Donnerstag, 21. März 2019

Die (Un-)Logik der Depression

Es war Donnerstag. Um 7:45 Uhr klingelte der Wecker. Inzwischen gebe ich mir keinen zeitlichen Puffer mehr, um aufzustehen. Druck hilft mir, in Gang zu kommen. Manchmal.

Fern von Logik und Verständnis

Heute nicht. Dieser Tag war viel mehr eine Aneinanderreihung von Dingen, die nicht funktioniert haben. Das, was sich dabei in meinem Kopf abspielte, ergibt augenscheinlich nicht den Hauch eines Sinns. Deshalb finde ich es wichtig, gerade diese inneren Konflikte zu dokumentieren – eben weil ihr Inhalt und ihre Ausprägung auf den Alltag so schwer sind, verständlich bzw. nachvollziehbar nach außen zu kommunizieren.
Eine Erkrankung, das müssen wir verstehen, hat nicht immer etwas mit Logik zu tun. Es gibt Dinge, die sich nicht mal eben begreifen lassen. Wichtig ist, dennoch zu akzeptieren, dass es Probleme gibt, die sich nicht so einfach entziffern und durchschauen lassen – sowohl für Betroffene als auch für Angehörige.

An diesem besagten Donnerstag lag ich also so rum, in meinem Bett. Ich wusste, dass mein Tagesplan Aktivität von mir forderte. Ich hatte einen Termin, der immer näher rückte, doch diese Tatsache allein reichte nicht aus, um aufzustehen. Stattdessen führten ein paar Synapsen in meinem Kopf eine handfeste Diskussion darüber, was als nächstes passieren sollte. Je später es wurde, desto unzufriedener war ich mit der Situation: Ich hatte ein schlechtes Gewissen, nicht aufzustehen, doch ich wusste auch nicht, warum es nicht funktionierte.
Zudem musste ich pinkeln. So dringend, dass mir völlig klar war, es würde bald anfangen zu schmerzen. Doch die Toilette schien kilometerweit entfernt, genau wie die Realität. Denn was sollte real sein an dieser Situation? Sie ließ sich nicht mehr bewusst greifen, entglitt mir immer wieder durch die Finger. Ich war kaputt, müde und energielos.

Gedanken vs. Körper vs. Realität

Ich erinnere mich, wie ich mir bewusst machte, dass sich meine Gefühle bessern würden, hätte ich erst einmal das Haus verlassen. So ist es meistens. Sollte ich hingegen liegen bleiben, verpasste ich einen wichtigen Termin. Und das – das war mir klar – würde Konsequenzen haben. Solche, die ich nicht gebrauchen konnte. Dafür aufzustehen, das schaffte ich an diesem Tag dennoch nicht.
Die Diskussion, die verschiedene Teile in mir führten, dauerte insgesamt fünf Stunden. Ich durchbrach diesen Teufelskreis nur, weil ich nicht ins Bett machen wollte. Denn das hätte bedeutet, dass ich mich nicht wieder hätte hineinlegen können… Eine schockierende Wahrheit, die ich nicht verstehe, die mir aber wenigstens bewusst ist.

Warum das, verdammt noch mal, nicht für jeden nachvollziehbar ist? Liegt auf der Hand, oder? Ich kann doch nicht von anderen Verständnis erwarten, das ich selbst nicht aufbringen kann. Das, was sich abgespielt hat, ist so abstrus, so fern jeder Logik, dass ich es selbst nicht verstehe – obwohl ich Protagonistin dieses traurigen Schauspiels war. Es fühlte sich an, als würde ich die Kontrolle sowohl über meine Gedanken als auch über meinen Körper verlieren. Zumindest kann ich mir nicht erklären, warum sich mein Bein nicht seitwärts aus dem Bett bewegte, als ich es darum gebeten habe.

Die Gefühle, die mich an diesem Morgen begleiteten, spielten die Hauptrolle in meinem persönlichen Drama. Sie waren kaum auszuhalten und füllten den Raum mit Lethargie und Verzweiflung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich besser fühlen würde, wenn ich aktiv werde, war hoch und doch erschien es mir unmöglich, mich zu bewegen. So als wäre ich gefesselt, als würde ich keine Luft mehr bekommen aufgrund des Drucks, der sich schwer auf mich legte. Jedes Wort, das ich verwende, um diesen Zustand zu beschreiben und greifbar zu machen, würde seinen Zweck nicht annähernd erfüllen.

Am späten Nachmittag dieses Tages zog ich mich an, weil ich verabredet war. Der Unterschied war, dass sich jemand auf mein Erscheinen verlassen hatte. Zuverlässigkeit und Verlässlichkeit verändert die Situation, wenn ich nicht mehr die einzig Involvierte bin. Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, saß ich eine weitere Stunde auf meinem Bett und drohte, niemals wieder aufzustehen. Erst, als ich mir lange genug sagte, dass jemand auf mich wartet, stand ich auf und fuhr los.
Die Verabredung, die folgte, war schön. Überraschend war das jedoch nicht. Ich wusste bereits zuvor, dass sie mir gut tun würde. Auch, als ich noch auf dem Rand meines Bettes saß und verzweifelt darüber nachdachte, warum ich nicht endlich aus der Tür ging.
Als ich danach mit dem Auto nach Hause fuhr und einen Parkplatz fand, wiederholte sich das Spiel. Insgesamt saß ich knapp 2,5 Stunden in meinem Auto und beobachtete regungslos die Menschen, den Verkehr und die untergehende Sonne. Erst, als ich zur Toilette musste, stieg ich langsam aus und stapfte nach oben in meine Wohnung.

Außenwirkung – ein halboffener Umgang

Wo warst du gestern?“, fragte man mich am nächsten Tag. Und obwohl ich einen offenen Umgang mit meiner Erkrankung pflege, habe ich diese Frage nicht wahrheitsgemäß beantwortet. Nicht, weil ich mich dafür schämte, sondern weil ich keine Energie hatte, etwas zu erklären, das mir doch selbst so fremd erschien.
Zudem ist es so, dass ich mir die Depression nicht ins Gesicht tätowiert habe. Damit meine ich: Ich laufe nicht (mehr) durch die Gegend und lebe meine inneren Gefühle jederzeit sichtbar aus. Die letzten Jahre habe ich gelernt, mein Innenleben in den meisten Situationen auch innen zu lassen. Nicht, um zu verdrängen, sondern einfach, weil es mir mit dem privateren Umgang (außerhalb des Internets zumindest) besser geht. Und auch, weil dieser den Menschen in meiner Umgebung leichter fällt. Früher konnte ich das nicht: Ich weinte viel und stieß andere Menschen fern, weil ich sie, so weiß ich heute, natürlich auch mit der Situation überforderte. Das passierte nicht absichtlich, doch so weitergehen konnte es auch nicht. Deshalb war es harte Arbeit und dauerte sehr lange, bis ich zumindest nach außen hin stabiler wirkte.

Das sieht man dir gar nicht an“, ist eine Reaktion, die ich seitdem öfter zu hören bekam, wenn ich doch mal über Schwierigkeiten und Probleme erzählte. Das ist okay. Ich finde es gut, dass ich einen Weg gefunden habe, einen Alltag zu führen, der einen Fokus auf meine Person zulässt, ohne dass dieser ständig durch meine Erkrankung definiert ist oder überdeckt wird. Allerdings muss ich bei einem halboffenen Umgang eben auch damit rechnen, öfter mit Unverständnis konfrontiert zu werden. Denn manche Informationen lassen sich für Bekannte auch schlechter vereinbaren mit der Person, die ich nach außen trage.
Das hat viel mit den Erwartungen und Vorstellungen von Verhaltensweisen und Äußerlichkeiten zu tun, die viele von depressiven Menschen haben. Die persönliche Wahrheit scheint sehr streng an das geknüpft zu sein, was man sieht. Sei es ein Blut- oder Röntgenbild, eine Träne oder ein Gesichtsausdruck. Das ist „menschlich“, auch wenn ich das Wort nicht mag. Deshalb ist es eben auch so schwierig, Aufklärung hinsichtlich psychischer und in gewisser Weise unsichtbarer Erkrankungen wirksam zu betreiben. Aber das ist ein Fass, das ich bereits in anderen Beiträgen aufmachte.

Ich glaube, dass psychische Erkrankungen niemals an den Punkt gelangen, an dem sie wie ein gebrochenes Bein behandelt werden. Einfach, weil Gefühle so individuell sind und sie sich manchmal außerhalb des Logikbereichs austoben. Deshalb habe ich mir abgewöhnt, immerzu Verständnis zu erwarten für eben solche Situationen, die jener ähneln, die ich hier beschrieben habe. Nur auf Akzeptanz – auf die verzichte ich nicht.

Und die Moral von der Geschicht‘: Mir fällt kein guter Reim ein...

Sonntag, 17. März 2019

Blog-Parade zum Thema "Trost"


Jessica, Psychologin in Tübingen, ruft auf ihrem Blog Psycho-Psyche-Therapie zur Blog-Parade zum Thema "Trost" auf. Hieran habe ich mich sehr gerne mit folgendem Text beteiligt :-) 

Trost...

Als ich klein war, bin ich oft mit meinem City-Roller durch die Straßen gefahren. Ich sauste Abhänge hinab und versuchte, über Bordsteine zu springen. Stolz präsentierte ich die Tricks, die ich ausdauernd einstudiert hatte. Und dann fiel ich hin. Ich war so unglücklich gefallen, dass ich mir meine Knie blutig scheuerte und bitterlich weinte. Solange, bis jemand kam, sich zu mir hinunterbückte und pustete. Ich bekam eine dicke Umarmung und ein Bärchen-Pflaster. Der Schmerz wurde dadurch nicht weniger – und doch fühlte ich mich besser. Ich wurde getröstet.

Trost. Ein schönes Thema. Und ein wichtiges. Ich bin nicht mutig, wenn ich behaupte, dass wir alle im Laufe unseres Lebens schon einmal getröstet wurden. Doch was genau ist Trost überhaupt und warum benötigen wir ihn?

Trost verstehen als ein Gefühl

Als ich der Aufgabe gegenüberstand, über Trost zu schreiben, stellte ich sie mir nicht schwierig vor. Schließlich war ich mir sicher, zu wissen, was das für mich bedeutet. Doch als ich zum Schreiben ansetzte, bemerkte ich, dass mir die Worte fehlen. Immer wieder löschte ich die Zeilen und glaubte, dass ich keinen meiner Gedanken zu dem Thema treffend beschreiben konnte. Nach langem Überlegen fiel mir dann auf, dass diese Wortlosigkeit Ausdruck dafür war, was Trost für mich bedeutet: Trost ist für mich in erster Linie ein Gefühl. Ein Gefühl, das ich mir entweder selber geben kann oder eines, das mir von außen übermittelt wird. Dieses Gefühl kann die Situation, die mich leiden lässt, nicht verändern – und doch kann es das Leid an sich verringern. Trost nimmt es mir nicht, doch es hilft mir, es zu tragen.

Zudem löst Trost weder unsere Probleme, noch lenkt er uns von ihnen ab. Im Gegenteil: Er wirkt direkt auf das Leid ein, das wir erfahren. Wenn ich zwischen den Zeilen lese, dann sehe ich darin: 
 
Zusammenhalt. Verständnis. Halt. Zuversicht. Geborgenheit. Hilfe. Schutz. Ermutigung. Zuwendung. Mitgefühl. Etwas, das man sich selbst geben kann und auch jenes, das durch andere Menschen übermittelt wird. 
 
So auch damals, als ich mit meinem Roller stürzte. Oder als ich aufs Steißbein fiel und wochenlang nicht richtig sitzen und laufen konnte. Als ich meine Lieblingsjacke im Bus vergaß oder auf Klassenfahrt großes Heimweh hatte. Schmerz, Leid und Trauer haben unendlich viele Gesichter. Doch jede Träne kann sich verkleinern, wenn der Trost sie besuchen kommt.

Trost ist immer subjektiv und situationsgebunden

Heutzutage spielt Trost eine ebenso große Rolle für mich wie in jungen Jahren. Eigentlich, so fällt mir auf, hat sich daran überhaupt nichts verändert. Zwar bin ich nun erwachsen geworden und sicherlich mit anderem Leid konfrontiert als noch vor 20 Jahren. Und ich bestehe auch nicht mehr darauf, dass man mit mir in höheren, kindlich-quietschenden Oktaven spricht, wenn man mich trösten möchte. Doch ganz ehrlich: Wenn ihr pusten möchtet, nachdem ich mich beim Hinfallen verletzt habe, dann lasst euch nicht aufhalten. Eine Umarmung nehme ich auch immer noch sehr gerne in Anspruch. Und wenn mir jemand grinsend ein Bärchen-Pflaster anbietet – her damit! Zumindest dann, wenn es zur Aufheiterung dienen soll und zur Situation passt. 
 
Anders ist es hingegen, wenn ich um den Verlust eines Menschen trauere oder mit einer schweren depressiven Phase kämpfe. Ein Pflaster wäre in dieser Situation wahrscheinlich, naja, schwierig. Tröstend wäre für mich dann viel mehr eine feste Umarmung und ein herzliches „Scheiße!“. Trost ist – und darauf möchte ich hinaus – von den unterschiedlichen Bedürfnissen eines jeden Menschen abhängig. Ich kenne Personen, die Körperkontakt grundsätzlich eher als unangenehm empfinden. Dementsprechend ist Trost sowohl individuell als auch situationsgebunden.

Ich könnte so viel mehr darüber schreiben. Über tröstende Sätze, Gesten, Gedanken, Handlungen. Doch mir ist nicht danach. Je mehr Worte ich finde, desto näher komme ich einer Grenze, die ich nicht überschreiten möchte: Der Grenze, bei der ich Menschen über einen Kamm schere und entscheide, was für sie tröstend ist und was nicht. Welche Worte tröstend sind und welche das Gegenteil bewirken könnten. Was man als Tröstender tun und beachten sollte – und was nicht. 

Trost ist facettenreich und kann so vieles sein, nur eben nicht für jeden gleichsam. Seien es aufbauende Worte, eine schützende Umarmung oder eine liebevolle Geste. Die Verbindung zu einem Gott, eine erdende Meditation, ein Spaziergang in der Natur. Ein „Alles wird gut“ oder ein „Das ist wirklich eine besch*** Situation“. Das Schnurren der Katze oder das Ankuscheln des Hundes. Für jeden kann Trost etwas anderes bedeuten – und doch erzeugt es immer dasselbe Gefühl. Und auf dieses Gefühl kommt es an.

Titelbild: (c) Mightyhansa, Water droplet on a leaf, Kontrast, Ausschnitt, Hinzufügen von Text von Jeca (Psychologik-Blog), kreiert mit canva (www.canva.com), Lizenz: CC BY-SA 3.0

Dienstag, 5. März 2019

Die Geschichte des Lebens nun als vertonte Version bei YouTube

Die Geschichte des Lebens - nun auch als vertonte Version bei YouTube zu finden. In der Kurzgeschichte geht es um eine alte Frau und das Leben und ist inspiriert von "Das Märchen der traurigen Traurigkeit" von Inge Wuthe.

Ich würde mich freuen, wenn ihr mal reinhört und mir, wenn euch das Gehörte gefällt, ein "Like" hinterlasst :-) 
 


Freitag, 1. März 2019

Die Geschichte des Lebens

Es war ein weit entfernter, vereinsamter Wald. Grauer Nebel zog kilometerweite Schleier, Regen drang durch die triste, verwahrloste Landschaft. Schon lange bahnte sich kein Lichtstrahl mehr in sein tiefstes Inneres. Doch eines Tages bestritt eine mutige Frau den langen Weg entlang der Dunkelheit. Ihr sonnengelber Schirm verscheuchte jedes Nass, ihr Gang war furchtlos und stark.
Nach langem Marsch entdeckte die alte Frau eine kleine, dunkle Höhle. Fast lautlos vernahm sie das pulsierende Herz, das in dem Inneren traurig schlug. Vorsichtig ging sie hinein und blickte in verschreckte Augen.
„Wer ist da?“, fragte die Frau behutsam und setzte sich auf die feuchte Erde. Ihre ruhige Stimme klang vertraut.
„Ich“, ertönte es leise, „Ich bin das Leben.“
Die Augen der Frau fingen an zu leuchten.
„Was machst du hier? Bist du denn nicht einsam?“, fragte die alte Frau und rückte näher.
„Doch“, antwortete das Leben, „ich bin einsam. Schon vor langer Zeit lief ich davon, so weit mich meine Füße tragen konnten. Seitdem sah ich niemanden mehr. Das macht mich sehr traurig, doch mir geht es besser hier. Es ist furchtbar dort draußen.“ Das Herz pochte nun nicht mehr vor Angst. Es raste vor Kummer und Wut.
„Sag‘ mir, Kleines, wovor liefst du davon?“ Die alte Frau streichelte zaghaft die Schulter des Lebens. Kaum noch Haut legte sich über die knöcherige Gestalt, sie wirkte kraftlos und von Kälte geschunden.
„Vor den Menschen“, erwiderte das Leben mit tiefsitzender Bitterkeit. „Weißt du, es scheint, als würde mich jeder unbedingt wollen, doch niemand weiß mich wirklich zu schätzen. Die Menschen kratzen sich gegenseitig die Augen aus. Doch die Wunden“, erklärte das Leben mit nun brüchiger Stimme“, „die Wunden, die trug ich.“
Die alte Frau nickte verständnisvoll und strich dem Leben eine Träne aus dem Gesicht.
„Das ist nicht alles. Sie führten grundlos Kriege und gaben mir die Schuld. ‚Scheiß Leben‘, sagten sie dann, bis ich ihnen glaubte. Von vielen wurde ich verbannt und ihr Hass stieß mich harsch hinfort. Ich weiß, dass ich nicht immer gerecht war. Und manche Menschen hassten mich zurecht. Doch auch das, was ich jedem gleichsam lehrte, das berührte sie nicht mehr.“
„Mein liebes Leben, was lehrtest du den Menschen?“, fragte die alte Frau neugierig. Ihre zarten Hände schmiegten sich behutsam um die weinende Gestalt.
„Ich lehrte sie, zusammenzuhalten. Ich gab ihnen Individualität, Unterschiede, verschiedene Eigenschaften. Damit sie verstehen, dass jeder besonders, aber deshalb nicht besser oder schlechter ist. Sie sollten lernen, den Wert in sich selbst zu erkennen, doch auch den der anderen Menschen. Viele hatten nicht die selben Voraussetzungen – das konnte ich ihnen nicht bieten. Und ja, manche musste ich vernachlässigen, um mich anderen zu widmen. Doch ihr Hass richtete sich nicht allein gegen mich – er richtete sich gegen den Menschen. Und dann entwickelten sie Neid und Missgunst.“ Das Leben blickte nun traurig zu Boden, der Schmerz war deutlich zu spüren.
„Damit zerstörten sie nicht nur meinen Anteil an ihrem eigenen Dasein, sondern sie erschufen eine Welt, in der es um Hierarchien, Konkurrenz und um Auf- und Abwertungen ging. Mit jedem Schlag, den sie gegen sich ausholten, hielt ich meinen Kopf gleich mehrmals hin. Immer mehr von ihnen verloren die Verbindung zu mir. Bis ich mich entschied, davonzulaufen. Ich ließ ihnen eine Fläche, auf der sie ‚sein‘ konnten. Was sie mit ihr machen, das liegt nun allein bei ihnen.“
„Ich verstehe“, flüsterte die alte Frau und nahm das Leben tröstend in den Arm. „Es tut mir sehr leid, dass es dir so schlecht geht. Doch ich habe lange nach dir gesucht...“ Das Leben schaute überrascht auf, sein Herz schlug wieder schneller.
„Nach mir?“, fragte es ungläubig. Es hatte doch lang niemand nach ihm gefragt.
„Ja“, antwortete die Frau. „Auch ich habe Probleme, die Menschen zu erreichen.“ Sie lächelte, als sei das eine aufbauende Nachricht. Doch dann erzählte sie weiter.
„Seitdem du weg bist, versinkt die Welt im Chaos. Den Menschen fehlt zunehmend der Sinn. Ich habe versucht, ihnen zu helfen und zeigte ihnen, dass sie die falsche Richtung einschlugen. Doch sie verstehen nicht, dass es kein Leben ist, wenn man es auf Kosten anderer führt. Sie glauben, dass sie Glück bekommen, wenn sie es jemandem nehmen und dass sie nur stark sind, weil es woanders Schwäche gibt. Ich brauche deine Hilfe.“
Lange denkt das Leben über die Worte der alten Frau nach.
„Aber sag‘ mir, was kann ich bloß tun?“ Der Zweifel lässt den Boden vibrieren.
„Zeig‘ ihnen, dass es sich lohnt, gut zu sein. Lehre sie, dass Harmonie und Mitgefühl stärker sind als Hass und Furcht. Dann kann ich sie mit dem Gefühl belohnen, nach dem sie sich eigentlich sehnen.“ Die alte Frau steht langsam auf und reicht dem Leben die Hand, um ihr zu folgen. Doch bevor das Leben nach ihr greift, hat es noch eine letzte Frage.
„Sag‘ mir noch, wer bist du eigentlich?“
„Ich...“, antwortete die Frau mit einem Lächeln. „Ich bin die Liebe.“


Eine Geschichte von Madeline Albers, inspiriert von "Das Märchen von der traurigen Traurigkeit" von Inge Wuthe.

Samstag, 16. Februar 2019

Die Macht der Worte - Vorurteile bei psychischen Erkrankungen

So, nun ist es auch mir passiert. In der Vergangenheit schrieb ich schon oft über Vorurteile hinsichtlich psychischer Erkrankungen und auch über Sätze, die manchmal unbedacht fallen und aus Unwissenheit oder eben diesen Vorurteilen resultieren können. Sätze, unter denen Betroffene leiden, weil sie sich nicht verstanden fühlen.

Die Macht der Worte...

Stell‘ dich nicht so an!“
Denk‘ doch mal positiver.“
Das ist alles Einstellungssache.“
Lach‘ doch mal.“
Du musst mehr an die frische Luft.“

Dies sind nur ein paar Beispiele für die typischen Sätze, die Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht selten zu hören bekommen.

Was ich immer betont habe: Ich habe großes Glück mit meinem sozialen Umfeld, weshalb ich persönlich so gut wie nie mit solchen Aussagen konfrontiert wurde. Die Menschen, die mir wichtig sind, begegneten mir immerzu mit großem Verständnis, Weitsicht und Empathie. Das ist sicherlich und leider nicht selbstverständlich und ich bin sehr froh darüber, dass ich bis zuletzt kaum in die Lage geriet, mit eben solchen Vorurteilen einen Umgang finden zu müssen.

Ich kenne jedoch auch einige Menschen, die dieses Glück nicht immer hatten. Durch ihre Geschichten konnte ich mir gut vorstellen, wie es sein muss, solch offensichtlichem Unverständnis zu begegnen. Viele fühlten sich, als müssten sie sich rechtfertigen, als müssten sie sich erklären. Es scheint unfair, denn gerade bei körperlichen Erkrankungen ist es kaum möglich, in eine solche Lage überhaupt erst zu geraten. Bei psychischen Krankheiten hingegen kann man solchen Aussagen nicht antworten, indem man seine Blutwerte zückt oder anhand eines Röntgenbildes erklärt, was genau dort gerade nicht in Ordnung ist. Somit werden viele Erkrankte in die nicht gewollte Rolle des Beweispflichtigen gedrängt. Das kann sehr belastend sein.

Selbsterfahrung: Check ✅

Meine Vorstellungskraft hinsichtlich solcher Sätze bekam nun kürzlich ein kleines Update. Die positive Nachricht: Ich kann nun auch aus eigener Erfahrung berichten. Die negative Nachricht: Ich konnte mit der neuen Erfahrung zunächst schlechter umgehen, als ich zuvor vermutet habe.

Eigentlich ging ich immer davon aus, dass ich mit diesem Thema solch viele schöne Erfahrungen gemacht habe, dass mich ein vorurteilsbehafteter Satz nicht sonderlich aus der Bahn werfen würde. Schließlich kenne ich genügend Menschen, bei denen ich mir überhaupt keine Gedanken darum machen muss, jemals überhaupt mit einem Vorurteil konfrontiert zu werden.
Jetzt kann ich zu dieser Erfahrung sagen: Das war nicht cool. Das war überhaupt nicht cool.

Innere Konflikte und Schwierigkeiten in der Ausbildung

Vor einem guten halben Jahr begann ich meine Ausbildung an einer Heilpraktiker-Schule in Bremen. Gerade dann, wenn ich psychisch schlechtere Phasen habe, fällt es mir sehr schwer, einen langen Tag durchzustehen und die Konzentration aufrecht zu erhalten. Wenn wir mittwochs von 9:00 Uhr morgens bis 21:30 Uhr abends Schule haben (natürlich mit einigen Pausen zwischendurch), dann muss ich mich mental so vorbereiten und strukturieren, dass ich dem Großteil des Unterrichts folgen kann. Das ist eine Herausforderung, der ich nicht immer gewachsen bin.
Zudem bin ich gezwungen, an vielen Abenden Medikamente einzunehmen, die mich emotional etwas dämpfen. Ihre Wirkung zeigt sich jedoch auch am nächsten Tag: Manchmal bin ich einfach sehr müde, oftmals aber auch richtig gerädert.

An einem Mittwoch war so ein Tag. Ich schlief schlecht und war aufgrund der Medikamente furchtbar kaputt. Kopfschmerzen kamen hinzu und der innere Kloß im Hals wurde größer und größer. Ich war mir nicht sicher, ob ich den Schultag bis zum Ende durchhalten konnte. Das stieß nicht nur auf Verständnis:

Stell dich nicht so an!“

Autsch. Das war in dieser Situation ein Volltreffer, der mich ziemlich ins Wanken brachte. Besonders dann, wenn das Gegenüber über die Hintergrunde Bescheid weiß. Meine innere Reaktion auf die Aussage überraschte mich dennoch, weil ich weiß, dass ich mich nicht anstelle. Im Gegenteil: Ich bin ziemlich stolz darauf, etwas zu schaffen, das noch vor zwei Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Und obwohl sich meine innerliche Situation nicht massiv gebessert hat, ist mein Umgang damit doch ganz anders geworden. Die veränderte Einstellung ermöglichte es mir, mich für eine solche Ausbildung zu entscheiden.

Obwohl ich mir dessen bewusst bin, trifft mich ein solcher Satz. Vielleicht, weil ich noch nicht selbstsicher genug bin? Vielleicht aufgrund der Enttäuschung darüber, nicht verstanden worden zu sein? Vielleicht aber auch einfach deshalb, weil der Kampf mit dem Leben viel zu real und fühlbar ist, um zu ertragen, ihn von jemanden in die Schublade der „Schwäche“ legen zu lassen.

Ich schreibe diesen Text aber nicht aus Wut oder Enttäuschung. Ich schreibe ihn als Appell:

Seid achtsam. Sprecht miteinander und hört den Menschen in eurem Umfeld gut zu. Achtet auf eure Wortwahl. Seid ehrlich, aber auch bedacht. Habt Verständnis, denn jeder ist unterschiedlich. Leidensdruck ist individuell. Helft dabei, Vorurteile auszuräumen. Informiert, klärt auf, erzählt. Reicht euch die Hand – und nicht den Ellbogen.

Unverständnis ist nicht immer böse Absicht. Es rührt oftmals einfach nur daher, dass derjenige, der die Aussage trifft, wirklich nicht versteht oder nachvollziehen kann, welchen Leidensdruck der Betroffene spürt. Deshalb ist es auch für uns wichtig, geduldig zu sein und zu erklären. Wenn wir daraufhin auf offene und interessierte Ohren stoßen, dann ist schon viel geschafft. Wenn nicht – dann müssen wir einen anderen Umgang damit finden und für uns die Konsequenzen schließen, die uns schützen.

Dienstag, 25. Dezember 2018

Eine Weihnachtsgeschichte

Dieses Jahr habe ich eine Weihnachtsgeschichte aus Sicht meines Patenkindes (5 Monate) geschrieben. 

Maltes erstes Weihnachtsfest

24. Dezember, 03:25 Uhr: 

Ich wache auf. Papa schnarcht ein Weihnachtslied und Mama sabbert auf mein Gesicht. „Ekelhaft“, denke ich und beschließe, die Nacht an dieser Stelle zu beenden. Als ich bemerke, dass wildes Herumgezappel nicht zum gewünschten Ergebnis führt, beginne ich zu brüllen. Mama öffnet die Augen und schaut mich etwas grummelig an. „Du siehst müde aus“, sage ich ihr, doch sie versteht mich nicht. „Kann man nicht einmal durchschlafen?“, fragt sie mich und schiebt mir meinen Schnuller in den Mund. Ich denke, dass sie doch eigentlich aussieht, als hätte sie sich richtig „durch“ geschlafen.
Währenddessen hat Papa die Musikrichtung gewechselt. Gerade, als ich mir vorgenommen habe, ihn zu wecken, boxt ihn Mama auf die linke Schulter. „Alter, kannst du eigentlich auch mal aufwachen?!, schimpft sie und geht in die Küche, um mir meine Flasche zu machen. Ihr scheint nicht klar zu sein, dass ich exakt jetzt, in diesem Moment, Hunger habe und nicht noch mehrere Sekunden warten möchte, weshalb ich diese Dringlichkeit durch lauteres Schreien zum Ausdruck bringen muss.
„Heute kommt der Weihnachtsmann“, flüstert Papa mir verschlafen zu. Wie alt er wohl ist, dass er immer noch an den Weihnachtsmann glaubt. Dann knutscht er mich ab und zieht Grimassen. Ich darf nicht vergessen, ihm in ein paar Jahren zu erzählen, dass so etwas nicht sehr vorteilhaft aussieht.

24. Dezember, 08:15 Uhr:

Ich wurde gezwungen, noch ein Nickerchen zu machen, was ich ziemlich egoistisch finde. Eigentlich, so denke ich, wollten Mama und Papa nämlich nur selber schlafen. Jetzt, wo alle wach sind, liege ich auf meiner Decke und mache etwas für die Muskulatur. Mama sagt immer, ich sehe aus wie ein Zitteraal. Dabei versteht sie einfach nicht, wie richtiges Workout funktioniert.
Gerade, als ich mich auf den Bauch gelegt habe, ertönt eine schrille, schiefe Stimme. Mama singt schon wieder irgendetwas von einer Weihnachtsbäckerei und wackelt dabei mit ihrem Hintern von links nach rechts. Ich glaube, dass sie sich jedes Mal die Hüfte dabei ausrenkt. Vielleicht sollte sie doch mal mit mir trainieren, denke ich und bumse mit dem Kopf auf den Boden, als ich mich zurück auf den Rücken drehen will. „Boing“, ruft Mama dann immer. Ich muss mir noch ein gutes Geräusch für ihre Hüfte überlegen…

24. Dezember, 10:45 Uhr:

Papa beschnuppert mich. Ich habe mal gehört, dass Hunde das machen, um zu überprüfen, ob das Gegenüber paarungsbereit ist. Anfangs habe ich dann immer gepupt, um ihn zu verjagen, aber das hat nicht viel gebracht. Ich glaube, Mama und Papa mögen einfach den Geruch. Sie nehmen mir dann immer meine Hose weg und verstecken sie irgendwo. Ich denke, ich sollte ihnen das Vergnügen einfach lassen, solange sie das Gleiche nicht von mir verlangen.

24. Dezember, 12:30 Uhr:

Hektik bricht aus. Mama redet seit Stunden davon, sie müsse noch duschen, aber sie könne sich nicht aufraffen. Ich habe sie dann angekotzt, um ihr die Entscheidung leichter zu machen. Hat auch funktioniert. Währenddessen zieht Papa mir neue Klamotten an. „Er sieht so süß aus in dem Anzug“, sagt Mama, als sie fertig ist mit duschen. Ich bin mir nicht sicher, ob das etwas Gutes ist. Ich meine, ich mag Mama und Papa ja auch, aber süß sind die beim besten Willen nicht. Abgesehen davon haben wir sowieso leichte Kommunikationsprobleme. Wenn Papa denkt, er bringt mich zum Lachen, dann lache ich ihn meistens einfach aus. Und Mama schaut mich dauernd so skeptisch an. Sie zieht dann eine Augenbraue nach oben und fragt mich, ob sie mir irgendwie helfen kann. Dabei ist das alles gar nicht so schwer: Wenn ich schreie, dann habe ich entweder Hunger, bin müde, habe eine volle Windel, habe Bauchweh, liege zu flach, sitze nicht richtig, sitze falsch herum, ist mir langweilig, habe ich nicht alles im Blick, will ich jemanden nerven oder mir sitzt einfach ein Pups quer. Aber ich denke, wenn Mama und Papa richtig sprechen gelernt haben, dann wird das alles auch etwas einfacher.

24. Dezember, 17:00 Uhr:

Wir sind zu Opa und seiner Freundin gefahren. Dort sind ganz viele Menschen, die ich schon kenne. Wenn Uroma mich begrüßt, setze ich immer mein breitestes Grinsen auf. Ich Schelm weiß nämlich, wie man Menschen um den Finger wickelt. Am Anfang drücken mir dann alle immer ihre Lippen ins Gesicht und machen dabei so ein komisches Geräusch. Ich scheine ein ziemlich guter Fang zu sein.
Im Wohnzimmer steht ein großes, grünes Dingens mit ganz vielen Päckchen darunter. Papa hat mal erzählt, dass man zu Weihnachten immer Geschenke bekommt, weil an dem Tag so ein Joseph Christian geboren wurde. Die Geschenke kämen vom Weihnachtsmann, doch ich weiß inzwischen, dass er mich angeflunkert hat. Meine Patentante hat mir erzählt, dass ich später mal Eindruck schinden könnte, wenn ich schon weiß, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gibt. Dann wäre ich ein ganz schlauer Fuchs. Aber das müsste ich erst einmal für mich behalten, damit später die Überraschung größer ist.

24. Dezember, 19:00 Uhr:

Papa ist in den Weihnachtsbaum gefallen, weil er über mein Fläschchen gestolpert ist. Ich meine, natürlich könnte ich das selber halten. Aber das ist eben auch anstrengend. Also ist mir die Flasche während des Trinkens heruntergefallen und dann ging alles ganz schnell. Oma hat gesagt, er sieht nun ein bisschen aus wie der Grinch. Ich weiß nicht, wer das ist, aber das ist auch egal. Den Trick mit der Flasche muss ich mir auf jeden Fall merken.

24. Dezember, 20:40 Uhr:

Mir werden ganz viele Geschichten erzählt. Es gibt Erzbengel und Bengel. Joseph Christian wurde in Bettlehem geboren und hat in einer Kippe geschlafen. Der Weihnachtsmann kommt immer mit seinem Knecht Robert und mit seinem Renntier Rudi mit der roten Nase. Tante Christina will später mal einen Weihnachtsmann aus Schnee mit mir bauen. Dann sammeln wir kleine Äste für die Arme, Steinchen für die Augen und eine Charlotte nehmen wir als Nase. Ich weiß zwar nicht, wie wir Mama im Gesicht befestigen wollen, aber irgendwie wird das schon gehen.

24. Dezember. 23:00 Uhr:

Ein paar haben schon sprechen gelernt, nachdem sie diesen Sprühwein getrunken haben. Ich habe das Gefühl, wir sind jetzt mehr auf einer Wellenlänge. Onkel Robert hat mich sogar gefragt, ob ich einen Schlägermeister mit ihm trinken möchte und musste dann ganz laut kichern. Mama nicht.
Bei jeder Gelegenheit versuchte ich den Abend über, Uroma ganz breit anzugrinsen. Das Gleiche versuchten Tante Christina und meine Patentante bei mir. Das war etwas gruselig, weil sie mich zeitweise anstarrten. Aber mir ist nichts passiert – Gott sei Dank.
Nun brechen alle auf. Ich bin auch ganz schön geschafft, weil ich mich um so viele Menschen kümmern musste. Wenn ich mal älter bin, möchte ich nicht so abhängig und etwas selbständiger sein. Ich frage mich wirklich, wie sie zuvor ohne mich klar gekommen sind.

25. Dezember, 03:25 Uhr:

Ich wache auf…

Fröhliche Weihnachten :-)

Mittwoch, 12. Dezember 2018

Seele gesund - Kongress

https://bit.ly/2LaCUnH
Klicke auf das Bild, um zur Kongress-Seite zu gelangen

Es gibt Neuigkeiten!

Vom 01. bis zum 10. April 2019 findet ein kostenloser Online-Kongress statt, bei dem zahlreiche ExpertInnen zu Wort kommen werden. Verantalter Christian Gremsl hat dazu viele Video-Interviews geführt, die man sich innerhalb dieses Zeitraums anschauen kann. 

Und hey: Auch ich bin dabei! Am 12. Dezember durfte ich mit Christian sprechen und wir haben uns über einige Themen rund um meine Erkrankung und meinen Umgang damit unterhalten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr bereits vorab schon mal auf der Kongress-Seite vorbeischaut und euch für den "Seele gesund - Kongress" anmeldet, um kostenlosen Zugang zu allen 37 Experteninterviews zu bekommen. Dafür tragt ihr einfach eure E-Mail-Adresse in das dafür vorgesehene Feld ein, wodurch ihr während des Kongress-Zeitraums täglich zwei E-Mails mit den aktuellen Interviews bekommt. Ihr könnt euch jederzeit am Ende der E-Mail vom Kongress wieder abmelden, wenn ihr das möchtet.

Über diesen Link gelangt ihr auf die Seite: https://bit.ly/2LaCUnH

Ich freue mich, wenn ihr auch mit dabei seid! :-)

Donnerstag, 1. November 2018

Für dich

Du
Du bist die Hoffnung für mich,
die Sonne, die schwarze Wolken vertreibt.
Du bist im Dunkeln mein hellstes Licht,
das Glühwürmchen, das immer bleibt.

Du sagst Dinge, die mich tief berühren,
die mich erreichen und mich tragen.
Du öffnest für mich all die Türen,
die einst doch noch verschlossen waren.

Ich
Ich treibe verloren im Meer,
Wasser dringt in meine Kehle.
Das Leben legt sich steif und schwer
auf meine kranke, durchlöcherte Seele.

Ich schreie um Hilfe, die Luft wird knapp,
Wellen reißen mich entzwei.
Regen prasselt auf mich hinab,
ich denke schon, es ist vorbei.

Du
Du schipperst in weiter Ferne,
die Fahne gehisst, vom Winde geführt,
nimmst mich zu dir, gibst mir Schutz und Wärme
und sagst, dass es bald besser wird.

Du bist der Weg, den ich gehen will,
bist der Funke, der mich leitet.
Du stellst dich vor mich, bevor ich still
in den dunklen Abgrund gleite.

Ich
Ich fühle mich geborgen,
wenn du an meiner Seite stehst,
denn all meine Zweifel und all diese Sorgen
sind so viel kleiner, wenn du neben mir gehst.

Ich sehe Hoffnung und Sicherheit,
Glück und auch Zuversicht in deinen Augen,
du gibst mir, auch in der qualvollsten Zeit
den Mut, an ein glückliches Leben zu glauben.

Du
Du liegst so falsch, wenn du denkst,
dass ich auch ohne dich sein kann
und, obwohl du mich auswendig kennst,
dass ich dich nicht brauche, ein Leben lang.

Du bist meine Heimat, die mich fängt,
reichst mir die Hand, wenn ich nichts sehe.
Du bist die Richtung, die mich lenkt,
du bist die Formel, die ich verstehe.

Ich
Ich kämpfe mit dieser Angst,
sie spielt Klavier in meiner Brust,
denn was, wenn du von mir verlangst,
dass ich mich von dir trennen muss?

Lerne, dein Leben so zu führen,
dass du dir selbst vertraust und dich liebst“.
Doch wie soll ich mir selbst genügen,
wenn du der Grund meiner Hoffnung bist?

Du
Du bist der Teil meines Lebens,
der mir zeigt, dass sich Kämpfen lohnt
und alle Worte sind vergebens
denen Abschied innewohnt.

Manchmal trennen sich die Wege,
manchmal ändert sich die Sicht,
doch niemals verliere ich den Willen,
dass deine nicht mit meiner bricht.

Ich
Ich kann sehr gut verstehen,
dass ich Verantwortung dafür trage,
immer jenen Weg zu gehen,
für den ich mich selbst entschieden habe.

Und diesen werde ich auch bestreiten,
meine Entscheidung ist gefällt,
denn du bist, auch in schweren Zeiten,
das, was mich am Leben hält.

Du
Du scheinst ein naives Kind,
wenn ich dir sage, wie toll du bist,
und die Zeit, die schnell verrinnt,
ist Zeit, die dennoch nie vergisst,

dass du jede Sekunde Bedeutung hast,
kein kleiner Tropfen meiner Welt,
sondern der Tsunami, der in sie passt
und sie stets zusammenhält.

Ich
Ich wünsche mir so sehr,
dass ich dir etwas zurückgeben kann.
Dass ich kein Tropfen in dem Meer,
sondern eine Welle sein kann.

Keine, die dich ins Strudeln bringt,
die dich aufhält oder bremst,
sondern eine, die dich zwingt
zu schwimmen, bevor du untergehst.

Wir
Wir können vieles sein,
doch eins hab‘ ich entschieden:
Ich kann mein Leben nicht allein,
sondern nur mit dir zusammen lieben.

Freitag, 28. September 2018

Suizidgedanken - Ein ganz privater Einblick

Wenn – besonders im öffentlichen Diskurs – über Depressionen gesprochen wird, dann darf ein bestimmtes Thema nicht ausgeklammert werden: Suizidalität.
Nicht jeder Depressive leidet unter Suizidgedanken und nicht jeder Suizid ist Folge einer depressiven Erkrankung. Dennoch: Selbstmordgedanken gehören zu einem möglichen Symptom der Depression. Auch darüber muss gesprochen werden.

Ein sehr ehrlicher Text über die Gedanken, die niemand haben will.

Die dunklen Gedanken

Ich leide seit Jahren immer mal wieder unter Suizidgedanken. Mal mehr, mal weniger. Und um ehrlich zu sein: Dass ich diesen Text zu diesem Zeitpunkt schreibe, ist ein angewandter Skill. Skills sind Hilfsmittel, um mit hohen Spannungszuständen umzugehen und die Anspannung so gut es geht zu minimieren. Das können z.B. eine eiskalte Dusche, ein Stein im Schuh oder bestimmte Düfte sein. Ich habe unter anderem gelernt, das Schreiben als eine Hilfe zur Spannungsreduktion zu benutzen. Das funktioniert nicht immer, aber sicher immer öfter. Zudem stellt es für mich eine Möglichkeit dar, Sinn zu schaffen. Wenn ich Selbstmordgedanken habe, dann habe ich kaum noch Hoffnung und sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben – das Schreiben gibt mir Sinn, wenn auch an anderer Stelle.

Suizidgedanken – wie fühlt sich das an?

Ganz egal, was ich schreibe – kein Wort könnte je das beschreiben, was ich in solchen Momenten fühle. Niemals. Und doch ist es wichtig, einen Eindruck zu geben, der dem möglichst nahe kommt. Um aufzuklären, zu sensibilisieren und zu zeigen, dass der Selbstmord kein egozentrischer Akt ist. Und um in dieser Hinsicht mal eines klar zu stellen: Wenn sich ein lieber Mensch suizidiert, dann haben wir das Recht, wütend zu sein. Wir dürfen traurig sein und wir dürfen verdammt noch mal unglaublich sauer darüber sein, dass uns ein Mensch allein gelassen hat, der uns doch so viel bedeutet hat. All das sind Gefühle, die ihre Berechtigung haben.

Bei Schuldzuweisungen sieht das, aus meiner persönlichen Sicht, hingegen anders aus. Es gibt keinen Menschen, der sich selbst aus egoistischen Gründen das Leben nimmt – denn Egoismus endet an der Stelle, an dem auch das Leben sein Ende hat. Was jeder verstehen muss: Der Suizid ist ein Akt, dem Gefühle vorausgehen, die so heftig sind, dass derjenige sie nicht mehr ertragen konnte. Es spielt keine Rolle, wie viele Freunde und Familienangehörige präsent sind und wie viele von ihnen man allein lässt. Zumindest nicht aus Sicht der Person, die seinem Leben aktiv ein Ende setzt. Niemand bringt sich um, um seinen Liebsten wehzutun. Es ist Ausdruck größter Verzweiflung, dem eigenen Leben nicht mehr standhalten zu können.
Ich kann keine allgemeingültigen Aussagen über die Gefühle treffen, die ein Mensch mit Suizidgedanken hat. Ich kann jedoch sehr wohl über meine Gefühle in einer solchen Situation sprechen. Und nicht, dass wir uns da falsch verstehen: Das mache ich nicht gerne. Wahrscheinlich ist das der privateste Einblick, den ich überhaupt von mir geben kann. Doch neben der Tatsache, dass die Aufklärungsarbeit auch hier enttabuisieren muss, sehe ich auch, dass es hilft, den Worten manchmal freien Lauf zu lassen.

Ein ganz privater Einblick

Hoffnung bedeutet für mich, irgendetwas in der Zukunft zu sehen, für das es sich lohnt, weiterzumachen. Den Kampf gegen die Depression aufzunehmen und Gefühle, die ich nicht haben will und die doch präsent sind, auszuhalten. Hoffnungslosigkeit ist für mich das schlimmste Gefühl, das es gibt. Ich vertraue weder mir noch dem Schicksal. Ich fühle mich hilf- und machtlos. Ich sehe keinen Sinn mehr in meinem Leben.
Andere Gefühle gesellen sich dazu: Trauer, Wut, Verzweiflung, Angst. Die Mischung führt dazu, dass sich meine Kehle zuschnürt. Ich habe dauerhaft das Gefühl, als würde sich eine Schnur immer enger ziehen und der Kloß im Hals immer dicker werden. Das verfärbt jeden Moment meiner Gegenwart und ich denke nur noch daran, dass ich diesen Zustand nicht mehr aushalten kann. Und wenn das Leben für mich bereit hält, immer wieder mit solchen Gefühlen konfrontiert zu werden, dann fühle ich mich nicht stark genug für diese Herausforderung. Diese Gefühle und Gedanken zerreißen mich von innen, als würde sich ein Parasit durch alles fressen, was ich bin. Ich winde mich, als würde ich mit den stärksten Krämpfen nur noch darauf warten, dass es endlich vorbei ist. Nur, dass diese Krämpfe eben einen innerlichen Schmerz darstellen, der nicht sichtbar ist.
Wenn ich mich in diesem Zustand befinde, dann gibt es keine Gedanken an mögliche Hinterbliebene oder an Personen, die ich mit dem Freitod schaden oder verletzen würde. Es geht nur noch darum, den Schmerz nicht mehr spüren zu müssen. Es geht nicht mehr darum, warum es so ist wie es ist. Es geht darum, dass es aufhört, so zu sein. Es soll einfach nur aufhören.

Ich habe die Diagnosen rezidivierende depressive Störung und Dysthymie bekommen. Die Dysthymie ist eine über Jahre lang gedrückte Stimmung. Das bedeutet für mich, dass ich akzeptieren muss, dass ich immer dazu neigen werden, in depressive Verhaltensweisen oder Gedanken zu verfallen. Und das bedeutet auch, dass ich keine wirklichen Erholungsphasen habe. Über alles legt sich eine Art graue Schleier.
All das habe ich akzeptiert. Ich merke selbst, auch ohne die dazugehörigen Diagnosen, dass es etwas gibt, das mich immer wieder überwältigt, ohne dass ich direkten Einfluss darauf habe. Ich könnte damit leben, wenn ich die Auswirkungen soweit in Schach halten könnte, dass ich einen Umgang damit finde. In Momenten, in denen ich an den Freitod denke, habe ich das Gefühl, dass ich dem nicht mehr standhalten kann. Ich fühle mich so hilflos, dass mir das Ende besser vorkommt, als erneut dagegen anzugehen. Auf der anderen Seite habe ich unglaubliche Angst vor dem Danach. Und auch davor, eine Zeit zu verpassen, in der es mir doch noch dauerhaft besser gehen kann.

Wie so eine Situation aussieht? Ich weiß von meiner ehemaligen Mitbewohnerin, dass sie Angst hatte, sie würde mich nicht mehr lebend aus meinem Zimmer kommen sehen. Als ich das erfahren habe, war ich schockiert. Nicht darüber, dass sie diese Möglichkeit in Betracht zog – sondern darüber, dass die Situation so extrem war, dass sie als Außenstehende eine wirkliche Angst davor entwickeln konnte. Im Nachhinein tut es mir furchtbar leid, sie in eine solche Situation gebracht zu haben – andererseits wüsste ich auch nicht, wie ich sie davor hätte bewahren können. Denn ich war nicht mehr insoweit Herr meiner Sinne, als dass ich darauf noch großen Einfluss gehabt hätte.

Oftmals beginnt es schon beim Aufwachen. Vielleicht habe ich schlecht geträumt, vielleicht wache ich auch einfach so schon zittrig auf. Das Zittern ist Ausdruck einer immensen Anspannung, die ich in jeder Pore meines Körpers spüre. Sowohl das Atmen als auch das Schlucken fällt mir unglaublich schwer. Wenn ich bereits mit diesen Gefühlen aufwache, dann schaffe ich es nicht mehr, mir bewusst zu machen, was ich bereits alles geschafft habe. Der einzige Gedanke ist: Ich halte den momentanen Zustand nicht aus. Der Druck ist so groß, dass ich das Bedürfnis habe, mich selbst zu verletzen. Das ist der alternative Weg, den ich sehe, wenn ich Schlimmeres verhindern will. Oftmals schaffe ich es, beruhigende Medikamente zu nehmen. Sie machen mich müde und schalten meinen Kopf und meine Gedanken ab. Es gab jedoch auch Momente, in denen ich das nicht mehr geschafft habe. Aus ihnen resultierten unschöne Narben, für die ich mich lange Zeit geschämt habe. Inzwischen bin ich seit langer Zeit frei von selbstverletzendem Verhalten, jedoch nicht von Suizidgedanken, die mich immer mal wieder besuchen kommen.

Gründe für die suizidale Handlung

Die Gründe für den Suizid einer bestimmten Person sind, zumindest im öffentlichen Diskurs, vollkommen irrelevant. Denn wozu führt es, wenn wir von den Gründen von Robert Enke († 10. November 2009) oder Chester Bennington († 20. Juli 2017) erfahren? Wir fangen an, zu vergleichen. Vergleiche machen keinen Sinn, wenn wir das Innenleben einer Person und deren individuellen Leidensdruck nicht kennen. Psychische Erkrankungen sind so individuell, dass sich keine Vergleiche ziehen und somit auch keine allgemeingültigen Aussagen treffen lassen. Ich finde es deshalb nur sinnvoll, über mögliche Ursachen zu sprechen – niemals jedoch die individuellen Gründe in der Öffentlichkeit und im Rahmen der Aufklärungsarbeit zu thematisieren. Deshalb werde ich auch niemals öffentlich meine persönlichen Gründe sowohl für die Depression als auch für das Entstehen von Suizidgedanken zum Thema machen.

Was will ich eigentlich damit sagen

Ich möchte hiermit den Suizid nicht beschönigen. Im Gegenteil: Ich rate jedem dazu, der unter Suizidgedanken leidet, sich professionelle Hilfe zu holen. Ein erster Schritt könnte sein, zu seinem Hausarzt zu gehen und die Problematik offen anzusprechen. Es gibt viele Therapiemöglichkeiten, um Depressionen und Suizidgedanken zu behandeln und zu bekämpfen. Niemand steht dem komplett allein entgegen. In dieser Tatsache zeigt sich nur leider das Paradoxe der Erkrankung: Niemand würde einem Menschen mit Beinbruch sagen, er solle ins Laufen kommen, dann würde das schon werden. Man würde ihm raten, sich zu schonen, sein Bein hochzulegen und sich auszuruhen, bevor er wieder langsam beginnt, das Bein zu belasten. Einem depressiven Menschen, der Probleme hat, Antrieb aufzubringen und aktiv zu sein, kann man nicht sagen: „Okay, ruh‘ dich erst mal aus, bis es dir besser geht.“ Depressive Menschen sind gezwungen, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Antriebslosigkeit muss mit Antrieb bekämpft werden. Das klingt widersprüchlich – und das ist es auch. Doch es ist in der Regel nicht damit getan zu sagen: „Die Zeit heilt alle Wunden!“ Genau das dachte ich, kurz bevor ich mein Studium abbrechen musste. Als ich meine erste 5,0 kassierte, weil ich meine Hausarbeit nicht geschrieben und abgegeben hatte, war ich gezwungen einzusehen, dass die Zeit eben nichts heilt, so lange ich nicht unterstützend aktiv werde. Erst, als ich zu meiner Ärztin gegangen bin, hat sich begonnen, etwas zu verändern.

Zudem möchte ich zeigen, dass das ein Thema ist, für das man sich nicht schämen darf. Ich finde es unglaublich traurig, dass die Depression immer noch ein Thema ist, das oftmals mit Schwäche in Zusammenhang gebracht wird. Ich habe in den letzten drei Jahren einige Menschen kennengelernt, die mir sagten, dass es ihnen nicht gut geht. Doch es war ihnen unangenehm, was Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen oder Schulkameraden denken würden, wenn sie sich therapeutisch behandeln ließen. Die Depression ist aber leider eine Erkrankung, die auch tödlich verlaufen kann. Hiervor ein Tabu zu setzen, ist das Gefährlichste, was Betroffenen passieren kann – denn viele trauen sich nicht – wie diese Beispiele zeigen – aktiv zu werden, wenn andere davon Wind bekommen könnten.

Egal, was noch passiert: Die beste Entscheidung meines Lebens war, mich in Therapie zu begeben und meine Probleme aktiv und reflektiert anzugehen. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wäre ich heute nicht mehr am Leben. Wenn das nur einem Menschen zeigen könnte, dass es sich lohnt, aktiv zu werden und sich nicht für Gefühle und Gedanken zu schämen – dann hätte ich schon viel erreicht.