfte nach oben in meine Wohnung.

Außenwirkung – ein halboffener Umgang

Wo warst du gestern?“, fragte man mich am nächsten Tag. Und obwohl ich einen offenen Umgang mit meiner Erkrankung pflege, habe ich diese Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortet. Nicht, weil ich mich dafür schämte, sondern weil ich keine Energie hatte, etwas zu erklären, das mir doch selbst so fremd erschien.
Zudem ist es so, dass ich mir die Depression nicht ins Gesicht tätowiert habe. Damit meine ich: Ich laufe nicht (mehr) durch die Gegend und lebe meine inneren Gefühle jederzeit sichtbar aus. Die letzten Jahre habe ich gelernt, mein Innenleben in den meisten Situationen auch innen zu lassen. Nicht, um zu verdrängen, sondern einfach, weil es mir mit dem privateren Umgang (außerhalb des Internets zumindest) besser geht. Und auch, weil dieser den Menschen in meiner Umgebung leichter fällt. Früher konnte ich das nicht: Ich weinte viel und stieß andere Menschen fern, weil ich sie, so weiß ich heute, natürlich auch mit der Situation überforderte. Das passierte nicht absichtlich, doch so weitergehen konnte es auch nicht. Deshalb war es harte Arbeit und dauerte sehr lange, bis ich zumindest nach außen hin stabiler wirkte.

Das sieht man dir gar nicht an“, ist eine Reaktion, die ich seitdem öfter zu hören bekam, wenn ich doch mal über Schwierigkeiten und Probleme erzählte. Das ist okay. Ich finde es gut, dass ich einen Weg gefunden habe, einen Alltag zu führen, der einen Fokus auf meine Person zulässt, ohne dass dieser ständig durch meine Erkrankung definiert ist oder überdeckt wird. Allerdings muss ich bei einem halboffenen Umgang eben auch damit rechnen, öfter mit Unverständnis konfrontiert zu werden. Denn manche Informationen lassen sich für Bekannte auch schlechter vereinbaren mit der Person, die ich nach außen trage.
Das hat viel mit den Erwartungen und Vorstellungen von Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten zu tun, die viele von depressiven Menschen haben. Die persönliche Wahrheit scheint sehr streng an das geknüpft zu sein, was man sieht. Sei es ein Blut- oder Röntgenbild, eine Träne oder ein Gesichtsausdruck. Das ist „menschlich“, auch wenn ich das Wort nicht mag. Deshalb ist es eben auch so schwierig, Aufklärung hinsichtlich psychischer und in gewisser Weise unsichtbarer Erkrankungen wirksam zu betreiben. Aber das ist ein Fass, das ich bereits in anderen Beiträgen aufmachte.

Ich glaube, dass psychische Erkrankungen niemals an den Punkt gelangen, an dem sie wie ein gebrochenes Bein behandelt werden. Einfach, weil Gefühle so individuell sind und sie sich manchmal außerhalb des Logikbereichs austoben. Deshalb habe ich mir abgewöhnt, immerzu Verständnis zu erwarten für eben solche Situationen, die jener ähneln, die ich hier beschrieben habe. Nur auf Akzeptanz – auf die verzichte ich nicht.

Und die Moral von der Geschicht‘: Mir fällt kein guter Reim ein...

Sonntag, 17. März 2019

Blog-Parade zum Thema "Trost"


Jessica, Psychologin in Tübingen, ruft auf ihrem Blog Psycho-Psyche-Therapie zur Blog-Parade zum Thema "Trost" auf. Hieran habe ich mich sehr gerne mit folgendem Text beteiligt :-) 

Trost...

Als ich klein war, bin ich oft mit meinem City-Roller durch die Straßen gefahren. Ich sauste Abhänge hinab und versuchte, über Bordsteine zu springen. Stolz präsentierte ich die Tricks, die ich ausdauernd einstudiert hatte. Und dann fiel ich hin. Ich war so unglücklich gefallen, dass ich mir meine Knie blutig scheuerte und bitterlich weinte. Solange, bis jemand kam, sich zu mir hinunterbückte und pustete. Ich bekam eine dicke Umarmung und ein Bärchen-Pflaster. Der Schmerz wurde dadurch nicht weniger – und doch fühlte ich mich besser. Ich wurde getröstet.

Trost. Ein schönes Thema. Und ein wichtiges. Ich bin nicht mutig, wenn ich behaupte, dass wir alle im Laufe unseres Lebens schon einmal getröstet wurden. Doch was genau ist Trost überhaupt und warum benötigen wir ihn?

Trost verstehen als ein Gefühl

Als ich der Aufgabe gegenüberstand, über Trost zu schreiben, stellte ich sie mir nicht schwierig vor. Schließlich war ich mir sicher, zu wissen, was das für mich bedeutet. Doch als ich zum Schreiben ansetzte, bemerkte ich, dass mir die Worte fehlen. Immer wieder löschte ich die Zeilen und glaubte, dass ich keinen meiner Gedanken zu dem Thema treffend beschreiben konnte. Nach langem Überlegen fiel mir dann auf, dass diese Wortlosigkeit Ausdruck dafür war, was Trost für mich bedeutet: Trost ist für mich in erster Linie ein Gefühl. Ein Gefühl, das ich mir entweder selber geben kann oder eines, das mir von außen übermittelt wird. Dieses Gefühl kann die Situation, die mich leiden lässt, nicht verändern – und doch kann es das Leid an sich verringern. Trost nimmt es mir nicht, doch es hilft mir, es zu tragen.

Zudem löst Trost weder unsere Probleme, noch lenkt er uns von ihnen ab. Im Gegenteil: Er wirkt direkt auf das Leid ein, das wir erfahren. Wenn ich zwischen den Zeilen lese, dann sehe ich darin: 
 
Zusammenhalt. Verständnis. Halt. Zuversicht. Geborgenheit. Hilfe. Schutz. Ermutigung. Zuwendung. Mitgefühl. Etwas, das man sich selbst geben kann und auch jenes, das durch andere Menschen übermittelt wird. 
 
So auch damals, als ich mit meinem Roller stürzte. Oder als ich aufs Steißbein fiel und wochenlang nicht richtig sitzen und laufen konnte. Als ich meine Lieblingsjacke im Bus vergaß oder auf Klassenfahrt großes Heimweh hatte. Schmerz, Leid und Trauer haben unendlich viele Gesichter. Doch jede Träne kann sich verkleinern, wenn der Trost sie besuchen kommt.

Trost ist immer subjektiv und situationsgebunden

Heutzutage spielt Trost eine ebenso große Rolle für mich wie in jungen Jahren. Eigentlich, so fällt mir auf, hat sich daran überhaupt nichts verändert. Zwar bin ich nun erwachsen geworden und sicherlich mit anderem Leid konfrontiert als noch vor 20 Jahren. Und ich bestehe auch nicht mehr darauf, dass man mit mir in höheren, kindlich-quietschenden Oktaven spricht, wenn man mich trösten möchte. Doch ganz ehrlich: Wenn ihr pusten möchtet, nachdem ich mich beim Hinfallen verletzt habe, dann lasst euch nicht aufhalten. Eine Umarmung nehme ich auch immer noch sehr gerne in Anspruch. Und wenn mir jemand grinsend ein Bärchen-Pflaster anbietet – her damit! Zumindest dann, wenn es zur Aufheiterung dienen soll und zur Situation passt. 
 
Anders ist es hingegen, wenn ich um den Verlust eines Menschen trauere oder mit einer schweren depressiven Phase kämpfe. Ein Pflaster wäre in dieser Situation wahrscheinlich, naja, schwierig. Tröstend wäre für mich dann viel mehr eine feste Umarmung und ein herzliches „Scheiße!“. Trost ist – und darauf möchte ich hinaus – von den unterschiedlichen Bedürfnissen eines jeden Menschen abhängig. Ich kenne Personen, die Körperkontakt grundsätzlich eher als unangenehm empfinden. Dementsprechend ist Trost sowohl individuell als auch situationsgebunden.

Ich könnte so viel mehr darüber schreiben. Über tröstende Sätze, Gesten, Gedanken, Handlungen. Doch mir ist nicht danach. Je mehr Worte ich finde, desto näher komme ich einer Grenze, die ich nicht überschreiten möchte: Der Grenze, bei der ich Menschen über einen Kamm schere und entscheide, was für sie tröstend ist und was nicht. Welche Worte tröstend sind und welche das Gegenteil bewirken könnten. Was man als Tröstender tun und beachten sollte – und was nicht. 

Trost ist facettenreich und kann so vieles sein, nur eben nicht für jeden gleichsam. Seien es aufbauende Worte, eine schützende Umarmung oder eine liebevolle Geste. Die Verbindung zu einem Gott, eine erdende Meditation, ein Spaziergang in der Natur. Ein „Alles wird gut“ oder ein „Das ist wirklich eine besch*** Situation“. Das Schnurren der Katze oder das Ankuscheln des Hundes. Für jeden kann Trost etwas anderes bedeuten – und doch erzeugt es immer dasselbe Gefühl. Und auf dieses Gefühl kommt es an.

Titelbild: (c) Mightyhansa, Water droplet on a leaf, Kontrast, Ausschnitt, Hinzufügen von Text von Jeca (Psychologik-Blog), kreiert mit canva (www.canva.com), Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dienstag, 5. März 2019

Die Geschichte des Lebens nun als vertonte Version bei YouTube

Die Geschichte des Lebens - nun auch als vertonte Version bei YouTube zu finden. In der Kurzgeschichte geht es um eine alte Frau und das Leben und ist inspiriert von "Das Märchen der traurigen Traurigkeit" von Inge Wuthe.

Ich würde mich freuen, wenn ihr mal reinhört und mir, wenn euch das Gehörte gefällt, ein "Like" hinterlasst :-) 
 


Freitag, 1. März 2019

Die Geschichte des Lebens

Es war ein weit entfernter, vereinsamter Wald. Grauer Nebel zog kilometerweite Schleier, Regen drang durch die triste, verwahrloste Landschaft. Schon lange bahnte sich kein Lichtstrahl mehr in sein tiefstes Inneres. Doch eines Tages bestritt eine mutige Frau den langen Weg entlang der Dunkelheit. Ihr sonnengelber Schirm verscheuchte jedes Nass, ihr Gang war furchtlos und stark.
Nach langem Marsch entdeckte die alte Frau eine kleine, dunkle Höhle. Fast lautlos vernahm sie das pulsierende Herz, das in dem Inneren traurig schlug. Vorsichtig ging sie hinein und blickte in verschreckte Augen.
„Wer ist da?“, fragte die Frau behutsam und setzte sich auf die feuchte Erde. Ihre ruhige Stimme klang vertraut.
„Ich“, ertönte es leise, „Ich bin das Leben.“
Die Augen der Frau fingen an zu leuchten.
„Was machst du hier? Bist du denn nicht einsam?“, fragte die alte Frau und rückte näher.
„Doch“, antwortete das Leben, „ich bin einsam. Schon vor langer Zeit lief ich davon, so weit mich meine Füße tragen konnten. Seitdem sah ich niemanden mehr. Das macht mich sehr traurig, doch mir geht es besser hier. Es ist furchtbar dort draußen.“ Das Herz pochte nun nicht mehr vor Angst. Es raste vor Kummer und Wut.
„Sag‘ mir, Kleines, wovor liefst du davon?“ Die alte Frau streichelte zaghaft die Schulter des Lebens. Kaum noch Haut legte sich über die knöcherige Gestalt, sie wirkte kraftlos und von Kälte geschunden.
„Vor den Menschen“, erwiderte das Leben mit tiefsitzender Bitterkeit. „Weißt du, es scheint, als würde mich jeder unbedingt wollen, doch niemand weiß mich wirklich zu schätzen. Die Menschen kratzen sich gegenseitig die Augen aus. Doch die Wunden“, erklärte das Leben mit nun brüchiger Stimme“, „die Wunden, die trug ich.“
Die alte Frau nickte verständnisvoll und strich dem Leben eine Träne aus dem Gesicht.
„Das ist nicht alles. Sie führten grundlos Kriege und gaben mir die Schuld. ‚Scheiß Leben‘, sagten sie dann, bis ich ihnen glaubte. Von vielen wurde ich verbannt und ihr Hass stieß mich harsch hinfort. Ich weiß, dass ich nicht immer gerecht war. Und manche Menschen hassten mich zurecht. Doch auch das, was ich jedem gleichsam lehrte, das berührte sie nicht mehr.“
„Mein liebes Leben, was lehrtest du den Menschen?“, fragte die alte Frau neugierig. Ihre zarten Hände schmiegten sich behutsam um die weinende Gestalt.
„Ich lehrte sie, zusammenzuhalten. Ich gab ihnen Individualität, Unterschiede, verschiedene Eigenschaften. Damit sie verstehen, dass jeder besonders, aber deshalb nicht besser oder schlechter ist. Sie sollten lernen, den Wert in sich selbst zu erkennen, doch auch den der anderen Menschen. Viele hatten nicht die selben Voraussetzungen – das konnte ich ihnen nicht bieten. Und ja, manche musste ich vernachlässigen, um mich anderen zu widmen. Doch ihr Hass richtete sich nicht allein gegen mich – er richtete sich gegen den Menschen. Und dann entwickelten sie Neid und Missgunst.“ Das Leben blickte nun traurig zu Boden, der Schmerz war deutlich zu spüren.
„Damit zerstörten sie nicht nur meinen Anteil an ihrem eigenen Dasein, sondern sie erschufen eine Welt, in der es um Hierarchien, Konkurrenz und um Auf- und Abwertungen ging. Mit jedem Schlag, den sie gegen sich ausholten, hielt ich meinen Kopf gleich mehrmals hin. Immer mehr von ihnen verloren die Verbindung zu mir. Bis ich mich entschied, davonzulaufen. Ich ließ ihnen eine Fläche, auf der sie ‚sein‘ konnten. Was sie mit ihr machen, das liegt nun allein bei ihnen.“
„Ich verstehe“, flüsterte die alte Frau und nahm das Leben tröstend in den Arm. „Es tut mir sehr leid, dass es dir so schlecht geht. Doch ich habe lange nach dir gesucht...“ Das Leben schaute überrascht auf, sein Herz schlug wieder schneller.
„Nach mir?“, fragte es ungläubig. Es hatte doch lang niemand nach ihm gefragt.
„Ja“, antwortete die Frau. „Auch ich habe Probleme, die Menschen zu erreichen.“ Sie lächelte, als sei das eine aufbauende Nachricht. Doch dann erzählte sie weiter.
„Seitdem du weg bist, versinkt die Welt im Chaos. Den Menschen fehlt zunehmend der Sinn. Ich habe versucht, ihnen zu helfen und zeigte ihnen, dass sie die falsche Richtung einschlugen. Doch sie verstehen nicht, dass es kein Leben ist, wenn man es auf Kosten anderer führt. Sie glauben, dass sie Glück bekommen, wenn sie es jemandem nehmen und dass sie nur stark sind, weil es woanders Schwäche gibt. Ich brauche deine Hilfe.“
Lange denkt das Leben über die Worte der alten Frau nach.
„Aber sag‘ mir, was kann ich bloß tun?“ Der Zweifel lässt den Boden vibrieren.
„Zeig‘ ihnen, dass es sich lohnt, gut zu sein. Lehre sie, dass Harmonie und Mitgefühl stärker sind als Hass und Furcht. Dann kann ich sie mit dem Gefühl belohnen, nach dem sie sich eigentlich sehnen.“ Die alte Frau steht langsam auf und reicht dem Leben die Hand, um ihr zu folgen. Doch bevor das Leben nach ihr greift, hat es noch eine letzte Frage.
„Sag‘ mir noch, wer bist du eigentlich?“
„Ich...“, antwortete die Frau mit einem Lächeln. „Ich bin die Liebe.“


Eine Geschichte von Madeline Albers, inspiriert von "Das Märchen von der traurigen Traurigkeit" von Inge Wuthe.