Dienstag, 5. Mai 2020

Hass' dich glücklich - Die Boshaftigkeit in der Krise

Als ich eines Montags nach Hause fuhr und in einer Nebenstraße parkte, hatte ich Ausblick auf das nahegelegene Eiscafé meiner Wohnung. „Außer-Haus-Verkauf“, stand auf einem großen Plakat vor dem Eingang. Und ein Hinweis, sich an den Abstand zu halten – mindestens 1,5 Meter. Ich blieb an diesem frühen Abend noch eine halbe Stunde im Auto sitzen, um zu beobachten, wie die Menschen aufeinander Rücksicht nehmen und ausnahmslos jeder die Abstandsregel einhält. Ein Solidaritätsmoment, ein Gefühl der Gemeinschaft. Ich wollte nicht aussteigen, um mir die Wärme zu bewahren und sie festzuhalten.
 


Von der Corona- zur Hass-Pandemie

Inzwischen bin ich seit nun mehr drei Wochen aus dem Auto gestiegen. Ich erinnere mich gerne an den Moment zurück, doch das Gefühl ist längst verpufft. An dessen Stelle trat Hass und Verbitterung – das sind nicht meine Gefühle, doch sie haben sich wie eine Zecke an mir verbissen. Mir fällt es schwer, mich von fremder Aura abzugrenzen und meine Gefühle nicht dem Außen anzupassen. Mittlerweile bin ich zumindest wütend. Und enttäuscht.

Die Corona-Pandemie sorgt seit Monaten für eine Ausnahmesituation, die beinahe die ganze Welt betrifft. Vor einigen Wochen las ich, dass Krisen dieses Ausmaßes das Beste im Menschen hervorrufen und nickte zustimmend, als ich Situationen wie jene vor dem Eiscafé beobachtete. Nicken scheine ich heute nur noch, wenn ich meinen Kopf wiederholt gegen die Wand schlage. Denn in Folge der Isolation verbrachte ich viel Zeit in sozialen Netzwerken. Zu viel Zeit. Keine Minute hat sich gelohnt und keine Sekunde davon tat mir gut.

Es geht mir bei diesem Statement nicht um den Wunsch nach Harmonie. Es geht mir nicht um den Wunsch nach Kritiklosigkeit oder emotionslose Debatten. Im Gegenteil: Die Situation und die Vorgehensweise in dieser Krise müssen diskutiert werden. Denn auch das ist Demokratie: Uneinigkeit, Fehler, Diskurse. Doch es gibt Unterschiede zwischen Kritik und Hass. Zwischen Anzweifeln und Verachten, zwischen Meinungsfreiheit und Beleidigung. Ich habe das Gefühl, dass wir nicht nur eine Corona-, sondern inzwischen auch eine Hass-Pandemie erreicht haben.

Die Hass-Blase in der digitalen Kommunikation

Worum es überhaupt geht? Es geht darum, dass Menschen Morddrohungen bekommen und beschimpft werden. Es geht um diesen unerträglichen Überbietungswettbewerb, bei dem "recht haben" mit "besser sein" gleichgesetzt wird. Es geht um Herablassung und das Außerachtlassen der Tatsache, dass der Mensch nie frei von Fehlern sein wird. Es geht um das stupide Einschlagen auf Personen und Meinungen und es geht um die fehlende Nachsicht mit Menschen, die bei aller Mühe nicht das schaffen können, was doch ein Großteil von ihnen erwartet: Die absolute Richtigkeit ihres Handelns für jeden. Und es geht um den Trugschluss, sich glücklich hassen zu können.

Wahrscheinlich sollten mich diese verbalen Abgründe gar nicht so sehr überraschen. Doch die Radikalisierung vieler Kommentare hat aus meiner Sicht eine neue Dimension erreicht, die mich erschreckt. Denn Hass zerstört Leben. Das kann ich so sagen, denn ich habe lange Zeit meinen Hass gegen mich selbst gerichtet und rebelliere ab und an noch immer gegen mich. Ich bekam meine eigenen Morddrohungen, was schon schlimm genug war. Bekäme ich solche von anderen Menschen, so würde ich mit ziemlicher Sicherheit daran zerbrechen. Das dies nun einige Menschen in der heutigen Zeit wirklich durchleben müssen, ist unmenschlich und zutiefst beschämend. Ganz egal, welche Meinung sie haben und ob man mit dieser übereinstimmt oder nicht.

Der abwärtsgerichtete soziale Vergleich – Abwertung zur Aufwertung

Hass ist sicherlich das schädlichste Gefühl, dass der Mensch haben kann. Denn er besitzt, meiner Ansicht nach, den geringsten Nutzen: Trauer ist wichtig, um einen Verlust zu verarbeiten. Wut kann uns antreiben, uns in die Aktivität führen. Hass hingegen täuscht etwas vor, das oftmals nicht präsent ist, nämlich Dominanz, Selbstbewusstsein und emotionaler Stärke. Er dient als Kompensation einer innerlichen Lücke und macht den Anschein, als könne man durch vermeintliche Erhabenheit etwas wiedererlangen, dessen Fehlen großen Schmerz verursacht. Fühlen wir uns besser, wenn wir etwas oder jemanden hassen können? Steigern wir durch unseren Hass unser Selbstwertgefühl? Ich kenne zumindest niemanden, dem sein Hass zu Glück und Zufriedenheit verholfen hat.

Vor einiger Zeit habe ich mal vom abwärtsgerichteten sozialen Vergleich gelesen. Diese Theorie besagt, dass es belohnend wirkt, herabzublicken. Genau das machen wir, wenn wir hassen: Wir stellen uns auf eine andere Stufe, blicken hinab. Allein dadurch, dass wir jemanden nicht mögen, funktioniert unsere Wertung hierarchisch und unser Belohnungssystem schlägt aus – zumindest für einen kurzen Moment. Würden wir nun auf Augenhöhe argumentieren und einen respektvollen Umgang an den Tag bringen, so klappt das mit dem Herabblicken nicht mehr so gut und die Belohnung bleibt aus.

Das bedeutet nicht, dass Hass kein „normales“ Gefühl ist. Im Gegenteil: Jeder kennt es. Doch soziale Netzwerke sind Plattformen, auf denen viel Raum ist für Anstands- und Empathielosigkeit. Das digitale Miteinander scheint überwiegend toxisch, obwohl man sich nicht darüber hinweg täuschen darf, dass auch konstruktive Kritik und der höfliche Umgangston seinen Platz finden. Ich hoffe sehr, dass diese geballte Vergiftung in den Kommentaren einen falschen Eindruck erweckt über die Wirklichkeit und dass diese überzogene Hasskultur nur einer kleinen Minderheit zugehörig ist, die in der Anonymität des Internets Menschen diffamiert, beleidigt und herabwürdigt. Denn mittlerweile finde ich dieses zu beobachtende Gegeneinander sehr belastend – insbesondere dann, wenn man dazu neigt, die äußere Atmosphäre auf die eigene Gefühlswelt zu übertragen.

Ein Zitat von Søren Aabye Kierkegaard bringt mich immer wieder zum Nachdenken:

Der Hass ist die Liebe, an der man gescheitert ist.“

Es scheint, als sei damit in erster Linie die Liebe für sich selbst gemeint...

Donnerstag, 30. April 2020

Die Nacht des Grauens - Zwei Katzen, kein Schlaf

Ich bekam in der Vergangenheit schon mehrmals die Frage, wann es denn wieder „Katzen-Content“ gäbe. Lange Zeit ist nichts passiert, was sich zum Verschreibseln anbot. Das hat sich geändert – zu meinen Ungunsten…

Zur Vorgeschichte:

Ich habe zwei Katzen: Schnotti (chronischer Schnupfen) und Glimmer (Herzfehler). Letzten Montag lag ich gemütlich in meinem Bett und schaute Fernsehen, als Glimmer plötzlich alarmierende Geräusche von sich gab. Es klang, als würde sie zugleich husten und würgen müssen. Ich lief hin und sah, dass irgendetwas nicht stimmte. Also nahm ich sie zu mir ins Bett und streichelte sie, bis es langsam besser wurde. Diese Geräusche machten mir Angst, weil Glimmer herzkrank ist und Husten ein Zeichen dafür sein könnte, dass sich ihre Herzleistung verschlechtert hat. Um die Dramatik vorab aus der Geschichte zu nehmen: Ihr geht es gut. Ich habe sie ein paar Tage lang beobachtet und die Beschwerden kamen kein zweites Mal vor. Höchstwahrscheinlich hatte sie sich einfach nur verschluckt.

Dank meines liebenden, sich aufopfernden, tief mitfühlenden und jedes Leid der anderen als sein eigenes annehmenden Mutterherzens entschied ich mich natürlich und sicherheitshalber dazu, die Katzen ausnahmsweise bei mir schlafen zu lassen. Normalerweise dürfen sie den ganzen Tag in mein Schlafzimmer – nur nicht nachts! Das hat triftige Gründe, die mir auch in dieser Nacht nicht hätten deutlicher vor Augen geführt werden können...

Die besagte Nacht des Grauens - Eine Dokumentation

00:30 Uhr:
Ich bin bereit: Die Zähne sind angezogen, die Schlafsachen geputzt und ich bin müde. Glimmer ist seit ihrem Husten- und Würgeanfall unauffällig. Wie jeden Abend gebe ich ihr also ihre Herzmedikamente und schlürfe Richtung Bett. Die Katzen glotzen blöd, als ich die Tür hinter mir offen lasse. Ich glotze zurück, rolle mich Mumien-artig in die Decke, drehe mich auf die richtige Seite und mache das Licht aus.

00:31 Uhr:
Der Nachteil an Laminat- anstatt Teppichboden ist, dass er sehr geräuschempfindlich ist. Der Nachteil an Krallen ist, dass sie Geräusche verursachen, wenn sie über den Laminatboden tapsen. Die Katzen wuseln durchs Zimmer. Ich frage mich, wie groß der Raum ist, um in ihm so viele Schritte machen zu können. Außerdem überlege ich, was es denn nach acht Jahren im selben Haushalt noch zu erkunden gibt, weshalb man seine Pfotenabdrücke in scheinbar jede Ecke patschen muss. Inzwischen, so fällt mir auf, erkenne ich die jeweilige Katze sogar am Gang – was bei gerade einmal zwei Tieren wohl nicht ganz so spektakulär ist, wie es klingt.

00:40 Uhr:
Es raschelt. Und zwar raschelt es so, dass ich das Gefühl bekomme, es sei nicht gut, dass es raschelt. Nachdem ich fest entschlossen war, jedes weitere Geräusch zu ignorieren, bin ich mir nun absolut sicher, dass es nicht rascheln sollte. Also mache ich das Licht meines Nachttischlämpchens an und entdecke neben mir Glimmers Hintern, der aus dem Spalt zwischen Bett und Wand emporragt und im Begriff ist, in jenem vollends zu verschwinden. Ich stehe auf, rücke das Bett vor und hole die Katze aus der Verschluckungsfalle. Danach entdecke ich die leere Klebebandrolle, die mir beim Geschenke einpacken in die Lücke gefallen ist (als ich in einer depressiven Phase alles vom Bett aus gemacht habe) und nach der Glimmer nun scheinbar heldenhaft gefischt hat. Nachdem ich sie fragte, ob sie vergessen hat, warum sie beide heute bei mir schlafen dürfen, legt sie sich ans Fußende und lässt demonstrativ die Augen zufallen.

00:50 Uhr:
Schnotti hat sich auf meine Füße gestürzt. Sie mag es, Dinge zu jagen, die sich unter der Decke bewegen. Es war eine blöde Idee, dass ich hieraus mal ein Spiel gemacht habe und sie nun immer nach Füßen Ausschau hält, sobald sie aufs Bett springt. Ich bin wach.

00:55 Uhr:
Schnotti hat ihre Spielzeugmaus mit Glöckchen geholt und spielt Fangen, während ich mich frage, ob man für zwei chronisch kranke Katzen noch Geld verlangen könnte. Ich ahne allerdings, dass ich noch draufzahlen müsste und verwerfe den Gedanken wieder.

01:10 Uhr:
Ich höre Atem. Ich höre den Atem lauter. Ich spüre Atem. Mein Gesicht wird angeatmet und es kommen diese typischen Katzen-Tauben-Geräusche, die sich nicht anders beschreiben lassen, weil es irgendeine eigenartige Mischung aus Miauen und Taubengurren ist. Sie sind ein eindeutiges Zeichen für den Unterkuschelungsstatus dieser Katze. Kurz darauf steckt Schnotti ihr Gesicht in mein Gesicht und reibt sich. „Köpfeln“, heißt es auch. Ist ja wirklich ganz süß, wenn Katzen damit ihre Zuneigung zum Ausdruck bringen wollen, aber doch bitte nicht mitten in der Nacht.

01:25 Uhr:
Nachdem sich Schnotti millionenfach um die eigene Achse gedreht hat, um die richtige Liegeposition zu finden, muss ich sie nun dauerkraulen, damit sie nicht wieder mit dieser nervigen Kopfreiberei anfängt. Ich kann nicht schlafen, wenn ich streicheln muss.

01:50 Uhr:
Die Katze musste niesen. Ich habe mich zu Tode erschrocken und Glimmer hat sich zu Tode erschrocken, weil ich mich zu Tode erschrocken habe. Schnotti ist aufgesprungen, weil es sich im Liegen nicht gut niesen lässt. Ich muss aufstehen, um mich zu waschen und stelle danach fest, dass ich nun wirklich richtig wach bin.

01:53 Uhr:
Zwar spricht das Folgende nicht für die Intelligenz dieser Katze, doch ich kann an dieser Stelle einfach nicht unerwähnt lassen, dass ihr etwas sehr, sehr Dummes passiert ist: Nach ihrer Niesattacke musste Schnotti sich ausgiebig putzen. Als sie mit ihrer Pfote den Schwanz festhalten wollte, um sich auch dort zu säubern, ist sie mit der Kralle ihrer Vorderpfote in ihrer Haut hängengeblieben. Sie war mit ihrem Schwanz im wahrsten Sinne des Wortes fest verbunden. Nachdem ich der panischen Katze vorsichtig die Kralle aus der Haut gezogen hatte, bekam ich minutenlang immer wiederkehrende, schwere Lachkrämpfe (ich muss heute noch lachen, wenn ich daran denke).

02:45 Uhr:
Während ich noch eine Serienfolge bei Netflix geschaut habe, sind beide Katzen zur Ruhe gekommen und liegen schlafend in meinem Bett. Ich starte den nächsten Versuch.

03:15 Uhr:
Schnotti hat Glimmer auf den Kopf gehauen. Dieses Szenario habe ich im Dunkeln zwar nicht sehen können, doch erkenne ich es inzwischen allein am Geräusch, da es immer gleich abläuft: Glimmer berührt Schnotti versehentlich, Schnotti springt auf und haut Glimmer mit der Pfote auf den Kopf. Für eine kurze Zeit fuchteln beide mit den Vorderpfoten. Danach beginnt Schnotti zu starren, ähnlich wie in diesem Bild...


...und Glimmer glotzt verstrahlt durch die Gegend, um zu schlichten. In der Regel springt Schnotti im Anschluss vom Bett und sucht sich Dummheiten, die sie anstellen könnte. Oder beide beginnen, Fangen zu spielen. Schnotti hat sich für die Klimper-Maus entschieden.

03:40 Uhr:
Wiederholung des Szenarios von 01:25 Uhr.

04:20 Uhr:
Es geschehen noch Wunder. Ich konnte mich auf die andere Seite drehen, ohne dass Katze Nummer 1 empört aufsprang, und Katze Nummer 2 schläft am Fußende. Mir bleiben ungefähr 20 cm der Matratzenbreite, um nicht aus dem Bett zu fallen.

04:25 Uhr:
Ich bin aus dem Bett gefallen.

04:35 Uhr:
Genervt überlege ich, ob ich nicht einfach wach bleiben sollte. Mein Gewissen erlaubt es mir nicht, die bereits seit Stunden unauffällige Glimmer aus meiner Beobachtung zu nehmen und Schnotti treibt mich in den Wahnsinn, wenn ich nur vorsichtig ans Schlafen denke.

04:45 Uhr:
Nach reiflicher Überlegung habe ich ein Machtwort gesprochen und sämtliche Spielzeuge für Katzenkinder unzugänglich gemacht. Danach habe ich Schnotti in den Schlaf gestreichelt und mir zuvor ausreichend Platz im Bett gesichert. Glimmer hat sich auf den Sessel im Erker gelegt und schläft. Ich muss auch schlafen, bevor es hell wird.

05:00 Uhr:
Ich habe versehentlich meinen Fuß bewegt…

Mittwoch, 18. März 2020

Coronavirus: Auswirkungen auf die mentale Gesundheit

Die momentane Krise hinsichtlich des Coronavirus, das zurzeit in aller Munde ist, verursacht viele berufliche und private Krisen. Einige fürchten um ihre Existenz, andere sind aufgrund von viel Arbeit völlig überlastet. Nun stehen wir möglicherweise kurz vor einer Ausgangssperre, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen und das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten. Neben den vielen individuellen Schicksalen, die die aktuelle Situation mit sich bringt, wäre eine solche Ausgangssperre auch ein großes Problem für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch hierüber muss gesprochen werden.


Eine Ausbreitung von Covid-19 muss verlangsamt werden

Täglich verfolge ich inzwischen die Informationen, die das Robert Koch-Institut kommuniziert und noch öfter ärgere ich mich, wenn ich die vielen Kommentare in den sozialen Netzwerken verfolge. „Panikmache“, Schaut euch doch die Zahl der jährlichen Grippe-Toten an“, „Ich bin gesund, also schränke ich mich auch nicht ein“, liest man immer wieder. Ich möchte hierzu kein Fass aufmachen, nur eines loswerden: In erster Linie geht es nicht darum, das Virus aufzuhalten, sondern die Ausbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht so zusammenbricht, wie es in Italien der Fall ist. Die katastrophalen Folgen, die ein Scheitern dieses Vorhabens/dieser Verlangsamung mit sich bringt, können wir dort beobachten. Somit geht es nicht um den Einzelnen, sondern darum, die Risikopatienten zu schützen, dessen Versorgung bei einer zu schnellen Ausbreitung unter Umständen nicht mehr gewährleistet werden kann.

Soziale Isolation und ihre mentalen Folgen

Durch die Klinikaufenthalte, die ich aufgrund von psychischen Erkrankungen hatte, lernte ich viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen kennen. Häufige Symptome der mentalen Belastungen: Sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, Einigelung – aber auch Probleme mit dem Alleinsein. All diese Symptome könnten nun für viele Menschen, die mit psychischen Krankheiten zu kämpfen haben, hinsichtlich der Einschränkungen des öffentlichen Lebens und einer möglichen Ausgangssperre zum großen Problem werden.

Seit vergangenem Montag wurde auch der Unterricht im Rahmen meiner Ausbildung abgesagt. Wir haben, wie viele andere auch, nun zunächst bis nach den Osterferien frei. Das ist eine lange Zeit. In solchen Freizeiten habe ich ohnehin Schwierigkeiten, morgens aufzustehen, aktiv zu werden, in den Tag zu starten. Ein Problem, mit dem ich nicht alleine bin.
Zudem wohne ich nur mit meinen Katzen in einer Wohnung, weshalb ich mich zeitweise weder woanders einquartieren kann, noch habe ich Anreize von außen, morgens aus dem Quark zu kommen. Diese Anreize muss ich mir somit selber schaffen – das funktioniert auch hin und wieder, solange sich diese Freizeit nicht über einen langen Zeitraum erstreckt.

In Anbetracht eben dieser Symptome, die bei psychischen Erkrankungen häufig vorkommen können, lässt sich leicht vorstellen, dass eine soziale Isolation oder zumindest eine Einschränkung in dieser Richtung mehr als herausfordernd für Menschen ist, die mit solchen Schwierigkeiten bereits in ihrem normalen Alltag zu kämpfen haben.

Hilfestellungen für Menschen mit psychischen Erkrankungen

Es ist nun besonders wichtig für Menschen, die hinsichtlich einer möglichen Ausgangssperre über ihre mentale Situation besorgt sind, sich vorzubereiten. Im Folgenden habe ich zehn Vorschläge gesammelt, um die Zeit zu Hause schneller verstreichen zu lassen:

1. Kontakthaltung über Technik: Wir haben das große Glück, dass uns die heutige Technik ermöglicht, auch von zu Hause aus Kontakt zu unseren Mitmenschen zu halten – und das nicht nur übers Telefon. Es ist wichtig, schon jetzt die Voraussetzungen dafür zu schaffen, mit jedem z.B. auch Kontakt per Videotelefonie halten zu können.

2. Wiederentdecken/Ausprobieren: Gibt es Dinge, die du einst gerne gemacht hast oder immer schon mal ausprobieren wolltest? Malen, zeichnen, ein bestimmtes Buch lesen, einen Podcast aufnehmen, schreiben, basteln. Das alles sind Dinge, für die bald Zeit sein könnte und in die man sich richtig vertiefen kann.

3. Frühjahrsputz: Der Frühling steht vor der Tür. Ich muss leider zugeben, dass ein Frühjahrsputz ein guter Zeitvertreib wäre, weshalb ich mir bereits vorsorglich alles Mögliche an Putzutensilien besorgt habe.

4. Sport: Hometraining ist nicht jedermanns Sache. Soll aber helfen. Hab‘ ich gehört.

5. Tabletten sortieren: Das schreibe ich eigentlich nur, um daran zu erinnern, schon einmal seine Rezepte zu besorgen, bevor es nervig wird.

6. Bullet Journal: Ich sehe immer wieder Menschen, die in der letzten Zeit ein Bullet Journal begonnen haben. Ein Bullet Journal ist ein höchst individueller Terminkalender und Alltagsplaner, in dem man auch seine ganz persönlichen Eindrücke festhalten kann. Hiermit lässt sich die ein oder andere Stunde sicher gut verbringen. Aber nicht vergessen: Ohne Buch kein Bullet Journaling!

7. Häkeln/Nähen: In der Klinik wurden immer wieder Häkel- und Nähkurse angeboten und ich habe beobachtet, dass auch Menschen, die dies zuvor konsequent abgelehnt haben, die Nadel nicht mehr aus der Hand legen konnten.

8. Wohlfühl-Oase für zu Hause: Badesalze, Peelings, Gesichtsmasken, Wellness, Düfte und Aromen. Man könnte die Zeit doch mal für Dinge nutzen, die entspannen und guttun.

9. Spiele: Hat früher auch jemand gerne Sims gespielt? Den Zauberwürfel gelöst? Pokémon? Mario Kart? Age of Empires?

10. Haustiererziehung, -förderung und -forderung: Intelligenzspiele, Kommandos oder einfach eine ausgiebige Beschäftigung mit dem Tier kann für Abwechslung sorgen.

Dies sind Beispiele, die zeigen: Es gibt viele Möglichkeiten, Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Das bedeutet zwar nicht gleich auch, dass das eine einfache Zeit wird, aber zumindest können wir Dinge ausprobieren und uns vorbereiten, indem wir die Voraussetzungen hierfür schon jetzt schaffen. Zumindest wäre das eine Chance für jeden, der Angst vor Einsamkeit und Isolation hat.

Ganz egal, ob es nun zu einer Ausgangssperre kommt oder nicht: Wir müssen nun solidarisch und rücksichtsvoll sein. Das bedeutet, sich einzuschränken und mehr Zeit zu Hause zu verbringen, an seine Mitmenschen zu denken und sich gegenseitig dabei zu helfen, so gut es geht durch die nächsten Wochen zu kommen. Wir müssen daran denken, dass es Menschen gibt, die ihre berufliche Existenz verlieren und welche, die jeden Tag für uns weiter arbeiten. Solche, die große Angst haben und jene, die unter der Situation aufgrund ihrer psychischen Belastungen leiden. Und dann gibt es noch diejenigen, die als Risikopatienten besonders geschützt werden müssen. Also lasst uns doch lieber einander helfen, als dass wir böse Worte in der digitalen Welt verlieren und uns gegen etwas sträuben, das gerade jetzt so wichtig für jeden ist.

Mittwoch, 26. Februar 2020

Ein guter Tag, verrückt zu werden

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, erwische ich den Gedanken an den Toren des Bewusstseins zu mir sprechen. Verrückt zu werden ist in Anbetracht der Tatsache, dass viele andere Lebensstrategien bisher wirklich kläglich gescheitert sind, vielleicht die klügste meiner Möglichkeiten. Und seien wir mal ehrlich:
Beängstigend sind nicht die Verrückten dieser Welt. Es ist die Welt selbst, die uns verrückt werden lässt.

Verrücktsein als Abweichung von der Norm

Der Kaffee schmeckt besser als sonst. Er schmeckt besser, weil ich ihn nicht, wie üblich, mit der laktosefreien Milch vermischte. Ich habe keine Laktoseintoleranz und doch nahm ich jahrelang jene Milch, von der ich dachte, sie sei schonender für den Magen- und Darmtrakt. Heute bin ich ver-rückt – was eigentlich nur bedeutet, dass ich von meiner Routine abgewichen bin. Es ist gut, verrückt zu sein. Zumindest dann, wenn ich nicht gleich eilen muss, um mich meiner Milch im unangenehmen Stil zu entledigen.

Wenn wir jemanden als verrückt bezeichnen, dann meinen wir damit oftmals, jemand hätte „einen Knall“, „nicht alle Tassen im Schrank“ oder „den Schuss nicht gehört“. Und das wiederum bedeutet auch nichts anderes, als abzuweichen von einer Norm, die wir Menschen selbst erschaffen haben. Bestimmten Regeln und Konventionen nicht anzugehören, die sich in unserer Gesellschaft etabliert haben. Wie auch immer das im Einzelfall aussehen mag. Verrückt sind die, die in der Unterzahl sind. Ist es schlecht, zu den Wenigen zu gehören?

William Shakespeare sagte damals:

Besser, ich wär‘ verrückt.
Dann wär‘ mein Geist getrennt von meinem Gram,
und Schmerz in eiteln Phantasien verlöre
Bewußtsein seiner selbst.“

Während das Verrücktsein schon lange kein eindeutiger Begriff mehr ist, bezieht sich Shakespeare in seinem Zitat auf die Geisteskrankheit. Auf das Verrückt, bei dem dein Umfeld davon ausgeht, etwas funktioniere nicht richtig in deinem Oberstübchen. Auf den Wahnsinn.
Und auch ich frage mich manchmal, ob der Wahnsinn nicht einfach eine intelligente Art der Flucht aus der Realität ist. Wenn Realität Schmerz bedeutet, ist das Verrücktsein dann nicht schützende Medizin? Ein tröstlicher Gedanke. Vielleicht ist es aber auch verrückt, Heilsames im Irrsinn zu suchen. Oder einfach Ausdruck von Verzweiflung.

Das Verrücktsein als Wahnsinn macht so gesehen den Anschein, als müsse man erst krank werden, um sich gesund zu fühlen. Als sei der Irrsinn eine gute Strategie des Geistes, dem Leben und seinen Eigenheiten standhalten zu können. Ein trauriger Widerspruch, der die Verzweiflung manches Verstandes offenbart. Gleichwohl sollte uns das auch bewusst machen, dass die Norm kein Synonym für „gut“ oder „richtig“ ist. Was würde sich der Mensch auch anmaßen – ist er doch selbst für die Existenz jener Norm verantwortlich. Oder?

Salvador Dalí sagte einst: "Der einzige Unterschied zwischen mir und einem Verrückten ist der, dass ich nicht verrückt bin.“

Viele nehmen es mit dieser Norm sehr genau. Zum Beispiel dann, wenn sie Andersartigkeit bestrafen. Es scheint nicht immer erstrebenswert, zu ver-rücken, wenn die Folge dieser Abweichung Ausgrenzung und Abwertung ist. Wenn die Entscheidung darüber, wen man liebt, auch gleichsam das Urteil bedeutet, wie viel Wert man in der Gesellschaft hat, dann fange ich an, den Wahnsinn und seinen Sinn besser zu verstehen. Es fürchtet mich der Gedanke, in einer Welt zu leben, in der es immer und immer wieder darum geht, bewertet und verglichen zu werden, klüger zu sein, schneller zu sein, besser zu sein als der andere, um damit den persönlichen Wert für die Menschheit zu bestimmen.
Auf der anderen Seite scheint es hip, etwas crazy zu sein. So ein bisschen mehr bekloppt und ein bisschen weniger „normal“. Zumindest dann, wenn man an der „richtigen“ Stelle abgewichen ist – denn das wiederum ist ausschlaggebend dafür, ob das Abweichen von der Norm gesellschaftlich zumindest überwiegend akzeptiert wird oder nicht. Überlegen wir uns also genau, wann und wie und wo wir verrückt werden und was das im Zweifelsfalle für uns bedeutet. Denn machen wir uns nichts vor: Wir leben hier, wir leben jetzt und wir leben unter genau diesen Umständen. Und da wir kein Veto für ein anderes Leben haben, keine andere Welt, in die wir wechseln können, müssen wir hinnehmen oder eben verrücken. Auf welche Art und Weise und mit welchen Konsequenzen auch immer.

Verrücktsein als Möglichkeit zur Veränderung

Ob ein Mensch verrückt ist, hängt letzten Endes also auch immer davon ab, wen man fragt. Ich mag die Idee, dass jedes Verrücktsein in seiner einfachsten Form erst einmal bedeutet, von einer Norm abzuweichen – nicht mehr und nicht weniger, fernab von der Komplexität, die sich auftut, wenn man weiter in die Tiefen der Philosophie eintaucht. Ich mag die pure Wortwörtlichkeit des Begriffes, denn im Ver-rücken schwingt doch auch etwas Aktives mit, eine Handlung, eine Bewegung als Gegensatz zu Lethargie und Stillstand. Und Aktivität ist es, die den Weg zur Veränderung ebnet. So gesehen scheint es doch eine lohnenswerte Möglichkeit, zu verrücken, wenn man sich in einem quälenden Zustand befindet, der anders werden soll.

Heute ist ein guter Tag, um verrückt zu werden, dachte ich und trank meinen Kaffee anders als sonst. Ja, vielleicht ist er das.
Ganz bestimmt aber ist heute ein guter Tag, um zu verrücken.

Sonntag, 17. November 2019

Ein Gedicht - Du bewegst...

Siehst du wie ich täglich zweifle, an dem Inhalt meiner Welt,
Leben ist Geschichte schreiben, ich schreib‘ nur, dass Leben fehlt,
Stille schreit mir ins Gesicht, lass dich nicht häng‘, steh wieder auf,
jeder Weg, der runter führt, geht auch wieder rauf.

Du würdest mir jetzt sagen: „Ich verstehe, wie‘s dir geht“
und du würdest nicht betonen, dass all die Schwere auch vergeht,
denn du hältst was du versprichst, weil du nur sagst, was du auch halten kannst
und jede hohle Phrase wirbelt Staub auf, in dem Zweifel tanzt.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Deine Seele strahlt nach außen, dein Herz wärmt jeden Raum,
du sagst, wir können alles schaffen, wir müssen uns nur trauen,
denn für dich gibt es keine Grenzen, wenn sie nicht selbst gezogen sind,
du bist ein Vogel auf der Reise, der mich an seine Seite nimmt.

Wenn ich im Tunnel einsam stehe und am Ende nichts mehr brennt,
Fremdes hat den Reiz verloren und Trautes scheint mir fremd,
dann kommst du tanzend aus dem Regen mit dem Streichholz in der Hand,
hast die Lösungen längst gefunden, als ich Probleme erst verstand.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Auch du kannst manchmal zweifeln, nicht alles fällt dir leicht,
deine Gedanken spielen dir Streiche, sodass auch du dich mal vergleichst
und wenn du wanderst durch die Nacht, auf der Suche nach dem Mond,
dann weißt du mitten auf dem Weg, wofür sich das Suchen lohnt.

Deine Gefühle sind wahrhaftig, dein Lachen steckt mich an,
selbst deine Tränen sind so klar, dass ich mich in ihnen sehen kann,
deine Sätze sind berührend, deine Worte sind vertraut,
durch dich finde ich die Kraft, damit ich wieder an mich glaub‘.

Am Ende unserer Welt, hab‘ ich Geschichte doch geschrieben,
Gedanken malen Erinnerungen, ein Lächeln ist geblieben,
du hast Seiten bunt bemalt und meine Zeit belebt.

Und wenn der Vorhang fällt, roll‘ ich den roten Teppich aus,
Chöre singen laute Lieder und klatschen dir Applaus,
Menschen haben dich begeistert – und du hast sie bewegt.

Montag, 30. September 2019

Wunschgedanken

Ich wäre gerne eine Giraffe.
Wäre ich eine Giraffe, dann hätte ich einen Hals. Momentan habe ich keinen. Mein Kopf ist quasi direkt auf meine Schultern montiert. Anstatt eines Halses habe ich sehr viel Gesicht. Als hätte man ihn genommen und gleichmäßig vom Kinn bis zur Stirn verteilt. Das ist schon ziemlich lange so. Früher, als Kind, habe ich da sehr drunter gelitten. Heute ziehe ich Grimassen vor dem Spiegel, um meinen Anblick wenigstens lustig zu finden.

Wäre ich eine Giraffe, dann hätte ich für jedes Jahr ohne Hals einen doppelten dazubekommen. Eine angemessene Entschädigung, wie ich finde. Und auch sonst glaube ich, dass es eine sehr gute Wahl wäre, Giraffe zu sein. Ich müsste zu niemandem mehr aufblicken, niemanden anhimmeln. Meine Wolke 7 bräuchte ich mir einfach nur zu nehmen. Wenn mich jemand ärgert, dann kann ich ihm mühelos auf den Kopf spucken. Und ich wäre näher an den Sternen.
Außerdem würde ich mich ausschließlich grün und gesund ernähren. Und das würde mir auch noch verdammt gut schmecken. 
 
Wunschgiraffe: Ein ziemlich süßes Exemplar

Als meine Gedanken begannen, mich in ein Tier zu verwandeln, schrien sie laut „LÖWE“. Der starke, mächtige Löwe, der König, das Alphatier. Dominant, erhaben, mutig. Doch wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, im Zirkus zu landen? Wie viel von dem, das ich mir ausgemalt habe, bin ich dann noch? Wie viel Chancen habe ich gegen die Grausamkeit der Spezies Mensch? Und wie viel Einfluss hätte mein äußeres Erscheinungsbild tatsächlich auf mein Leben und die Wahrnehmung anderer auf mich?
Genauso ergehen kann es den Pferden, Elefanten, Affen oder Kamelen. Nein, dieses Risiko wäre mir wirklich zu hoch. Da bin ich doch lieber eine Giraffe, die beim Kauen vielleicht etwas dumm aussieht, aber wenigstens mit einer blauen Zunge Eindruck schinden kann.

Eigentlich, so denke ich, möchte ich vieles sein. Eine Ameise zum Beispiel. Die ist viel stärker, als sie aussieht, und überlebt jeden Fuß, mit dem sie getreten wird. Sie hat eine große Familie und einen enormen Teamgeist. In der Gruppe kann sie Berge versetzen und auch allein ist sie überlebensfähig. Ja, das klingt nach einem Leben, das ich mir vorstellen kann.
Oder Astronautin. Dann könnte ich der Welt auch mal entfliehen und die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Abstand gewinnen. Vielleicht finde ich die Welt sogar schön, wenn ich aus weiter Entfernung auf sie blicke. Vielleicht finde ich die Zeit und die innere Ruhe, wenn ich nicht mitten drin im Geschehen und im Leben bin. Vielleicht entdecke ich die Schönheit, wenn ich sie woanders suche. Vielleicht.
Ich wäre gerne Schauspielerin oder Drehbuchautorin. Dann könnte ich der Realität für einen Moment den Mittelfinger zeigen und meine Geschichte selber schreiben. Ich könnte so tun, als sei ich jemand anderes. Solange, bis ich glaube, ich sei jemand anderes. Solange, bis ich jemand anderes bin. Und wenn ich jemand anderes nicht mehr sein will, dann schreibe ich einfach eine neue Geschichte. Hauptsache, ich bin nicht mehr die ganze Zeit ich selbst.

Letztens, bei einem Termin mit meiner Hausärztin, fiel auch ihr auf, dass ich keinen Hals und sehr viel Gesicht habe.
Ihr Gesicht wird immer runder“, sagte sie mir.
Das geht?“, fragte ich verwirrt. Wie rund kann etwas denn werden?
Irgendetwas stimmt da nicht. Ich gebe Ihnen mal eine Überweisung zum Endokrinologen.“
Sie erklärte mir dann noch ein paar Dinge über Hormone und über mich und mein Gesicht und über meine anderen Symptome und deren Zusammenhang mit den Hormonen. Bevor ich ging verbot sie mir außerdem, nach Morbus Cushing zu googlen, woran ich mich natürlich nicht gehalten habe. Schließlich bekam ich schon lange keine Diagnose mehr von Dr. Google.

Ein paar Wochen später war ich dann beim besagten Endokrinologen, der sich als Endokrinologin entpuppte und mindestens eine Millionen Tests machte. Lange Rede, kurzer Sinn: Insulinresistenz. Schilddrüsenunterfunktion. Und die Vermutung, ich hätte möglicherweise ein „Problem mit bisher noch unerforschten Hormonen des Magen-Darm-Trakts“, weil ich so eigenartige Körperproportionen habe. Da wären wir dann wieder bei der Sache mit dem Hals in meinem Gesicht.
Außerdem solle ich mich doch mal auf Schlafapnoe testen lassen. „Da stimmt noch etwas anderes nicht“, sagte sie mir dann Déjà-vue-artig. Weil ich seit ein paar Monaten kaum mehr schlafe und nach Luft japse und ich außerdem aussehe wie ein Vampir mit den schwarzen Augenringen eines Pandabären. Und weiter geht die wilde Fahrt mit immer wieder neuen Loopings.

Ein großes Problem an psychischen Erkrankungen ist, dass es meistens nicht lange dauert, bis auch der Körper seine gewohnte Tätigkeit einstellt oder reduziert. Ich kann ihn da verstehen, das ist nun mal die logische Folge einer Vernachlässigung, einer Verwahrlosung des eigenen Körpers, ohne den wir genauso wenig können wie ohne einen halbwegs gesunden Geist. Noch problematischer wird es, wenn sich der wachsende Rattenschwanz an Erkrankungen von akut zu chronisch, von reversibel zu irreversibel entwickelt und die einzige Rettung einen enormen Kraftaufwand darstellt, der absolute Handlungsfähigkeit und eiserne Disziplin einfordert. Da fallen meine Synapsen geradewegs in den Topf der Überforderung, indem sie hektisch herumschwirren und quieken und nicht wissen, wie sie mit der Situation umzugehen haben.

Doch: Auch ein kranker Geist ist des Lernens willig und fähig. Also setzt er einen Fuß vor den anderen, verlangsamt die Geschwindigkeit, bringt das Chaos der Gedanken in geordnete Bahnen und legt sich Strategien zurecht, sich möglichst unfallfrei aus der – Entschuldigung – Scheiße zu manövrieren. Vielleicht, so sagt er sich dann, ist er irgendwann soweit, dass er anderen zeigen kann, wie man das am besten angeht. Und bis dahin träumt er von Giraffen und Hälsen, von Ameisen und Astronauten, von Geschichten und von Möglichkeiten.

Samstag, 25. Mai 2019

Das Leben ist eines der schwersten...

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer mal wieder, als er noch lebte. Oft lächelte er dabei müde, manchmal seufzte er nur angestrengt. Wenn sein Blick zum Fenster hinaus ins Leben fiel, saß er dort, gedankenverloren in seinem Sessel, und schüttelte den Kopf. Immer wieder, über Jahre hinweg. Ich fragte mich, was er wohl dachte. Doch ihn – ihn fragte ich nicht.

Bittere Vergänglichkeit...

Nun sitze ich hier, auf meinem Stuhl in der Küche, auf der Kante meines Bettes, in dem Sessel meines Erkers – und schüttele den Kopf. „Das Leben ist eines der schwersten“, denke ich, während meine Augen mit starrem Blick ins Leere schweifen. Wenn ich glaube zu wissen, was er meinte, ermahne ich mich rasch: Ich habe noch immer wenig Ahnung von seinen Gedanken. Doch wenigstens weiß ich nun, was ich mir selbst damit sagen will.

Je älter mein Opa wurde, desto mehr erzählte er mir aus seinem Leben. Wenn er erst einmal zu reden begann, so war er kaum zu bremsen. Mit der Zeit wiederholten sich seine Geschichten, doch die Freude am Erzählen wurde jedes Mal stärker und spürbarer. Er ärgerte sich, wenn ihm ein bestimmtes Datum nicht mehr einfiel, zu dem sich seine Geschichte ereignete. Während mir nicht mehr einfällt, wann und wo ich zuletzt Urlaub machte, konnte er sich an Ereignisse erinnern, die über 50 Jahre in der Vergangenheit liegen. Sein Leben war so bewegt, wie er mich bewegte.

Geschichten vom Krieg

Während des Krieges bin ich drei Mal abgesoffen“, erzählte er mir immer wieder. Einmal harrte er stundenlang im kalten Wasser aus, bis Rettung kam. Damals arbeitete er als Sanitäter bei der Marine und erlebte Dinge, die heutzutage nicht mehr vorstellbar sind. Er sah Bilder, die ich nicht mal im Traum erzeugen könnte.
An eine Geschichte erinnere ich mich noch sehr gut: Als er sich mit einem Kollegen an Bord unterhielt, sackte dieser plötzlich zusammen. Mein Opa bückte sich, wusste nicht, was los war und hielt seinen Kopf. Und dann – dann hatte er das Gehirn seines Kollegen in der Hand. Es war ein Kopfschuss, durch den er starb. Dieser Mann war nicht der Einzige, den mein Opa während des Krieges sterben sah. Als Sanitäter begleitete er viele in den Tod und ist diesem selbst oft von der Schippe gesprungen.

All diese Erlebnisse, die für ihn Realität bedeuteten, erzählte er nicht mit Wut und Trauer. Er erzählte sie mit Enthusiasmus, mit Feuer in den Augen, lebendig. So viel Furchtbares hatte er durchgemacht – und doch hatte ich das Gefühl, als leide er mehr unter dem Leben, das er nun führte. Ein ruhiges Leben als Pensionierter. Nach dem Krieg machte er Karriere, hatte eine hohe Stellung und viel Arbeit als Kommissar. Auch dort sah er Leichen, Elend, Kriminalität. Doch er war erfolgreich in seinen Aufgaben und zufrieden mit seinem Handeln.

Verlust von drei Kindern

Mit meiner Oma bekam er vier Kinder. Sein Sohn starb mit nur acht Jahren an Krebs. In den darauffolgenden Jahren musste er den Tod von zwei Töchtern durchleben. Er verlor drei von vier Kindern, bis er starb. Ich weiß nicht, warum er so oft und still den Kopf schüttelte. Ich weiß nur, dass er jedes Recht dazu hatte.

Wenn ich auf meiner Bettkante sitze und den Kopf schüttele, dann frage ich mich oft, welches Recht ich hierzu habe. Ich könne doch froh sein, nicht den Hauch einer Ahnung von dem zu haben, das für meinen Opa Realität bedeutete. Als er noch lebte, war ich nicht sehr redefreudig – denn ich wusste nicht, worüber ich sprechen sollte. Alles kam mir nichtig vor, nicht erwähnenswert, unaufregend. Und damit entschied ich nicht nur für mich, sondern auch für ihn: Er durfte nicht selbst darüber urteilen, was er an meinem Leben interessant fand, weil ich zuvor den Filter durchlaufen ließ.

Als ich 2015 aufgrund meiner psychischen Probleme in die Klinik ging und daraufhin mein Studium abbrach, sprach ich nicht mit ihm darüber. Er erfuhr vieles durch meine Mama und wir wussten, dass er mit der „Depression“ nicht viel anfangen konnte. Einfach, weil er in einer Zeit aufwuchs, in der psychische Erkrankungen kein bewusstes Thema waren. Als ich anfing, über meine Gedanken und meine Krankheit zu schreiben, gab ich ihm ein paar Texte meiner Webseite – das half ihm, wenigstens einen Teil meiner Gefühle nachvollziehen zu können. Ein intensives Gespräch darüber führten wir jedoch nie, weil ich Angst hatte, mich erklären zu müssen und nicht die richtigen Worte zu finden. Und auch, weil es mir zu emotional, zu nah gewesen wäre. Ich weiß, dass er traurig darüber war. Ich bin es auch.

Das Leben ist eines der schwersten!“

Mein Status Quo ist freudlos. Ich kämpfe mit dem Leben, fühle mich überfordert und inkompatibel. Ich habe nichts zu erzählen und deshalb ist es still geworden. Ich langweile mich selbst. Ich bin unzuverlässig, habe mich sozial zurückgezogen, antworte nicht auf Nachrichten und verbringe den Großteil der Zeit damit, diese so schnell wie möglich vergehen zu lassen. Und ich versuche, mich nicht für diese Qual zu verurteilen – denn eigentlich… eigentlich müsste ich glücklich sein über das Leben, das ich führen darf. Doch das bin ich nicht. Diese Gedanken sind nicht fair und ich würde jeden außer mir ermahnen, bei Gefühlen von Recht und Unrecht zu sprechen. Dennoch muss ich aufpassen, nicht wütend auf mich zu werden, weil fast jede meiner Poren von Unglück zerfressen ist. Manchmal sehe ich Licht und manchmal kommt der Zug. Manchmal fehlt mir ein Mensch und manchmal fehlt er mir noch mehr. Doch es gibt auch Dinge, die funktionieren – und ich arbeite daran, dass ich diese aufrechterhalten kann.

Das Leben ist eines der schwersten“, sagte mein Opa immer wieder – und sage auch ich.


Dienstag, 23. April 2019

Ein Gedicht über Grenzen in unserem Leben

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Ich laufe, solange die Füße mich tragen,
ein Ziel direkt vor mir und doch weit entfernt,
jeder Versuch – zum Scheitern verurteilt,
hab‘ ich doch nichts aus den Fehlern gelernt.

Die gewaltige Grenze türmt sich vor mir auf,
treibt mir die Schweißperlen in mein Gesicht,
die Hoffnung versiegt im Meer meiner Tränen,
doch akzeptieren werd‘ ich das nicht.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Nun habe ich Ehrgeiz, bin zu allem bereit,
ich beuge mich nicht dieser vermeintlichen Macht,
will nicht mehr an das Unerreichbare glauben,
so hat man‘s mir doch beigebracht.

Also laufe ich, solang meine Füße mich tragen,
jeder Schmerz treibt mich weiter voran,
das Gute liegt vor mir, ich kann es schon sehen,
ich kämpfe, solange ich atmen kann.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Ich glaube nicht mehr an meine Gesundheit
und glaube schon lang nicht mehr an Glück.
Mit der Zeit musste ich schmerzhaft verstehen:
In manchen Momenten, da gibt‘s kein Zurück.

Gesund werd‘ ich nicht mehr, das ist mir bewusst,
gesünder jedoch, das muss schon sein.
Ich hab‘ nicht den Anspruch auf 100 Prozent,
ich stehe auch auf nur einem Bein.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Ich verlange nicht viel: Nicht Kind, nicht Hof,
will keinen Reichtum, nicht materiell.
Ich möchte nur Herzensmenschen an meiner Seite,
brauche nur Liebe, anstatt zu viel Geld.

Eins meiner Ziele, direkt vor der Nase,
das bist du, kaum erreichbar für mich.
Mit all meiner Kraft bin ich dennoch so machtlos,
denn diese Grenze, die setzte nicht ich.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Mir wurde gesagt, dass durch diese Erkenntnis
mein Leben erst wirklich von neuem beginnt.

Wir alle haben Wünsche für unser Leben,
manche verlieren mit der Zeit an Gewicht,
doch einige bleiben für immer bestehen,
denn ohne sie lohnt sich ein Leben nicht.

Jeder kann selbst für sich entscheiden,
wie viel Raum wir Themen geben.
Und manchmal müssen wir wiederholt scheitern,
um nicht ganz ohne Hoffnung zu leben.

Mir wurde gesagt, dass es keine Grenzen gibt,
solange es nicht meine eigenen sind.
Doch als du diese Grenze setztest,
so lernte ich, dass das nicht stimmt.

Dienstag, 16. April 2019

Bevor es zu spät ist...

Der folgende Text ist eine Warnung. Eine Warnung an jeden, der denkt, Probleme lösen sich von allein und die Zeit heilt alle Wunden. Vielleicht wäre mir einiges erspart geblieben, wenn man mich früher gewarnt hätte. Wenn man mir anhand eines greifbaren, negativen Beispiels gezeigt hätte, wie es einem ergehen kann – vorausgesetzt, ich wäre damals reflektiert genug gewesen, um diese Warnung dann auch anzunehmen und mit ihr zu arbeiten.

Ein Arzttermin jagt den nächsten...

In den letzten Wochen hatte ich eine Vielzahl an Arztterminen. Ich war beim Endokrinologen, Gastroenterologen, Gynäkologen. Alles nur, weil schon wieder neue Symptome dazugekommen sind. Symptome, die sich nun durch eine Diagnose erklären lassen: Insulinresistenz. Das Insulin ist ein Hormon, das von der Bauchspeicheldrüse gebildet wird und die Aufgabe hat, den Blutzuckerspiegel zu senken. Bei einer Insulinresistenz kann dieses Hormon nicht mehr richtig wirken, die körpereigenen Zellen reagieren auf dieses nicht mehr sensibel. Das bedeutet, dass Zucker nicht mehr verstoffwechselt und von der Leber in Fett umgewandelt wird. Deshalb ist die Gefahr groß, in der Folge an Diabetes zu erkranken.

Die Arzthelferin, die das Vorgespräch mit mir in meiner Frauenarztpraxis geführt hat, wollte einiges von mir wissen und hat sich lange mit mir unterhalten. Mein Blutdruck war 140/110, obwohl ich Medikamente gegen Hypertonie einnehme. Nun muss ich schon wieder zu meiner Hausärztin, denn Bluthochdruck kann gefährlich werden.
Nachdem sie alle Vorerkrankungen vermerkt hatte, sagte sie mir dann besorgt:
Meine Güte, da haben Sie ja ein ganz schön großes Paket zu tragen. Sie sind doch noch so jung...“ Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. So nachdenklich, dass ich mir daraufhin noch am selben Abend alle meine diagnostizierten Erkrankungen notiert habe, um mir einen Überblick für all das zu schaffen, was sich inzwischen angesammelt hat. Das Ergebnis ist erschreckend: Ich habe 14 Diagnosen. 14! Und ich bin erst 27 Jahre alt…

Aus einem Teufelskreis lässt sich nur schwer ausbrechen

Welche Diagnosen das sind, darum soll es hier nicht gehen. Was ich aber sagen möchte: Fast alle Erkrankungen resultieren aus meiner schlechten psychischen Verfassung, denn durch diese begab ich mich unfreiwillig in einen Teufelskreis.
Um ein Beispiel zu nennen:
Mir ging es nicht gut → ich habe aus Frust gegessen → ich wurde schon in meiner frühen Jugend übergewichtig → ich war unzufrieden mit mir selbst und besaß kaum noch Selbstbewusstsein → aufgrund der psychischen Verfassung und der schlechten Ernährung entwickelte sich Bluthochdruck → die Medikamente schwächten meine Leber → ich leide seit Jahren unter einem schweren Reizdarm-Syndrom, durch das ich inzwischen noch nicht mal mehr angstfrei einkaufen gehen kann.

Fast alle meine Erkrankungen hängen irgendwie miteinander zusammen. Dass es inzwischen so viele sind, ist auch für mich erschreckend. Einige davon, das muss ich mir eingestehen, sind nicht mehr reversibel. Hätte ich einen Kinderwunsch, so würde dieser definitiv erschwert sein. Meine Frauenärztin sagte mir zudem, dass es im Falle einer Schwangerschaft zu einer sogenannten „Risiko-Schwangerschaft“ käme. Auf der einen Seite kann ich also froh sein, keinen Kinderwunsch zu haben. Auf der anderen Seite hat auch das mit meinen Erkrankungen zu tun – denn ich sehe mich nicht in der Lage dazu, jemals die Verantwortung für einen kleinen Menschen zu übernehmen. Dazu bin ich mittlerweile, so hart das klingt, zu krank.

Macht nicht denselben Fehler!

Deshalb ist es mir nun besonders wichtig, zu warnen:

Interveniert, solange ihr noch könnt. Ich bin zwar nicht machtlos gegen jede einzelne Diagnose, die ich habe, aber die ein oder andere wird bleiben. Mein Körper wurde über Jahre so geschädigt, dass er sich an manchen Stellen nicht mehr regenerieren kann. Und je sehr ich ein Zurück auch wollte: Mit manchen Diagnosen muss ich lernen, zu leben.
Das alles wäre vielleicht nicht passiert, wenn ich früher gehandelt hätte. Diese Chance habe ich lange Zeit verpasst. Es bringt mir nichts mehr, mich dafür zu verurteilen. Ich kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Aber ich kann die Zukunft beeinflussen. In den letzten vier Jahren habe ich so viel gelernt und bin reflektierter geworden. Wenn ich jetzt nur einen Menschen dazu bringen kann, einem ähnlichen Schicksal zu entgehen, dann würde mich das allein schon sehr glücklich machen. Denn wenn ich mir selbst schon zu spät geholfen habe, dann ist es doch wenigstens ein gutes Gefühl, jemand anderen davor zu bewahren.

Deshalb bitte ich jeden von euch darum, alles dafür zu tun, dass euch nicht Ähnliches passiert. Das lässt sich vermeiden, wenn es rechtzeitig passiert. Es kann noch so oft über die Auswirkungen einer kranken Psyche berichtet werden – es wird sich nichts ändern, wenn der betroffene Mensch nichts ändert. Ärzte klären auf, Betroffene schildern ihre Erfahrungen, Medien publizieren Informationen. All das wird nichts bewirken, wenn der Empfänger nicht reagiert. Hätte ich eher gehandelt, dann wäre ich einigen Folgeerkrankungen entgangen. Bitte macht nicht denselben Fehler.

Sonntag, 14. April 2019

Jeder ist seines Glückes Schmied - oder?

Wir stellen uns vor, das Leben sei eine Landkarte. Es gibt unendlich viele Wege und Ziele. Jeder Weg, jede Richtung, ist eine Entscheidung, die wir treffen. Wir können nicht alle Wege gehen, doch wir können Teile von uns auf eine Reise schicken. Es gibt Abzweigungen, Tunnel und unbekannte Pfade. Nichts ist vorgeschrieben, nichts ist Gesetz. Nur das Ende, das ist sicher.

Jeder ist seines Glückes Schmied.“

Jeder ist seines Glückes Schmied“, sagt ein alter Spruch mit weisem Ton. Ich zweifle noch immer an seinem Inhalt. Und nicht nur das: Ich halte ihn sogar für sehr ideologisch und schuldzuweisend. Denn was bedeutet dieser Satz? Können wir alle glücklich und zufrieden sein, wenn wir es nur wollen? Wenn wir immerzu bemüht sind, das Glück einzuladen in unsere kleine Welt? Ist denn alles nur eine Frage der inneren Einstellung und der Ausdauer und Mühe, die wir in sie investieren?
Mir ist das zu kurz gedacht, obwohl ich auch oft dazu neige, jeden Gedanken wie Kaugummi in die Länge zu ziehen. Vielleicht will ich mir die mögliche Wahrheit der Aussage auch einfach nicht eingestehen – denn das würde wohl bedeuten, dass ich in meinem Leben noch nicht sehr engagiert geschmiedet habe. Bin ich die falschen Wege gegangen, habe ich die falschen Entscheidungen getroffen? Habe ich mir nicht genug Mühe gegeben, ein glücklicher und erfolgreicher Mensch zu werden?

Mich frustrieren diese Gedanken, denn irgendwie sagen sie mir doch, ich sei selbst daran Schuld, ein überwiegend unzufriedenes, unglückliches Leben geführt zu haben. Gleichzeitig muss ich meine Gedanken korrigieren: Es geht bei all dem nicht um Schuld. Denn wenn wir immer das bestmögliche Handwerkszeug zur Verfügung hätten und zu jeder Zeit wüssten, wie wir es einzusetzen haben, um unser persönliches Glück zu erfahren – dann würden sich wohl sehr viele Probleme vieler Menschen auf einen Schlag erübrigen. Und so erinnere ich mich daran, in manchen Situationen der Vergangenheit einfach auch mal gern eine Gebrauchsanweisung gehabt zu haben, um nicht ganz so überfordert mit meiner Verantwortung vor meinem Unglück zu stehen.

Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung.“

Wenn jeder seines Glückes Schmied wäre, dann würde das unerschöpfliche, absolute Macht und Handlungsfreiheit bedeuten. Doch – und darüber wird hinweggetäuscht – wir haben keine Macht über das Unvorhergesehene, auch wenn wir uns das oftmals wünschen würden. Situationen kommen, Dinge passieren, Zeit vergeht. Vieles, das uns von außen zugetragen wird, befindet sich außerhalb unserer Kontrolle. Sei es ein plötzlicher Verlust, ein Unfall, eine Krankheit. Wenn es dann darum geht, den bestmöglichen Umgang mit der Situation zu finden, dann fehlt uns ab und an auch mal der passende Hammer für den Nagel oder der richtige Bohrer für die Dübel. Das hat zur Folge, dass es eben auch Augenblicke gibt, in denen wir nicht den Hauch einer Ahnung haben, wie wir unsere kleine Welt wieder zusammenbauen sollen. Und somit auch nicht, wie wir glücklich werden sollen.

Um die Gedanken abzukürzen und nicht wieder in der unendlichen Weite der Philosophie zu landen (denn dort verlaufe ich mich regelmäßig): Die Entscheidung ist der Zukunft Ursprung, das wäre ein Satz, der zumindest auf mich jene motivierende Wirkung hätte, die ich beim Ausgangszitat vermisse. Wir treffen jeden Tag Entscheidungen. Einige sind kleiner, andere sind von größerer Tragweite. Mit jeder Entscheidung können wir unsere Zukunft zwar nicht sicher formen, doch wir haben Einfluss auf die Richtung, in die es gehen kann. Damit besitzen wir nicht automatisch völlige Handlungsfreiheit, aber sehr wohl einen gewissen Handlungsspielraum, innerhalb dessen wir Einfluss nehmen und Voraussetzungen schaffen können.

Der Unterschied von Schuld und Verantwortung

Was ich damit sagen will: Natürlich sind wir verantwortlich für unser Leben. Für die Entscheidungen, die wir treffen, für unser Handeln und unser Abwarten. Doch wir dürfen eben auch nicht vergessen, dass die Fähigkeit, sein Leben voll und ganz selbst zu kontrollieren, Grenzen besitzt. Die Vorstellung, dass das Glück immerzu ein Ergebnis der eigenen Lebensgestaltung sei, ist illusorisch. Das soll nicht entmutigend klingen, im Gegenteil: Es soll uns die Gelassenheit geben und den Mut zur Akzeptanz, auch mal machtlos und verzweifelt sein zu dürfen, ohne dass dies gleichzeitig Ausdruck eines Scheiterns an uns selbst darstellt. Mit dieser Sichtweise geben wir uns die Möglichkeit, einen verständnisvolleren Umgang mit uns selbst zu finden. Und erst dann gehen wir von der Passivität einer Schuldzuweisung hin zu einer Realität, in der wir die Verantwortung tragen für die Entscheidungen, die wir treffen – nicht immer jedoch für das Ergebnis, das sich durch den Status Quo unseres Lebens abzeichnet.

Und so sage ich mir: Ich bin nicht Schuld an dem Leben, das ich bisher geführt habe – ich trage nur die Verantwortung für die Entscheidungen, die ich traf, treffe und noch treffen werde. Das ist der Unterschied.