Mittwoch, 4. August 2021

Angststörung - Das tägliche Leben mit der Angst

Ich lebe zusammen mit meinen Katzen, Schnotti und Glimmer, in einer kleinen Wohnung in Bremen. Man könnte auch sagen, dass wir in einer Krankenwohnung leben. Bei uns ist wahrscheinlich alles vertreten, jedes Körperteil hat seinen großen Auftritt: Wir haben Kopf, Nerven, Nase, Hals, Schulter, Herz, Lunge, Magen-Darm, Rücken, Haut und Knöchel. Schnottis Stoffwechsel ist der einzige, der funktioniert – dafür schwächelt sie beim Immunsystem. Manches kommt doppelt vor, so wie Magen-Darm zum Beispiel. Kopf haben aber irgendwie alle.

Potentielle Besucher kann ich bereits vorab beruhigen: Nichts von alledem ist ansteckend. Und wenn doch, dann wissen wir bisher selbst nichts davon. Untereinander hingegen spiegeln wir uns gegenseitig: Wenn Glimmer Probleme mit dem Darm hat, dann wird mir auch gleich ganz übel. Wenn Schnottis Nase verstopft ist und sie „Ich bin dein Vater“-mäßig durch die Gegend läuft, dann greife ich automatisch zu meinem Nasenspray. Wenn Glimmer nicht frisst, dann frisst Schnotti zumindest weniger und wenn Schnotti ihre fünf Minuten hat, dann... na ja, dann hat sie halt ihre fünf Minuten.

Während ich über unseren Krankenstand in vielen Situationen durchaus witzeln kann, dann gibt es auch die anderen Momente. Solche, in denen ich vor lauter Panik keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. In denen ich schreien und mich zitternd in der dunkelsten Ecke verkriechen möchte, bis der Schrecken wieder vorüber ist. Denn ich habe Angst. Jeden Tag, mal mehr und mal weniger, habe ich Angst.


Die Generalisierte Angststörung – das tägliche Leben mit der Angst


Jeder Mensch hat manchmal Angst. Angst vor der anstehenden Prüfung, Angst vor einem Tier, Angst vor einer unbekannten Situation. Sie setzt uns in Alarmbereitschaft, um eventuell schnell reagieren zu können. Und sie schützt uns vor gefährlichen Situationen, lässt uns vorsichtig sein und abwägen. Angst zu haben ist uns also weder fremd noch ist sie per se ungesund. Erst, wenn sich eine Angststörung entwickelt, beginnt sie zu einem Problem zu werden, welches das tägliche Leben massiv beeinflussen kann.

Die tägliche Angst, die ich habe, liegt einer sogenannten Generalisierten Angststörung (GAS) zugrunde. Bei der Generalisierten Angststörung leiden Betroffene unter unterschiedlichen, teils diffusen Ängsten und Befürchtungen. Häufig beziehen sich die Ängste auf alltägliche Probleme und Ereignisse. Diese Sorgen sind dabei wesentlich stärker ausgeprägt und schwerer kontrollierbar als bei Menschen ohne Angststörung. Das kann folglich zu enormen Alltagsbeeinträchtigungen führen und sich stark auf die Lebensqualität auswirken. Insbesondere, wenn sich zu dieser Angst eine Depression gesellt, können Betroffene leicht das Gefühl bekommen, das Leben sei nicht mehr lebenswert.

Um an seiner Angststörung arbeiten zu können, wäre es grundsätzlich schon mal nicht verkehrt, diese auch als solche zu erkennen. Klingt einfach, doch ich wurde über die Jahre eines Besseren belehrt: Eine ganze Zeit lang habe ich meine Ängste, zumindest in dieser meinen Alltag beeinflussenden Intensität, überhaupt nicht bemerkt. Erst, als ich letztes Jahr meine Ausbildung beendete und infolge dessen Unterstützung vom ambulanten psychiatrischen Pflegedienst bekam, fragte mich mein Bezugspfleger als er mich besser kennengelernt hatte: „Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass die meisten unserer Themen im Grunde um Angst und Besorgtheit handeln?“ Nein, war mir so deutlich nicht aufgefallen.

Danach haben wir rekapituliert. Es war und ist wirklich erstaunlich, wie viele belastete Themen mit Angst zu tun hatten, ohne dass ich selbst so bewusst dahintergekommen bin. Lange schon rede ich über dieses zuschnürende Gefühl beim Atmen, welches ich oft den ganzen Tag wahrnehme dass Angst auch damit zu tun hat, ist nur im Nachhinein offensichtlich. Seitdem ich aber der Einnahme eines Medikaments zugestimmt habe, das gut gegen Ängste hilft, halten sich diese glücklicherweise etwas mehr im Zaum.


Symptome von Angst psychische und körperliche Beschwerden


Inzwischen ist mir in den allermeisten akuten Situationen durchaus bewusst, wenn die Angst ein natürliches Maß übersteigt, aber ich kann sie nicht kontrollieren. Oft ist schon der Beginn des Tages gezeichnet von einer hohen Anspannung und Besorgtheit. Ich spüre bereits beim Aufwachen ein Druck- und Engegefühl, bin unruhig und getrieben. Je nachdem, wie gut ich geschlafen habe und wie der Tag weiter verläuft, entwickelt sich auch das Niveau meiner Angst. Manchmal, wenn ich in den Tag starte, dann habe ich das Gefühl, es brodelt etwas im Hintergrund, was jederzeit hochkochen kann. Wenn dann der kleinste Reiz hinzukommt, etwas Stressiges passiert oder mir einfach nur ein Löffel aus der Hand fällt, dann äußert sich meine Angst häufig explosiv. Ein Pool an negativen Gefühlen läuft abrupt über und überschwemmt mich. Da tobt etwas in mir, worüber mir die Kontrolle entgleitet.

Häufig gehen mit den Ängsten auch körperliche Symptome einher, wie z.B. Herzrasen, Muskelverspannungen, Magen-Darm-Probleme, Nervosität, Brustenge, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Neben den psychischen Belastungen durch die Ängste können auch die körperlichen Beschwerden enorm auf den Alltag der Betroffenen Einfluss nehmen.

 
Häufiges Thema für Betroffene: Trennungs- und Verlustangst


Das Problem, mit zwei sehr kranken Tieren zusammen zu wohnen, ist mit zwei sehr kranken Tieren zusammen zu wohnen und zudem ein großes und alltägliches Problem mit Verlustangst zu haben. Als meine Katzen gegen Ende des letzten Jahres gleichzeitig sehr krank wurden, schoss meine Angst also, wie man sich sicher vorstellen kann, förmlich durch die Decke. Seitdem mache ich mir noch mehr Sorgen darüber, wie eine Zukunft aussähe, wenn meine Tiere nicht bei mir wären. Diese Gedanken begleiten mich jeden Tag und flammen in kleinsten Alltagssituationen neu auf.

Die Angst davor, dass jemandem etwas passiert, der einem am Herzen liegt, ist ein häufiges Thema von Betroffenen bei der Generalisierten Angststörung. Man sieht daran zudem: Die Ängste sind nicht immer diffus. Sie können ebenso ganz präzise sein, wie zum Beispiel die Angst vor Verlusten. Das kann viel umfassen, sei es die Angst vor dem Tod eines geliebten Menschen oder Tieres, oder der Verlust von Beziehungen bzw. emotionalen Verbindungen, der Verlust von Sicherheit, von Gewohntem, von Erinnerungen. Die Erkrankungen meiner Katzen sind dabei ganz besonders schwer für mich, weil mir so viel an ihnen liegt. Und das wiederum sorgt dafür, dass mein System überschießend reagiert.  

Dabei hilft es mir nicht, wenn man mir sagt, dass das Leben halt endlich und es der Lauf der Dinge ist, dass Lebewesen manchmal eben auch vor einem gehen. Das weiß ich und habe ich auch in der akuten Situation nicht vergessen – doch das lindert meine Angst nicht. Was mir hingegen hilft: Ein möglichst ruhiger Blick auf die Situation, um die Angst zu lindern, ohne sie dabei zu relativieren. Mich auch mal abzulenken, aber nicht vor der Angst wegzulaufen. Mich weiterhin mit der Situation zu konfrontieren, um mit der Zeit einen erträglicheren Umgang mit ihr zu finden.


Die Schwierigkeiten für Angehörige von Betroffenen


Für Angehörige von Betroffenen ist die Situation oftmals schwer nachzuvollziehen, denn die Ängste sind häufig solche, die ihnen erst einmal nicht unbekannt sind. Ähnlich wie bei der Depression, bei der ebenso das häufige Symptom „Traurigkeit“ von jedem Menschen grundsätzlich schon erlebt wurde, gibt diese vermeintliche Gemeinsamkeit Anlass dazu, die eigene Situation mit der eines anderen zu vergleichen. So entstehen Sätze wie „Ich bin auch oft traurig und stell' mich trotzdem nicht so an“ oder eben „Ich hatte davor auch schon Angst und habe sie überwunden.“ Zwar ist mir selbst so ein Satz noch nie begegnet, dennoch möchte ich hiermit eine Lanze brechen für diejenigen, die eine Angststörung haben und sich von ihrem Umfeld nicht verstanden fühlen.

Probleme, die mit der Psyche eines Menschen zu tun haben, sind nicht immer erklärbar oder logisch nachvollziehbar. Das macht es auch für Angehörige schwer, einen Weg zu finden, mit den Betroffenen umzugehen. In der Fachliteratur liest man immer wieder: Es hilft wenig bis gar nicht, die Angst in unmittelbaren Situationen zu relativieren oder zu schmälern, im Sinne von: „So schlimm ist die Lage doch gar nicht.“ Als wohltuend empfinde ich z.B. die behutsame Begleitung, ein gemeinsamer Blick auf die Gegebenheiten, ein Überlegen und Durchdenken der Situation und die Suche nach Lösungen, um diese angenehmer zu machen und die akute Angst zu lindern. Als nicht hilfreich wird von Betroffenen oft der Versuch der Beruhigung beschrieben, weil dieser auch häufig mit der Verharmlosung oder Relativierung der Angst einhergeht. Es hilft hierbei sich zu verdeutlichen, dass der Betroffene die Situation anders wahrnimmt, als man selbst. Die Angst ist für ihn sehr real, auch wenn sie überschießend ist.

Für das Wohlbefinden Angehöriger ist es jedoch wichtig, sich selbst und seine Aktivitäten dabei nicht zu sehr einzuschränken. Der Alltag Angehöriger wird manchmal durch die Ängste der Betroffenen sehr beeinflusst, weshalb sie immer auch gut auf ihre eigenen Bedürfnisse achten sollten.


Was kann helfen?


Hilfreich bei übersteigerten Ängsten kann sein:
  • psychotherapeutische Maßnahmen: Als erste Wahl wird häufig die kognitive Verhaltenstherapie genannt

  • Medikamente: Medikamentöse Therapie kann helfen – ich z.B. habe positive Erfahrungen damit gemacht

  • Entspannungsverfahren: Zum Beispiel progressive Muskelrelaxation (PMR), autogenes Training, Meditation, etc.

  • Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen Betroffenen zeigt, dass man nicht allein mit der Situation ist

  • Ein positives Umfeld: Angehörige und Freunde können gerade bei alltäglichen Ängsten eine Stütze sein

Vielen fällt es leider schwer, mit ihrer Angsterkrankung offen umzugehen. Dabei ist genau das der Schlüssel, um auf lange Sicht Hilfe zu bekommen und um wieder ein freieres Leben führen zu können. 

Ich ermutige jeden dazu, diesen Schritt zu gehen, anstatt still unter seinen Ängsten zu leiden.

Samstag, 6. März 2021

Yin und Yang – Zwischen Liebe und Schmerz

Liebe kann so schön sein. Sie hüllt dich in Geborgenheit, flutet dich mit Wärme und wiegt dich in Leichtigkeit. Und dann kann Liebe dafür sorgen, dass du den größten Schmerz deines Lebens fühlst. Dass du nicht mehr weißt wohin mit deiner verdammten Angst und deiner ewigen Sorge. Manchmal wünschte ich, ich könnte einfach aufhören zu lieben und im selben Augenblick liebe ich wieder so sehr, dass es wehtut. Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos, doch wenn man liebt, dann bekommt man den Schmerz oftmals gratis dazu. 
 
 Weniger lieben, um freier zu leben? 
 
Wir haben März 2021, die Corona-Pandemie ist noch immer hoch im Kurs und ich mache mir ernsthafte Sorgen um meinen Geisteszustand. Krank vor Sorge zu sein – das ist kein lapidares Sprichwort, sondern die perfekte Beschreibung meiner täglichen Realität. Schnotti und Glimmer, meine 8-jährigen Katzen, sind ziemlich gleichzeitig ziemlich krank geworden. Ich wache mittlerweile in Sorge auf und schlafe in Sorge wieder ein. Dazwischen sorge ich mich. Wir fahren Karussell im Land der schlechten Nachrichten und hangeln uns an Bindfäden über Straßen aus Glassplittern. Die Pechsträhne ist so lang wie das Negativ meiner Geduld und ich beginne langsam aber sicher, an dieser ganzen Situation vollends zu verzweifeln. Doch gibt es einen Ausweg? Kann man versuchen, weniger zu lieben, um freier zu leben? 
 
Manchmal fühle ich mich, als sei ich gefangen in meinen Gedankenschleifen, eingesperrt in meinem eigenen, ganz persönlichen Kerker mit Gitterstäben aus Angst und Panik. Um mich herum der zermürbende Konjunktiv: „Was wäre, wenn…?“ Was wäre, wenn jemandem etwas passiert, den ich so gern habe? Wie ginge es dann weiter? Wie groß kann Schmerz werden? Fragen, auf die es keine Antwort gibt – und die doch immer und immer wieder vor meinem inneren Auge tanzen. Die Gedanken tricksen mich aus und wirbeln mich umher, die Gefühle danach überschwemmen mich. Seiner eigenen Angst offensichtlich so ausgeliefert zu sein – das fühlt sich überhaupt nicht gut an. 
 
Das Yin und Yang aus Liebe und Schmerz 
 
Schnotti und Glimmer sind vieles in meinem Leben. Sie sind meine Mitbewohner, meine Katzen, meine Kinder, mein Anker, meine Ruhe, meine Ungeduld, meine Geduld, meine Verantwortung. Ihr Schnurren ist heilsam, ihr Maunzen nervig und ihre Persönlichkeiten ein Lichtblick der Heiterkeit. Wenn ich schon nicht für mich selbst aus dem Bett steige, dann zuverlässig und immerzu für sie. Und ja: Sie sind Tiere, können nicht sprechen und ihre Denkfähigkeit besitzt deutliche Grenzen – und dennoch habe ich selten so sehr geliebt. 
 
Liebe und Schmerz sind wie Yin und Yang – das eine gehört untrennbar zum anderen. Ein Drahtseilakt, den ich wohl noch üben muss, wenn der Schmerz ständig Überhand nimmt. Natürlich macht es Angst, wenn etwas oder jemand, den man so gern hat, sehr krank ist. Das ist völlig normal. Doch wenn diese Angst zum ständigen Begleiter wird, der einen abhält von alltäglichen Dingen des Lebens, dann stellt sich die Frage, ob diesem Zustand der Dauerbelastung ein tieferes Problem zugrunde liegt.
 
Muss Liebe Grenzen haben? 
 
Am Anfang dachte ich, dass Liebe Grenzen haben muss. Dass man zu sehr lieben kann. Doch das stimmt nicht: Ich glaube, dass dieser Gedanke zwei gegensätzliche Themen vermischt – nämlich zu lieben und nicht zu lieben. Denn was bedeutet es, etwas oder jemanden so sehr zu lieben, dass einen der Gedanke an den Verlust völlig handlungsunfähig und gefangen zurücklässt? Ich denke nicht, dass man zu sehr lieben kann, sondern vielmehr zu wenig – denn ständige und schmerzhaft starke Verlustangst ist eng verknüpft mit dem fehlenden Selbstvertrauen und dem Mut und der Hoffnung, auch mit dem Verlust irgendwann wieder in der Lage zu sein, ein "schönes" Leben zu führen. Vielleicht sollten wir, wenn die Verlustangst uns krank macht, uns also nicht fragen, ob wir zu viel empfinden, sondern ob wir zu wenig empfinden für uns selbst und unser Leben. Wovon wir unsere Existenz abhängig machen. Selbst der Sinn seines Lebens zu sein ist genauso kitschig wie wichtig, um mit schweren Situationen wie (drohenden) Verlusten irgendwie zurechtzukommen. 
 
Das bedeutet nicht, dass Verlustangst keine Daseinsberechtigung hat. Im Gegenteil: Verlustangst ist eine wunderschöne Offenbarung. Sie entspringt etwas sehr Positiven und wächst mit dem Dünger aus guten Gefühlen. Wer Verlustangst hat, der hat zuvor etwas sehr Schönes erlebt. Sie ist das normalste der Welt, wenn man in der Lage ist, zu lieben. Doch sie kann auch Überhand nehmen. Und wenn das den Alltag langfristig negativ beeinflusst, dann schadet es nicht, genauer hinzuschauen und herauszufinden, warum das so ist. 
 
Ein langer Weg 
 
Noch bin ich Getriebene meiner Gefühle und überforderter Zuschauer meiner Gedankenschleifen. Die Kontrolle, zumindest bis zu einem bestimmten Punkt, wiederzuerlangen, bedeutet ein Prozess, der kleinschrittig ist. Wenn das per Fingerschnipp und gutem Willen möglich wäre, dann hätten sich bereits viele Probleme sehr schnell erledigt. Wie so oft beginnt auch dieser Weg mit dem Bewusstsein dessen, was ist. Und dann: Eigene Ressourcen aufbauen, Selbstbewusstsein stärken und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Weiter lieben mit der Angst. Lieben. 
 
 
Kurzer Kommentar in eigener Sache: Liebe führt zu Schmerz führt zu Liebe – wir (Katzen + ich) haben in den letzten Wochen ganz viel Hilfe und Unterstützung bekommen, die uns wirklich sprachlos macht. Auf diesem Wege möchten wir uns bei all den lieben Menschen, die uns geholfen haben, ganz herzlich und mit ganz viel Liebe ;-) bedanken!  

Dienstag, 5. Mai 2020

Hass' dich glücklich - Die Boshaftigkeit in der Krise

Als ich eines Montags nach Hause fuhr und in einer Nebenstraße parkte, hatte ich Ausblick auf das nahegelegene Eiscafé meiner Wohnung. „Außer-Haus-Verkauf“, stand auf einem großen Plakat vor dem Eingang. Und ein Hinweis, sich an den Abstand zu halten – mindestens 1,5 Meter. Ich blieb an diesem frühen Abend noch eine halbe Stunde im Auto sitzen, um zu beobachten, wie die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen und ausnahmslos jeder die Abstandsregel einhält. Ein Solidaritätsmoment, ein Gefühl der Gemeinschaft. Ich wollte nicht aussteigen, um mir die Wärme zu bewahren und sie festzuhalten.
 


Von der Corona- zur Hass-Pandemie

Inzwischen bin ich seit nun mehr drei Wochen aus dem Auto gestiegen. Ich erinnere mich gerne an den Moment zurück, doch das Gefühl ist längst verpufft. An dessen Stelle trat Hass und Verbitterung – das sind nicht meine Gefühle, doch sie haben sich wie eine Zecke an mir verbissen. Mir fällt es schwer, mich von fremder Aura abzugrenzen und meine Gefühle nicht dem Außen anzupassen. Mittlerweile bin ich zumindest wütend. Und enttäuscht.

Die Corona-Pandemie sorgt seit Monaten für eine Ausnahmesituation, die beinahe die ganze Welt betrifft. Vor einigen Wochen las ich, dass Krisen dieses Ausmaßes das Beste im Menschen hervorrufen und nickte zustimmend, als ich Situationen wie jene vor dem Eiscafé beobachtete. Nicken scheine ich heute nur noch, wenn ich meinen Kopf wiederholt gegen die Wand schlage. Denn in Folge der Isolation verbrachte ich viel Zeit in sozialen Netzwerken. Zu viel Zeit. Keine Minute hat sich gelohnt und keine Sekunde davon tat mir gut.

Es geht mir bei diesem Statement nicht um den Wunsch nach Harmonie. Es geht mir nicht um den Wunsch nach Kritiklosigkeit oder emotionslose Debatten. Im Gegenteil: Die Situation und die Vorgehensweise in dieser Krise müssen diskutiert werden. Denn auch das ist Demokratie: Uneinigkeit, Fehler, Diskurse. Doch es gibt Unterschiede zwischen Kritik und Hass. Zwischen Anzweifeln und Verachten, zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung. Ich habe das Gefühl, dass wir nicht nur eine Corona-, sondern inzwischen auch eine Hass-Pandemie erreicht haben.

Die Hass-Blase in der digitalen Kommunikation

Worum es überhaupt geht? Es geht darum, dass Menschen Morddrohungen bekommen und beschimpft werden. Es geht um diesen unerträglichen Überbietungswettbewerb, bei dem "recht haben" mit "besser sein" gleichgesetzt wird. Es geht um Herablassung und das Außerachtlassen der Tatsache, dass der Mensch nie frei von Fehlern sein wird. Es geht um das stupide Einschlagen auf Personen und Meinungen und es geht um die fehlende Nachsicht mit Menschen, die bei aller Mühe nicht das schaffen können, was doch ein Großteil von ihnen erwartet: Die absolute Richtigkeit ihres Handelns für jeden. Und es geht um den Trugschluss, sich glücklich hassen zu können.

Wahrscheinlich sollten mich diese verbalen Abgründe gar nicht so sehr überraschen. Doch die Radikalisierung vieler Kommentare hat aus meiner Sicht eine neue Dimension erreicht, die mich erschreckt. Denn Hass zerstört Leben. Das kann ich so sagen, denn ich habe lange Zeit meinen Hass gegen mich selbst gerichtet und rebelliere ab und an noch immer gegen mich. Ich bekam meine eigenen Morddrohungen, was schon schlimm genug war. Bekäme ich solche von anderen Menschen, so würde ich mit ziemlicher Sicherheit daran zerbrechen. Das dies nun einige Menschen in der heutigen Zeit wirklich durchleben müssen, ist unmenschlich und zutiefst beschämend. Ganz egal, welche Meinung sie haben und ob man mit dieser übereinstimmt oder nicht.

Der abwärtsgerichtete soziale Vergleich – Abwertung zur Aufwertung

Hass ist sicherlich das schädlichste Gefühl, dass der Mensch haben kann. Denn er besitzt, meiner Ansicht nach, den geringsten Nutzen: Trauer ist wichtig, um einen Verlust zu verarbeiten. Wut kann uns antreiben, uns in die Aktivität führen. Hass hingegen täuscht etwas vor, das oftmals nicht präsent ist, nämlich Dominanz, Selbstbewusstsein und emotionaler Stärke. Er dient als Kompensation einer innerlichen Lücke und macht den Anschein, als könne man durch vermeintliche Erhabenheit etwas wiedererlangen, dessen Fehlen großen Schmerz verursacht. Fühlen wir uns besser, wenn wir etwas oder jemanden hassen können? Steigern wir durch unseren Hass unser Selbstwertgefühl? Ich kenne zumindest niemanden, dem sein Hass zu Glück und Zufriedenheit verholfen hat.

Vor einiger Zeit habe ich mal vom abwärtsgerichteten sozialen Vergleich gelesen. Diese Theorie besagt, dass es belohnend wirkt, herabzublicken. Genau das machen wir, wenn wir hassen: Wir stellen uns auf eine andere Stufe, blicken hinab. Allein dadurch, dass wir jemanden nicht mögen, funktioniert unsere Wertung hierarchisch und unser Belohnungssystem schlägt aus – zumindest für einen kurzen Moment. Würden wir nun auf Augenhöhe argumentieren und einen respektvollen Umgang an den Tag bringen, so klappt das mit dem Herabblicken nicht mehr so gut und die Belohnung bleibt aus.

Das bedeutet nicht, dass Hass kein „normales“ Gefühl ist. Im Gegenteil: Jeder kennt es. Doch soziale Netzwerke sind Plattformen, auf denen viel Raum ist für Anstands- und Empathielosigkeit. Das digitale Miteinander scheint überwiegend toxisch, obwohl man sich nicht darüber hinweg täuschen darf, dass auch konstruktive Kritik und der höfliche Umgangston seinen Platz finden. Ich hoffe sehr, dass diese geballte Vergiftung in den Kommentaren einen falschen Eindruck erweckt über die Wirklichkeit und dass diese überzogene Hasskultur nur einer kleinen Minderheit zugehörig ist, die in der Anonymität des Internets Menschen diffamiert, beleidigt und herabwürdigt. Denn mittlerweile finde ich dieses zu beobachtende Gegeneinander sehr belastend – insbesondere dann, wenn man dazu neigt, die äußere Atmosphäre auf die eigene Gefühlswelt zu übertragen.

Ein Zitat von Søren Aabye Kierkegaard bringt mich immer wieder zum Nachdenken:

Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.“

Es scheint, als sei damit in erster Linie die Liebe für sich selbst gemeint...

Donnerstag, 30. April 2020

Die Nacht des Grauens - Zwei Katzen, kein Schlaf

Ich bekam in der Vergangenheit schon mehrmals die Frage, wann es denn wieder „Katzen-Content“ gäbe. Lange Zeit ist nichts passiert, was sich zum Verschreibseln anbot. Das hat sich geändert – zu meinen Ungunsten…

Zur Vorgeschichte:

Ich habe zwei Katzen: Schnotti (chronischer Schnupfen) und Glimmer (Herzfehler). Letzten Montag lag ich gemütlich in meinem Bett und schaute Fernsehen, als Glimmer plötzlich alarmierende Geräusche von sich gab. Es klang, als würde sie zugleich husten und würgen müssen. Ich lief hin und sah, dass irgendetwas nicht stimmte. Also nahm ich sie zu mir ins Bett und streichelte sie, bis es langsam besser wurde. Diese Geräusche machten mir Angst, weil Glimmer herzkrank ist und Husten ein Zeichen dafür sein könnte, dass sich ihre Herzleistung verschlechtert hat. Um die Dramatik vorab aus der Geschichte zu nehmen: Ihr geht es gut. Ich habe sie ein paar Tage lang beobachtet und die Beschwerden kamen kein zweites Mal vor. Höchstwahrscheinlich hatte sie sich einfach nur verschluckt.

Dank meines liebenden, sich aufopfernden, tief mitfühlenden und jedes Leid der anderen als sein eigenes annehmenden Mutterherzens entschied ich mich natürlich und sicherheitshalber dazu, die Katzen ausnahmsweise bei mir schlafen zu lassen. Normalerweise dürfen sie den ganzen Tag in mein Schlafzimmer – nur nicht nachts! Das hat triftige Gründe, die mir auch in dieser Nacht nicht hätten deutlicher vor Augen geführt werden können...

Die besagte Nacht des Grauens - Eine Dokumentation

00:30 Uhr:
Ich bin bereit: Die Zähne sind angezogen, die Schlafsachen geputzt und ich bin müde. Glimmer ist seit ihrem Husten- und Würgeanfall unauffällig. Wie jeden Abend gebe ich ihr also ihre Herzmedikamente und schlürfe Richtung Bett. Die Katzen glotzen blöd, als ich die Tür hinter mir offen lasse. Ich glotze zurück, rolle mich Mumien-artig in die Decke, drehe mich auf die richtige Seite und mache das Licht aus.

00:31 Uhr:
Der Nachteil an Laminat- anstatt Teppichboden ist, dass er sehr geräuschempfindlich ist. Der Nachteil an Krallen ist, dass sie Geräusche verursachen, wenn sie über den Laminatboden tapsen. Die Katzen wuseln durchs Zimmer. Ich frage mich, wie groß der Raum ist, um in ihm so viele Schritte machen zu können. Außerdem überlege ich, was es denn nach acht Jahren im selben Haushalt noch zu erkunden gibt, weshalb man seine Pfotenabdrücke in scheinbar jede Ecke patschen muss. Inzwischen, so fällt mir auf, erkenne ich die jeweilige Katze sogar am Gang – was bei gerade einmal zwei Tieren wohl nicht ganz so spektakulär ist, wie es klingt.

00:40 Uhr:
Es raschelt. Und zwar raschelt es so, dass ich das Gefühl bekomme, es sei nicht gut, dass es raschelt. Nachdem ich fest entschlossen war, jedes weitere Geräusch zu ignorieren, bin ich mir nun absolut sicher, dass es nicht rascheln sollte. Also mache ich das Licht meines Nachttischlämpchens an und entdecke neben mir Glimmers Hintern, der aus dem Spalt zwischen Bett und Wand emporragt und im Begriff ist, in jenem vollends zu verschwinden. Ich stehe auf, rücke das Bett vor und hole die Katze aus der Verschluckungsfalle. Danach entdecke ich die leere Klebebandrolle, die mir beim Geschenke einpacken in die Lücke gefallen ist (als ich in einer depressiven Phase alles vom Bett aus gemacht habe) und nach der Glimmer nun scheinbar heldenhaft gefischt hat. Nachdem ich sie fragte, ob sie vergessen hat, warum sie beide heute bei mir schlafen dürfen, legt sie sich ans Fußende und lässt demonstrativ die Augen zufallen.

00:50 Uhr:
Schnotti hat sich auf meine Füße gestürzt. Sie mag es, Dinge zu jagen, die sich unter der Decke bewegen. Es war eine blöde Idee, dass ich hieraus mal ein Spiel gemacht habe und sie nun immer nach Füßen Ausschau hält, sobald sie aufs Bett springt. Ich bin wach.

00:55 Uhr:
Schnotti hat ihre Spielzeugmaus mit Glöckchen geholt und spielt Fangen, während ich mich frage, ob man für zwei chronisch kranke Katzen noch Geld verlangen könnte. Ich ahne allerdings, dass ich noch draufzahlen müsste und verwerfe den Gedanken wieder.

01:10 Uhr:
Ich höre Atem. Ich höre den Atem lauter. Ich spüre Atem. Mein Gesicht wird angeatmet und es kommen diese typischen Katzen-Tauben-Geräusche, die sich nicht anders beschreiben lassen, weil es irgendeine eigenartige Mischung aus Miauen und Taubengurren ist. Sie sind ein eindeutiges Zeichen für den Unterkuschelungsstatus dieser Katze. Kurz darauf steckt Schnotti ihr Gesicht in mein Gesicht und reibt sich. „Köpfeln“, heißt es auch. Ist ja wirklich ganz süß, wenn Katzen damit ihre Zuneigung zum Ausdruck bringen wollen, aber doch bitte nicht mitten in der Nacht.

01:25 Uhr:
Nachdem sich Schnotti millionenfach um die eigene Achse gedreht hat, um die richtige Liegeposition zu finden, muss ich sie nun dauerkraulen, damit sie nicht wieder mit dieser nervigen Kopfreiberei anfängt. Ich kann nicht schlafen, wenn ich streicheln muss.

01:50 Uhr:
Die Katze musste niesen. Ich habe mich zu Tode erschrocken und Glimmer hat sich zu Tode erschrocken, weil ich mich zu Tode erschrocken habe. Schnotti ist aufgesprungen, weil es sich im Liegen nicht gut niesen lässt. Ich muss aufstehen, um mich zu waschen und stelle danach fest, dass ich nun wirklich richtig wach bin.

01:53 Uhr:
Zwar spricht das Folgende nicht für die Intelligenz dieser Katze, doch ich kann an dieser Stelle einfach nicht unerwähnt lassen, dass ihr etwas sehr, sehr Dummes passiert ist: Nach ihrer Niesattacke musste Schnotti sich ausgiebig putzen. Als sie mit ihrer Pfote den Schwanz festhalten wollte, um sich auch dort zu säubern, ist sie mit der Kralle ihrer Vorderpfote in ihrer Haut hängengeblieben. Sie war mit ihrem Schwanz im wahrsten Sinne des Wortes fest verbunden. Nachdem ich der panischen Katze vorsichtig die Kralle aus der Haut gezogen hatte, bekam ich minutenlang immer wiederkehrende, schwere Lachkrämpfe (ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke).

02:45 Uhr:
Während ich noch eine Serienfolge bei Netflix geschaut habe, sind beide Katzen zur Ruhe gekommen und liegen schlafend in meinem Bett. Ich starte den nächsten Versuch.

03:15 Uhr:
Schnotti hat Glimmer auf den Kopf gehauen. Dieses Szenario habe ich im Dunkeln zwar nicht sehen können, doch erkenne ich es inzwischen allein am Geräusch, da es immer gleich abläuft: Glimmer berührt Schnotti versehentlich, Schnotti springt auf und haut Glimmer mit der Pfote auf den Kopf. Für eine kurze Zeit fuchteln beide mit den Vorderpfoten. Danach beginnt Schnotti zu starren, ähnlich wie in diesem Bild...


...und Glimmer glotzt verstrahlt durch die Gegend, um zu schlichten. In der Regel springt Schnotti im Anschluss vom Bett und sucht sich Dummheiten, die sie anstellen könnte. Oder beide beginnen, Fangen zu spielen. Schnotti hat sich für die Klimper-Maus entschieden.

03:40 Uhr:
Wiederholung des Szenarios von 01:25 Uhr.

04:20 Uhr:
Es geschehen noch Wunder. Ich konnte mich auf die andere Seite drehen, ohne dass Katze Nummer 1 empört aufsprang, und Katze Nummer 2 schläft am Fußende. Mir bleiben ungefähr 20 cm der Matratzenbreite, um nicht aus dem Bett zu fallen.

04:25 Uhr:
Ich bin aus dem Bett gefallen.

04:35 Uhr:
Genervt überlege ich, ob ich nicht einfach wach bleiben sollte. Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, die bereits seit Stunden unauffällige Glimmer aus meiner Beobachtung zu nehmen und Schnotti treibt mich in den Wahnsinn, wenn ich nur vorsichtig ans Schlafen denke.

04:45 Uhr:
Nach reiflicher Überlegung habe ich ein Machtwort gesprochen und sämtliche Spielzeuge für Katzenkinder unzugänglich gemacht. Danach habe ich Schnotti in den Schlaf gestreichelt und mir zuvor ausreichend Platz im Bett gesichert. Glimmer hat sich auf den Sessel im Erker gelegt und schläft. Ich muss auch schlafen, bevor es hell wird.

05:00 Uhr:
Ich habe versehentlich meinen Fuß bewegt…

Mittwoch, 18. März 2020

Coronavirus: Auswirkungen auf die mentale Gesundheit

Die momentane Krise hinsichtlich des Coronavirus, das zurzeit in aller Munde ist, verursacht viele berufliche und private Krisen. Einige fürchten um ihre Existenz, andere sind aufgrund von viel Arbeit völlig überlastet. Nun stehen wir möglicherweise kurz vor einer Ausgangssperre, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Neben den vielen individuellen Schicksalen, die die aktuelle Situation mit sich bringt, wäre eine solche Ausgangssperre auch ein großes Problem für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch hierüber muss gesprochen werden.


Eine Ausbreitung von Covid-19 muss verlangsamt werden

Täglich verfolge ich inzwischen die Informationen, die das Robert Koch-Institut kommuniziert und noch öfter ärgere ich mich, wenn ich die vielen Kommentare in den sozialen Netzwerken verfolge. „Panikmache“, Schaut euch doch die Zahl der jährlichen Grippe-Toten an“, „Ich bin gesund, also schränke ich mich auch nicht ein“, liest man immer wieder. Ich möchte hierzu kein Fass aufmachen, nur eines loswerden: In erster Linie geht es nicht darum, das Virus aufzuhalten, sondern die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht so zusammenbricht, wie es in Italien der Fall ist. Die katastrophalen Folgen, die ein Scheitern dieses Vorhabens/dieser Verlangsamung mit sich bringt, können wir dort beobachten. Somit geht es nicht um den Einzelnen, sondern darum, die Risikopatienten zu schützen, dessen Versorgung bei einer zu schnellen Ausbreitung unter Umständen nicht mehr gewährleistet werden kann.

Soziale Isolation und ihre mentalen Folgen

Durch die Klinikaufenthalte, die ich aufgrund von psychischen Erkrankungen hatte, lernte ich viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen. Häufige Symptome der mentalen Belastungen: Sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, Einigelung – aber auch Probleme mit dem Alleinsein. All diese Symptome könnten nun für viele Menschen, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben, hinsichtlich der Einschränkungen des öffentlichen Lebens und einer möglichen Ausgangssperre zum großen Problem werden.

Seit vergangenem Montag wurde auch der Unterricht im Rahmen meiner Ausbildung abgesagt. Wir haben, wie viele andere auch, nun zunächst bis nach den Osterferien frei. Das ist eine lange Zeit. In solchen Freizeiten habe ich ohnehin Schwierigkeiten, morgens aufzustehen, aktiv zu werden, in den Tag zu starten. Ein Problem, mit dem ich nicht alleine bin.
Zudem wohne ich nur mit meinen Katzen in einer Wohnung, weshalb ich mich zeitweise weder woanders einquartieren kann, noch habe ich Anreize von außen, morgens aus dem Quark zu kommen. Diese Anreize muss ich mir somit selber schaffen – das funktioniert auch hin und wieder, solange sich diese Freizeit nicht über einen langen Zeitraum erstreckt.

In Anbetracht eben dieser Symptome, die bei psychischen Erkrankungen häufig vorkommen können, lässt sich leicht vorstellen, dass eine soziale Isolation oder zumindest eine Einschränkung in dieser Richtung mehr als herausfordernd für Menschen ist, die mit solchen Schwierigkeiten bereits in ihrem normalen Alltag zu kämpfen haben.

Hilfestellungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Es ist nun besonders wichtig für Menschen, die hinsichtlich einer möglichen Ausgangssperre über ihre mentale Situation besorgt sind, sich vorzubereiten. Im Folgenden habe ich zehn Vorschläge gesammelt, um die Zeit zu Hause schneller verstreichen zu lassen:

1. Kontakthaltung über Technik: Wir haben das große Glück, dass uns die heutige Technik ermöglicht, auch von zu Hause aus Kontakt zu unseren Mitmenschen zu halten – und das nicht nur übers Telefon. Es ist wichtig, schon jetzt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, mit jedem z.B. auch Kontakt per Videotelefonie halten zu können.

2. Wiederentdecken/Ausprobieren: Gibt es Dinge, die du einst gerne gemacht hast oder immer schon mal ausprobieren wolltest? Malen, zeichnen, ein bestimmtes Buch lesen, einen Podcast aufnehmen, schreiben, basteln. Das alles sind Dinge, für die bald Zeit sein könnte und in die man sich richtig vertiefen kann.

3. Frühjahrsputz: Der Frühling steht vor der Tür. Ich muss leider zugeben, dass ein Frühjahrsputz ein guter Zeitvertreib wäre, weshalb ich mir bereits vorsorglich alles Mögliche an Putzutensilien besorgt habe.

4. Sport: Hometraining ist nicht jedermanns Sache. Soll aber helfen. Hab‘ ich gehört.

5. Tabletten sortieren: Das schreibe ich eigentlich nur, um daran zu erinnern, schon einmal seine Rezepte zu besorgen, bevor es nervig wird.

6. Bullet Journal: Ich sehe immer wieder Menschen, die in der letzten Zeit ein Bullet Journal begonnen haben. Ein Bullet Journal ist ein höchst individueller Terminkalender und Alltagsplaner, in dem man auch seine ganz persönlichen Eindrücke festhalten kann. Hiermit lässt sich die ein oder andere Stunde sicher gut verbringen. Aber nicht vergessen: Ohne Buch kein Bullet Journaling!

7. Häkeln/Nähen: In der Klinik wurden immer wieder Häkel- und Nähkurse angeboten und ich habe beobachtet, dass auch Menschen, die dies zuvor konsequent abgelehnt haben, die Nadel nicht mehr aus der Hand legen konnten.

8. Wohlfühl-Oase für zu Hause: Badesalze, Peelings, Gesichtsmasken, Wellness, Düfte und Aromen. Man könnte die Zeit doch mal für Dinge nutzen, die entspannen und guttun.

9. Spiele: Hat früher auch jemand gerne Sims gespielt? Den Zauberwürfel gelöst? Pokémon? Mario Kart? Age of Empires?

10. Haustiererziehung, -förderung und -forderung: Intelligenzspiele, Kommandos oder einfach eine ausgiebige Beschäftigung mit dem Tier kann für Abwechslung sorgen.

Dies sind Beispiele, die zeigen: Es gibt viele Möglichkeiten, Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Das bedeutet zwar nicht gleich auch, dass das eine einfache Zeit wird, aber zumindest können wir Dinge ausprobieren und uns vorbereiten, indem wir die Voraussetzungen hierfür schon jetzt schaffen. Zumindest wäre das eine Chance für jeden, der Angst vor Einsamkeit und Isolation hat.

Ganz egal, ob es nun zu einer Ausgangssperre kommt oder nicht: Wir müssen nun solidarisch und rücksichtsvoll sein. Das bedeutet, sich einzuschränken und mehr Zeit zu Hause zu verbringen, an seine Mitmenschen zu denken und sich gegenseitig dabei zu helfen, so gut es geht durch die nächsten Wochen zu kommen. Wir müssen daran denken, dass es Menschen gibt, die ihre berufliche Existenz verlieren und welche, die jeden Tag für uns weiter arbeiten. Solche, die große Angst haben und jene, die unter der Situation aufgrund ihrer psychischen Belastungen leiden. Und dann gibt es noch diejenigen, die als Risikopatienten besonders geschützt werden müssen. Also lasst uns doch lieber einander helfen, als dass wir böse Worte in der digitalen Welt verlieren und uns gegen etwas sträuben, das gerade jetzt so wichtig für jeden ist.

Mittwoch, 26. Februar 2020

Ein guter Tag, verrückt zu werden

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, erwische ich den Gedanken an den Toren des Bewusstseins zu mir sprechen. Verrückt zu werden ist in Anbetracht der Tatsache, dass viele andere Lebensstrategien bisher wirklich kläglich gescheitert sind, vielleicht die klügste meiner Möglichkeiten. Und seien wir mal ehrlich:
Beängstigend sind nicht die Verrückten dieser Welt. Es ist die Welt selbst, die uns verrückt werden lässt.

Verrücktsein als Abweichung von der Norm

Der Kaffee schmeckt besser als sonst. Er schmeckt besser, weil ich ihn nicht, wie üblich, mit der laktosefreien Milch vermischte. Ich habe keine Laktoseintoleranz und doch nahm ich jahrelang jene Milch, von der ich dachte, sie sei schonender für den Magen- und Darmtrakt. Heute bin ich ver-rückt – was eigentlich nur bedeutet, dass ich von meiner Routine abgewichen bin. Es ist gut, verrückt zu sein. Zumindest dann, wenn ich nicht gleich eilen muss, um mich meiner Milch im unangenehmen Stil zu entledigen.

Wenn wir jemanden als verrückt bezeichnen, dann meinen wir damit oftmals, jemand hätte „einen Knall“, „nicht alle Tassen im Schrank“ oder „den Schuss nicht gehört“. Und das wiederum bedeutet auch nichts anderes, als abzuweichen von einer Norm, die wir Menschen selbst erschaffen haben. Bestimmten Regeln und Konventionen nicht anzugehören, die sich in unserer Gesellschaft etabliert haben. Wie auch immer das im Einzelfall aussehen mag. Verrückt sind die, die in der Unterzahl sind. Ist es schlecht, zu den Wenigen zu gehören?

William Shakespeare sagte damals:

Besser, ich wär‘ verrückt.
Dann wär‘ mein Geist getrennt von meinem Gram,
und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre
Bewußtsein seiner selbst.“

Während das Verrücktsein schon lange kein eindeutiger Begriff mehr ist, bezieht sich Shakespeare in seinem Zitat auf die Geisteskrankheit. Auf das Verrückt, bei dem dein Umfeld davon ausgeht, etwas funktioniere nicht richtig in deinem Oberstübchen. Auf den Wahnsinn.
Und auch ich frage mich manchmal, ob der Wahnsinn nicht einfach eine intelligente Art der Flucht aus der Realität ist. Wenn Realität Schmerz bedeutet, ist das Verrücktsein dann nicht schützende Medizin? Ein tröstlicher Gedanke. Vielleicht ist es aber auch verrückt, Heilsames im Irrsinn zu suchen. Oder einfach Ausdruck von Verzweiflung.

Das Verrücktsein als Wahnsinn macht so gesehen den Anschein, als müsse man erst krank werden, um sich gesund zu fühlen. Als sei der Irrsinn eine gute Strategie des Geistes, dem Leben und seinen Eigenheiten standhalten zu können. Ein trauriger Widerspruch, der die Verzweiflung manches Verstandes offenbart. Gleichwohl sollte uns das auch bewusst machen, dass die Norm kein Synonym für „gut“ oder „richtig“ ist. Was würde sich der Mensch auch anmaßen – ist er doch selbst für die Existenz jener Norm verantwortlich. Oder?

Salvador Dalí sagte einst: "Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Verrückten ist der, dass ich nicht verrückt bin.“

Viele nehmen es mit dieser Norm sehr genau. Zum Beispiel dann, wenn sie Andersartigkeit bestrafen. Es scheint nicht immer erstrebenswert, zu ver-rücken, wenn die Folge dieser Abweichung Ausgrenzung und Abwertung ist. Wenn die Entscheidung darüber, wen man liebt, auch gleichsam das Urteil bedeutet, wie viel Wert man in der Gesellschaft hat, dann fange ich an, den Wahnsinn und seinen Sinn besser zu verstehen. Es fürchtet mich der Gedanke, in einer Welt zu leben, in der es immer und immer wieder darum geht, bewertet und verglichen zu werden, klüger zu sein, schneller zu sein, besser zu sein als der andere, um damit den persönlichen Wert für die Menschheit zu bestimmen.
Auf der anderen Seite scheint es hip, etwas crazy zu sein. So ein bisschen mehr bekloppt und ein bisschen weniger „normal“. Zumindest dann, wenn man an der „richtigen“ Stelle abgewichen ist – denn das wiederum ist ausschlaggebend dafür, ob das Abweichen von der Norm gesellschaftlich zumindest überwiegend akzeptiert wird oder nicht. Überlegen wir uns also genau, wann und wie und wo wir verrückt werden und was das im Zweifelsfalle für uns bedeutet. Denn machen wir uns nichts vor: Wir leben hier, wir leben jetzt und wir leben unter genau diesen Umständen. Und da wir kein Veto für ein anderes Leben haben, keine andere Welt, in die wir wechseln können, müssen wir hinnehmen oder eben verrücken. Auf welche Art und Weise und mit welchen Konsequenzen auch immer.

Verrücktsein als Möglichkeit zur Veränderung

Ob ein Mensch verrückt ist, hängt letzten Endes also auch immer davon ab, wen man fragt. Ich mag die Idee, dass jedes Verrücktsein in seiner einfachsten Form erst einmal bedeutet, von einer Norm abzuweichen – nicht mehr und nicht weniger, fernab von der Komplexität, die sich auftut, wenn man weiter in die Tiefen der Philosophie eintaucht. Ich mag die pure Wortwörtlichkeit des Begriffes, denn im Ver-rücken schwingt doch auch etwas Aktives mit, eine Handlung, eine Bewegung als Gegensatz zu Lethargie und Stillstand. Und Aktivität ist es, die den Weg zur Veränderung ebnet. So gesehen scheint es doch eine lohnenswerte Möglichkeit, zu verrücken, wenn man sich in einem quälenden Zustand befindet, der anders werden soll.

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, dachte ich und trank meinen Kaffee anders als sonst. Ja, vielleicht ist er das.
Ganz bestimmt aber ist heute ein guter Tag, um zu verrücken.

Sonntag, 17. November 2019

Ein Gedicht - Du bewegst...

Siehst du wie ich täglich zweifle, an dem Inhalt meiner Welt,
Leben ist Geschichte schreiben, ich schreib‘ nur, dass Leben fehlt,
Stille schreit mir ins Gesicht, lass dich nicht häng‘, steh wieder auf,
jeder Weg, der runter führt, geht auch wieder rauf.

Du würdest mir jetzt sagen: „Ich verstehe, wie‘s dir geht“
und du würdest nicht betonen, dass all die Schwere auch vergeht,
denn du hältst was du versprichst, weil du nur sagst, was du auch halten kannst
und jede hohle Phrase wirbelt Staub auf, in dem Zweifel tanzt.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Deine Seele strahlt nach außen, dein Herz wärmt jeden Raum,
du sagst, wir können alles schaffen, wir müssen uns nur trauen,
denn für dich gibt es keine Grenzen, wenn sie nicht selbst gezogen sind,
du bist ein Vogel auf der Reise, der mich an seine Seite nimmt.

Wenn ich im Tunnel einsam stehe und am Ende nichts mehr brennt,
Fremdes hat den Reiz verloren und Trautes scheint mir fremd,
dann kommst du tanzend aus dem Regen mit dem Streichholz in der Hand,
hast die Lösungen längst gefunden, als ich Probleme erst verstand.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Auch du kannst manchmal zweifeln, nicht alles fällt dir leicht,
deine Gedanken spielen dir Streiche, sodass auch du dich mal vergleichst
und wenn du wanderst durch die Nacht, auf der Suche nach dem Mond,
dann weißt du mitten auf dem Weg, wofür sich das Suchen lohnt.

Deine Gefühle sind wahrhaftig, dein Lachen steckt mich an,
selbst deine Tränen sind so klar, dass ich mich in ihnen sehen kann,
deine Sätze sind berührend, deine Worte sind vertraut,
durch dich finde ich die Kraft, damit ich wieder an mich glaub‘.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Samstag, 25. Mai 2019

Das Leben ist eines der schwersten...

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer mal wieder, als er noch lebte. Oft lächelte er dabei müde, manchmal seufzte er nur angestrengt. Wenn sein Blick zum Fenster hinaus ins Leben fiel, saß er dort, gedankenverloren in seinem Sessel, und schüttelte den Kopf. Immer wieder, über Jahre hinweg. Ich fragte mich, was er wohl dachte. Doch ihn – ihn fragte ich nicht.

Bittere Vergänglichkeit...

Nun sitze ich hier, auf meinem Stuhl in der Küche, auf der Kante meines Bettes, in dem Sessel meines Erkers – und schüttele den Kopf. „Das Leben ist eines der schwersten“, denke ich, während meine Augen mit starrem Blick ins Leere schweifen. Wenn ich glaube zu wissen, was er meinte, ermahne ich mich rasch: Ich habe noch immer wenig Ahnung von seinen Gedanken. Doch wenigstens weiß ich nun, was ich mir selbst damit sagen will.

Je älter mein Opa wurde, desto mehr erzählte er mir aus seinem Leben. Wenn er erst einmal zu reden begann, so war er kaum zu bremsen. Mit der Zeit wiederholten sich seine Geschichten, doch die Freude am Erzählen wurde jedes Mal stärker und spürbarer. Er ärgerte sich, wenn ihm ein bestimmtes Datum nicht mehr einfiel, zu dem sich seine Geschichte ereignete. Während mir nicht mehr einfällt, wann und wo ich zuletzt Urlaub machte, konnte er sich an Ereignisse erinnern, die über 50 Jahre in der Vergangenheit liegen. Sein Leben war so bewegt, wie er mich bewegte.

Geschichten vom Krieg

Während des Krieges bin ich drei Mal abgesoffen“, erzählte er mir immer wieder. Einmal harrte er stundenlang im kalten Wasser aus, bis Rettung kam. Damals arbeitete er als Sanitäter bei der Marine und erlebte Dinge, die heutzutage nicht mehr vorstellbar sind. Er sah Bilder, die ich nicht mal im Traum erzeugen könnte.
An eine Geschichte erinnere ich mich noch sehr gut: Als er sich mit einem Kollegen an Bord unterhielt, sackte dieser plötzlich zusammen. Mein Opa bückte sich, wusste nicht, was los war und hielt seinen Kopf. Und dann – dann hatte er das Gehirn seines Kollegen in der Hand. Es war ein Kopfschuss, durch den er starb. Dieser Mann war nicht der Einzige, den mein Opa während des Krieges sterben sah. Als Sanitäter begleitete er viele in den Tod und ist diesem selbst oft von der Schippe gesprungen.

All diese Erlebnisse, die für ihn Realität bedeuteten, erzählte er nicht mit Wut und Trauer. Er erzählte sie mit Enthusiasmus, mit Feuer in den Augen, lebendig. So viel Furchtbares hatte er durchgemacht – und doch hatte ich das Gefühl, als leide er mehr unter dem Leben, das er nun führte. Ein ruhiges Leben als Pensionierter. Nach dem Krieg machte er Karriere, hatte eine hohe Stellung und viel Arbeit als Kommissar. Auch dort sah er Leichen, Elend, Kriminalität. Doch er war erfolgreich in seinen Aufgaben und zufrieden mit seinem Handeln.

Verlust von drei Kindern

Mit meiner Oma bekam er vier Kinder. Sein Sohn starb mit nur acht Jahren an Krebs. In den darauffolgenden Jahren musste er den Tod von zwei Töchtern durchleben. Er verlor drei von vier Kindern, bis er starb. Ich weiß nicht, warum er so oft und still den Kopf schüttelte. Ich weiß nur, dass er jedes Recht dazu hatte.

Wenn ich auf meiner Bettkante sitze und den Kopf schüttele, dann frage ich mich oft, welches Recht ich hierzu habe. Ich könne doch froh sein, nicht den Hauch einer Ahnung von dem zu haben, das für meinen Opa Realität bedeutete. Als er noch lebte, war ich nicht sehr redefreudig – denn ich wusste nicht, worüber ich sprechen sollte. Alles kam mir nichtig vor, nicht erwähnenswert, unaufregend. Und damit entschied ich nicht nur für mich, sondern auch für ihn: Er durfte nicht selbst darüber urteilen, was er an meinem Leben interessant fand, weil ich zuvor den Filter durchlaufen ließ.

Als ich 2015 aufgrund meiner psychischen Probleme in die Klinik ging und daraufhin mein Studium abbrach, sprach ich nicht mit ihm darüber. Er erfuhr vieles durch meine Mama und wir wussten, dass er mit der „Depression“ nicht viel anfangen konnte. Einfach, weil er in einer Zeit aufwuchs, in der psychische Erkrankungen kein bewusstes Thema waren. Als ich anfing, über meine Gedanken und meine Krankheit zu schreiben, gab ich ihm ein paar Texte meiner Webseite – das half ihm, wenigstens einen Teil meiner Gefühle nachvollziehen zu können. Ein intensives Gespräch darüber führten wir jedoch nie, weil ich Angst hatte, mich erklären zu müssen und nicht die richtigen Worte zu finden. Und auch, weil es mir zu emotional, zu nah gewesen wäre. Ich weiß, dass er traurig darüber war. Ich bin es auch.

Das Leben ist eines der schwersten!“

Mein Status Quo ist freudlos. Ich kämpfe mit dem Leben, fühle mich überfordert und inkompatibel. Ich habe nichts zu erzählen und deshalb ist es still geworden. Ich langweile mich selbst. Ich bin unzuverlässig, habe mich sozial zurückgezogen, antworte nicht auf Nachrichten und verbringe den Großteil der Zeit damit, diese so schnell wie möglich vergehen zu lassen. Und ich versuche, mich nicht für diese Qual zu verurteilen – denn eigentlich… eigentlich müsste ich glücklich sein über das Leben, das ich führen darf. Doch das bin ich nicht. Diese Gedanken sind nicht fair und ich würde jeden außer mir ermahnen, bei Gefühlen von Recht und Unrecht zu sprechen. Dennoch muss ich aufpassen, nicht wütend auf mich zu werden, weil fast jede meiner Poren von Unglück zerfressen ist. Manchmal sehe ich Licht und manchmal kommt der Zug. Manchmal fehlt mir ein Mensch und manchmal fehlt er mir noch mehr. Doch es gibt auch Dinge, die funktionieren – und ich arbeite daran, dass ich diese aufrechterhalten kann.

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer wieder – und sage auch ich.


Sonntag, 14. April 2019

Jeder ist seines Glückes Schmied - oder?

Wir stellen uns vor, das Leben sei eine Landkarte. Es gibt unendlich viele Wege und Ziele. Jeder Weg, jede Richtung, ist eine Entscheidung, die wir treffen. Wir können nicht alle Wege gehen, doch wir können Teile von uns auf eine Reise schicken. Es gibt Abzweigungen, Tunnel und unbekannte Pfade. Nichts ist vorgeschrieben, nichts ist Gesetz. Nur das Ende, das ist sicher.

Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein alter Spruch mit weisem Ton. Ich zweifle noch immer an seinem Inhalt. Und nicht nur das: Ich halte ihn sogar für sehr ideologisch und schuldzuweisend. Denn was bedeutet dieser Satz? Können wir alle glücklich und zufrieden sein, wenn wir es nur wollen? Wenn wir immerzu bemüht sind, das Glück einzuladen in unsere kleine Welt? Ist denn alles nur eine Frage der inneren Einstellung und der Ausdauer und Mühe, die wir in sie investieren?
Mir ist das zu kurz gedacht, obwohl ich auch oft dazu neige, jeden Gedanken wie Kaugummi in die Länge zu ziehen. Vielleicht will ich mir die mögliche Wahrheit der Aussage auch einfach nicht eingestehen – denn das würde wohl bedeuten, dass ich in meinem Leben noch nicht sehr engagiert geschmiedet habe. Bin ich die falschen Wege gegangen, habe ich die falschen Entscheidungen getroffen? Habe ich mir nicht genug Mühe gegeben, ein glücklicher und erfolgreicher Mensch zu werden?

Mich frustrieren diese Gedanken, denn irgendwie sagen sie mir doch, ich sei selbst daran Schuld, ein überwiegend unzufriedenes, unglückliches Leben geführt zu haben. Gleichzeitig muss ich meine Gedanken korrigieren: Es geht bei all dem nicht um Schuld. Denn wenn wir immer das bestmögliche Handwerkszeug zur Verfügung hätten und zu jeder Zeit wüssten, wie wir es einzusetzen haben, um unser persönliches Glück zu erfahren – dann würden sich wohl sehr viele Probleme vieler Menschen auf einen Schlag erübrigen. Und so erinnere ich mich daran, in manchen Situationen der Vergangenheit einfach auch mal gern eine Gebrauchsanweisung gehabt zu haben, um nicht ganz so überfordert mit meiner Verantwortung vor meinem Unglück zu stehen.

Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung.“

Wenn jeder seines Glückes Schmied wäre, dann würde das unerschöpfliche, absolute Macht und Handlungsfreiheit bedeuten. Doch – und darüber wird hinweggetäuscht – wir haben keine Macht über das Unvorhergesehene, auch wenn wir uns das oftmals wünschen würden. Situationen kommen, Dinge passieren, Zeit vergeht. Vieles, das uns von außen zugetragen wird, befindet sich außerhalb unserer Kontrolle. Sei es ein plötzlicher Verlust, ein Unfall, eine Krankheit. Wenn es dann darum geht, den bestmöglichen Umgang mit der Situation zu finden, dann fehlt uns ab und an auch mal der passende Hammer für den Nagel oder der richtige Bohrer für die Dübel. Das hat zur Folge, dass es eben auch Augenblicke gibt, in denen wir nicht den Hauch einer Ahnung haben, wie wir unsere kleine Welt wieder zusammenbauen sollen. Und somit auch nicht, wie wir glücklich werden sollen.

Um die Gedanken abzukürzen und nicht wieder in der unendlichen Weite der Philosophie zu landen (denn dort verlaufe ich mich regelmäßig): Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung, das wäre ein Satz, der zumindest auf mich jene motivierende Wirkung hätte, die ich beim Ausgangszitat vermisse. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Einige sind kleiner, andere sind von größerer Tragweite. Mit jeder Entscheidung können wir unsere Zukunft zwar nicht sicher formen, doch wir haben Einfluss auf die Richtung, in die es gehen kann. Damit besitzen wir nicht automatisch völlige Handlungsfreiheit, aber sehr wohl einen gewissen Handlungsspielraum, innerhalb dessen wir Einfluss nehmen und Voraussetzungen schaffen können.

Der Unterschied von Schuld und Verantwortung

Was ich damit sagen will: Natürlich sind wir verantwortlich für unser Leben. Für die Entscheidungen, die wir treffen, für unser Handeln und unser Abwarten. Doch wir dürfen eben auch nicht vergessen, dass die Fähigkeit, sein Leben voll und ganz selbst zu kontrollieren, Grenzen besitzt. Die Vorstellung, dass das Glück immerzu ein Ergebnis der eigenen Lebensgestaltung sei, ist illusorisch. Das soll nicht entmutigend klingen, im Gegenteil: Es soll uns die Gelassenheit geben und den Mut zur Akzeptanz, auch mal machtlos und verzweifelt sein zu dürfen, ohne dass dies gleichzeitig Ausdruck eines Scheiterns an uns selbst darstellt. Mit dieser Sichtweise geben wir uns die Möglichkeit, einen verständnisvolleren Umgang mit uns selbst zu finden. Und erst dann gehen wir von der Passivität einer Schuldzuweisung hin zu einer Realität, in der wir die Verantwortung tragen für die Entscheidungen, die wir treffen – nicht immer jedoch für das Ergebnis, das sich durch den Status Quo unseres Lebens abzeichnet.

Und so sage ich mir: Ich bin nicht Schuld an dem Leben, das ich bisher geführt habe – ich trage nur die Verantwortung für die Entscheidungen, die ich traf, treffe und noch treffen werde. Das ist der Unterschied.