Dienstag, 5. Mai 2020

Hass' dich glücklich - Die Boshaftigkeit in der Krise

Als ich eines Montags nach Hause fuhr und in einer Nebenstraße parkte, hatte ich Ausblick auf das nahegelegene Eiscafé meiner Wohnung. „Außer-Haus-Verkauf“, stand auf einem großen Plakat vor dem Eingang. Und ein Hinweis, sich an den Abstand zu halten – mindestens 1,5 Meter. Ich blieb an diesem frühen Abend noch eine halbe Stunde im Auto sitzen, um zu beobachten, wie die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen und ausnahmslos jeder die Abstandsregel einhält. Ein Solidaritätsmoment, ein Gefühl der Gemeinschaft. Ich wollte nicht aussteigen, um mir die Wärme zu bewahren und sie festzuhalten.
 


Von der Corona- zur Hass-Pandemie

Inzwischen bin ich seit nun mehr drei Wochen aus dem Auto gestiegen. Ich erinnere mich gerne an den Moment zurück, doch das Gefühl ist längst verpufft. An dessen Stelle trat Hass und Verbitterung – das sind nicht meine Gefühle, doch sie haben sich wie eine Zecke an mir verbissen. Mir fällt es schwer, mich von fremder Aura abzugrenzen und meine Gefühle nicht dem Außen anzupassen. Mittlerweile bin ich zumindest wütend. Und enttäuscht.

Die Corona-Pandemie sorgt seit Monaten für eine Ausnahmesituation, die beinahe die ganze Welt betrifft. Vor einigen Wochen las ich, dass Krisen dieses Ausmaßes das Beste im Menschen hervorrufen und nickte zustimmend, als ich Situationen wie jene vor dem Eiscafé beobachtete. Nicken scheine ich heute nur noch, wenn ich meinen Kopf wiederholt gegen die Wand schlage. Denn in Folge der Isolation verbrachte ich viel Zeit in sozialen Netzwerken. Zu viel Zeit. Keine Minute hat sich gelohnt und keine Sekunde davon tat mir gut.

Es geht mir bei diesem Statement nicht um den Wunsch nach Harmonie. Es geht mir nicht um den Wunsch nach Kritiklosigkeit oder emotionslose Debatten. Im Gegenteil: Die Situation und die Vorgehensweise in dieser Krise müssen diskutiert werden. Denn auch das ist Demokratie: Uneinigkeit, Fehler, Diskurse. Doch es gibt Unterschiede zwischen Kritik und Hass. Zwischen Anzweifeln und Verachten, zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung. Ich habe das Gefühl, dass wir nicht nur eine Corona-, sondern inzwischen auch eine Hass-Pandemie erreicht haben.

Die Hass-Blase in der digitalen Kommunikation

Worum es überhaupt geht? Es geht darum, dass Menschen Morddrohungen bekommen und beschimpft werden. Es geht um diesen unerträglichen Überbietungswettbewerb, bei dem "recht haben" mit "besser sein" gleichgesetzt wird. Es geht um Herablassung und das Außerachtlassen der Tatsache, dass der Mensch nie frei von Fehlern sein wird. Es geht um das stupide Einschlagen auf Personen und Meinungen und es geht um die fehlende Nachsicht mit Menschen, die bei aller Mühe nicht das schaffen können, was doch ein Großteil von ihnen erwartet: Die absolute Richtigkeit ihres Handelns für jeden. Und es geht um den Trugschluss, sich glücklich hassen zu können.

Wahrscheinlich sollten mich diese verbalen Abgründe gar nicht so sehr überraschen. Doch die Radikalisierung vieler Kommentare hat aus meiner Sicht eine neue Dimension erreicht, die mich erschreckt. Denn Hass zerstört Leben. Das kann ich so sagen, denn ich habe lange Zeit meinen Hass gegen mich selbst gerichtet und rebelliere ab und an noch immer gegen mich. Ich bekam meine eigenen Morddrohungen, was schon schlimm genug war. Bekäme ich solche von anderen Menschen, so würde ich mit ziemlicher Sicherheit daran zerbrechen. Das dies nun einige Menschen in der heutigen Zeit wirklich durchleben müssen, ist unmenschlich und zutiefst beschämend. Ganz egal, welche Meinung sie haben und ob man mit dieser übereinstimmt oder nicht.

Der abwärtsgerichtete soziale Vergleich – Abwertung zur Aufwertung

Hass ist sicherlich das schädlichste Gefühl, dass der Mensch haben kann. Denn er besitzt, meiner Ansicht nach, den geringsten Nutzen: Trauer ist wichtig, um einen Verlust zu verarbeiten. Wut kann uns antreiben, uns in die Aktivität führen. Hass hingegen täuscht etwas vor, das oftmals nicht präsent ist, nämlich Dominanz, Selbstbewusstsein und emotionaler Stärke. Er dient als Kompensation einer innerlichen Lücke und macht den Anschein, als könne man durch vermeintliche Erhabenheit etwas wiedererlangen, dessen Fehlen großen Schmerz verursacht. Fühlen wir uns besser, wenn wir etwas oder jemanden hassen können? Steigern wir durch unseren Hass unser Selbstwertgefühl? Ich kenne zumindest niemanden, dem sein Hass zu Glück und Zufriedenheit verholfen hat.

Vor einiger Zeit habe ich mal vom abwärtsgerichteten sozialen Vergleich gelesen. Diese Theorie besagt, dass es belohnend wirkt, herabzublicken. Genau das machen wir, wenn wir hassen: Wir stellen uns auf eine andere Stufe, blicken hinab. Allein dadurch, dass wir jemanden nicht mögen, funktioniert unsere Wertung hierarchisch und unser Belohnungssystem schlägt aus – zumindest für einen kurzen Moment. Würden wir nun auf Augenhöhe argumentieren und einen respektvollen Umgang an den Tag bringen, so klappt das mit dem Herabblicken nicht mehr so gut und die Belohnung bleibt aus.

Das bedeutet nicht, dass Hass kein „normales“ Gefühl ist. Im Gegenteil: Jeder kennt es. Doch soziale Netzwerke sind Plattformen, auf denen viel Raum ist für Anstands- und Empathielosigkeit. Das digitale Miteinander scheint überwiegend toxisch, obwohl man sich nicht darüber hinweg täuschen darf, dass auch konstruktive Kritik und der höfliche Umgangston seinen Platz finden. Ich hoffe sehr, dass diese geballte Vergiftung in den Kommentaren einen falschen Eindruck erweckt über die Wirklichkeit und dass diese überzogene Hasskultur nur einer kleinen Minderheit zugehörig ist, die in der Anonymität des Internets Menschen diffamiert, beleidigt und herabwürdigt. Denn mittlerweile finde ich dieses zu beobachtende Gegeneinander sehr belastend – insbesondere dann, wenn man dazu neigt, die äußere Atmosphäre auf die eigene Gefühlswelt zu übertragen.

Ein Zitat von Søren Aabye Kierkegaard bringt mich immer wieder zum Nachdenken:

Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.“

Es scheint, als sei damit in erster Linie die Liebe für sich selbst gemeint...

Donnerstag, 30. April 2020

Die Nacht des Grauens - Zwei Katzen, kein Schlaf

Ich bekam in der Vergangenheit schon mehrmals die Frage, wann es denn wieder „Katzen-Content“ gäbe. Lange Zeit ist nichts passiert, was sich zum Verschreibseln anbot. Das hat sich geändert – zu meinen Ungunsten…

Zur Vorgeschichte:

Ich habe zwei Katzen: Schnotti (chronischer Schnupfen) und Glimmer (Herzfehler). Letzten Montag lag ich gemütlich in meinem Bett und schaute Fernsehen, als Glimmer plötzlich alarmierende Geräusche von sich gab. Es klang, als würde sie zugleich husten und würgen müssen. Ich lief hin und sah, dass irgendetwas nicht stimmte. Also nahm ich sie zu mir ins Bett und streichelte sie, bis es langsam besser wurde. Diese Geräusche machten mir Angst, weil Glimmer herzkrank ist und Husten ein Zeichen dafür sein könnte, dass sich ihre Herzleistung verschlechtert hat. Um die Dramatik vorab aus der Geschichte zu nehmen: Ihr geht es gut. Ich habe sie ein paar Tage lang beobachtet und die Beschwerden kamen kein zweites Mal vor. Höchstwahrscheinlich hatte sie sich einfach nur verschluckt.

Dank meines liebenden, sich aufopfernden, tief mitfühlenden und jedes Leid der anderen als sein eigenes annehmenden Mutterherzens entschied ich mich natürlich und sicherheitshalber dazu, die Katzen ausnahmsweise bei mir schlafen zu lassen. Normalerweise dürfen sie den ganzen Tag in mein Schlafzimmer – nur nicht nachts! Das hat triftige Gründe, die mir auch in dieser Nacht nicht hätten deutlicher vor Augen geführt werden können...

Die besagte Nacht des Grauens - Eine Dokumentation

00:30 Uhr:
Ich bin bereit: Die Zähne sind angezogen, die Schlafsachen geputzt und ich bin müde. Glimmer ist seit ihrem Husten- und Würgeanfall unauffällig. Wie jeden Abend gebe ich ihr also ihre Herzmedikamente und schlürfe Richtung Bett. Die Katzen glotzen blöd, als ich die Tür hinter mir offen lasse. Ich glotze zurück, rolle mich Mumien-artig in die Decke, drehe mich auf die richtige Seite und mache das Licht aus.

00:31 Uhr:
Der Nachteil an Laminat- anstatt Teppichboden ist, dass er sehr geräuschempfindlich ist. Der Nachteil an Krallen ist, dass sie Geräusche verursachen, wenn sie über den Laminatboden tapsen. Die Katzen wuseln durchs Zimmer. Ich frage mich, wie groß der Raum ist, um in ihm so viele Schritte machen zu können. Außerdem überlege ich, was es denn nach acht Jahren im selben Haushalt noch zu erkunden gibt, weshalb man seine Pfotenabdrücke in scheinbar jede Ecke patschen muss. Inzwischen, so fällt mir auf, erkenne ich die jeweilige Katze sogar am Gang – was bei gerade einmal zwei Tieren wohl nicht ganz so spektakulär ist, wie es klingt.

00:40 Uhr:
Es raschelt. Und zwar raschelt es so, dass ich das Gefühl bekomme, es sei nicht gut, dass es raschelt. Nachdem ich fest entschlossen war, jedes weitere Geräusch zu ignorieren, bin ich mir nun absolut sicher, dass es nicht rascheln sollte. Also mache ich das Licht meines Nachttischlämpchens an und entdecke neben mir Glimmers Hintern, der aus dem Spalt zwischen Bett und Wand emporragt und im Begriff ist, in jenem vollends zu verschwinden. Ich stehe auf, rücke das Bett vor und hole die Katze aus der Verschluckungsfalle. Danach entdecke ich die leere Klebebandrolle, die mir beim Geschenke einpacken in die Lücke gefallen ist (als ich in einer depressiven Phase alles vom Bett aus gemacht habe) und nach der Glimmer nun scheinbar heldenhaft gefischt hat. Nachdem ich sie fragte, ob sie vergessen hat, warum sie beide heute bei mir schlafen dürfen, legt sie sich ans Fußende und lässt demonstrativ die Augen zufallen.

00:50 Uhr:
Schnotti hat sich auf meine Füße gestürzt. Sie mag es, Dinge zu jagen, die sich unter der Decke bewegen. Es war eine blöde Idee, dass ich hieraus mal ein Spiel gemacht habe und sie nun immer nach Füßen Ausschau hält, sobald sie aufs Bett springt. Ich bin wach.

00:55 Uhr:
Schnotti hat ihre Spielzeugmaus mit Glöckchen geholt und spielt Fangen, während ich mich frage, ob man für zwei chronisch kranke Katzen noch Geld verlangen könnte. Ich ahne allerdings, dass ich noch draufzahlen müsste und verwerfe den Gedanken wieder.

01:10 Uhr:
Ich höre Atem. Ich höre den Atem lauter. Ich spüre Atem. Mein Gesicht wird angeatmet und es kommen diese typischen Katzen-Tauben-Geräusche, die sich nicht anders beschreiben lassen, weil es irgendeine eigenartige Mischung aus Miauen und Taubengurren ist. Sie sind ein eindeutiges Zeichen für den Unterkuschelungsstatus dieser Katze. Kurz darauf steckt Schnotti ihr Gesicht in mein Gesicht und reibt sich. „Köpfeln“, heißt es auch. Ist ja wirklich ganz süß, wenn Katzen damit ihre Zuneigung zum Ausdruck bringen wollen, aber doch bitte nicht mitten in der Nacht.

01:25 Uhr:
Nachdem sich Schnotti millionenfach um die eigene Achse gedreht hat, um die richtige Liegeposition zu finden, muss ich sie nun dauerkraulen, damit sie nicht wieder mit dieser nervigen Kopfreiberei anfängt. Ich kann nicht schlafen, wenn ich streicheln muss.

01:50 Uhr:
Die Katze musste niesen. Ich habe mich zu Tode erschrocken und Glimmer hat sich zu Tode erschrocken, weil ich mich zu Tode erschrocken habe. Schnotti ist aufgesprungen, weil es sich im Liegen nicht gut niesen lässt. Ich muss aufstehen, um mich zu waschen und stelle danach fest, dass ich nun wirklich richtig wach bin.

01:53 Uhr:
Zwar spricht das Folgende nicht für die Intelligenz dieser Katze, doch ich kann an dieser Stelle einfach nicht unerwähnt lassen, dass ihr etwas sehr, sehr Dummes passiert ist: Nach ihrer Niesattacke musste Schnotti sich ausgiebig putzen. Als sie mit ihrer Pfote den Schwanz festhalten wollte, um sich auch dort zu säubern, ist sie mit der Kralle ihrer Vorderpfote in ihrer Haut hängengeblieben. Sie war mit ihrem Schwanz im wahrsten Sinne des Wortes fest verbunden. Nachdem ich der panischen Katze vorsichtig die Kralle aus der Haut gezogen hatte, bekam ich minutenlang immer wiederkehrende, schwere Lachkrämpfe (ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke).

02:45 Uhr:
Während ich noch eine Serienfolge bei Netflix geschaut habe, sind beide Katzen zur Ruhe gekommen und liegen schlafend in meinem Bett. Ich starte den nächsten Versuch.

03:15 Uhr:
Schnotti hat Glimmer auf den Kopf gehauen. Dieses Szenario habe ich im Dunkeln zwar nicht sehen können, doch erkenne ich es inzwischen allein am Geräusch, da es immer gleich abläuft: Glimmer berührt Schnotti versehentlich, Schnotti springt auf und haut Glimmer mit der Pfote auf den Kopf. Für eine kurze Zeit fuchteln beide mit den Vorderpfoten. Danach beginnt Schnotti zu starren, ähnlich wie in diesem Bild...


...und Glimmer glotzt verstrahlt durch die Gegend, um zu schlichten. In der Regel springt Schnotti im Anschluss vom Bett und sucht sich Dummheiten, die sie anstellen könnte. Oder beide beginnen, Fangen zu spielen. Schnotti hat sich für die Klimper-Maus entschieden.

03:40 Uhr:
Wiederholung des Szenarios von 01:25 Uhr.

04:20 Uhr:
Es geschehen noch Wunder. Ich konnte mich auf die andere Seite drehen, ohne dass Katze Nummer 1 empört aufsprang, und Katze Nummer 2 schläft am Fußende. Mir bleiben ungefähr 20 cm der Matratzenbreite, um nicht aus dem Bett zu fallen.

04:25 Uhr:
Ich bin aus dem Bett gefallen.

04:35 Uhr:
Genervt überlege ich, ob ich nicht einfach wach bleiben sollte. Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, die bereits seit Stunden unauffällige Glimmer aus meiner Beobachtung zu nehmen und Schnotti treibt mich in den Wahnsinn, wenn ich nur vorsichtig ans Schlafen denke.

04:45 Uhr:
Nach reiflicher Überlegung habe ich ein Machtwort gesprochen und sämtliche Spielzeuge für Katzenkinder unzugänglich gemacht. Danach habe ich Schnotti in den Schlaf gestreichelt und mir zuvor ausreichend Platz im Bett gesichert. Glimmer hat sich auf den Sessel im Erker gelegt und schläft. Ich muss auch schlafen, bevor es hell wird.

05:00 Uhr:
Ich habe versehentlich meinen Fuß bewegt…

Mittwoch, 18. März 2020

Coronavirus: Auswirkungen auf die mentale Gesundheit

Die momentane Krise hinsichtlich des Coronavirus, das zurzeit in aller Munde ist, verursacht viele berufliche und private Krisen. Einige fürchten um ihre Existenz, andere sind aufgrund von viel Arbeit völlig überlastet. Nun stehen wir möglicherweise kurz vor einer Ausgangssperre, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Neben den vielen individuellen Schicksalen, die die aktuelle Situation mit sich bringt, wäre eine solche Ausgangssperre auch ein großes Problem für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch hierüber muss gesprochen werden.


Eine Ausbreitung von Covid-19 muss verlangsamt werden

Täglich verfolge ich inzwischen die Informationen, die das Robert Koch-Institut kommuniziert und noch öfter ärgere ich mich, wenn ich die vielen Kommentare in den sozialen Netzwerken verfolge. „Panikmache“, Schaut euch doch die Zahl der jährlichen Grippe-Toten an“, „Ich bin gesund, also schränke ich mich auch nicht ein“, liest man immer wieder. Ich möchte hierzu kein Fass aufmachen, nur eines loswerden: In erster Linie geht es nicht darum, das Virus aufzuhalten, sondern die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht so zusammenbricht, wie es in Italien der Fall ist. Die katastrophalen Folgen, die ein Scheitern dieses Vorhabens/dieser Verlangsamung mit sich bringt, können wir dort beobachten. Somit geht es nicht um den Einzelnen, sondern darum, die Risikopatienten zu schützen, dessen Versorgung bei einer zu schnellen Ausbreitung unter Umständen nicht mehr gewährleistet werden kann.

Soziale Isolation und ihre mentalen Folgen

Durch die Klinikaufenthalte, die ich aufgrund von psychischen Erkrankungen hatte, lernte ich viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen. Häufige Symptome der mentalen Belastungen: Sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, Einigelung – aber auch Probleme mit dem Alleinsein. All diese Symptome könnten nun für viele Menschen, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben, hinsichtlich der Einschränkungen des öffentlichen Lebens und einer möglichen Ausgangssperre zum großen Problem werden.

Seit vergangenem Montag wurde auch der Unterricht im Rahmen meiner Ausbildung abgesagt. Wir haben, wie viele andere auch, nun zunächst bis nach den Osterferien frei. Das ist eine lange Zeit. In solchen Freizeiten habe ich ohnehin Schwierigkeiten, morgens aufzustehen, aktiv zu werden, in den Tag zu starten. Ein Problem, mit dem ich nicht alleine bin.
Zudem wohne ich nur mit meinen Katzen in einer Wohnung, weshalb ich mich zeitweise weder woanders einquartieren kann, noch habe ich Anreize von außen, morgens aus dem Quark zu kommen. Diese Anreize muss ich mir somit selber schaffen – das funktioniert auch hin und wieder, solange sich diese Freizeit nicht über einen langen Zeitraum erstreckt.

In Anbetracht eben dieser Symptome, die bei psychischen Erkrankungen häufig vorkommen können, lässt sich leicht vorstellen, dass eine soziale Isolation oder zumindest eine Einschränkung in dieser Richtung mehr als herausfordernd für Menschen ist, die mit solchen Schwierigkeiten bereits in ihrem normalen Alltag zu kämpfen haben.

Hilfestellungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Es ist nun besonders wichtig für Menschen, die hinsichtlich einer möglichen Ausgangssperre über ihre mentale Situation besorgt sind, sich vorzubereiten. Im Folgenden habe ich zehn Vorschläge gesammelt, um die Zeit zu Hause schneller verstreichen zu lassen:

1. Kontakthaltung über Technik: Wir haben das große Glück, dass uns die heutige Technik ermöglicht, auch von zu Hause aus Kontakt zu unseren Mitmenschen zu halten – und das nicht nur übers Telefon. Es ist wichtig, schon jetzt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, mit jedem z.B. auch Kontakt per Videotelefonie halten zu können.

2. Wiederentdecken/Ausprobieren: Gibt es Dinge, die du einst gerne gemacht hast oder immer schon mal ausprobieren wolltest? Malen, zeichnen, ein bestimmtes Buch lesen, einen Podcast aufnehmen, schreiben, basteln. Das alles sind Dinge, für die bald Zeit sein könnte und in die man sich richtig vertiefen kann.

3. Frühjahrsputz: Der Frühling steht vor der Tür. Ich muss leider zugeben, dass ein Frühjahrsputz ein guter Zeitvertreib wäre, weshalb ich mir bereits vorsorglich alles Mögliche an Putzutensilien besorgt habe.

4. Sport: Hometraining ist nicht jedermanns Sache. Soll aber helfen. Hab‘ ich gehört.

5. Tabletten sortieren: Das schreibe ich eigentlich nur, um daran zu erinnern, schon einmal seine Rezepte zu besorgen, bevor es nervig wird.

6. Bullet Journal: Ich sehe immer wieder Menschen, die in der letzten Zeit ein Bullet Journal begonnen haben. Ein Bullet Journal ist ein höchst individueller Terminkalender und Alltagsplaner, in dem man auch seine ganz persönlichen Eindrücke festhalten kann. Hiermit lässt sich die ein oder andere Stunde sicher gut verbringen. Aber nicht vergessen: Ohne Buch kein Bullet Journaling!

7. Häkeln/Nähen: In der Klinik wurden immer wieder Häkel- und Nähkurse angeboten und ich habe beobachtet, dass auch Menschen, die dies zuvor konsequent abgelehnt haben, die Nadel nicht mehr aus der Hand legen konnten.

8. Wohlfühl-Oase für zu Hause: Badesalze, Peelings, Gesichtsmasken, Wellness, Düfte und Aromen. Man könnte die Zeit doch mal für Dinge nutzen, die entspannen und guttun.

9. Spiele: Hat früher auch jemand gerne Sims gespielt? Den Zauberwürfel gelöst? Pokémon? Mario Kart? Age of Empires?

10. Haustiererziehung, -förderung und -forderung: Intelligenzspiele, Kommandos oder einfach eine ausgiebige Beschäftigung mit dem Tier kann für Abwechslung sorgen.

Dies sind Beispiele, die zeigen: Es gibt viele Möglichkeiten, Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Das bedeutet zwar nicht gleich auch, dass das eine einfache Zeit wird, aber zumindest können wir Dinge ausprobieren und uns vorbereiten, indem wir die Voraussetzungen hierfür schon jetzt schaffen. Zumindest wäre das eine Chance für jeden, der Angst vor Einsamkeit und Isolation hat.

Ganz egal, ob es nun zu einer Ausgangssperre kommt oder nicht: Wir müssen nun solidarisch und rücksichtsvoll sein. Das bedeutet, sich einzuschränken und mehr Zeit zu Hause zu verbringen, an seine Mitmenschen zu denken und sich gegenseitig dabei zu helfen, so gut es geht durch die nächsten Wochen zu kommen. Wir müssen daran denken, dass es Menschen gibt, die ihre berufliche Existenz verlieren und welche, die jeden Tag für uns weiter arbeiten. Solche, die große Angst haben und jene, die unter der Situation aufgrund ihrer psychischen Belastungen leiden. Und dann gibt es noch diejenigen, die als Risikopatienten besonders geschützt werden müssen. Also lasst uns doch lieber einander helfen, als dass wir böse Worte in der digitalen Welt verlieren und uns gegen etwas sträuben, das gerade jetzt so wichtig für jeden ist.

Mittwoch, 26. Februar 2020

Ein guter Tag, verrückt zu werden

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, erwische ich den Gedanken an den Toren des Bewusstseins zu mir sprechen. Verrückt zu werden ist in Anbetracht der Tatsache, dass viele andere Lebensstrategien bisher wirklich kläglich gescheitert sind, vielleicht die klügste meiner Möglichkeiten. Und seien wir mal ehrlich:
Beängstigend sind nicht die Verrückten dieser Welt. Es ist die Welt selbst, die uns verrückt werden lässt.

Verrücktsein als Abweichung von der Norm

Der Kaffee schmeckt besser als sonst. Er schmeckt besser, weil ich ihn nicht, wie üblich, mit der laktosefreien Milch vermischte. Ich habe keine Laktoseintoleranz und doch nahm ich jahrelang jene Milch, von der ich dachte, sie sei schonender für den Magen- und Darmtrakt. Heute bin ich ver-rückt – was eigentlich nur bedeutet, dass ich von meiner Routine abgewichen bin. Es ist gut, verrückt zu sein. Zumindest dann, wenn ich nicht gleich eilen muss, um mich meiner Milch im unangenehmen Stil zu entledigen.

Wenn wir jemanden als verrückt bezeichnen, dann meinen wir damit oftmals, jemand hätte „einen Knall“, „nicht alle Tassen im Schrank“ oder „den Schuss nicht gehört“. Und das wiederum bedeutet auch nichts anderes, als abzuweichen von einer Norm, die wir Menschen selbst erschaffen haben. Bestimmten Regeln und Konventionen nicht anzugehören, die sich in unserer Gesellschaft etabliert haben. Wie auch immer das im Einzelfall aussehen mag. Verrückt sind die, die in der Unterzahl sind. Ist es schlecht, zu den Wenigen zu gehören?

William Shakespeare sagte damals:

Besser, ich wär‘ verrückt.
Dann wär‘ mein Geist getrennt von meinem Gram,
und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre
Bewußtsein seiner selbst.“

Während das Verrücktsein schon lange kein eindeutiger Begriff mehr ist, bezieht sich Shakespeare in seinem Zitat auf die Geisteskrankheit. Auf das Verrückt, bei dem dein Umfeld davon ausgeht, etwas funktioniere nicht richtig in deinem Oberstübchen. Auf den Wahnsinn.
Und auch ich frage mich manchmal, ob der Wahnsinn nicht einfach eine intelligente Art der Flucht aus der Realität ist. Wenn Realität Schmerz bedeutet, ist das Verrücktsein dann nicht schützende Medizin? Ein tröstlicher Gedanke. Vielleicht ist es aber auch verrückt, Heilsames im Irrsinn zu suchen. Oder einfach Ausdruck von Verzweiflung.

Das Verrücktsein als Wahnsinn macht so gesehen den Anschein, als müsse man erst krank werden, um sich gesund zu fühlen. Als sei der Irrsinn eine gute Strategie des Geistes, dem Leben und seinen Eigenheiten standhalten zu können. Ein trauriger Widerspruch, der die Verzweiflung manches Verstandes offenbart. Gleichwohl sollte uns das auch bewusst machen, dass die Norm kein Synonym für „gut“ oder „richtig“ ist. Was würde sich der Mensch auch anmaßen – ist er doch selbst für die Existenz jener Norm verantwortlich. Oder?

Salvador Dalí sagte einst: "Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Verrückten ist der, dass ich nicht verrückt bin.“

Viele nehmen es mit dieser Norm sehr genau. Zum Beispiel dann, wenn sie Andersartigkeit bestrafen. Es scheint nicht immer erstrebenswert, zu ver-rücken, wenn die Folge dieser Abweichung Ausgrenzung und Abwertung ist. Wenn die Entscheidung darüber, wen man liebt, auch gleichsam das Urteil bedeutet, wie viel Wert man in der Gesellschaft hat, dann fange ich an, den Wahnsinn und seinen Sinn besser zu verstehen. Es fürchtet mich der Gedanke, in einer Welt zu leben, in der es immer und immer wieder darum geht, bewertet und verglichen zu werden, klüger zu sein, schneller zu sein, besser zu sein als der andere, um damit den persönlichen Wert für die Menschheit zu bestimmen.
Auf der anderen Seite scheint es hip, etwas crazy zu sein. So ein bisschen mehr bekloppt und ein bisschen weniger „normal“. Zumindest dann, wenn man an der „richtigen“ Stelle abgewichen ist – denn das wiederum ist ausschlaggebend dafür, ob das Abweichen von der Norm gesellschaftlich zumindest überwiegend akzeptiert wird oder nicht. Überlegen wir uns also genau, wann und wie und wo wir verrückt werden und was das im Zweifelsfalle für uns bedeutet. Denn machen wir uns nichts vor: Wir leben hier, wir leben jetzt und wir leben unter genau diesen Umständen. Und da wir kein Veto für ein anderes Leben haben, keine andere Welt, in die wir wechseln können, müssen wir hinnehmen oder eben verrücken. Auf welche Art und Weise und mit welchen Konsequenzen auch immer.

Verrücktsein als Möglichkeit zur Veränderung

Ob ein Mensch verrückt ist, hängt letzten Endes also auch immer davon ab, wen man fragt. Ich mag die Idee, dass jedes Verrücktsein in seiner einfachsten Form erst einmal bedeutet, von einer Norm abzuweichen – nicht mehr und nicht weniger, fernab von der Komplexität, die sich auftut, wenn man weiter in die Tiefen der Philosophie eintaucht. Ich mag die pure Wortwörtlichkeit des Begriffes, denn im Ver-rücken schwingt doch auch etwas Aktives mit, eine Handlung, eine Bewegung als Gegensatz zu Lethargie und Stillstand. Und Aktivität ist es, die den Weg zur Veränderung ebnet. So gesehen scheint es doch eine lohnenswerte Möglichkeit, zu verrücken, wenn man sich in einem quälenden Zustand befindet, der anders werden soll.

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, dachte ich und trank meinen Kaffee anders als sonst. Ja, vielleicht ist er das.
Ganz bestimmt aber ist heute ein guter Tag, um zu verrücken.

Sonntag, 17. November 2019

Ein Gedicht - Du bewegst...

Siehst du wie ich täglich zweifle, an dem Inhalt meiner Welt,
Leben ist Geschichte schreiben, ich schreib‘ nur, dass Leben fehlt,
Stille schreit mir ins Gesicht, lass dich nicht häng‘, steh wieder auf,
jeder Weg, der runter führt, geht auch wieder rauf.

Du würdest mir jetzt sagen: „Ich verstehe, wie‘s dir geht“
und du würdest nicht betonen, dass all die Schwere auch vergeht,
denn du hältst was du versprichst, weil du nur sagst, was du auch halten kannst
und jede hohle Phrase wirbelt Staub auf, in dem Zweifel tanzt.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Deine Seele strahlt nach außen, dein Herz wärmt jeden Raum,
du sagst, wir können alles schaffen, wir müssen uns nur trauen,
denn für dich gibt es keine Grenzen, wenn sie nicht selbst gezogen sind,
du bist ein Vogel auf der Reise, der mich an seine Seite nimmt.

Wenn ich im Tunnel einsam stehe und am Ende nichts mehr brennt,
Fremdes hat den Reiz verloren und Trautes scheint mir fremd,
dann kommst du tanzend aus dem Regen mit dem Streichholz in der Hand,
hast die Lösungen längst gefunden, als ich Probleme erst verstand.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Auch du kannst manchmal zweifeln, nicht alles fällt dir leicht,
deine Gedanken spielen dir Streiche, sodass auch du dich mal vergleichst
und wenn du wanderst durch die Nacht, auf der Suche nach dem Mond,
dann weißt du mitten auf dem Weg, wofür sich das Suchen lohnt.

Deine Gefühle sind wahrhaftig, dein Lachen steckt mich an,
selbst deine Tränen sind so klar, dass ich mich in ihnen sehen kann,
deine Sätze sind berührend, deine Worte sind vertraut,
durch dich finde ich die Kraft, damit ich wieder an mich glaub‘.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Samstag, 25. Mai 2019

Das Leben ist eines der schwersten...

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer mal wieder, als er noch lebte. Oft lächelte er dabei müde, manchmal seufzte er nur angestrengt. Wenn sein Blick zum Fenster hinaus ins Leben fiel, saß er dort, gedankenverloren in seinem Sessel, und schüttelte den Kopf. Immer wieder, über Jahre hinweg. Ich fragte mich, was er wohl dachte. Doch ihn – ihn fragte ich nicht.

Bittere Vergänglichkeit...

Nun sitze ich hier, auf meinem Stuhl in der Küche, auf der Kante meines Bettes, in dem Sessel meines Erkers – und schüttele den Kopf. „Das Leben ist eines der schwersten“, denke ich, während meine Augen mit starrem Blick ins Leere schweifen. Wenn ich glaube zu wissen, was er meinte, ermahne ich mich rasch: Ich habe noch immer wenig Ahnung von seinen Gedanken. Doch wenigstens weiß ich nun, was ich mir selbst damit sagen will.

Je älter mein Opa wurde, desto mehr erzählte er mir aus seinem Leben. Wenn er erst einmal zu reden begann, so war er kaum zu bremsen. Mit der Zeit wiederholten sich seine Geschichten, doch die Freude am Erzählen wurde jedes Mal stärker und spürbarer. Er ärgerte sich, wenn ihm ein bestimmtes Datum nicht mehr einfiel, zu dem sich seine Geschichte ereignete. Während mir nicht mehr einfällt, wann und wo ich zuletzt Urlaub machte, konnte er sich an Ereignisse erinnern, die über 50 Jahre in der Vergangenheit liegen. Sein Leben war so bewegt, wie er mich bewegte.

Geschichten vom Krieg

Während des Krieges bin ich drei Mal abgesoffen“, erzählte er mir immer wieder. Einmal harrte er stundenlang im kalten Wasser aus, bis Rettung kam. Damals arbeitete er als Sanitäter bei der Marine und erlebte Dinge, die heutzutage nicht mehr vorstellbar sind. Er sah Bilder, die ich nicht mal im Traum erzeugen könnte.
An eine Geschichte erinnere ich mich noch sehr gut: Als er sich mit einem Kollegen an Bord unterhielt, sackte dieser plötzlich zusammen. Mein Opa bückte sich, wusste nicht, was los war und hielt seinen Kopf. Und dann – dann hatte er das Gehirn seines Kollegen in der Hand. Es war ein Kopfschuss, durch den er starb. Dieser Mann war nicht der Einzige, den mein Opa während des Krieges sterben sah. Als Sanitäter begleitete er viele in den Tod und ist diesem selbst oft von der Schippe gesprungen.

All diese Erlebnisse, die für ihn Realität bedeuteten, erzählte er nicht mit Wut und Trauer. Er erzählte sie mit Enthusiasmus, mit Feuer in den Augen, lebendig. So viel Furchtbares hatte er durchgemacht – und doch hatte ich das Gefühl, als leide er mehr unter dem Leben, das er nun führte. Ein ruhiges Leben als Pensionierter. Nach dem Krieg machte er Karriere, hatte eine hohe Stellung und viel Arbeit als Kommissar. Auch dort sah er Leichen, Elend, Kriminalität. Doch er war erfolgreich in seinen Aufgaben und zufrieden mit seinem Handeln.

Verlust von drei Kindern

Mit meiner Oma bekam er vier Kinder. Sein Sohn starb mit nur acht Jahren an Krebs. In den darauffolgenden Jahren musste er den Tod von zwei Töchtern durchleben. Er verlor drei von vier Kindern, bis er starb. Ich weiß nicht, warum er so oft und still den Kopf schüttelte. Ich weiß nur, dass er jedes Recht dazu hatte.

Wenn ich auf meiner Bettkante sitze und den Kopf schüttele, dann frage ich mich oft, welches Recht ich hierzu habe. Ich könne doch froh sein, nicht den Hauch einer Ahnung von dem zu haben, das für meinen Opa Realität bedeutete. Als er noch lebte, war ich nicht sehr redefreudig – denn ich wusste nicht, worüber ich sprechen sollte. Alles kam mir nichtig vor, nicht erwähnenswert, unaufregend. Und damit entschied ich nicht nur für mich, sondern auch für ihn: Er durfte nicht selbst darüber urteilen, was er an meinem Leben interessant fand, weil ich zuvor den Filter durchlaufen ließ.

Als ich 2015 aufgrund meiner psychischen Probleme in die Klinik ging und daraufhin mein Studium abbrach, sprach ich nicht mit ihm darüber. Er erfuhr vieles durch meine Mama und wir wussten, dass er mit der „Depression“ nicht viel anfangen konnte. Einfach, weil er in einer Zeit aufwuchs, in der psychische Erkrankungen kein bewusstes Thema waren. Als ich anfing, über meine Gedanken und meine Krankheit zu schreiben, gab ich ihm ein paar Texte meiner Webseite – das half ihm, wenigstens einen Teil meiner Gefühle nachvollziehen zu können. Ein intensives Gespräch darüber führten wir jedoch nie, weil ich Angst hatte, mich erklären zu müssen und nicht die richtigen Worte zu finden. Und auch, weil es mir zu emotional, zu nah gewesen wäre. Ich weiß, dass er traurig darüber war. Ich bin es auch.

Das Leben ist eines der schwersten!“

Mein Status Quo ist freudlos. Ich kämpfe mit dem Leben, fühle mich überfordert und inkompatibel. Ich habe nichts zu erzählen und deshalb ist es still geworden. Ich langweile mich selbst. Ich bin unzuverlässig, habe mich sozial zurückgezogen, antworte nicht auf Nachrichten und verbringe den Großteil der Zeit damit, diese so schnell wie möglich vergehen zu lassen. Und ich versuche, mich nicht für diese Qual zu verurteilen – denn eigentlich… eigentlich müsste ich glücklich sein über das Leben, das ich führen darf. Doch das bin ich nicht. Diese Gedanken sind nicht fair und ich würde jeden außer mir ermahnen, bei Gefühlen von Recht und Unrecht zu sprechen. Dennoch muss ich aufpassen, nicht wütend auf mich zu werden, weil fast jede meiner Poren von Unglück zerfressen ist. Manchmal sehe ich Licht und manchmal kommt der Zug. Manchmal fehlt mir ein Mensch und manchmal fehlt er mir noch mehr. Doch es gibt auch Dinge, die funktionieren – und ich arbeite daran, dass ich diese aufrechterhalten kann.

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer wieder – und sage auch ich.


Sonntag, 14. April 2019

Jeder ist seines Glückes Schmied - oder?

Wir stellen uns vor, das Leben sei eine Landkarte. Es gibt unendlich viele Wege und Ziele. Jeder Weg, jede Richtung, ist eine Entscheidung, die wir treffen. Wir können nicht alle Wege gehen, doch wir können Teile von uns auf eine Reise schicken. Es gibt Abzweigungen, Tunnel und unbekannte Pfade. Nichts ist vorgeschrieben, nichts ist Gesetz. Nur das Ende, das ist sicher.

Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein alter Spruch mit weisem Ton. Ich zweifle noch immer an seinem Inhalt. Und nicht nur das: Ich halte ihn sogar für sehr ideologisch und schuldzuweisend. Denn was bedeutet dieser Satz? Können wir alle glücklich und zufrieden sein, wenn wir es nur wollen? Wenn wir immerzu bemüht sind, das Glück einzuladen in unsere kleine Welt? Ist denn alles nur eine Frage der inneren Einstellung und der Ausdauer und Mühe, die wir in sie investieren?
Mir ist das zu kurz gedacht, obwohl ich auch oft dazu neige, jeden Gedanken wie Kaugummi in die Länge zu ziehen. Vielleicht will ich mir die mögliche Wahrheit der Aussage auch einfach nicht eingestehen – denn das würde wohl bedeuten, dass ich in meinem Leben noch nicht sehr engagiert geschmiedet habe. Bin ich die falschen Wege gegangen, habe ich die falschen Entscheidungen getroffen? Habe ich mir nicht genug Mühe gegeben, ein glücklicher und erfolgreicher Mensch zu werden?

Mich frustrieren diese Gedanken, denn irgendwie sagen sie mir doch, ich sei selbst daran Schuld, ein überwiegend unzufriedenes, unglückliches Leben geführt zu haben. Gleichzeitig muss ich meine Gedanken korrigieren: Es geht bei all dem nicht um Schuld. Denn wenn wir immer das bestmögliche Handwerkszeug zur Verfügung hätten und zu jeder Zeit wüssten, wie wir es einzusetzen haben, um unser persönliches Glück zu erfahren – dann würden sich wohl sehr viele Probleme vieler Menschen auf einen Schlag erübrigen. Und so erinnere ich mich daran, in manchen Situationen der Vergangenheit einfach auch mal gern eine Gebrauchsanweisung gehabt zu haben, um nicht ganz so überfordert mit meiner Verantwortung vor meinem Unglück zu stehen.

Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung.“

Wenn jeder seines Glückes Schmied wäre, dann würde das unerschöpfliche, absolute Macht und Handlungsfreiheit bedeuten. Doch – und darüber wird hinweggetäuscht – wir haben keine Macht über das Unvorhergesehene, auch wenn wir uns das oftmals wünschen würden. Situationen kommen, Dinge passieren, Zeit vergeht. Vieles, das uns von außen zugetragen wird, befindet sich außerhalb unserer Kontrolle. Sei es ein plötzlicher Verlust, ein Unfall, eine Krankheit. Wenn es dann darum geht, den bestmöglichen Umgang mit der Situation zu finden, dann fehlt uns ab und an auch mal der passende Hammer für den Nagel oder der richtige Bohrer für die Dübel. Das hat zur Folge, dass es eben auch Augenblicke gibt, in denen wir nicht den Hauch einer Ahnung haben, wie wir unsere kleine Welt wieder zusammenbauen sollen. Und somit auch nicht, wie wir glücklich werden sollen.

Um die Gedanken abzukürzen und nicht wieder in der unendlichen Weite der Philosophie zu landen (denn dort verlaufe ich mich regelmäßig): Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung, das wäre ein Satz, der zumindest auf mich jene motivierende Wirkung hätte, die ich beim Ausgangszitat vermisse. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Einige sind kleiner, andere sind von größerer Tragweite. Mit jeder Entscheidung können wir unsere Zukunft zwar nicht sicher formen, doch wir haben Einfluss auf die Richtung, in die es gehen kann. Damit besitzen wir nicht automatisch völlige Handlungsfreiheit, aber sehr wohl einen gewissen Handlungsspielraum, innerhalb dessen wir Einfluss nehmen und Voraussetzungen schaffen können.

Der Unterschied von Schuld und Verantwortung

Was ich damit sagen will: Natürlich sind wir verantwortlich für unser Leben. Für die Entscheidungen, die wir treffen, für unser Handeln und unser Abwarten. Doch wir dürfen eben auch nicht vergessen, dass die Fähigkeit, sein Leben voll und ganz selbst zu kontrollieren, Grenzen besitzt. Die Vorstellung, dass das Glück immerzu ein Ergebnis der eigenen Lebensgestaltung sei, ist illusorisch. Das soll nicht entmutigend klingen, im Gegenteil: Es soll uns die Gelassenheit geben und den Mut zur Akzeptanz, auch mal machtlos und verzweifelt sein zu dürfen, ohne dass dies gleichzeitig Ausdruck eines Scheiterns an uns selbst darstellt. Mit dieser Sichtweise geben wir uns die Möglichkeit, einen verständnisvolleren Umgang mit uns selbst zu finden. Und erst dann gehen wir von der Passivität einer Schuldzuweisung hin zu einer Realität, in der wir die Verantwortung tragen für die Entscheidungen, die wir treffen – nicht immer jedoch für das Ergebnis, das sich durch den Status Quo unseres Lebens abzeichnet.

Und so sage ich mir: Ich bin nicht Schuld an dem Leben, das ich bisher geführt habe – ich trage nur die Verantwortung für die Entscheidungen, die ich traf, treffe und noch treffen werde. Das ist der Unterschied.

Dienstag, 9. April 2019

Perspektivwechsel - Glimmers Sicht der Dinge

Hallo. Mein Name ist Glimmer und ich bin eine der beiden Katzen von Madeline, meiner Mama. Ihr kennt mich wahrscheinlich schon von Bildern und Erzählungen, manche haben mich auch schon persönlich getroffen. Zur Erinnerung: Ich bin die Bowlingkugel mit dem Schlafzimmerblick.

Um die erste Schock-Nachricht gleich zu Beginn zu verkünden: Ich bin adoptiert. Das ist auch der Grund, warum Mama und ich uns nicht sehr ähnlich sehen. Und auch auf kommunikativer Ebene hinkt es gewaltig. Ich kann mir den Mund fusselig reden – die versteht mich einfach nicht. Wahrscheinlich hat sie eine andere Rasse, die nicht so weit entwickelt ist. Das hängt mit der Evolution und so zusammen.
Mit meiner Schwester, Schnotti, bin ich auch nicht verwandt. Zum Glück. Ich muss immer wieder feststellen, dass sie irgendwie komisch ist. Manchmal komme ich nichtsahnend ins Zimmer und diese Irre springt mich von hinten an. Also normal ist das nicht. Danach rennt sie durch die gesamte Wohnung und läuft gegen Gegenstände, weil sie auf dem Laminat nicht rechtzeitig bremst. Also mir passiert das nie. Selten. Auf jeden Fall nicht so oft wie ihr.

Früher dachte Mama, ich sei die intelligentere Katze von uns beiden. Hihi, da habe ich sie ganz schön hinters Licht geführt. Eigentlich, so glaube ich, bin ich nämlich überhaupt nicht schlau. Mir passieren andauernd Dinge, die ich zuvor nicht geplant hatte. Letztens, da bin ich aus Versehen an den Wasserhahn gekommen, als ich in die Badewanne gesprungen bin. Daraufhin schoss das Wasser aus dem Duschkopf und hat mich klitschnass gemacht. Es sollte keine große Überraschung sein, dass ich dabei panisch geworden bin und so schnell wie möglich wieder aus der Wanne wollte. Doch es wurde so nass und glitschig, dass ich ständig ausrutschte.
Mama schien sich ziemlich erschrocken zu haben, weil sie dachte, einer der schweren Wandschränke wäre heruntergefallen. Zumindest kam sie nur halb angezogen aus ihrem Zimmer gestolpert, als ich es gerade mit letzter Kraft alleine herausschaffte. Dann lachte sie mich aus und sagte, ich sähe aus wie ein begossener Pudel. Wir haben uns kurz gestritten, als ich zum Abrubbeln kommen sollte, aber danach war alles wieder gut. Seitdem gehe ich nicht mehr so gerne in die Badewanne.

Schnotti hat chronischen Schnupfen. Ich finde es nicht schlimm, dass sie immer erkältet ist, sie kann ja nichts dafür. Aber ihr Umgang damit… meine Güte. Wie kann man bloß so rücksichtslos niesen? Manchmal springt sie extra dafür ins Bett, in dem Mama und ich gerade gemütlich dösen. Inzwischen vermute ich böse Absicht dahinter. Zumindest könnte man sich doch die Pfote vor die Schnauze halten.
Gott sei Dank hat Mama dafür gesorgt, dass sie nicht mehr so oft niesen muss. Manchmal, wenn der Schnupfen schlimmer wird, fahren sie zu diesem unheimlichen Mann mit den Nadeln. Aber wenn Schnotti wieder da ist, dann geht es ihr viel besser.

Tja, und dann wäre da noch Mama. Ich glaube, ich bin süchtig nach ihr, weil sie mich so gut krabbeln kann. Ich muss dann zusehen, dass ich nicht zu aufdringlich werde. Wenn wir ins Bett gehen, dann springe ich immer gleich auf ihre Schulter. Sie sagt dann ständig, eine Bombe würde einschlagen, weil ich mich wohl ziemlich dumm dabei anstelle. Wenn Schnotti noch dazu kommt, kann sie sich überhaupt nicht mehr bewegen und brummelt genervt vor sich hin. Meistens dürfen wir aber trotzdem liegen bleiben.

Ich glaube, Mama geht es oftmals nicht so gut. Morgens, wenn ihr Wecker klingelt, steht sie manchmal einfach nicht auf. Ich merke, wie sie mit sich ringt und versucht, ein Bein aus dem Bett zu bekommen. Uns Katzen wird nachgesagt, dass wir eine ziemlich sensible Wahrnehmung haben – deshalb merken wir sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt.
Wenn sie von der „Schule“ kommt, dann ist sie meistens fix und fertig. Es scheint dort sehr anstrengend für sie zu sein, auch wenn es ihr grundsätzlich gut gefällt. Zumindest hat sie sich kürzlich so komische Nadeln bestellt, die sie sich selbst in die Haut sticht. Sie meinte, das hätte sie gelernt und müsse jetzt geübt werden. Mich stört das, weil ich währenddessen nicht auf ihren Schoß darf. Natürlich versuche ich es dennoch ab und zu… hihi.

Schnotti und ich vermuten, dass in Mama etwas kaputt ist oder nicht mehr richtig funktioniert. Sie grübelt sehr viel und hat oft so schlechte Gedanken und Gefühle. Ich glaube, sie hat noch nicht die Freude am Leben gefunden. Oder an sich selbst. Wenn ich mit ihr schmuse, dann spüre ich den Kloß in ihrem Hals. Manchmal ist er kleiner, manchmal größer – aber er ist immer da. Das Herz schlägt dann schneller und die Luft lässt sich schwerer ein- und ausatmen. Wenn es zu schlimm wird, dann schluckt sie eine Tablette und wird danach etwas ruhiger.
Vor längerer Zeit war Mama mal in einer Klinik. Wir waren erleichtert, als sie endlich auch mal zu einem Menschen ging, der so ähnlich war wie der Mann mit den Nadeln. Seitdem kümmert sie sich mehr um ihre Gesundheit. Viele Menschen scheinen ein Problem damit zu haben, sich Hilfe von außen zu holen. Ich verstehe das nicht. Als ich kahle Stellen an meinen Pfoten hatte, ist Mama mit mir zu einem Mann gefahren, der mir eine Salbe gegeben hat. Danach hörte das Jucken auf und mir ging es wieder besser. Wer weiß, wie ich ansonsten heute ausgesehen hätte. Vielleicht wie eine dieser Nacktkatzen.

Mama hat uns mal erzählt, dass sie so oft traurig ist und dass jeder Tag eine neue Herausforderung für sie darstellt. Und auch, dass ihre Stimmung dauerhaft unter dem „Normallevel“ ist. Es gäbe zwar auch einige Ausschläge nach oben, doch diese würden nicht wirklich tief wirken. Sie haben keinen langanhaltenden Effekt. Nach einem schönen Treffen kämpft sie bereits mit dem Nachhauseweg, weil es ihr direkt nach der Situation wieder sehr schlecht geht. Umso schwerer fällt es ihr dann eben auch, schöne Momente schmerzfrei loszulassen.
Wegen solcher Gefühle fällt es ihr übrigens auch schwer, regelmäßig zu schreiben, obwohl sie das so gerne machen würde. Doch immer dann, wenn sie unkreativ ist, macht sie das wütend. Und diese Wut kann sie kaum aushalten.

Naja, so kam es eben, dass ich heute für sie geschrieben habe. Sie sagte mal, manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Ich glaube, dass das wahr ist. Nur Schnottis Perspektive möchte ich nicht so gerne einnehmen – das wäre mir wirklich, wirklich etwas zu gruselig…

Donnerstag, 21. März 2019

Die (Un-)Logik der Depression

Es war Donnerstag. Um 7:45 Uhr klingelte der Wecker. Inzwischen gebe ich mir keinen zeitlichen Puffer mehr, um aufzustehen. Druck hilft mir, in Gang zu kommen. Manchmal.

Fern von Logik und Verständnis

Heute nicht. Dieser Tag war viel mehr eine Aneinanderreihung von Dingen, die nicht funktioniert haben. Das, was sich dabei in meinem Kopf abspielte, ergibt augenscheinlich nicht den Hauch eines Sinns. Deshalb finde ich es wichtig, gerade diese inneren Konflikte zu dokumentieren – eben weil ihr Inhalt und ihre Ausprägung auf den Alltag so schwer sind, verständlich bzw. nachvollziehbar nach außen zu kommunizieren.
Eine Erkrankung, das müssen wir verstehen, hat nicht immer etwas mit Logik zu tun. Es gibt Dinge, die sich nicht mal eben begreifen lassen. Wichtig ist, dennoch zu akzeptieren, dass es Probleme gibt, die sich nicht so einfach entziffern und durchschauen lassen – sowohl für Betroffene als auch für Angehörige.

An diesem besagten Donnerstag lag ich also so rum, in meinem Bett. Ich wusste, dass mein Tagesplan Aktivität von mir forderte. Ich hatte einen Termin, der immer näher rückte, doch diese Tatsache allein reichte nicht aus, um aufzustehen. Stattdessen führten ein paar Synapsen in meinem Kopf eine handfeste Diskussion darüber, was als nächstes passieren sollte. Je später es wurde, desto unzufriedener war ich mit der Situation: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, nicht aufzustehen, doch ich wusste auch nicht, warum es nicht funktionierte.
Zudem musste ich pinkeln. So dringend, dass mir völlig klar war, es würde bald anfangen zu schmerzen. Doch die Toilette schien kilometerweit entfernt, genau wie die Realität. Denn was sollte real sein an dieser Situation? Sie ließ sich nicht mehr bewusst greifen, entglitt mir immer wieder durch die Finger. Ich war kaputt, müde und energielos.

Gedanken vs. Körper vs. Realität

Ich erinnere mich, wie ich mir bewusst machte, dass sich meine Gefühle bessern würden, hätte ich erst einmal das Haus verlassen. So ist es meistens. Sollte ich hingegen liegen bleiben, verpasste ich einen wichtigen Termin. Und das – das war mir klar – würde Konsequenzen haben. Solche, die ich nicht gebrauchen konnte. Dafür aufzustehen, das schaffte ich an diesem Tag dennoch nicht.
Die Diskussion, die verschiedene Teile in mir führten, dauerte insgesamt fünf Stunden. Ich durchbrach diesen Teufelskreis nur, weil ich nicht ins Bett machen wollte. Denn das hätte bedeutet, dass ich mich nicht wieder hätte hineinlegen können… Eine schockierende Wahrheit, die ich nicht verstehe, die mir aber wenigstens bewusst ist.

Warum das, verdammt noch mal, nicht für jeden nachvollziehbar ist? Liegt auf der Hand, oder? Ich kann doch nicht von anderen Verständnis erwarten, das ich selbst nicht aufbringen kann. Das, was sich abgespielt hat, ist so abstrus, so fern jeder Logik, dass ich es selbst nicht verstehe – obwohl ich Protagonistin dieses traurigen Schauspiels war. Es fühlte sich an, als würde ich die Kontrolle sowohl über meine Gedanken als auch über meinen Körper verlieren. Zumindest kann ich mir nicht erklären, warum sich mein Bein nicht seitwärts aus dem Bett bewegte, als ich es darum gebeten habe.

Die Gefühle, die mich an diesem Morgen begleiteten, spielten die Hauptrolle in meinem persönlichen Drama. Sie waren kaum auszuhalten und füllten den Raum mit Lethargie und Verzweiflung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich aktiv werde, war hoch und doch erschien es mir unmöglich, mich zu bewegen. So als wäre ich gefesselt, als würde ich keine Luft mehr bekommen aufgrund des Drucks, der sich schwer auf mich legte. Jedes Wort, das ich verwende, um diesen Zustand zu beschreiben und greifbar zu machen, würde seinen Zweck nicht annähernd erfüllen.

Am späten Nachmittag dieses Tages zog ich mich an, weil ich verabredet war. Der Unterschied war, dass sich jemand auf mein Erscheinen verlassen hatte. Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit verändert die Situation, wenn ich nicht mehr die einzig Involvierte bin. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, saß ich eine weitere Stunde auf meinem Bett und drohte, niemals wieder aufzustehen. Erst, als ich mir lange genug sagte, dass jemand auf mich wartet, stand ich auf und fuhr los.
Die Verabredung, die folgte, war schön. Überraschend war das jedoch nicht. Ich wusste bereits zuvor, dass sie mir gut tun würde. Auch, als ich noch auf dem Rand meines Bettes saß und verzweifelt darüber nachdachte, warum ich nicht endlich aus der Tür ging.
Als ich danach mit dem Auto nach Hause fuhr und einen Parkplatz fand, wiederholte sich das Spiel. Insgesamt saß ich knapp 2,5 Stunden in meinem Auto und beobachtete regungslos die Menschen, den Verkehr und die untergehende Sonne. Erst, als ich zur Toilette musste, stieg ich langsam aus und stapfte nach oben in meine Wohnung.

Außenwirkung – ein halboffener Umgang

Wo warst du gestern?“, fragte man mich am nächsten Tag. Und obwohl ich einen offenen Umgang mit meiner Erkrankung pflege, habe ich diese Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortet. Nicht, weil ich mich dafür schämte, sondern weil ich keine Energie hatte, etwas zu erklären, das mir doch selbst so fremd erschien.
Zudem ist es so, dass ich mir die Depression nicht ins Gesicht tätowiert habe. Damit meine ich: Ich laufe nicht (mehr) durch die Gegend und lebe meine inneren Gefühle jederzeit sichtbar aus. Die letzten Jahre habe ich gelernt, mein Innenleben in den meisten Situationen auch innen zu lassen. Nicht, um zu verdrängen, sondern einfach, weil es mir mit dem privateren Umgang (außerhalb des Internets zumindest) besser geht. Und auch, weil dieser den Menschen in meiner Umgebung leichter fällt. Früher konnte ich das nicht: Ich weinte viel und stieß andere Menschen fern, weil ich sie, so weiß ich heute, natürlich auch mit der Situation überforderte. Das passierte nicht absichtlich, doch so weitergehen konnte es auch nicht. Deshalb war es harte Arbeit und dauerte sehr lange, bis ich zumindest nach außen hin stabiler wirkte.

Das sieht man dir gar nicht an“, ist eine Reaktion, die ich seitdem öfter zu hören bekam, wenn ich doch mal über Schwierigkeiten und Probleme erzählte. Das ist okay. Ich finde es gut, dass ich einen Weg gefunden habe, einen Alltag zu führen, der einen Fokus auf meine Person zulässt, ohne dass dieser ständig durch meine Erkrankung definiert ist oder überdeckt wird. Allerdings muss ich bei einem halboffenen Umgang eben auch damit rechnen, öfter mit Unverständnis konfrontiert zu werden. Denn manche Informationen lassen sich für Bekannte auch schlechter vereinbaren mit der Person, die ich nach außen trage.
Das hat viel mit den Erwartungen und Vorstellungen von Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten zu tun, die viele von depressiven Menschen haben. Die persönliche Wahrheit scheint sehr streng an das geknüpft zu sein, was man sieht. Sei es ein Blut- oder Röntgenbild, eine Träne oder ein Gesichtsausdruck. Das ist „menschlich“, auch wenn ich das Wort nicht mag. Deshalb ist es eben auch so schwierig, Aufklärung hinsichtlich psychischer und in gewisser Weise unsichtbarer Erkrankungen wirksam zu betreiben. Aber das ist ein Fass, das ich bereits in anderen Beiträgen aufmachte.

Ich glaube, dass psychische Erkrankungen niemals an den Punkt gelangen, an dem sie wie ein gebrochenes Bein behandelt werden. Einfach, weil Gefühle so individuell sind und sie sich manchmal außerhalb des Logikbereichs austoben. Deshalb habe ich mir abgewöhnt, immerzu Verständnis zu erwarten für eben solche Situationen, die jener ähneln, die ich hier beschrieben habe. Nur auf Akzeptanz – auf die verzichte ich nicht.

Und die Moral von der Geschicht‘: Mir fällt kein guter Reim ein...